Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION UNDOGMATISCHE - Von Spontis u.a.
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Cohn-Bendit über die "Terrorwelle" in Frankreich:
KRIEGSHETZE - MIT VIEL, VIEL NIVEAU
"Bekämpfung des internationalen Terrorismus" ist ein ausgezeich-
netes Synonym für staatliche Freiheit der Gewalt, die sich mit
dem Glorienschein der gerechten Rache versieht. Daran hat der
'Pflasterstrand' nichts zu kritisieren. Herausgeber Cohn-Bendit
sieht sich vielmehr als Vordenker gefordert - und mit der ihm ei-
genen Offenheit legt er im 'Pflasterstrand' Nr. 245 den kurzen
Weg vom "libertären Humanismus" zu Alternativvorschlägen für er-
folgreiche, den Nahen Osten befriedende Aktionen westlicher
Staatsgewalt zurück. Daß sein Kommentar unter dem Titel
"Staatstragende Unschuld" - was absichtlich leicht paradox sein
soll und wohl den Geisteszustand des Autors meint dem Bedürfnis
des Feuilletonisten nach viel hohlem Tiefgang entspringt, tut der
Botschaft keinen Abbruch: Auch so kann man sich für ein Gewalt-
programm des Westens aussprechen. Das Ganze hat vier Schritte:
1. Der gehörige Auftakt ist die bei ihm besonders persönlich aus-
fallende Kundgabe des Abscheus über die Terroristen (Cohn-Bendit:
"faschistoid") und der Betroffenheit über die Opfer. Gerade in
Kenntnis der Großtaten der "grande nation" in Afrika, wohlwis-
send, daß das französische Mitmischen im Nahen Osten den ohnmäch-
tigen arabischen Terrorismus p r o d u z i e r t, bedient sich
Cohn-Bendit zwanglos genau des Titels, mit dem die französische
Staatsgewalt ihre Freiheit des Zuschlagens mit dem Signum der
Notwendigkeit zum "Schutze der Bürger" versieht. Da will ihm
nicht auffallen, daß die einfachste 'Lösung', Pariser Passanten
von Bomben zu verschonen, die Freilassung des in Frankreich in-
haftierten Ibrahim Abdallah wäre. Auf eine solche Idee kommt
Cohn-Bendit nicht, weil er wie die Macher der französischen Repu-
blik die U n e r b i t t l i c h k e i t einer zivilisierten
Staatsgewalt für das höchste Gut hält. Infolgedessen ist ihm
nichts naheliegender als die Aufgabe der "Terrorismusbekämpfung".
Und an der staatlichen "Reaktion", die im Namen der Opfer sehr
frei nicht weniger als einen "Krieg" (Chirac) ausruft - alles an-
dere als eine Methode, Opfer zu vermeiden -, entdeckt der
'Pflasterstrand'-Chef eine eigene Sehnsucht. Cohn-Bendit: "Ich
sehne mich nach einer Zentrale des Terrorismus, die man endlich
für diesen Wahnsinn brandmarken könnte." Womit er einerseits dem
französischen Staat mit seinen Maßnahmen voll recht gibt, ande-
rerseits sich aber das Feld eröffnet, die Sache als viel
'problematischer' hinzustellen, als sie die praktischen Terror-
Bekämpfe sehen
2. Da steckt mehr dahinter, meint Cohn-Bendit. Und die demonstra-
tiv vorgetragene Betroffenheit über die Opfer kommt zu ihrem ei-
gentlichen Thema. Das Opfer des Terrorismus ist in Wahrheit das
schöne Europa, das sich da in einer recht tragischen Verstrickung
befindet:
"Die Theologisierung der Politik, dieses Krebsgeschwür der Mo-
derne, verdrängt mit wachsendem Erfolg die klassischen politi-
schen Demarkationslinien... Wer in einer unserer geliebten Metro-
polen lebt, die Tantiemen aus einer jahrhundertealten Geschichte
von Barbarei, Kolonialismus und Imperialismus im Stillen kassie-
ren will, muß zwangsläufig eine Wagenburgmentalität entwickeln.
