Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION RECHTE-KRITIKER - Verteidigung des Friedens
zurück
Psychologie der "Kriegsgefahr"
KONJUNKTUR DER ANGST
Unter der Parole "Fürchtet euch - der Atomtod bedroht euch alle!"
etablierte sich eine positiv gesinnte Menschheit, die es sich
leistete, selbst angesichts der offenkundigsten Taten und
Absichten der Politiker sich von "dem" Atomtod bedroht zu fühlen;
die nicht im Traum daran dachte, das Vertrauen in die Figuren,
von denen jedermann abhängig ist, aufzugeben, sondern sich im
Gegenteil mit einer, wie die öffentliche Meinung kritisch
anmerkte, "plakativ zur Schau getragenen", Angst vertrauensselig
an die Angstmacher wandte.
Der Ausruf "Ich habe Angst, Herr Bundeskanzler!" ist nichts als
die Mitteilung an die eigene Herrschaft, daß man sich von ihr be-
troffen fühlt, ist eben das Gegenteil eines Angriffs auf sie,
weil es ausgerechnet von denen, die einem schon in Friedenszeiten
mit ihren Kriegsvorbereitungen das Leben schwer machen, die
A n e r k e n n u n g des eigenen A u s g e l i e f e r t-
s e i n s verlangt, also als Opfer B e r ü c k s i c h t i-
g u n g fordert. Ein schöner Freibrief an die Politiker, sich
bei ihrem Treiben durch keinerlei Ansprüche der Beherrschten
stören zu lassen!
Der Kanzler zeigte von Anfang an, daß ihm auch diese brave Oppo-
sition noch zu kritisch war: Friedenssehnsucht ist ja schön und
gut, darf aber auf keinen Fall ihrer verantwortungsvollen Umset-
zung in Friedensliebe in die Quere kommen, weil es schließlich
nicht angeht, daß sich die Politik nach den Gefühlen der von ihr
Betroffenen richtet, und riet bei Angstsymptomen zum "Seelsorger
und in letzter Instanz zu dem Vertrauen in Gott". Zwar wurde der
Glauben, mit der eigenen Betroffenheit Eindruck zu schinden,
durch die Beflissenheit der Politiker, die von ihnen beschlosse-
nen täglichen Aufrüstungsmaßnahmen zu finanzieren, glänzend wi-
derlegt; - doch auch für die Friedensbewegung blieb der Lohn der
Angst nicht aus: sowohl zahlenmäßig als auch im Urteil der Öf-
fentlichkeit wurde sie zu der anerkannten Agentur der Friedens-
sehnsucht in unserem Lande.
Die Angst der jungen Generation wurde zu einem Standardthema der
Politiker, zu der sich wirkungsvoll eine "nicht vom Irrationalen"
begründete Aufrüstungs- und Sicherheitspolitik kontrastieren
ließ. Allen voran SPD-Ideologe H.-J. Vogel, der
"die Sorge vor Katastrophen bisher unbekannten Ausmaßes für nicht
unbegründet" anerkannte und forderte, ihr ausgerechnet "mit Hoff-
nung zu begegnen". Schließlich habe immerhin "Christus den Tod
und die Ewigkeitsangst (?) überwunden", und letztendllch bedeute
"die Bejahung der Lernfähigkeit des Menschen ja auch, daß seine
Kräfte zur Abwehr der Gefahr in einem raisonablen Verhältnis zur
Größe der Gefahr wachsen",
wofür kein anderer als der Kanzler selbst als Beleg herangenommen
werden kann, der regierungsamtlich erklärt:
"Wir in der Bundesregierung dürfen uns von der Angst nicht über-
wältigen lassen. Wir sind dem Volk verantwortlich dafür, daß wir
auch im Zustand der Ängstigung vernünftig handeln."
Daß der Bitte der Friedensbewegung, in ihrem friedliebenden Pro-
test Anerkennung zu finden, von den Politikern ganz offensiv ent-
sprochen wird, wurde von den friedensbewegten Leuten mit Befrie-
digung als Beleg dafür zur Kenntnis genommen, daß man nun nicht
mehr einfach an ihrer Angst vorbeiregieren kann.
