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Offener Brief der Zeitschrift "Blätter für deutsche und interna-
tionale Politik":
"Sehr geehrter Herr Gorbatschow,
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Ihr leidenschaftliches Plädoyer für Demokratie und Frieden, für
Frieden und Demokratie beeindruckt uns und viele unserer Lands-
leute. Die Entschiedenheit, mit der Sie in Ihren jüngsten Reden
den Zusammenhang zwischen umfassender Demokratisierung und wirt-
schaftlicher Erneuerung herausgearbeitet haben, bekräftigt
zugleich den Ernst Ihrer Friedensinitiativen, Ihrer Suche nach
Wegen aus der Gefahr. Die wechselseitige Bedingtheit der inner-
staatlichen Erneuerung und der Wahrung von Sicherheit und Frieden
zwischen den Staaten ist unaufhebbar geworden.
Diese Einsicht bezeichnet auch in unseren Augen den einzigen Weg,
der aus der gegenwärtigen Weltsituation hinausführt, aus einer
Welt, die durch den Wahnsinn einer technologisch unbegrenzten
Hochrüstung, der damit verbundenen Verschwendung begrenzter Res-
sourcen und Verelendung ganzer Kontinente, ja der Ausbeutung
schon der kommenden Generationen ihrem Untergang zusteuert. Es
ist der Weg eines "Neuen Denkens", das sich unmittelbar in "Neues
Handeln" umzusetzen beginnt.
Auswärtige Politik war bisher nur darauf gerichtet, Veränderungen
der Welt gemäß den partikularen Wert- und Zielvorstellungen und
Interessen der Handelnden herbeizuführen oder zu verhindern. Daß
es heute zuvörderst darauf ankommt, die Welt zu retten, wurde
zwar schon gesagt, blieb aber meist ein billiger und folgenloser
Lippendienst, weil unter dem Vorbehalt des Diktats der überhöhten
eigenen Wertvorstellungen geleistet und deshalb nie in der Lage,
dem spiralförmigen Wachstum der Bedrohungspotentiale und der mit
ihnen korrespondierenden Feindbilder Einhalt zu gebieten. Sie ha-
ben mit dem von Ihnen proklamierten und praktisch eingeleiteten
Modernisierungs- und Demokratisierungsprozeß vor den Augen der
Welt ein Exempel innerer Entspannung statuiert, das positive Fol-
gen für die internationale Entspannung nach sich ziehen und den
Demokratisierungsprozeß in allen Ländern der Erde ungeachtet der
systembedingten Unterschiedlichkeit vorantreiben wird.
Wir sehen uns mit vielen gesellschaftlichen Kräften der westli-
chen Welt bestätigt in unserer Forderung nach vergleichbaren Si-
gnalen und Impulsen eines Umdenkens, die auch von unseren Haupt-
städten ausgehen müssen. Wir, die in der Bundesrepublik Deutsch-
land für Frieden und Abrüstung eintreten und eine Wirtschaftspo-
litik wollen, die den Menschen dient, die ökologischer und sozi-
aler Verantwortung den Vorrang gibt, wissen um die Wechselwirkung
von Frieden und Demokratie. Ob die von Ihnen eingeleitete Politik
sich durchzusetzen und voll zu entfalten vermag, kann uns nicht
gleichgültig sein. Welchen Weg die Weltmacht Sowjetunion geht,
welche Resonanz ihre Politik findet, entscheidet in hohem Maße
mit über das Schicksal der Menschheit.
Wir verurteilen die Unredlichkeit mancher Politiker, die seit je
lauthals die von Ihnen in Angriff genommenen Reformen gefordert
haben und doch heimlich auf deren Scheitern hoffen, weil sie nur
dann ihre inneren und äußeren Feindbilder noch retten und ihre
auswärtige Bedrohungs- und innere Repressionspolitik noch recht-
fertigen könnten.
Wir erwarten von unserer eigenen Regierung, daß sie es gegenüber
der neuen sowjetischen Politik nicht bei Worten beläßt, daß sie
ihr vielmehr unter unvoreingenommener Würdigung des deutsche An-
teils an geschichtlicher Verantwortung für den Frieden in Europa
und der Welt konstruktiv begegnet. Der jüngste sowjetische Vor-
stoß zur Abschaffung der Mittelstreckenraketen bietet unserem
Kontinent eine historische Chance, die nicht wieder zunichte ge-
macht werden darf. Es gilt, sich von einer Haltung zu befreien,
der Mißtrauen und Feindseligkeit gegenüber "dem Osten" zur zwei-
ten Natur geworden ist. Sie hat unseren Völkern nur Unglück ge-
bracht. Eine konsequente Politik der Verständigung und Zusam-
menarbeit dient uns in der Bundesrepublik, allen Menschen in Eu-
ropa und in der Welt.
