Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION WAA - Von Wackersdorf


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       Zum Streit um die "Wiederaufbereitungsanlage" in Wackersdorf
       

DER NATIONALE SINN DES PLUTONIUM-GESCHÄFTS

Bei Wackersdorf in der Oberpfalz wird eine Fabrik gebaut, die aus den verbrauchten Brennstäben von Kernkraftwerken Rohstoffe für die atomare Energieerzeugung zurückgewinnen soll. Vergiftung gesichert -------------------- Dieses "Recycling" ist zum einen mit einigen technischen Kompli- kationen verbunden. Bei der notwendigen chemischen Auflösung der alten Brennstäbe werden außerordentlich giftige Stoffe teils freigesetzt; teils erst produziert, die weder restlos einzufangen noch zu neutralisieren sind. Ohne die Anreicherung der Nachbar- schaft, einschließlich der dort lebenden Menschen, mit radioakti- ven Giften ist eine "Wiederaufarbeitung" nicht zu machen. Das ist hierzulande allerdings kein seriöses Argument gegen das ganze Un- ternehmen. Es wird vom Staat dadurch einwandfrei gestaltet, daß die zuständigen Ministerien zulässige Höchstwerte für die kurz- fristige und die allmähliche Vergiftung festlegen. Werden die eingehalten, dann ist das radioaktive Gift keines - jedenfalls behördlich gesehen. Und auf diese Sichtweise kommt es an. Das be- weisen die anderen Kernkraftwerke und zahllose sonstige Indu- striebetriebe, die innerhalb der gültigen Grenzwerte, also total sauber Krankheiten verbreiten. Insofern geschieht in Wackersdorf nichts Neues. Geschäft gesichert ------------------ Zum andern ist die Herstellung von neuem spaltbaren Material aus alten Brennstäben ganz blödsinnig teuer. Wie sie sich wirtschaft- lich lohnen soll, so wie sonstige Industrieunternehmen sich zu rentieren haben, ist gar nicht abzusehen. Das heißt nicht, daß die Wackersdorfer Anlage kein gutes Geschäft werden könnte. Das steht im Gegenteil schon fest, weil der Staat durch die Genehmi- gung höherer Strompreise und durch eigene Zuschüsse die nötigen Gewinne garantiert. Er scheut mal wieder keine Kosten, schon gar nicht solche für die kleinen Stromverbraucher. Fragt sich nur, warum er ein Interesse an dieser Fabrik hat, das nach Milliarden D-Mark zählt. Es gibt dafür gleich zwei Gründe, die nicht bloß dem mit höheren Preisen beglückten Stromkunden zu denken geben könnten. Energiesicherung für den Ernstfall ---------------------------------- Erstens will sich die BRD einen "geschlossenen Brennstoffkreis- lauf" leisten, um in der Energieerzeugung ein Stück weiter a u t a r k zu werden - ein bißchen mehr "Selbstversorger" in Sachen Atomenergie. Für normale Zeiten ist das ein unsinniges Ideal. Die BRD benutzt den ganzen Rest der Welt als Zulieferer und Kundschaft und hat dabei kein Problem - außer dem einen: daß der Erfolg sich in vielen zusätzlichen D-Mark-Kapitalmassen nie- derschlägt. Selbstgenügsamkeit würde das Wirtschaftsleben ruinie- ren. Wenn es also um Autarkie geht, dann denkt der Staat an nicht-"normale" Zeiten und höhere politische "Werte". An Kriege im Nahen Osten z.B., die die Zufuhr von billigen Energie-Rohstof- fen behindern könnten. Oder an den "Terrorismus" eines Han- delspartners wie Libyen, den man durch Wirtschaftsboykott bekämp- fen sollte. Oder überhaupt an "Krisen", in denen die Nation auf sich allein gestellt sein könnte. Kurzum: Wenn es um Autarkie geht, dann plant der Staat Krieg in den verschiedensten Formen in seine freie Marktwirtschaft mit ein. Allzeit bereit zur Atomwaffenproduktion --------------------------------------- Zweitens fällt unter den radioaktiven Rohstoffen, die aus ver- brauchten Brennstäben gewonnen werden, P l u t o n i u m an, das sich bekanntlich besonders gut für Atombomben eignet - weni- ger gut dagegen für die hierzulande üblichen zivilen Kernkraft- werke. Nun ist ein Bomben r o h s t o f f noch keine B o m b e; und es ist keineswegs so, daß ein schlauer Physiker ohne Probleme atomaren Sprengstoff basteln