Doch sind unsere Gesellschaften auch Ausdruck menschlicher Ver-
kehrsform en, die es gilt zu verteidigen. Die Geschichte schlägt
auf Europa zurück, und dabei beanspruchen wir doch ein Recht auf
einen zivilisierten, ruhigen Lebensabend."
Wahnsinn, was Cohn-Bendit da entdeckt hat: ein regelrechtes Welt-
gemälde mit einem fürchterlich tiefen Hintergrund des Terrorismus
und mit historisch-philosophischen Dimensionen en masse, was dem
Rest der Welt bislang entgangen sein muß. Solch ein Verstric-
kungsbild ist von vorneherein so angelegt, daß es unsinnig ist,
nach irgendeiner Richtigkeit zu fahnden. Vielmehr muß der von ihm
erfundene tiefere Grund ganz anderen Maßstäben genügen, nämlich
den Maßstäben der journalistischen Erbauung. Also muß zumindest
ein grandioses Paradoxon vorkommen: Dieses soll darin bestehen,
daß das alte Europa, das früher mal ziemlich schlimm gewütet hat,
aber mittlerweile doch zivilisiert, ruhig, human, saturiert ge-
worden ist mit seinen "menschlichen Verkehrsformen", nun durch
einen Zufall der Geschichte eingeholt wird. Diese schlägt laut
Cohn-Bendit ganz so wie die aus einer anderen Schrift bekannte
Erbsünde zurück. Außerdem will so ein Weltbild schon auch ein
bisserl tragisch sein: Das Zurückschlagen der Geschichte trifft
nun immerhin das Europa, das sich zur Menschlichkeit gemausert
hat. Also nicht, daß keiner daran schuld wäre, die Geschichte Eu-
ropas ist es schon irgendwie - aber andererseits ist Europa auch
das Opfer, namentlich die von Cohn-Bendit so innig geliebte euro-
päische "politische Kultur". Echt klassische Tragik sozusagen:
Opfer und Täter sind dieselben, man muß nur Europa auseinanderdi-
vidieren in seine dunkle (Kolonial-)Geschichte einerseits und den
schönen Schein seiner aktuellen politischen (Einmischungs-)Titel.
Wie auch immer - stimmen muß das alles ja nicht. Es leistet im-
merhin das folgende: Die Politik der westlichen Staaten in Sachen
Terrorismus steht auf jeden Fall als Reaktion auf den Terrorismus
da. Natürlich nicht so "platt" wie bei der offiziellen Politik,
die ihr Programm der Frontbegradigung im Nahen Osten als
"Terrorismusbekämpfung" ausgibt sondern so, daß die europäischen
Machthaber selbst einem Verstrickungszusammenhang wahrhaft histo-
rischen Ausmaßes unterliegen.
3. Also hat Cohn-Bendit eine Menge zu verteidigen: das zivili-
sierte Europa gegen die "Theologisierung der Politik". Dieser Un-
sinn hat wirklich nichts zu tun mit den wirklichen Gründen für
die westliche Politik, aus denen heraus sie sich den "Kampf gegen
den internationalen Terrorismus" auf die Fahnen geschrieben hat.
Aber wie durch eine wundersame Fügung sprechen die feuilletoni-
stischen Vorschläge Cohn-Bendits selbst noch seinem philosophi-
schen Konstrukt von der Hilflosigkeit des Abendlandes gegenüber
dem Terrorismus Hohn. Cohn-Bendit denkt z. B. an einen
"Weltgipfel zur Lösung der Palästina-Frage". Ihm fallen also auch
keine anderen Subjekte ein, die zur "Lösung" berufen wären, als
diejenigen, die mit den Mitteln der imperialistischen Diplomatie
und Erpressung bis hin zu ihrer Waffengewalt den Nahen Osten be-
stimmen und dabei allerlei Gegengewalt freisetzen. Nur hält er
die überlegene Macht von Weltgipfelveranstaltern anscheinend für
eine ausgesprochen friedensstiftende Angelegenheit. Und zweitens
entlarvt sein Hinweis auf die Waffenlieferungen des Westens an
die Staaten im Nahen Osten selbst noch seine Lüge von der
"totalen Hilflosigkeit", mit der der Westen der 'Lage' gegenüber-
stünde. Eine seltsame "Hilflosigkeit", die die politischen Gründe
für die Auseinandersetzung in Nahost schafft und alle Mittel ih-
rer Austragung bereitstellt!
