Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION RECHTE-KRITIKER - Verteidigung des Friedens
zurück
"Bonner Friedensforum e.V.: Aktionshandbuch zum 17. Juni 1983":
RÜBERMARSCHIEREN - ODER WAS?
Das Heft - Organ eines Kreises rechter Freunde des totalen Frie-
dens gegen den Ostblock, die bisher durch die Organisation von
Afghanistan-Demonstrationen und durch Hilfsdienste beim CDU-
'Reichsparteitag' im Hofgarten an die Öffentlichkeit getreten
sind - wird eingeleitet durch ein Grußwort des ehemaligen Mini-
sters für "Innerdeutsches", Rainer Barzel. Dieses Grußwort ent-
hält in Kurzform die hierzulande zur amtlichen Sprachregelung er-
hobenen Lüge, die Ereignisse des 17. Juni 1953 als Auftragan den
Nationalismus w e s t-deutscher Politik zu deuten:
"Wenn wir heute wieder (?) von Deutschland sprechen, dann tun wir
das mit voller Berechtigung im Bewußtsein der ungebrochenen For-
tentwicklung des nationalen Impulses, der damals in der plötzlich
aufflammenden Forderung der Menschen nach Freiheit und Einheit
seine auch für uns gültige Form fand."
Schon die Tatsache, daß das Wiedervereinigungsgebot schon 1953
vier Jahre alt war, widerlegt die Selbstbespiegelung eines west-
deutschen Politikers, selbstloser Anwalt, also bloßes ausfahren-
des Organ von "nationalen Impulsen" zu sein, die ganz ohne sein
Zutun ihm die Richtschnur seiner Politik vorgäben. Daß jedoch die
Vorstellung, Rainer Barzel sei ein Freund von Arbeiteraufständen
(auch wenn sie in Ostberlin stattfinden!) offensichtlich nicht
befürchtet, für grotesk befunden zu werden, liegt an der Selbst-
gerechtigkeit einer "Deutschlandpolitik", die den 17. Juni
gleichgültig dagegen, was da eigentlich sich ereignet hat, als
Berufungstitel für ihr unangreifbares, weil selbsterteiltes
R e c h t zitiert, die Brüder und Schwestern heim in die Repu-
blik holen zu wollen.
Für die Friedensfreunde vom Bonner "Forum" steht dieses Recht so
felsenfest, daß sie gar nicht bemerken, daß sie die Lüge vom ge-
samtvölkischen Auftrag an die Wiedervereinigungspolitik drei Sei-
ten weiter bei der Begründung ihres Anliegens ("Dem Tag der deut-
schen Einheit einen neuen Sinn geben") selber widerlegen:
"Die Menge derer, die noch nahe Verwandte in der DDR haben, ver-
ringert sich von Jahr zu Jahr. Entsprechend reißen die Verbindun-
gen dorthin ab. Es muß also (!) darauf ankommen, neue Verbindun-
gen zu schaffen, um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen
wach zu halten."
Deutlicher kann man nicht belegen, daß das
"Zusammengehörigkeitsgefühl" den von oben in Szene gesetzten und
verfügten Kronzeugen der Politik abgibt: wenn Rentner und Berufs-
vertriebene verantwortungslos einfach wegsterben, dann muß "also"
das reklamierte "Gefühl" an den Tropf gehängt, also propagiert
werden, egal ob es überhaupt noch jemanden gibt, der das staatli-
che Interesse an Wiedervereinigung als Gebot seines persönlichen
"Schicksals" versteht.
Zu diesem Zweck ist dem "Forum" die öffentliche Pflege des natio-
nalen Feier- und Gedenktages "17. Juni" entschieden z u
l a s c h. Sie monieren, daß den Leuten "der Sinn des Feiertages
abhanden gekommen" sei, beklagen die "Lethargie" von "resiginier-
ten und desinteressierten" Bundesbürgern und halten überhaupt das
aktuelle gesamtdeutsche Bewußtsein für "weinerlich", weil es sich
mit den vom "Forum" in Gänsefüßchen gesetzten Realitäten abfinde.
"Mit dem Bekenntnis 'Wir wollen die Wiedervereinigung Deutsch-
lands in Frieden und Freiheit' ist es nicht mehr getan... Den 17.
Juni 1993 nur aus 'moralischer Verpflichtung' gegenüber den Toten
und Verletzten von 1953 zu begehen, hieße, ihm nicht gerecht zu
werden. Am besten, man verzichtet auf die stets vom Geruch der
Heuchelei umgebene 'moralische Verpflichtung' und macht sich zur
Annahme der geistigen Herausforderung bereit."