Man übernimmt daher auch ganz freiwillig alle Maßstäbe der Glaub-
würdigkeit, die einem die Politik vorsetzt, und das sind immer
die ihren Zwecken gemäßen. Das Programm der Glaubwürdigkeit hat
so das Gerede von der Angst vor dem Krieg aus den Reihen der
Friedensbewegung verschwinden lassen oder anders gesagt: Die
Angst ist vollends politisch berechnend geworden. Man soll sich
nämlich vor einem Schlachtfeld Europa fürchten, das die Groß-
mächte für ihren Krieg mißbrauchen, weil die Russen nicht nachge-
ben wollen. Das größte Opfer ist überhaupt die BRD, weil sie von
fremdem Militär statt bloß vom eigenen besetzt ist, weshalb man
den Russen das friedensstiftende Angebot macht, mindestens die
DDR und Polen, am besten aber gleich den ganzen europäischen Teil
des Ostblocks herauszurücken, so daß ein vereintes Europa mit ei-
nem Großdeutschland an der Spitze wieder soviel Souveränität er-
langt, daß es mit Hilfe einer wirklich sinnvollen und nur vertei-
digungsmäßigen Aufrüstung selbst entscheiden kann, wann und wo es
zuschlägt und sich dies nicht mehr von den Weltmächten vorzu-
schreiben lassen braucht, weil es selber eine ist. Der Unter-
schied zur offiziellen Politik besteht nur noch darin, das
a l l e s o h n e Krieg haben zu wollen. Dieser Imperialismus
von unten, der seine Kriegsangst inzwischen schon auf ganz Europa
ausgedehnt hat, ist daher von den professoralen Begutachtern des
Volkes, der Öffentlichkeit und der Wissenschaft, in einer Weise
gewürdigt worden, die er durchaus verdient hat.
Auf der Suche nach der verlorenen Angst
---------------------------------------
Einem kritischen Psychologen in der Zeitschrift 'Warum' fällt an
der "drohenden Weltkriegsgefahr" als erstes auf, daß er nicht so
viel Angst davor habe, wie er eigentlich haben müßte.
"Jeden Tag lese ich in der Zeitung neue Meldungen über die stei-
gende Kriegsgefahr aber eigenartigerweise: ich habe keine Angst
und ich weiß, daß ich Angst haben müßte."
Durch die psychologische Diagnose - dem "Ich"-Publikum fehlen
Schweißausbrüche und weiche Knie - bereitet er seine Suche nach
der verlorenen "Angstfähigkeit" vor, die er zu d e m Mensch-
heitsproblem erklärt:
"Wir haben zu wenig Angst. Unsere Angstfähigkeit ist vernichtet.
Und damit ist der Weg zur Selbstzerstörung bereitet."
Es geht also um die Fähigkeit zur Angst, und das hat mit dem Ge-
fühl ohnmächtiger Betroffenheit, das die Angst ist, geschweige
denn mit ihren Gründen, nichts mehr zu tun. Nicht "Was ist Gegen-
stand meiner Angst?", sondern die Fähigkeit zur Angst und ihre
Wirkung auf das eingebildete psychologische Subjekt, das wie im-
mer von der "Selbstzerstörung" bedroht sein soll, ist der Gegen-
stand. Damit wird das Gefühl der Angst von seinem Inhalt getrennt
und als inhaltsleere Möglichkeit seiner selbst, eben als die Fä-
higkeit zum Angsthaben, im Menschen erfunden. Auf der ganzen Welt
gibt es dann auch keinen Grund mehr, zu erschrecken -- außer vor
sich selbst -, weil es im Individuum liegt, was es auf der Welt
als "auslösenden Reiz" für ein "Angstverhalten" determiniert.
"Ich sehe, wie dieser Mechanismus bei mir wirkt: Jede neue
Schreckensmeldung ist mir eine Qual. Aber ich überlebe. Und so
wird mir bestätigt, daß eigentlich alles gar nicht so schlimm
ist. Gegenüber der großen Gefahr bin ich bereits desensibili-
siert."
