Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION WAA - Von Wackersdorf
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Betrifft: Den Streit um den Schulausflug des Luisen-Gymnasiums
nach Wackersdorf
SCHULAUSFLUG NACH WACKERSDORF
Das Verbot eines Schulausflugs zur WAA-Baustelle soll ein empö-
render Skandal sein, hört man von seiten kritischer Schüler, Leh-
rer, Eltern. Und warum? Na, weil doch inzwischen jeder aufrechte
Mensch in diesem Land weiß, daß Kernkraft für Land und Leute pro-
blematisch ist. Und genau deshalb, weil man das schon so sicher
weiß, halten die Verfechter dieses Standpunkts einen Schulausflug
nach Wackersdorf für wichtig und das Verbot für einen Anschlag
auf - ja, worauf eigentlich?
Hier werde, heißt es, das Grundrecht auf Information bestritten.
Bloß: Um welche Information geht es denn? Was kann man denn an
Ort und Stelle überhaupt sehen? Eine Baugrube mit einem festen
Zaun drumherum. Ein eindrucksvolles Erlebnis wird die Besichti-
gung erst durch die - so oder so parteiliche - Schilderung der
Schlachten, die sich zwischen Polizei und Demonstranten dort ab-
gespielt haben und über deren örtliche Bedingungen man sich vor
Ort informieren und je nach schon vorhandenem Standpunkt aufregen
kann.
Aber Informationen über die WAA selbst sind von einem Besuch in
Wackersdorf keineswegs abhängig. Ohne je in Wackersdorf oder auch
nur in der Nähe irgendeines Kernkraftwerkes gewesen zu sein, weiß
jedes Kind heutzutage, daß "wir" selbstverständlich bei jedem
Kernkraftwerk immer ein Restrisiko auf uns nehmen; alle Augen-
blicke kann man in der Zeitung Berichte über entwichene Wolken
von Radioaktivität lesen; und genauso oft, daß derartige Strah-
lendosen in den Rahmen dessen fallen, was die Herren Grenzwert-
festleger beschlossen haben, der werten Bevölkerung zuzumuten.
Die entscheidende Frage ist also: Welcher Zweck ist es denn, hin-
ter dem die kalkulierte Schädigung der Bevölkerung so eindeutig
zurücktritt, wenn die Bundesregierung auf ihrem Atomprogramm in-
klusive WAA besteht?
Daß es bei dem Beharren auf dem Recht zum Ausflug nach
Wackersdorf um etwas ganz anderes geht, sieht man daran, daß die
aufgebrachten Gemüter sich darauf verlegt haben, der Schulbehörde
"Inkonsequenz" vorzuhalten. Weil doch nun gerade von höchster
Stelle "Heimat" zum Schuljahrsschwerpunkt auserkoren worden sei,
dürfe doch die kritische Variante der Heimatliebe nicht zu kurz
kommen.
Die WAA - ein Stück Heimat?
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Mit anderen Worten: Die Erziehungsaufsicht fordert: All die Zumu-
tungen von oben, die das Leben als Bürger in diesem unserem Lande
so beinhaltet, dürfen keineswegs Maßstab dafür sein, wie man sich
zu diesem Land stellt. Heimat soll man als eine über allen Gegen-
sätzen angesiedelte höhere Gemeinsamkeit von Oben und Unten, Ka-
pitalisten und Arbeitern sehen, die für sich an k e i n e
B e d i n g u n g g e k n ü p f t e Z u n e i g u n g zu bean-
spruchen hat.
Diesem Ansinnen begegnen kritische Geister mit dem Einwand, daß
sie sich aber einen Heimatbegriff bilden dürfen möchten, in den
auch z.B. der Protest gegen die WAA ausdrücklich hineinpaßt. Im-
merhin, so das Argument, seien Demonstrationen hierzulande doch
erlaubt, und also müsse es auch erlaubt sein, sie - oder doch we-
nigstens ihren Schauplatz - zu besichtigen; es müsse erlaubt sein
zu sagen, daß auch Protest zu dieser unserer Heimat gehöre - ja
erst und nur dann, wenn das erlaubt sei, könne man schließlich zu
dieser Heimat stehen.
Einen ziemlichen Schönheitsfehler hat dieses Pochen auf demokra-
tische Rechte und einen kritischen Heimatbegriff allerdings: Was
ist eigentlich wichtig -, daß man gegen eine WAA protestieren,
diesen Protest besichtigen und darauf dann stolz sein darf, oder
daß die WAA unbeeindruckt von noch so vielen Unterschriftenli-
sten, Prozessen und Protesten gebaut wird, weil sie das Kernstück
des anspruchsvollen BRD-Atomprogramms darstellt, das wegen ein
paar Bürgerrechten nicht aufgegeben wird?
Statt mit der Obrigkeit um die Erlaubnis zu einem Wackersdorf-Be-
such zu rechten, bei dem man sich eh nur die eigene Meinung vor-
führt und bestätigt, sollte man sich mal klarmachen, warum die
bayerische und die Bonner Regierung so sehr dafür sind.
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