Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION WAA - Von Wackersdorf


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       Ostern in Wackersdorf:
       

EINE DEMOKRATISCHE MUSTERDEMONSTRATION

Die Entscheidung für den Bau der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf ist gefallen. Die Regierung, die sie getroffen hat, ist demokratisch gewählt, alle Gerichte haben diese Entscheidung bestätigt. Sie ist damit legitimiert. Zweifel an diesem staatli- chen Hoheitsakt gehören sich ab sofort nicht mehr. Wer sie trotz- dem noch äußert, gehört zum "Pöbel der Straße", von dem sich der Staat sein Gewaltmonopol nie und nimmer in Frage stellen läßt. Wer will da noch groß fragen, wozu diese Atomfabrik gut sein soll. Auf was die BRD nicht mehr verzichten will ------------------------------------------ Zur Erinnerung: In Wackersdorf wird eine Fabrik gebaut, die den atomaren Brennstoffkreislauf schließen soll. Ein Stückchen unab- hängiger von Importen soll die nationale Energieversorgung damit werden: Autarkie beißt das staatliche Ideal. Unsinnig erscheint dies fürs erste; angesichts dessen, daß die BRD bisher mit Impor- ten bestens gefahren ist und die damit befaßten Kapitalisten es verstanden, ein Mordsgeschäft daraus zu machen. Doch Vater Staat denkt bekanntlich weiter. Der Standpunkt der Geschäftskalkulation einiger Energieunternehmen wird ihm hier zu kleinkariert, wo es womöglich um Höheres geht, z.B. um Krisen im Nahen Osten, die "unsere" Ölquellen verstopfen könnten, oder die Anfälligkeit der Schiffahrtsrouten im Ernstfall. Wenn der Staat also von Autarkie redet, dann plant er Krieg in seine nationalen Vorhaben zielsi- cher mit ein. Neben der angestrebten Selbstversorgung gibt es noch einen weite- ren, schönen "Nebeneffekt" der Wiederaufbereitungsanlage: Bei der Verarbeitung von verbrauchten Brennstäben fällt neben dem wieder- verwendbaren spaltbaren Material für Kernkraftwerke Plutonium an, das das Grundmaterial für die Herstellung von Nuklearwaffen ab- gibt. Zwar hat die BRD auf die Produktion dieses Kriegsmittels verzichtet (der entsprechende Vertrag läuft übrigens 1995 aus), was aber roch lange nicht heißt, daß die hiesigen Atompolitiker auf die O p t i o n darauf verzichten wollen. Die passenden Mittel für die Herstellung der Bombe will man auf jeden Fall nicht mehr missen. Nichts davon war Thema vor und in Wackersdorf. Statt dessen zu- erst einmal Ein echt demokratischer Streit im Vorfeld: ------------------------------------------ Demonstrieren - darf man das überhaupt noch? -------------------------------------------- Der bloße Schein eines Widerstands, schon jeder Protest ist den Machern unserer kriegsbereiten Republik bereits zuviel. Wer die- sen Anschein trotzdem pflegt, fällt unter den Verdacht, den Boden demokratischer Grundordnung zu verlassen, wie Innenminister Zim- mermann deutlich zu verstehen gab: "Wackersdorf ist zu einem Schlachtfeld für Chaoten und Linksextreme geworden. Demokraten sollten sich fernhalten." So wird die Gleichsetzung Demonstrant = potentieller Terrorist flott vollzogen, und welche Behandlung letztere verdienen, weiß schließlich jeder. Da ist es kein Wunder, wenn das bayerische In- nenministerium bereits eine Woche vor Demonstrationsbeginn "gewalttätige Auseinandersetzungen auf dem Baugelände der um- strittenen atomaren Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackers- dorf für unvermeidlich hält." Auf diese Art und Weise wird jeder Demonstrant mit der Freiheit der Polizei zu prügeln bekanntge- macht; erkennungsdienstliche Behandlung der Teilnehmer wird so- wieso garantiert. Der Zweck solcher Bekanntmachungen liegt auf der Hand: Jeder, der seine Kritik nicht für sich behält, sondern in den Wald bzw. auf das Baugelände trägt, soll wissen, was ihm blüht. Das ist der Rechtsstaat ihm schuldig. Die