könnte - noch nicht mal ein "Terrorist". Dazu braucht es schon eine höchst raffinierte F a b r i k, in der der hochgiftige und gefährliche Stoff be- herrscht und zweckmäßig behandelt werden kann. Dafür stellt die Wackersdorfer Plutonium-Fabrikation den ersten und wichtigsten "Baustein" dar. Auf die Herstellung fertiger Bom- ben hat die BRD zwar verzichtet. Das hat aber nie bedeutet, daß sie Atombomben nicht bräuchte: Sie kalkuliert die amerikanischen in ihre militärische Stärke und in ihre Feindschaften mit ein, und in der Frage einer gesamteuropäischen Atomwaffe - unter maß- geblicher deutscher Befehlsgewalt, versteht sich - ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Auf alle Fälle will der bundes- deutsche Staat über alle M i t t e l verfügen, um aus dem Stand in die Kernwaffenproduktion einsteigen zu können, wenn es denn mal sein "muß". Diese Mittel: das ist eine I n d u s t r i e, die die nötige Technologie beherrscht und die nötigen Fabriken hat. E r f a h r u n g e n haben die bundesdeutschen Experten u.a. in Südafrika und Brasilien gesammelt - nach allem, was so an die Öffentlichkeit gedrungen ist, bis hin zu ersten Kernwaffenex- perimenten. Die erste P r o d u k t i o n s s t ä t t e ent- steht, wie gesagt, in Wackersdorf. Es wäre eben zu dumm für bun- desdeutsche Gröfaze, wenn "wir" eines Tages Atomwaffen mit Bun- desadler aufstellen dürften für die national Sicherheit - und ausgerechnet die christlich-liberale Regierung hätte in dieser Frage die "technische Zukunft" verschlafen. Mit Lagerfeuern den "Atomstaat" ins Unrecht setzen: Der Protest --------------------------------------------------------------- Gegen die Wackersdorfer Anlage gibt es Proteste. Leider nur sol- che, die keine Kritik an einer Republik, vorbringen, die, für ihre Kriegstauglichkeit alles tut und sogar noch ein Geschäft daraus macht. Stattdessen bricht sich die Liebe zu Wald und Hei- mat Bahn - so ungefähr die kindischsten Ideale, die einem ange- sichts einer flotten Atomenergie-Industrie einfallen können. Ein Hüttendorf wird errichtet, ein Kreuz aufgestellt - nicht ohne priesterlichen Segen, eine "Freie Republik Wackerland" ausgeru- fen; der Polizei gegenüber wird urchristlich-märtyrerhaft Gewalt- losigkeit geübt, auch ein bißchen "Räuber und Gendarm" gespielt; ein Weihnachtsgottesdienst im Forst wird abgehalten, ein Kultur- fest mit 10.000 Besuchern gefeiert: P f a d f i n d e r r o- m a n t i k an Anstoß zu nehmen braucht. Dieser Protest will gar nichts anderes sein als ein bißchen alternative Psycho-Kultur: 'Wir haben uns getraut!' und 'Weißt Du noch: Weihnachten '85 im Taxöldener Forst?' Demokratische Überzeugungsarbeit von Polizei und Presse ------------------------------------------------------- Gegen den Protest gibt es die Staatsgewalt, die nach Bedarf mehr Polizisten in den Wald schickt, als Demonstranten sich versammelt haben. Nach taktischem Kalkül wird mal Milde und Nachsicht dem- nonstriert, dann wieder durchgegriffen, daß die Fetzen fliegen. Daß die Polizei um jeden Preis allzeit Herr der Lage ist, muß au- ßer Zweifel stehen; dafür garantiert die bayerische Staatsregie- rung. Da wird dann auch ein bißchen "Niederschlagung eines Bür- gerkriegs" inszeniert, damit jeder brave Bürger merkt, wie nötig er einen CSU-Polizeiminister braucht. Die blutigen Köpfe der Ver- hafteten "beweisen", wie gefährlich sie sind. Dabei hatten die noch nicht mal was Besseres im Kopf als alternative Heimatliebe. Gegen "Einseitigkeiten" aller Art gibt es schließlich die demo- kratische Berichterstattung. Die informiert mit ausgleichende Ge- rechtigkeit über die Einfälle der Protestler und über die Sorgen der Polizei. Immer nach dem Motto, daß "Widerstand", also was die Polizei für Widerstand erklärt, sich auf alle Fälle nicht gehört. Wer will bei so viel interessanten Nachrichten schon noch wissen, wozu die Republik unbedingt auch noch eine Plutoniumfabrik im Oberpfälzer Wald braucht?! zurück