Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION TERRORISTEN - Die Gegengewalt der Ohnmacht
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 21, 16.10.1980
WARUM WERFEN STAATSBÜRGER VERBOTENE BOMBEN?
Mitten im tiefsten Ferienfrieden sind im freien Westen ein paar
Bomben hochgegangen: eine ganz gewaltige in Bologna, eine beson-
ders dramatische auf dem Oktoberfest, eine weniger aufregende in
einer Pariser Synagoge, ein paar bereits vergessene in bundes-
deutschen Ausländerwohnheimen - die Opfer waren ja Vietnamesen.
An einer begeisterten Debatte darüber, weshalb Attentäter so et-
was tun, hat es - zumal nach dem aufregendsten Fall - nicht ge-
fehlt. Dabei sind die dümmsten öffentlichen Sprachregelungen ohne
großen Widerspruch geblieben - schon gar von Seiten der intellek-
tuellen Elite -: "die Gewalt", die bekanntlich seit Kain und Abel
ihr Unwesen treibt, "revolutionäre Taktik" oder allerlei Abgrün-
diges, in des Menschen Seele hätten sich da zu Wort gemeldet, vor
allem eine "unbewältigte Vergangenheit", womöglich gar "fehlende
Sinnorientierung der Jugend" und dergleichen. Fast könnte man
meinen, das ereiferte Publikum stellte sich mit solchen Phrasen
absichtlich blind gegen den nur allzu offensichtlichen Zusammen-
hang solcher "Wahnsinnstaten" mit ganz normalen, verbreiteten und
beliebten Vorstellungen des staatsbürgerlichen Verstandes. Haben
nicht diejenigen, die sich am meisten über den Bombenanschlag
aufgeregt haben, anschließend höchst unbefangen "Rübe ab!" für
die Täter gefordert? und Genugtuung darüber gespürt, daß der ver-
mutliche Täter unter den Opfern war? Vornehmer ausgedruckt, in
der Sprache, derer gebildete Bürger sich für ihr "Rübe ab!" be-
dienen: Sind nicht die bravsten und normalsten Bürger mit Eifer
auf die Lüge eingestiegen, mit der Ermordung beliebiger Passanten
wäre vor allem d i e O r d n u n g verletzt worden, die derar-
tiges verbietet - als zeigte das Verbot nicht klar und deutlich,
daß derartiges in dieser Ordnung als geläufiges Vorkommnis
e i n k a l k u l i e r t ist! -, folglich mußte d i e
O r d n u n g fortan um so strenger und nachdrücklicher durchge-
setzt werden -? Wurde nicht millionenfach der Übergang zu der
Vorstellung gemacht, Zucht und Tugend ließen eben in unserem
Staat zu wünschen übrig -? Und hat nicht die gesamte Öffentlich-
keit mit ihrem "Entsetzen" über die "unschuldigen" Opfer einer
"sinnlosen" Gewalttat zu Protokoll gegeben, daß ihr die Vorstel-
lung einer sinnvollen Gewalt und von Leichen, die ihren Tod
v e r d i e n t haben, überaus geläufig ist?
Genau das müssen die Bombenleger der letzten Monate auch im Kopf
gehabt haben - nur mit einem einzigen Zusatz, der angesichts der
politischen Ordnung der BRD zwar reichlich absurd, andererseits
aber auch gar nicht so fernliegend ist für einen engagierten
Staatsbürger: Auf unsere demokratischen Politiker wäre in diesen
moralischen Grund- und Hauptfragen kein Verlaß, drum müßte ein
ehrlicher Deutscher selber zur Tat schreiten und Staatsverbrechen
bestrafen, wo die wirkliche Staatsgewalt sich noch gar nicht an-
gekratzt fühlt. Wo der normale, demokratisch domestizierte Deut-
sche der Meinung ist, Ausländer wären doch schließlich auch Men-
schen und sollten ruhig hier wohnen dürfen, wenn sie bescheiden
bleiben und die ihnen zustehenden niederen Arbeiten verrichten,
bloß die Schmarotzer, die müßten natürlich raus da wartet ein At-
tentäter eben nicht geduldig den Spruch der zuständigen Auslän-
derbehörde ab, sondern vollstreckt eigenhändig sein Urteil dar-
über, ab wann Ausländer eben keine normalen Mitmenschen mehr
sind. Daß die Massen sich Vergnügungen herausnehmen, wo doch viel
eher eine neue Tugendhaftigkeit angebracht wäre, ja daß es den
Menschen zu gut geht und der Staat gar noch ihre "falschen Be-
dürfnisse" fördert, statt ein bißchen mehr Askese durchzusetzen,
ist, mit Verlaub, bis zu den Grünen einschließlich der
L i e b l i n g s g e d a n k e des politisierenden Bürgers -
was, wenn einer diesen Gedanken 'mal wirklich praktisch ernst
nimmt, sich nicht mehr damit begnügen will, F.J. Strauß, H.
Schmidt oder Baldur Springmann zu wählen, und sich berufen fühlt,
dem liberalen Polizeiminister ein Stück Arbeit abzunehmen? So ge-
waltig ist dieser Übergang tatsächlich nicht in einer Gesell-
schaft, wo jeder Untertan dem Recht die Pflicht entnimmt, argwöh-
nisch auf seinesgleichen aufzupassen, daß der sich auch so auf-
führt, wie es sich gehört!
Den brutalsten Beweis, wie gut Attentate und politisches Geschäft
zusammenpassen, haben natürlich, noch vor den begeisterten
Staatsbürgern, die Profis der politischen Szene geliefert. Sie
brauchten sich nur vor den Opfern und dann noch einmal vor deren
Angehörigen in Positur zu setzen und ablichten zu lassen - und
fertig war ihr Argument, der Schaden wäre am besten wiedergutge-
macht, wenn man sie wählt. Die mörderischen Wirkungen der Tat ei-
nes Fanatikers geordneter Verhältnisse als Beweis dafür, daß die
dort mißbrauchte Gewalt in die Hände der für geordnete Verhält-
nisse zuständigen Politiker gehört; die Trauerfeier für Bombenop-
fer - er, war eine ganz normale Artilleriegranate! - am besten
gleich als Auftakt zu einer Rekrutenvereidigung mit Fackelschein
und Zapfenstreich - das ist gekonnt demokratisch!
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