Die demnächst wieder auf (fast) allen öffentlichen Plätzen des
westdeutschen 'Provisoriums' kundgetane und alltäglich diploma-
tisch praktizierte W i l l e n s erklärung bundesdeutscher Poli-
tik, Land und Leute drüben für die Zuständigkeit der eigenen Ge-
walt zu beanspruchen, wird hier zum bloßen "Bekenntnis". Woran
bemißt sich das ständige "bloß", mit dem einem Nationalfeiertag
vorgehalten wird, an ihm werde nur "gedacht", und Gedenkreden,
sie seien nur Reden: eben, an der T a t! Daraus, daß das Grund-
gesetzgebot n o c h n i c h t verwirklicht ist, daß es bislang
"nur" als dauernde Pression gegen den Osten seinen Dienst tut,
leiten die Bonner Freunde eines buchstäblich grenzüberschreiten-
den Friedens die demonstrative Sorge ab, seine endgültige Einlö-
sung könne womöglich in Vergessenheit geraten sein, um dann ihr
Rezept dagegen anzubieten: Was hat das nationale Programm über-
haupt eine "moralische" Rechtfertigung nötig! Die unzweideutige
Forderung, den 17. Juni nicht länger als "Gedenktag" zu behan-
deln, spiegelt also gerade in der Kritik an der (angeblichen)
bisherigen Praxis den Fortschritt bundesdeutscher Ostpolitik wi-
der, den Anspruch auf den anderen Teil Deutschlands' als ihr ab-
solutes Recht geltend zu machen, ohne dabei an irgendeinen 17.
Juni gebunden zu sein, so sehr dieser auch immer propagandistisch
willkommen ist. D a n n soll man laut "Forum" aber auch mit dem
betulichen Feiertagsgeschwätz aufhören - und stattdessen was? Die
"Annahme der geistigen Herausforderung" wäre doch auch wieder,
derselben Logik gemäß, "nur" ein "Bekenntnis", solange eben nicht
- marschiert wird, und zwar nicht nur im Geiste. Einstweilen wol-
len die Aktionisten des gesamtdeutschen Friedens in Freiheit nach
der "alten Reichshauptstadt" Berlin radeln, welche "Radwanderung"
(Aktion Nr. 22) dann "unnatürlicher" und beabsichtigerweise in
Helmstedt in einem dreitägigen Grenzlager enden wird. Die vorge-
schlagenen
Aktionen
--------
folgen alle dem gleichen Strickmuster. Die feindliche Herrschaft
soll nach Maßgabe der vorausgesetzten Verurteilung
e n t l a r v t werden (Aktion "Partnerstadt": "Den DDR-Bürger-
meister mit einem offenen Brief einladen, nach Westdeutschland zu
kommen"), die hiesigen Bürger sollen gegen die auswärtigen Macht-
haber a u f g e h e t z t werden (Aktion symbolischer
"Mauerbau": Kleidungsvorschlag für die 'DDR-Grenzer': "Grüner
Parker, graue Hose, schwarze Schuhe; bei dem Parker darauf ach-
ten, daß auf dem Ärmel keine bundesdeutsche Fahne aufgenäht
ist!"). Und vor allem soll demonstriert werden, daß es Leute
gibt, die darauf brennen, den "unzähligen Reden" der Politiker
endlich T a t e n folgen zu lassen, vorläufig symbolisch. Die
Manöverplanung
--------------
zur Durchführung der Aktionen liest sich wie ein Handbuch der In-
doktrination und würde bei jedem anderen auf der Stelle zum Mani-
pulations-, wenn nicht gleich zum Stalinismusvorwurf führen.
Kostproben aus "11) Musikveranstaltungen":
"Auf die ganz direkte Tour sollte man es nicht versuchen... Ein
wenig subtiler ist es schon, wenn man den oder die Musikmacher in
den Vordergrund stellt... Man kann die Leute natürlich auch ein-
laden, indem man nur die Musik ankündigt, keinen Anlaß dazu nennt
und die politischen Inhalte heimlich an den Mann bringt... Wenn
alles gut läuft, gehen die Leute am Schluß der Veranstaltung,
wissen nicht so ganz genau, bei wem sie zu Gast waren... usw."
Dieser Wunschtraum perfekt gelungener Indoktrination ist zwar ein
ausgemachter Quatsch, eines aber macht er deutlich: für d e n
guten deutschen Zweck ist jedes Mittel recht.
zurück