Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie


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       Bremer Hochschulzeitung Ausgabe Naturwissenschaften, 23.06.1980
       
       Holger Strohm: Politische Ökologie, Rowohlt, knapp 400 Seiten
       

EIN SEHR POLITISCHER WALD- UND WIESENFAN

Wie alle ökologischen Schinken wartet auch dieser Autor statt mit wissenschaftlichen Ergebnissen mit einer philosophisch herausge- putzten Sorte Verantwortung auf, nach der zwar niemand verlangt hat, der sich aber jeder Ökologe seit ein paar Jährchen ver- pflichtet weiß. Nichts Geringeres als die Sorge um das überleben der ganzen Menschheit samt ihrer Unterlage, des Erdballs, haben sie sich in ihre Bücher geschrieben. Mit Wissenschaft hat das Ganze nichts zu tun - "Wenn sich jedoch nicht die Erkenntnis durchsetzt, daß der Mensch selbst den Naturgesetzlichkeiten unterworfen ist, so gefährdet er sich selbst." (22) Wenn es Gesetze der Natur sind, von denen hier die Rede ist, dann werden sie wohl auch ihre Geltung haben - unabhängig davon, wie der Mensch, der sie herausgebracht hat, darüber denken mag. Er- forscht hat er sie schließlich, um sie sich bei der Beherrschung der Natur zunutze zu machen, indem er sie für seine Zwecke anwen- det. Wieso sollte er also so tun als kümmerten ihn die Gesetze der Mechanik und der Atomphysik nicht weiter und sich darüber- hinaus auch noch g e g e n sie aufführen. Wie sollte das auch gehen? Die Erkenntnis von Naturgesetzen liegt also vor, und ihnen unterwirft sich der Mensch, weil er mit ihnen die Natur bemei- stert. Welche Erkenntnis soll sich da noch durchsetzen? Es sei denn, STROHM will gar nicht die Gesetzlichkeiten der Natur ge- meint haben, sondern etwas davon ganz Verschiedenes, das er nur mit dem Namen "Naturgesetzlichkeiten " belegt. Dann freilich kön- nen sie einem im Umgang mit der Natur tatsächlich wurscht sein, so daß der Ökologe erst noch dafür werben muß, daß sich der Mensch seiner Erfindung unterwirft. Daß der Autor hier eine Fik- tion in die Welt gesetzt hat, die im Gewand der Naturwissenschaft daherkommt, dafür bietet sein Buch mehr Anhaltspunkte als genug. Es ist - soviel sei vorweggenommen -- eine Ansprache der Moral, die die Ökonomie vom Standpunkt eines Naturbildes aus kritisiert, ihre kapitalistischen Zwecke daher nicht angreift, sondern ihnen ein reaktionäres Ideal eines neuen Menschen ohne Bedürfnisse an die Seite stellt und deshalb zuguterletzt auch noch sehr poli- tisch wird: Ohne den gezielten Einsatz der staatlichen G e w a l t sind seine "N a t u r gesetzlichkeiten" einfach nicht durchzusetzen. Ökologie gegen Ökonomie: Einfach unrentabel ------------------------------------------- Kernkraftwerke waren einmal der Anlaß für das Entstehen der öko- logischen Weltanschauung. Als bevorzugtes Demonstrationsobjekt tauchen sie in jedem ökologischen Buch auf, also auch bei STROHM. An ihnen demonstriert der Autor, wie man die Ökonomie ökologisch kritisiert: "Kernkraftwerke sind nicht wirtschaftlich. Trotz hoher Subventio- nen ist der Atomstrom fast die teuerste Energie. Außerdem tg durch Atomkraftwerke bisher mehr Energie verbraucht als erzeugt worden. Das ist folgendermaßen zu erklären: Bevor ein Kernkraft- werk Energie erzeugen kann, muß man zuerst sehr viel Energie hin- einstecken, um a) die Baustelle zu erschließen... b) die technische Ausrüstung... zu fertigen c) das Uranerz abzubauen..." (138) Nicht wirtschaftlich sollen sie also sein. Sehen wir einmal ab von dem Hammer, daß ein Kritiker lebensgefährlicher Atommeiler ausgerechnet das Kriterium in Anschlag bringt, aufgrund dessen sie in die Welt gesetzt werden: das Kalkül mit Kosten und Ertrag in Heller und Pfennig. Die Kraftwerksgesellschaften scheinen da- mit jedenfalls recht gut zu fahren, und dicht gemacht hat den La- den noch keine einzige. Es wird also der ökonomische Standpunkt der Rentabilität eingenommen und sein Resultat bestritten. Im Un- terschied zu den Stromerzeugern kommt STROHM mit seiner Rechnung in die roten Zahlen. Wie macht er das? Er rechnet einfach nicht in Mark und Pfennig, sondern addiert Energieaufwand für den Kraftwerksbau und -betrieb zusammen, vergleicht mit der erzeugten Energiemenge, stellt fest, daß vorne mehr reingesteckt wurde, als hinten rauskommt - und behauptet nun noch, er hätte doch in har- ter deutscher Währung gerechnet: Unterschiedlich große Energie- quanta werden w i e unterschiedliche Kostengrößen betrachtet, statt deren Kosten und Erträge festzuhalten. Der Meister gesteht seinen Trick selbst ein, indem er darauf hinweist, daß ein Gut- teil seiner Energiemengen - siehe a) bis c) - für den Kernkraft- werksbetreiber als Kosten gar nicht in Erscheinung treten, weil sie staatlicherseits unter dem Haushaltsposten 'Subvention' ver- bucht werden, u