Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION WAA - Von Wackersdorf
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29. November, Heilig-Geist-Saal:
WAS GEHT DIE NÜRNBERGER DIE WAA AN?
Doch wohl folgendes: Wenn die Verantwortlichen von Bonn bis Mün-
chen so unbedingt auf einem "vom Ausland unabhängigen Brennstoff-
kreislauf" bestehen, dann wissen sie, warum - zur Verteidigung
ihrer weitweiten Interessen haben sie den Ernstfall eingeplant,
für den sie nichts dem Zufall überlassen wollen. Die Option, im
Bedarfsfall neben ihren sonstigen Gewaltmitteln auch über ganz
eigenständige Atomwaffen gebieten zu können, lassen sie sich
nicht entgehen. Also muß das Plutionium her, das in Wackersdorf
produziert w erden kann; und wenn die Wiederaufbereitung nebenbei
auch noch der zivilen Atomwirtschaft nützt, um so besser. Für
d i e s e s P r o g r a m m sind nicht nur die Nürnberger als
M a t e r i a l in jeder Hinsicht vorgesehen: Die aufwendigen
Rüstungsbedürfnisse ihrer Regierung wollen bezahlt sein, weshalb
allerorten gespart werden muß - am Volk. Dafür hat Dienen Hoch-
konjunktur, wofür - das darf dann schon nicht mehr gefragt wer-
den. Daß die Kriegstechnologie heute schon und später erst recht
gewisse Gefährdungen für Leib und Leben bereithält, versteht sich
von selbst. S o sind die "Nürnberger", nicht anders als "Flens-
burger" oder "Stuttgarter", eben Leute mit d e u t s c h e r
Staatsangehörigkeit, von den Absichten ihrer Obrigkeit "betrof-
fen".
Diese Betroffenheit als Argument gegen die aufzufahren, die sie
einem einbrocken, fiel den Veranstaltern nicht im Traum ein.
Wie man die Nürnberger für dumm verkauft
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Stattdessen wurde sehr eindrücklich in Wort und Bild vor der Ge-
fährlichkeit der
"Atommülltransporte durch Nürnberg"
gewarnt. Nicht der Schluß auf die Vorhaben, deren Wirkungen man
anprangern wollte, war gefragt sondern die möglichst konkrete
Ausmalung dieser W i r k u n g e n.
Bloß: Was ist denn daran k o n k r e t für den Mann von ne-
benan, wenn er einen Atompilz aufsteigen sieht neben einem ent-
gleisten DB-Güterwagen vor einem Nürnberger Wahrzeichen? Was
sollte er sich zu der Zeichnung denn denken? Sollen Transporter
mit Atommüll dickere Wände kriegen; sollen eigenständige Schie-
nenstränge für gefährliche Güter verlegt werden; soll man sich
erkundigen, ob die Städtischen Krankenhäuser schon genug Strah-
lenbetten zur Verfügung haben; sollen die, die "im Gefahrenbe-
reich" leben, besser jetzt schon woandershin umziehen? Oder soll
man sich dafür einsetzen, daß die Transporte über dünner besie-
delte Gebiete wie Bamberg - Forchheim geführt werden?
Wie und wo der strahlende Kehricht denn nach Ansicht der Bürgeri-
nitiativler transportiert werden soll, wollte natürlich niemand
vorschlagen. Aber zur Bauernfängerei wurden schon mal Schlüsse
nahegelegt, die dann so auch wieder niemand gemeint hatte oder
anderen empfehlen wollte.
Überhaupt ist das Breittreten möglichst h a u t n a h e r Be-
troffenheiten noch in zweierlei anderen Hinsichten eine ziemlich
üble Methode. Erstens: Darf man wirklich erst dann und nur unter
der Bedingung den Mund aufmachen, wenn man schon sein gegerbtes
Leder vorweisen kann? Und zweitens: Wenn man den Leuten ver-
schweigt, wofür sie wieder einmal den Kopf hinhalten sollen, dann
sollen die ausgerechnet dann, wenn sie auf dem strategischen
Reißbrett unversehens ihre Wohngebiete verzeichnet sehen, entrü-
stet aufschreien? Wohl unter dem Motto: 'Deutschland über alles,
na klar - bloß verschont mir mei Gärtla in der Gartenstadt!' Wenn
jemand so blöd wäre, d a s wäre wohl recht?