Die Logik dieser geheuchelten Betroffenheit - weil ein G r u n d
zur Angst nur ein Grund zur Angst ist und einen nicht gleich
umbringt, soll die Angst vergehen -, will plausibel machen, daß
der 3. Weltkrieg deshalb stattfinden wird, w e i l die Leute zu
wenig "Angstfähigkeit" davor haben. Die traurige Wahrheit, daß
die Kriegsvorbereitung der NATO niemanden besonders betroffen
macht, benützt der Psychologe zur Illustration seiner Erfindung
des Nicht-Erschreckens als massenpsychologisches Syndrom, wofür
er sich selbst als "Fall" vorführt. Hier sieht er das Prinzip
mangelnder Erlebnisfähigkeit am Werk und diese U n-fähigkeit
soll für den Krieg verantwortlich sein.
"Die Atomgefahr verkehrt die Werte von psychischer Pathologie in
Normalität. Wer eine Höhle kauft in den Rocky Mountains oder -
wie jener Pfälzer Pfarrer - für sich und seine Gemeinde in seinem
Garten einen Atombunker baut, wer Vorräte anlegt, der verhält
sich heuto normal, realistisch, realitätsgerecht.
Und doch sind dies nur symbolische Akte, die die Selbstzerstörung
nicht verhindern können - die sie vielleicht sogar beschleunigen,
weil sie das Gefühl der Sicherheit vermitteln. Zeitalter der Psy-
chopathologie."
Für einen Psychologen, dem es um das korrekte Gewicht der Angst
im Seelenhaushalt geht, sind ausgerechnet Leute, die aus ihrer
Angst praktische Konsequenzen ziehen, verrückt - und die eigent-
liche Gefahr. Und zwar nicht deshalb, weil sie tatsächlich zu
verrückten Taten schreiten, sondern weil sie damit angeblich ihre
Angst überwinden.
Völlig verfehlt also, dieses Musterexemplar psychologischen Den-
kens zu fragen, wie er denn mit seiner Kultivierung der Angst
einen Reagan hindern will, der UdSSR mit allen Mitteln den Garaus
zu machen. Es ist eben der Mensch, der da vor sich selbst ver-
sagt.
"Angst, so wissen wir psychologisch Gebildeten, das ist emotiona-
ler Ballast, den man abwerfen sollte. Angst ist ungesund. Angst,
das ist der Bodensatz unserer Gefühle und gehört gefälligst aus
der Person herausgekehrt, damit sie sich frei entwickeln kann.
Aber gilt dies auch für die reale Angst, und haben wir zuviel
Angst?" (Alle Zitate aus 'Warum', Dez. 81)
Die NATO-Aufrüstung hat also auch ihr Gutes: Sie gibt Gelegen-
heit, sich mit der Fruchtbarkeit der Angst als neuem theoreti-
schen Ansatz zu profilieren und eine alte Debatte der Disziplin
mit brandaktuellem Illustrationsmaterial wiederzubeleben. Was
'Warum' recht ist, ist anderen Psychologen nur billig: nämlich
irgendwelche erfundenen Seelenregungen der Leute zum Grund für
all das zu machen, was staatlicherseits mit ihnen angestellt
wird. Und was liegt da näher, als die staatsbürgerliche
"Stimmungslage" herzunehmen, die mit der Beschwörung "der Kriegs-
gefahr" öffentliches Thema geworden ist.
So werden die Reaktionen der Leute zum Grund für all das gemacht,
was staatlicherseits mit ihnen angestellt wird:
"Wenn der Angstspiegel steigt", weiß der Münchner Psychologiepro-
fessor Willi Butollo, "verhalten sich die Menschen eher so, daß
das Ereignis, vor dem sie Angst haben, wahrscheinlicher wird."
Die Gefahr ist unübersehbar. Da schüren sich überall Ängste und
Feindbilder, so daß man am Ende befürchten muß,
"daß die Eigendynamik dieses Teufelskreises eines Tages außer
Kontrolle geraten könnte",
meint die Psychologin Eva Dane, TU Braunschweig.