Mit freundlichen Grüßen.
Herausgeber und Redaktion der Zeitschrift "Blätter für deutsche
und internationale Politik": Karl D. Bredthauer - Professor Dr.
Rudolf Hickel - Dr. Ute Holzkamp-Osterkamp - Professor Dr. Jörg
Huffschmid - Professor D. Walter Kreck - Professor D Reinhard
Kühnl - Dr. Klaus Naumann Paul Neuhöffer - Manfred Pahl-Rugen-
stein Professor Dr. Helmut Ridder - Dr. Rainer Rilling Professor
Dr. Gerhard Stuby - Professor Dr. Marie Veit"
Exklusiv in der MSZ: Moskau antwortet
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Sehr geehrte Redaktion der "Blätter für deutsche und internatio-
nale Politik",
Liebe Friedensfreunde deutscher Nation!
Recht schönen Dank auch für den Brief. Man freut sich ja im Leben
über jedes Kompliment, das einem einen gewissen Grad an Nettig-
keit bescheinigt. Zumindest hat mir Falin, ein Kenner westlicher
Sitten und Chef von Novosti, ehemals Botschafter in der BRD, er-
zählt, daß das bei Ihnen so üblich ist und der Dank auch.
Doch ist das nicht alles, was ich Ihnen schulde. Ein paar freund-
schaftlich gemeinte Richtigstellungen möchte ich Ihnen nicht vor-
enthalten, zumal Sie mir bei dem, was ich gerade unternehme, zu
meiner leidenschaftlichen Art gratulieren. Wie es eben unter
Freunden üblich.
1. Daß Sie gleich einen o f f e n e n Brief an mich richten,
läßt mich vermuten, daß ich nicht der einzige bin der ihn lesen
soll. Sie versprechen sich aber nicht nur von zusätzlichen Lesern
einiges, sondern auch von einem erweiterten Absenderkreis Inso-
fern als der Brief an mich gerichtet ist, zielt der Kunstgriff
mit den namentlichen Unterschriften wohl darauf, daß erstens ich
und zweitens alle weiteren Menschen beeindruckt sind, wenn sie
den Brief lesen und die vielen Unterzeichner dazu. Gut, ich bin
beeindruckt und hoffe, daß es den anderen auch so geht. Falin
sagt, wenn im Westen bei offenen Briefen viel Prominenz unter-
schreibt, dann halten es die Leute für bedeutsam. Auf mein Er-
staunen bezüglich solchen Personenkults, gegen den wir schon seit
Jahrzehnten ankämpfen, in einer Gesellschaft mit ausgeprägten de-
mokratischen Strukturen, meinte er, daß ein Protest bei Ihnen so
richtig glaubwürdig und ehrenwert und berechtigt wirkt, wenn er
sich mit ein paar Größen des kulturellen Lebens zieren kann. Na
gut, da haben wir ja bei der Gästeliste des Moskauer Friedens-
forums richtig gelegen.
2. Andererseits erstaunt mich eine nicht unwesentliche Mitteilung
in Ihrem Schreiben. Ich meine den Hinweis darauf, daß ich S i e
beeindruckt haben soll (gleich zu Anfang). Jetzt
s c h r e i b e n Sie mir allen Ernstes, daß ich sie beeindruckt
hätte - und wollen damit und mit den Absendern wiederum Eindruck
schinden? Ich weiß nicht, wo es hinführt, wenn ich das Theater
fortsetze. Jedenfalls scheint mir dieser Weg im Moment nicht
übermäßig nützlich; entscheidend ist wohl mehr, w a s an mir in
Ihren Augen so lobenswert erscheint. Und, ehrlich gesagt, mich
überkommen da gemischte Gefühle. Die will ich nicht unausgespro-
chen lassen. Sicher, gerade in unserer realsozialistischen
Sprachkultur pflegt man gerne von so grundsätzlichen Sachen wie
"wechselseitige Bedingtheit" zu reden - aber wenn dergleichen
vorkommt, dann sollte man nicht so tun, als wäre sie, diese wech-
selseitige Bedingtheit, einmal aufhebbar, dann wieder nicht. Hin-
künftig bitte ich Sie jedenfalls inständig, von solchen Befunden
Abstand zu nehmen, die einen prinzipiellen Zusammenhang - einen,
wie er prinzipieller nicht geht - postulieren und zugleich so
tun, als hätte er eben gerade sich nicht nur dem blödesten Auge
offenbart, sondern sich aus einer fatalen Lage ergeben. Damit Sie
auch meinen Willen zur Selbstkritik gewahren, versichere ich
hiermit, auf solche terminologische Kunststücke ab sofort Ver-
zicht zu üben. Bei uns ist nichts "unaufhebbar geworden".