4. So bleibt noch der letzte Schritt: Nachdem Cohn-Bendit den im-
perialistischen Einfluß als die friedensstiftende Kraft belobigt
hat - "Das Politische träte an die Stelle der totalen Hilflosig-
keit" - kann er es sich nicht verkneifen, sich noch schnell eine
Situation auszudenken, in der er, Cohn-Bendit höchstpersönlich,
Gewaltaktionen der westlichen Staaten für das genau Richtige hal-
ten könnte: "Wie wäre es dann, aber nur dann (nach dem von Cohn-
Bendit initiierten Weltgipfel), mit einem Versuch, international
die Aktionsgruppen militärisch zu isolieren." Dieses Tabu mußte
doch endlich mal gebrochen werden. Freilich nicht ohne eine
"Kritik" am eben auch bei Cohn-Bendit feststehenden Hauptakteur
solcher Veranstaltungen:
"Und die amerikanische Regierung sollte uns dabei keine Märchen
mehr erzählen. Sie weiß doch zu genau, daß unser grüner Freund
Ghaddafi zwar einen hohen makabren Unterhaltungswert besitzt,
aber verglichen zu Assad nur ein B-Klassen-Schauspieler bleiben
wird. Nur, mit Staaten wie Syrien, Irak oder Iran macht man Ge-
schäfte und führt keine Kriege. Aus diplomatischen, geostrategi-
schen und ökonomischen Gründen selbstredend."
Wie soll man das wieder verstehen? Will Cohn Bendit damit dem We-
sten den Vorwurf machen, er würde um kleinlicher ökonomischer In-
teressen willen vor dem Kampf gegen die eigentliche Zentrale des
Welt-Terrorismus kneifen? Will er die irgendwoher doch bekannte
Kritik loswerden, die Krämerseelen würden die historische Mission
des Abendlandes vergeigen? Oder wollte er die berüchtigte Sentenz
vom B-Movie-Actor mal ganz besonders tiefgründig anbringen - in
dem Sinne, daß hier B-Schauspieler gegen B-Schauspieler kämpft,
wo in Wahrheit doch die ganze Tragik der Geschichte Europas am
Wirken ist? Darauf kommt es ihm wohl selber gar nicht so sehr an.
Denn der ganze Durchblick Cohn-Bendits ist nur der Wahn, auch
noch dem westlichen Gewaltprogamm namens "Terrorismusbekämpfung "
einen Gesichtspunkt abzugewinnen, unter dem dieses Programm dem
kritischen Intellektuellen zur kulturell-philosophischen Erbauung
gereicht. So schafft es Cohn-Bendit immerzu zielsicher, den neue-
sten NATO-Maßstäben einen background der dritten Art zu verlei-
hen. 1986 kommt er darauf, daß Syrien die eigentliche Zentrale
des Terrorismus ist. Wo der Herr Welt-Denker das wohl her hat?
Doch wohl aus der offiziellen westlichen Liste derjenigen Staa-
ten, die als "Unruheherde" den Maßstäben imperialistischer Botmä-
ßigkeit in der Zeit der Kriegsvorbereitung nicht genügen und des-
halb die ersten Kriegsziele der NATO im Rahmen einer Flurbereini-
gung des Vorfeldes sind.
Das macht auch die eigentümliche Widerlichkeit des Vordenkers
Cohn-Bendit aus. Er pflegt nämlich nicht nur einen Schein von
ironischer Distanz in seiner Schreibe, wenn er mit prätentiöser
Originalität lauter tiefsinnige Hintergründe zu Papier bringt,
die nichts anderes - sind als billige Denkfiguren, mit denen sich
heute ein Ex-Linker die NATO-Politik affirmativ zurechtlegt. Son-
dern er kokettiert ebenso bewußt mit tabubrechenden Plädoyers für
zivilisatorisches Zuschlagen der herrschenden Gewalt. So geht
Kriegshetze eben auch: Auf höchstem kulturphilosophischem Niveau.
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