Krieg essen Seele nicht auf
---------------------------
Wer so mehr Hygiene der Angst fordert, der hat längst keine mehr,
und das liegt nicht zuletzt an dem falschen Urteil, es gäbe eine
ominöse Kriegsgefahr, die die Menschheit mit ihrem Untergang be-
drohe, womit die eigenen Führer schon im voraus entschuldigt sind
für den Fall, daß sie einmal zurückschießen lassen müssen. Von
der eigenen Herrschaft will es eben niemand glauben, daß sie zur
Verteidigung ihrer weltweiten Interessen ihre Jungs auch mal am
Persischen Golf oder im Südatlantik verheizt, sondern man malt
sich eine Abartigkeit des Menschen aus, spürt "fatale Sehnsüchte
nach Stahlgewittern" in ihr auf und macht empirische Untersuchun-
gen des Inhalts, daß sich die psychischen Schäden bei Kindern,
die in den beiden Bürgerkriegsgebieten Nordirland und Libanon
aufgewachsen sind, in Grenzen hielten, sie es also ganz gut noch
ein paar Jährchen aushalten dürften.
"Die Psychologinnen von der Queens University befürchten, ihre
Erkenntnisse könnten als Zeichen dafür gewertet werden, daß Ul-
ster gut mit der Gewalt leben kann, oder daß wir Akademiker über
die sozialen Konflikte völlig erhaben sind. Es geht lediglich
darum, daß heute die psychologische Forschung zu der Schlußfolge-
rung kommt, die Kinder seien wesentlich n o r m a l e r und wi-
derstands f ä h i g e r als bisher erwartet wurde. ... Den mei-
sten der Kinder ginge es heute wieder gut."
Auch eine bemerkenswerte wissenschaftliche Leistung, am Menschen-
material dieser Kriege nach wie vor eine intakte Psyche festzu-
stellen, weil die Menschen die F ä h i g k e i t zum
A u s h a l t e n haben. Wer hätte das gedacht - der Mensch ist
kriegstauglich.
Angst fressen Wehrkraft auf
---------------------------
Die Verwaltung der Angst gehört also endlich in die richtigen
Hände gelegt, und das sind immer die der Politiker,
"deren selbstgewählte Aufgabe es schließlich ist, Bedingungen zu
schaffen oder zu erhalten, unter denen es für die einzelnen mög-
lich ist, ihr Leben sinnvoll zu gestalten", (ibid.)
damit die Leute wieder wissen, wofür es sich lohnt, Angst zu ha-
ben.
"Unterdrückte, nicht gezeigte Angst führt nämlich zu Hoffnungslo-
sigkeit" (ibid.), und da seien Gott und die Politiker vor, denn
sonst frißt die Angst noch die Wehrkraft auf. Dies zumindest be-
fürchtet die "FAZ", die ihren Herrn Held formulieren läßt, daß es
"eine Erosion der Werte gibt, die bewirkt, daß Angst nun in frei-
mütigem Exhibitionismus zum gesellschaftlich bestimenden Wert er-
hoben wird."
Dies ist natürlich eine
"Verwirrung der Rangfolge der Werte", an der die Politiker nicht
ganz unschuldig sind, hätten sie doch schon früher "das Volk über
militärische Erkenntnisse und Notwendigkeiten in Kenntnis setzen
müssen".
Der Schluß ist für einen Hetzjournalisten dieses Kalibers klar:
Vorfindlich ist ein Volk, in dem die "Kultivierung der Angst"
Mode geworden ist, anstatt ein Volk zu haben, das die jetzigen
Gegebenheiten mit "guten Nerven und gefaßtem Mut" ertrüge. So
aber konnte die Angst zur "vierten Gewalt" werden, womit er nur
sagen wollte, daß der bloße Hinweis auf die eigene Betroffenheit
sich den Verdacht staatsfeindlicher Umtriebe gefallen lassen muß.
Mut ist die adäquate Haltung in diesen schweren Vorkriegszeiten,
erst recht für deren Ende. Ein Ronald Reagan darf versichern,
auch er habe Angst vor einem Atomkrieg, weil er damit die Notwen-
digkeit der Abschreckung unterstreicht. Der normale Mensch hat
sich in dieses für ihn gefährliche Programm zu schicken und die
freie Kalkulation seiner Politiker mit Krieg und Frieden nicht
mit falschen Gefühlen oder Angstgerede zu behindern. Angst ist
keine Tugend des Krieges. Also wird sich in Zukunft auch die Psy-
chologie der zeitgemäßen Aufgabe widmen, an der Heimatfront und
im Felde, die Leute f ä h i g zum M u t zu machen. 1914 je-
denfalls schickte man auch Psychiater zur Bekämpfung der
"Unterstandsangst" in die Schützengräben...
zurück