Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION TERRORISTEN - Die Gegengewalt der Ohnmacht
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 15, 11.06.1981
Wochenschau
GEMÜTSMENSCHEN
Die "Revolutionären Zellen" überraschten letzte Woche die Öffent-
lichkeit mit der abgebrühten "Selbstkritik", der Tod des hessi-
schen Ministers Karry sei letztlich ein dummes Mißverständnis ge-
wesen. Man habe ihn "nur" ins Knie schießen wollen, "leider" aber
eine Hauptarterie getroffen. Noch abwegiger die "Begründung" der
Aktion: Karry als Initiator der "menschenfeindlichen Verkehrspo-
litik" sollte für einige Zeit "außer Gefecht gesetzt werden".
Dieser Logik zufolge wäre der zum Mord mißratene "Denkzettel"
doch die optimale Verwirklichung des Aktionszwecks: kein einziger
Autobahn- oder Startbahnkilometer dürfte mehr planiert werden,
weil Karry nicht mehr unterschreiben kann. Zum Wahnsinn des Kal-
küls gesellt sich bei diesen "Revolutionären Zellen" noch der
brutale Zynismus in der Praxis. "Killer aus Versehen" haben ge-
rade noch gefehlt, um den Staat seine Macher als Märtyrer feiern
zu lassen, um in "ihrem Geiste" das Werk der Politik, unterstützt
durch die "menschliche Anteilnahme" der Betroffenen, fortzuset-
zen. Im Vergleich zum blutigen "Dilettantismus" der unverfrorenen
"Selbstkritiker" aus den Reihen der "Revolutionären Zellen" steht
die öffentliche Gewalt allemal sauber da: Wer durch sie ums Leben
kommt, verdankt seinen Tod demokratisch beschlossenen Notwendig-
keiten; und die öffentliche Anteilnahme ist nicht nur den Opfern
sicher, sondern mehr noch denen, die "Verantwortung tragen", weil
sie sich ihre Entscheidung "schweren Herzens" unter Strapazierung
der edelsten Gewissensqualen "abgerufen" haben. Darum wird selbst
im Krieg nicht "gemordet" und schon gar nicht "aus Versehen".
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