3. Sie wundern sich über solche Sophistik? Ich kann Ihnen sagen,
was mich dazu drängt, Ihnen auch so zu kommen. Wir in der UdSSR,
die im Kreml, sind tatsächlich zu der Überzeugung gelangt, daß
ein bißchen "innerstaatliche Erneuerung" der Wahrung unserer Si-
cherheit nicht schaden kann. Wir geben auch gerne zu, daß wir
sämtliche Maßnahmen, die dazu beitragen, daß die Sowjetunion die
vom Westen angetragene Feindschaft besteht, als ein Werk der
Friedenssicherung verkaufen. Sie müssen das verstehen: In einigen
Jahrzehnten der Fortentwicklung unseres marxistisch-leninisti-
schen Weltbilds haben wir gelernt, die These von der Notwendig-
keit des Krieges, die vom Imperialismus ausgeht, um die
W a r n u n g v o r d e m K r i e g e zu ergänzen. Dies in
der Annahme, daß es auch im Westen viele Menschen geben dürfte,
denen es nicht recht sein kann, wenn wir ihnen unsere Wuchtbrum-
men aufs Haupt schmeißen. Daß wir mit dieser Warnung die nötigen
Mittel für unsere Selbstbehauptung nicht gleich für überflüssig
halten, nicht ersetzen, könnte Ihnen doch klar sein. Die Reihen-
folge ist die: Wir kümmern uns um die ökonomische und militäri-
sche Ausstattung der S o w j e t u n i o n - und sagen dazu, daß
wir damit unseren Feinden die Lust auf einen entscheidenden Waf-
fengang verderben, also d e r M e n s c h h e i t d e n
"F r i e d e n" e r h a l t e n.
4. Es stimmt auch, daß wir im Unterschied zu Ihren westlichen Re-
gierungen uns einen anderen Weg zur V e r m e i d u n g d e s
K r i e g e s vorstellen können als den bisherigen: Nicht im-
merzu einander hinterherrüsten, damit man dem Feind gewachsen
ist, sondern a b r ü s t e n! Unsere Angebote in dieser Rich-
tung dürften ja bekannt sein, ebenso ihre Ablehnung. Ja, auch auf
diese Feld haben wir uns nicht gescheut, unseren Kurs als dien-
lich in den allerhöchsten und säkularen Menschheits- wie Überle-
bensfragen zu propagieren. Aber das ist dieser Kurs natürlich
nur, wenn auch der anderen Seite an ihm gelegen ist Solange an
Abrüstung nur einseitiges Interesse besteht, findet sie nicht
statt, also auch nicht die von den PR-Abteilungen des Kreml, des
Weißen Hauses und sämtlichen Friedensfreunden veranstaltete Fete
unter dem Motto: "Weltpolitik dient der Menschheit!" Mit Verlaub
- wir überlegen uns angesichts des westlichen Auftretens in den
Verhandlungen schon eine Zeit lang, ob wir mit den großen Mensch-
heitsphrasen nicht Schluß machen. Wir haben es einfach satt, daß
die NATO jeden Aufrüstungsschritt mit denselben Sprüchen beglei-
tet.
5. Ihre Anteilnahme an unsere Projekt "Demokratisierung und wirt-
schaftliche Erneuerung" lebt nicht nur von dem Mißverständnis,
ich hätte mich als oberster Sowjet darauf verlegt, die Phrasen
vergangener und heutiger Tage in die Tat umzusetzen. So etwas wie
einen Beweis, daß es mir ernst ist mit meinen Friedensinitiati-
ven, habe ich nicht angetreten und auch nicht nötig. Wenn wir we-
gen der Bemühungen, im Innern einiges umzukrempeln, ernst genom-
men werden, so habe ich nichts dagegen. Gegen die Deutung meiner
Reden ausschließlich nach den ideellen Perspektiven, die ich da
stets einzubauen pflege, muß ich mich allerdings verwahren. Sie
können doch nicht überlesen haben, daß es uns um eine
S t ä r k u n g d e r S o w j e t u n i o n geht, wenn wir ge-
gen Fehler der Partei und gegen Opportunismus im Volk m o b i l
m a c h e n! Es soll ö k o n o m i s c h m e h r herauskommen
aus unserem Laden, und der daraus erwachsende Nutzen fürs Volk
gilt uns als Garant eines n a t i o n a l e n Z u s a m-
m e n h a l t s, den wir wie den Reichtum brauchen. So stellen
wir uns die Antwort auf das Konzept des "Totrüstens" vor, dem wir
als vorgesehene Opfer nichts abgewinnen können.
