Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION TERRORISTEN - Die Gegengewalt der Ohnmacht
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"DAS GLÜCK DER GEISELN"
- lautet die Überschrift der BILD-Zeitung über ihren Kommentar
zum unblutigen Ausgang des 15-tägigen Geiseldramas in Algier. Sie
ist kennzeichnend für die Stimmungslage, die die gesamte hiesige
Öffentlichkeit, also auch die sog. "seriöse" Presse in diesem
Falle verbreitet. Die Sache mit dem "Glück" im Zusammenhang mit
den Passagieren und der Besatzung des entführten Jumbo hat dabei
einen unübersehbaren Doppelsinn: gemeint ist und gebührend nach-
empfunden wird einmal das "Glück", das die geretteten Geiseln si-
cherlich empfinden, aber es wird andererseits auch kein Zweifel
daran gelassen, daß sie auch Schwein gehabt haben, weil sie mit
einer staatlichen "Vermittlungsaktion" bedacht worden sind, was
keineswegs selbstverständlich ist. Unsere Freie Presse liefert
zunächst einmal pflichtschuldigst die "Erleichterung" darüber ab,
daß die "Leiden und Todesängste" der 31 Menschen "endlich" vorbei
sind - das Ganze natürlich stilgerecht untermalt mit ganzseiti-
gen, authentischen Augenzeugenberichten, damit sich der Leser so
richtig schön in den "Alptraum" der "unschuldigen Menschen" ein-
fühlen kann, die sich fast 2 Wochen lang in der Gewalt von
"brutalen, gewissenlosen Terroristen" befanden. "Sich vorzustel-
len, was sie durchlitten haben, dazu reicht unser Vorstellungs-
vermögen nicht aus", behauptet die Frankfurter Rundschau empha-
tisch, wie wenn sie extra unterstreichen wollte, daß auch ein po-
litisch gebildeter westlicher Staatsbürger, rein von der menscHi-
chen Seite her gesehen, durchaus guten Gewissens Befriedigung
über den für die Geiseln "glücklichen" Ausgang der Affäre empfin-
den darf. Diese Beteuerung ist auch bitter nötig, denn kaum 2
Zeilen nach dieser literarisch in Szene gesetzten "menschlichen"
Anwandlung stellt sich sogleich eine Gefühlslage ein, bei der
sich unüberhörbar die staatsbürgerliche Verantwortung des Herrn
Journalisten zu Wort meldet:
"Doch nicht einmal die allgemeine Erleichterung kann das Entset-
zen über den eiskalten Fanatismus vergessen machen.... Wenn es
richtig ist, daß die algerischen Unterhändler den Luftpiraten
freies Geleit zusagen mußten, um die Geiseln zu befreien, und
wenn es stimmt, daß die Entführer inzwischen Algier schon mit un-
bekanntem Ziel verlassen haben, dann bleibt neben der Freude über
die Rettung der Geiseln ohnmächtiger Zorn. Es wäre billig die Al-
gerier nun dafür zu schelten..." (Frankfurter Rundschau, 21.4.)
31 Menschenleben hin, 31 Menschenleben her - wenn deren Rettung
durch einen "Deal" mit dem "Terror" erzielt wird, dann ist ein
freier Journalist zutiefst erzürnt. Zwar haben die Entführer ihr
Ziel, die Befreiung von 17 "Gesinnungsgenossen" aus Kuweitischer
Haft, nicht im mindesten erreicht - dank der "Härte" des Kuweiti-
schen Staates, dem die Staatsräson genau wie seinen freiheitli-
chen Vorbildern allemal über Leib und Leben der eigenen Unterta-
nen geht. Ein Prinzip übrigens, an dem bisher noch jede Berech-
nung von "Terroristen" bei ihren Erpressungmersuchen gegen Staa-
ten gescheitert ist, die wider alle Erfahrung auf der irrigen
Vorstellung gründet, daß Staaten das Leben ihrer Staatsbürger so
lieb und teuer ist, daß sie sich durch dessen Bedrohung
"erweichen" ließen. Im Falle der "Lösung" von Algier verletzt al-
lein schon der Umstand, daß die Geiselnehmer selber ungeschoren
davongekommen sind (vorerst zumindest), das Rechtsgefühl der
freiheitlichen Kommentatoren und trübt die zur Schau gestellte
Freude über die geretteten Menschenleben ganz enorm. Das eigent-
liche Opfer einer Flugzeugentführung sind in ihren Augen eben
nicht die Insassen der gekaperten Maschine, sondern das ist die
staatliche Souveränität, ein Gut, das es nicht verträgt, wenn
auch nur der Anschein entsteht, es habe sich unter Druck setzen
lassen. Insofern haben die 31 Geiseln das unverschämte Glück ge-
habt, daß die Maschine schließlich auf dem Territorium eines
Staates gelandet ist, der mangels anderer internationaler Macht-
mittel Wert darauf legt, in solchen Angelegenheiten die Rolle ei-
nes "Vermittlers" einzunehmen, indem er den Geiselnehmern die
Möglichkeit einer friedlichen Kapitulation bietet. Die nur mühsam
gebremste Schelte der freien Presse dafür, daß die Algerier die
"Verbrecher" "einfach laufengelassen" haben und auch noch darauf
bestehen, daß deren Verbleib "nur Algerien etwas angeht", beweist
zur Genüge, mit welcher Alternative die freiheitliche Staatenwelt
in solchen Fällen stets liebäugelt: Ein ordentlicher Einsatz ei-
nes geschulten Anti-Terror-Kommandos wäre dem Recht und der Sou-
veränität der zivilisierten Staatenfamilie entschieden besser be-
kommen. Den Geiseln mit Sicherheit weniger gut. Aber dafür wären
sie neben den "Helden" in die Annalen eingegangen - als Märtyrer
im "Kampf gegen den internationalen Terrorismus", der ja bekannt-
lich jedes Opfer rechtfertigt.
So aber freilich bleibt der freien Kommentarschaft nichts anderes
übrig, als die Konsequenz, die aus dem ausgiebig beklagten
"Dilemma" bei Flugzeugentführungen herausführt, einstweilen bloß
theoretisch zu fordern: daß endlich den Staaten das Handwerk ge-
legt werden muß, die "solchen Verbrechern" immer noch
"Unterschlupf gewähren"...
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