Wie man die Obrigkeit entschuldigt
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Andererseits war den Veranstaltern schon die bloße Erwähnung der
mit den Transporten verfolgten Zwecke in höchstem Maße
p e i n l i c h. Als wollte man es tunlichst vermeiden, den Ma-
chern oder auch nur ökonomischen Nutznießern irgendeinen Vorwurf
hingerieben zu haben, liessen sich wieder einmal an die 200 Leute
zwei Stunden lang den Fluch der T e c h n i k vor Augen führen,
als könnte man deren Einsatz nicht entnehmen, wofür sie gebraucht
wird. Die ausgemalten drohenden Gefahren als
"Produkt einer Technologie"
zu schildern und damit zu entschärfen, oblag ganz dem verantwort-
lichen Nachdenken des eigens dafür eingeladenen Naturwissen-
schaftlers. Seine Bedenken bestanden in dem Kunstgriff, die be-
fürchteten Wirkungen der Transporte als die z u f ä l l i g e r
Ereignisse zu interpretieren, die den Planern noch gar nicht auf-
gefallen sein könnten. Beispiele von unvorhergesehenen Spreng-
stoffexplosionen bei Militärtransporten, menschlichem Versagen
und Kindern, die unüberwacht an Eisenbahnwaggons spielen, dienten
der Vorstellung eines unerwünschten Diktats, das von den
M i t t e l n ausgeht. Als wüßten die Planer den Atommüll nicht
zu schätzen für das, was sie mit ihm vorhaben, wurden sie so in
den Rang von Zauberlehrlingen versetzt, die der Technik nicht
Herr werden, die sie bestellen.
Die Blödheit von Effektivitätsbedenken
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Atompolitikern die "Gefahren aufzuzeigen", die bei der
D u r c h f ü h r u n g ihrer Vorhaben auftreten könnten, ist
natürlich auch kein Argument gegen sie. Was können sie sich mehr
wünschen, als daß ihnen mit Physiker-, Mediziner- und sonstiger
"Kompetenz" vorgerechnet wird, welche zufälligen Unfälle und mög-
lichen Sabotageakte passieren könnten, wieviel Curie Plutonium
sicher unverträglich sind, wieviele Leute unter welchen Umständen
wohin evakuiert werden müßten, mit welcher Anzahl Leukämietoter
schlimmstenfalls gerechnet werden muß...
Nichts anderes interessiert doch Leute, denen am z w e c k m ä-
ß i g e n und möglichst s t ö r u n g s f r e i e n Transport
des prinzipiell unsicheren Zeugs gelegen ist! Einwände wie die,
ob das denn auch geht, was geplant ist und gemacht werden soll,
sind ja die konstruktivsten überhaupt - solche Effektivitäts-
überlegungen finden todsicher Gehör. Über Umfang und Ausmaß der
dabei als unvermeidlich unterstellten Schädigung zu streiten,
bringt den Betroffenen dagegen nur, eines ein: Hinterher dürfen
sie eine "wissenschaftlich" austarierte Einigungsformel zur
Kenntnis nehmen, wieviel sie aber nun wirklich unter
Berücksichtigung aller Sicherheitsbedenken i n K a u f n e h-
m e n m ü s s e n.
Die WAA-Gegner wissen übrigens glich, daß ihre Berufung auf atom-
müll-kritische Gutachten die reine H e u c h e l e i ist. Wür-
den, sie sich denn von einem regierungsbeauftragten Gegengutach-
ten davon überzeugen lassen, daß ihre Bedenken unangebracht sind?
Oder wissen sie nicht auch, daß Wahrscheinlichkeitsrechnungen im-
mer so ausfallen, wie jeweils die Risiken wofür wie hoch veran-
schlagt werden, daß solche "statistischen Beweise" also immer
eine rein parteiliche Angelegenheit sind? Und für diesen Hokuspo-
kus, mit dem sie umgekehrt natürlich auch niemanden beeindrucken
können - außer im oben erwähnten Sinn, daß eventuell wirklich ein
für die Abwicklung des Projekts wichtiger Faktor unberücksichtigt
gelassen worden ist, was selbstverständlich ausgebessert wird -,
tun sie dann glatt so, als ob Zimmermann und Co. bei der Schlie-
ßung des nationalen Energiekreislaufs in erster Linie lauter
R e c h e n f e h l e r n aufsitzen würden! Als ginge es nicht
um ganz gesetzliche A n l i e g e n!
Unverbesserliche Demokratieillusionen
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Sehr konsequent endet die Veranstaltung mit der einigermaßen ver-
rückten Verabschiedung einer Resolution, in der man den
"Nürnberger Stadtrat sowie die
darin vertretenen Parteien"
aufgefordert hat, sich über ihre "Klage hinaus weiterhin ener-
gisch gegen die WAA sowie die... Atommülltransporte" zu
"engagieren". Damit sind WAA-Gegner also zufriedenzustellen: Die
Stadtratsmehrheit profiliert sich als versierter Anwalt der Um-
welt und Gesundheit der Bürger - was ihr umso leichter fällt, da
sie über die WAA ja nicht zu entscheiden hat -, und die billige
Arbeitsteilung zwischen klagenden Stadträten und beklagten Atom-
politikern nimmt die Kritiker schon wieder für das "System" ein!
Als wüßten sie nicht ganz genau, daß dieselbe SPD, die in Nürn-
berg den Atomgegner spielt, anderswo die Kraftwerke baut und vor-
antreibt, die der WAA den Rohstoff liefern!
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