Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION WAA - Von Wackersdorf
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Pfingsten In Wackersdorf:
HILLERMEIERS DEMONSTRANTEN-AUFARBEITUNGSANLAGE IN BETRIEB
Über Pfingsten hat die bayerische Polizei in Wackersdorf sehr
vielen Leuten kräftig eins aufs Dach gegeben, die wirklich nichts
Böses gegen die Staatsgewalt im Schilde geführt haben. Das Reak-
torunglück in Tschernobyl hatte am Bauplatz der großen deutschen
Plutoniumfabrik extra viele Leute zusammengeführt, die gemeint
haben, nun müßten die Atompolitiker der bundesdeutschen Republik
doch ein Einsehen haben und ihren Bürgern einen strategischen Ge-
schäftszweig ersparen, dessen verheerende Auswirkungen doch ge-
rade so drastisch veranschaulicht worden sind.
Sie sind eines besseren belehrt worden. Rücksichtnahme auf Be-
troffene ist im bundesdeutschen Atomprogramm nicht vorgesehen.
Das wäre ja auch ein schlechter Witz: Erst Land und Leute für die
brutalsten Geschäftserfolge des "made in Germany" einspannen, in
der Atomtechnik voranmarschieren, die Nation an die "Schwelle"
zur Atommacht bringen - und dann vor ein bißchen Verseuchung zu-
rückscheuen und vor Bürgern zurückweichen, die in ihrem Werktag
doch alles tun, was Recht und Geschäft von ihnen verlangen. Und
"wegen Tschernobyl" läßt der Atomstaat BRD schon gleich nichts
bleiben. Dessen Antwort auf den östlichen Unfall heißt: Jetzt bei
uns erst recht. Diese Antwort, mitsamt dem Unterschied zwischen
deutscher und russischer Reaktorsicherheit, ist den Demonstranten
in Wackersdorf mit Gasgranaten aus Polizeihubschraubern erklärt
worden. Form und Inhalt haben bei dieser Klarstellung bestens
übereingestimmt. Anträge auf Rücksichtnahme mögen in der Sache
noch so untertänig sein: Wo sie mit Massendemonstrationen ange-
meldet werden, stellen sie eine Störung der alltäglichen rechts-
staatlichen Brutalität dar. Und Störungen braucht eine Demokratie
sich noch weniger gefallen zu lassen als anders zusammengesetzte
Herrschaften.
*
Den Anlaß zu diesem Nachhilfeunterricht für verwunderte Bürger
hat die freistaatliche Obrigkeit den Schlägereien zwischen Poli-
zei und Militanten entnommen. Die letzteren - nach amtlicher Re-
deweise "Öko-Terroristen" - teilen nicht so sehr die Beschwerden
enttäuschter Bürger, machen auch nicht einfach einem "gerechten
Volkszorn" Luft; sie sind die Fanatiker der "Kampfmoral", die de-
monstrierende Bürger gern im Munde führen, wenn sie sich zu einer
Protestversammlung aufmachen, und suchen Gelegenheiten, sich mit
der Polizeigewalt auf deren eigenen Feldern zu messen. Daß sie
damit jeder Polizeitaktik zum Erfolg verhelfen, hat das Pfingst-
fest in der Oberpfalz einmal mehr bewiesen. Diesmal kam es der
obersten freistaatlichen Einsatzleitung nämlich darauf an, nicht
- wie sonst gern - durch überlegene Polizeipräsenz jeden Protest
einzuschüchtern, sondern eine S c h l a c h t zu inszenieren,
die die bürgerkriegsmäßige Ausstattung der Beamten, ihr bürger-
kriegsähnliches Vorgehen und die entsprechende bürgerkriegerische
Stimmungsmache gegen Protest am falschen Ort mal wieder als un-
endlich gerecht und angemessen erscheinen lassen sollte. Die hat
der bayerische Innenminister bekommen, planmäßig; und er hat
gleich die Moral verkündet, auf die er es mit seinem Lehrstück
abgesehen hatte: Bessere Waffen müssen her. "Schußwaffengebrauch
wäre gerechtfertigt gewesen." Klar: Eine Staatsmacht, die eine
Plutoniumfabrik in den Oberpfälzer Wald baut, kann gar nicht vor-
sichtig und vorsorglich genug sein. Der "Katastrophenschutz", der
zu dieser Anlage gehört, kann gar nicht umfassend und weitsichtig
genug angelegt sein. Die Randalierer sind dafür nicht mehr und
nicht weniger als die bequemsten Manöverpartner der Polizei und
Anlaßgeber für ihre sachgerechte Ausstattung.
*
Ein Punkt mehr auf der Beschwerdeliste, mit der tiefbetroffene
Bürger ihre Obrigkeit zu mehr Menschenfreundlichkeit mahnen wol-
len? Wer die Sache so sieht - der will einfach nicht merken, wel-
che Rolle eine ehrgeizige Politikermannschaft für ihr Menschenma-
terial vorsieht. Eine gerechte Vorsorgemaßnahme nunserer" christ-
lichen Führer? Wer so teilnahmsvoll den Standpunkt des Polizeimi-
nisters zu seinem eigenen macht - der hat bloß die Kleinigkeit
übersehen, daß er zu dem Menschenmaterial gehört, das im Zwei-
fels- und Ernstfall eben auch durch eine polizeiliche Bürger-
kriegsarmee zu selbstloser Pflichterfüllung überredet wird.
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