6. Den "Zusammenhang zwischen umfassender Demokratisierung und
wirtschaftlicher Erneuerung" meinen wir also ein wenig anders.
Ich wüßte auch nicht, wie die praktischen Maßnahmen, die wir ein-
geleitet haben, ein "Exempel innerer Entspannung" sein sollten.
Jetzt wird es doch erst richtig spannend bei uns. Wie wir ande-
rerseits auch schlecht als Exempel für den Demokratisierungspro-
zeß "in allen Ländern der Erde ungeachtet der systembedingten Un-
terschiedlichkeit" dienen können. Das wäre ja noch schöner, daß
so eine "Bewegung" wie bei uns locker auch im Kapitalismus ginge!
Unsere Erneuerung gilt schon u n s e r e m "systembedingten Un-
terschied" und kann auf Ihrem Mist nicht wachsen. Erlauben Sie
mir also an dieser Stelle auch ein Stück Selbstkritik an dem Ein-
druck, den ich durch mein PR-Gehabe erweckt haben muß. Ich will
kein Vorbild sein!
7. Mit unserer neuen Offenheit ist nicht nur der selbstkritische
Umgang mit Fehlern in der Sowjetunion beabsichtigt. Wir werden
uns ab sofort auch nicht mehr mit falschen Freunden im Westen
einlassen, wie wir es jüngst noch einmal exemplarisch verkehrt
auf dem Friedensforum getan haben. Ihr Brief hat mir da gründlich
die Augen geöffnet. Wenn Sie etwas gegen eine "Haltung" unterneh-
men wollen, der "Mißtrauen und Feindseligkeit gegenüber dem Osten
zur 'zweiten Natur' geworden ist", so tun Sie das bitte. Aber was
sagen Sie das ausgerechnet mir? Dasselbe gilt für so Mitteilungen
wie "Wir erwarten von unserer eigenen Regierung...". Ich habe
mich lange gefragt, warum Sie ausgerechnet mich in Ihre häusli-
chen Kritikbemühungen reinziehen wollen. Und was muß ich fest-
stellen? Bitterböse Dinge. Dieselben Menschen, die mir Avancen
machen wegen irgendwelcher beispielgebender Verdienste, die sich
zur Abwendung von allerlei "Unglück" von "unseren Völkern"
höchstförmlich gegen, ihr heimatliches Feindbild wenden, haben
für eben dieses Feindbild ein ausgeprägtes
V e r s t ä n d n i s. Haben Sie wirklich nichts Besseres zu
tun, als m e i n e P e r s o n und unsere Beschlüsse im Kreml
als d a s Argument vorzubringen, das Ihre deutschen Feindbilder
e n t k r ä f t e t? Waren diese berechtigt, als Leonid noch re-
gierte? Sie wollen Oppositionelle in einer raketenbestückten
NATO-Bastion sein? Dann dürfen Sie aber nicht den gemeinen
Schwindel propagieren, daß westliche Feindschaft bzw. Wohlwollen
so etwas wie eine abhängige Variable des Wohlverhaltens zu sein
hätte, das der Kreml an den Tag legt!
8. Für diese Tour bedanke ich mich noch einmal extra. Das schmie-
rige Lob, ich hätte den Feinden der Sowjetunion durch mein unrus-
sisches Benehmen zu denken gegeben, lasse ich mir nicht länger
gefallen. Nicht nur deswegen, weil ein unter Generalverdacht ste-
hender Generalsekretär gar nicht in der Lage ist, es Ihren Regie-
rungen recht zu machen. Auch deswegen, weil ein Generalsekretär
der KPdSU mit der Feind s c h a f t des Westens konfrontiert ist
und nicht die Maßstäbe des Feind b i l d e s zur Richtschnur
seiner Handlungen macht.
9. Auf Ihr wohlwollendes "Weiter so!" kann ich also getrost ver-
zichten. Am Schluß sieht es so aus, als würden wir uns wegen der
"Blätter für deutsche und internationale Politik" so anstellen.
Diesem Eindruck trete ich hiermit mit aller Entschiedenheit ent-
gegen.
gez. Michail und Raissa
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