Quelle: Archiv MG - BRD RECHTSSTAAT ALLGEMEIN - Eine humanitäre Errungenschaft?
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Marxistische Schulzeitung Bremen, 05.11.1981
Wochenschau
ZU FRÜH GESCHOSSEN, EGON BUNGE
6 Jahre wegen Totschlags hat Egon Bunge bekommen, der vor einem
Jahr durch den "Eisernen Vorhang!" gebrochen ist und dabei seinen
Mit-Vopo Ulrich Steinhauer von hinten ins Herz geschossen hat. So
hart fallen gewöhnlich die Urteile nicht aus für die Leute, die
mehr oder minder rücksichtslos aus der Unfreiheit in die Freiheit
drängen. Folgendes hat das Gericht in diesem Falle als
"erschwerend gewertet: den "Egoismus, mit dem er seine Vorstel-
lung von Freiheit über das Leben eines anderen gestellt" hat, die
"Tatsache, daß Steinhauer als Person besonders freundlich" war
und daß Steinhauer "durch sein Verhalten keinen Anlaß zur Tat ge-
boten habe"! Außerdem bescheinigte der Richter dem Angeklagten
Egon Bunge, daß er "sehr nahe an niedrigen Beweggründen" war,
weil er "als Motiv nur sehr allgemein ein besseres Leben im We-
sten angegeben" habe.
Ein typisches ostdeutsches Mißverständnis: zu meinen, Freiheit
sei dasselbe wie "besseres Leben"!
Aber im Prinzip lag Egon Bunge mit seiner Tat schon richtig, wes-
halb das Gericht den 20-jährigen extra wieder zum Jugendlichen
gemacht hat, damit er nur ein Drittel der Zeit brummen muß. Da
kommt er vielleicht gerade rechtzeitig wieder raus, um zu erleben
wie der Staat "seine Vorstellung von Freiheit über das Leben an-
derer" stellt und alle seine Bürger zum Kriegführen zwingt. Da
s o l l Egon Bunge dann ganz offiziell das machen, weswegen er
heute eingebuchtet wird. Sein Motiv ist dann nicht mehr nieder-
trächtig, da ganz bestimmt nicht egoistisch. Und dann killt er
garantiert keinen, der "besonders freundlich" ist, denn mit der
staatlichen Kriegserklärung hat dann automatisch jeder "durch
sein Verhalten" "Anlaß zur Tat geboten", der zufällig östlich der
westdeutschen Staatsgrenzen zur Welt gekommen ist!
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