Wirkung solcher Ankündigungen (staatlicher) Gewalt bleibt selbstverständlich nicht aus: So mancher überlegt sich, ob das Risiko, mit blutender Nase und halb vergast wieder den Rückweg anzutreten, die Sache noch wert ist. Einige Tausend haben sich trotzdem aufgemacht und wurden schon im Vorfeld von der SPD wortgewaltig betreut. Die Sozialdemokratie erblickt nämlich im "Widerstand gegen den Bau von Wackersdorf ein Wahlstimmenreservoir, das sie sich im Hinblick auf die kommenden Bundes- und Landtagswahlen keinesfalls entgehen lassen wollte. Den Vorwürfen der CDU/CSU, sich mit "Gewalttätern" gemein zu ma- chen, begegnete sie mit Appellen an die Friedfertigkeit der De- monstranten. Denen bescheinigte sie, daß die Versammelten "für Gewaltfreiheit seien und im friedlichen Demonstrieren die einzig mögliche Form ihrer Willenskundgebung sähen." (Der Schwandorfer SPD-Landrat Schuirer). Mit diesem Kompliment legte die Opposition denselben Maßstab an wie die Regierung: Gewaltverdächtig sind De- monstranten allemal. Der SPD gab dieser Verdacht Grund zu der Sorge, ihre Anti-CSU-Show könnte womöglich noch in die Hosen ge- hen. Deshalb hat sie die Friedfertigkeit des Geschehens zum An- liegen und zum Inhalt der Protestveranstaltung gemacht. Und die "Widerständler" gegen Wackersdorf: Die hatten nichts anderes mehr zu tun, als den von oben aufgemachten Ansprüchen gerecht zu wer- den. Sie betonten das Recht auf ihre Demo mit dem ständigen Ver- weis auf die besondere Friedlichkeit und Ehrenhaftigkeit ihrer Anliegen. Zum Beweis, daß sich hier lauter gute Menschlein ver- sammeln, beriefen sie sich auf lauter christlich-demokratische Werte: Friede, Heimat, Wald und. Oberpfalz - höchst passende Ideale angesichts nationaler Großvorhaben in Sachen Atomindu- strie. An Harmlosigkeit war das Ganze also wirklich nicht mehr zu über- bieten. Das hat der Staatsgewalt allerdings wenig Eindruck ge- macht. Sie hatte einen eigenen Demonstrationszweck: Das Recht des Staates auf Bürgerkrieg ---------------------------------------------------------- Von Seiten der Obrigkeit beließ man es nicht bei der Ankündigung von Gewalttaten. Schon im Vorfeld der Demo wurden bürgerkriegs- ähnliche Zustände über Wackersdorf und Umgebung verhängt. Da sa- hen sich plötzlich die biedersten oberpfälzer Bauern der Überwa- chung durch Helikopter und Videokameras ausgesetzt. Und noch der letzte Wirtshausdödel mußte damit rechnen, bei der Rückkehr vom Stammtisch von einer Polizeistreife aufgehalten und wie ein Teil- nehmer einer konspirativen Sitzung behandelt zu werden. Massen- verhaftungen vor Demonstrationsbeginn gehören ja schon lange zum Standardrepertoire der bundesdeutschen Polizei. Während der Demonstration ergaben sich natürlich auch genügend Anlässe, um das Demonstrationsrecht vor "Übergriffen zu schüt- zen". Zum Glück für die Polizei gibt es nach wie vor ca. 200 handverlesene "Chaoten", die immer wieder für den Beweis herhal- ten müssen, daß die Polizei ziemlich wahllos Wasser und Gas in die Massen spritzen muß. Wer dabei was abbekommt, ist selber schuld. Beweis: Es hat ihn ja erwischt. Tote werden ohne viel Fe- derlesens in Kauf genommen. Zum erstenmal in Bayern wurde CS-Gas verwendet, das laut "Lehrbuch der Wehrmedizin" ein chemischer Lungenkampfstoff ist. Verätzungen an Augen und Lungen sind so un- gefähr das mindeste, womit man rechnen muß. So wird jeder Bürger, der meint, gegen staatliche Maßnahmen, die ihm nicht passen, sei- nen Protest anmelden zu müssen, darauf aufmerksam gemacht, daß das von oben gar nicht mehr gern gesehen wird. Rechtmäßige Demon- strationen sind nämlich solche für Deutschland, Bundeswehr und NATO, gegen die Russen und was sonst noch einer BRD in die Quere kommen könnte. Andernfalls liegt der Mißbrauch des Demonstrati- onsrechts auf der Hand und wird vorbeugend bestraft. zurück