m die Rentabilität herzustellen. Und die geht eingestandenermaßen über Leichen; die zu jedem KKW gehörigen staatlichen Katastrophenschutzpläne sind dafür ein untrüglicher Beweis. Der Idealismus dieser Ökonomiekritik liegt auf der Hand: Sie tut nur so, als teile sie das Kalkül der Rentabilität, um es zu widerlegen: "Unrentabel" ist daher auch nur der Absicht nach ein ökonomischer Ausdruck: er ist bloße Übersetzung für die Rech- nung, daß AKW mehr Energie verschlingen sollen, als sie hinterher ausspucken. Die Sache mit der Knappheit --------------------------- sieht der Mann dementsprechend so: "Um unsere Existenz und die unserer Kinder allerdings ist es schlecht bestellt, denn seit 1940 hat die moderne Industriege- sellschaft z.B. mehr Rohmetall verbraucht als während der gesamten bisherigen Geschichte. Während der letzten 10 Jahre ist die Weltproduktion an Industriemetallen um mehr als 6% pro Jahr gestiegen. Das, obgleich (!) bereits heute ein Mangel an Silber, Quecksilber, Zinn... abzusehen (!) ist." (188) Daß der gewinnträchtige Abbau und die Weiterverarbeitung von Sil- ber, Quecksilber etc. in kapitalistischen Betrieben den Vätern "unserer Kinder" bislang über Quecksüberthermometer und Freund- schaftsringe hinaus irgendeinen Vorteil gebracht hätte, muß be- zweifelt werden. Verlustig gehen kann er also keinesfalls, nur weil die Kapitalanlage in Zweigen der Erzförderung aufhört. Aber warum sollte sie das? Solange dieses Zeug für ein Geschäft gut ist, läßt jeder Geschäftsmann es aus dem Boden holen, und mancher macht mit dem Zeug ein Geschäft, ohne je einen Silberbarren gese- hen zu haben. Der Geschäftsmann orientiert sich dabei eben an den Kosten, die dafür aufzubringen sind ebenso wie an den Preisen, die er hinterher damit erzielt. Und solange der Gewinn stimmt, werden diese Rohstoffe weiter ausgebuddelt. Für ihn ist es also überhaupt kein Problem daß die ausgegrabenen Erze nicht mehr im Boden liegen - außer, daß der weitere Abbau neu zu erschließender Vorkommen zusätzliche Kosten verursacht, die niemand scheut, so- lange sie für ein Geschäft gut sind. Und wo tatsächlich die ge- ringer werdende Menge an solchen Stoffen die Preise in die Höhe treibt, stehen schon Konkurrenten mit allerlei alternativen Pro- dukten in den Startlöchern, die an die Stelle der edlen und weni- ger edlen Metalle treten. Wo ist da das Problem? Der Ökologe sieht die Sache dagegen so: an jedem Zentner Zinn, der aus dem Boden gehoben wird, befällt ihn die Sorge, daß er jetzt nicht mehr ab Vorrat unter dem Boden liegt. Daher seine Konsequenz, wegen der Abnahme von Zinnlagern auf deren weitere Nutzung zu verzichten. Die Nutzung der natürlichen Ressourcen wird damit kritisiert, daß dabei die M ö g l i c h k e i t, sie zu benutzen, draufgeht - klar, was verbraucht ist, ist ver- braucht, aber das war ja gerade beabsichtigt. Nur will STROHM es so einfach nicht gesagt haben: Für ihn geht mit Zinn und Silber auch die Produktion zur Neige, so daß es "schlecht bestellt" sein soll um unsere Nachfahren. Wieso eigentlich? Die H e r s t e l l u n g von Reichtum (seine kapitalistische Form interessiert den Mann ohnehin nicht), seine Produktion wird ge- leugnet mit dem Hinweis auf die dafür aufgezehrten Materialien. Produktion ist für ihn daher Produktion von K n a p p h e i t, womit er nicht den schmalen Geldbeutel derer meint, die von dem wahrhaft massenhaft rumliegenden Kapitalreichtum ausgeschlossen bleiben, weil sie ihn als Lohnarbeiter hergestellt haben. Der Ökologe steht nun vor dem Dilemma, sich eine Produktion vor- zustellen, die auf Verarbeitung von Naturstoffen verzichtet, weil sein Ideal eine Produktion ist, die sich die Erhaltung ihrer Mit- tel zum Zweck setzt: Er macht die Rechnung 1 Regal = 2 Kiefern weniger auf und stellt dies als einen Verlust hin. Weil aber auch der Ökologe von etwas leben muß, fällt STROHM folgende sinnige Unterscheidung von Produktionsmaterialien ein: "Rohstoffe, die 'nachwachsen'" im Gegensatz zu solchen, "die nicht 'nachwachsen'". (199) Sie säen nicht, der liebe Gott ernährt sie nicht, ------------------------------------------------- aber ernten tun sie doch ------------------------ lautet, knapp zusammengefaßt, der ökologische Befund über die Produktion: Er stellt sie sich einfach als Wegnehmen und Aufzeh- ren von Natur vor, so daß am Ende nichts mehr von ihr übrig und die natürliche Basis der Produktion zerstört ist. Für diese Vor- stellung wirbt er mit Beispielen, die seine These allerdings glatt widerlegen: "Viele Wahrheiten sind heute fast ausgestorben, da sie vom Men- schen rücksichtslos und grausam ausgefischt wurden." (29) Selbst dort, wo der Produzent wirklich abhängig ist von den Fischlein, die ihm die Natur anbietet, heißt ihr Ausfischen kei- neswegs, daß diese natürliche Ernährungsquelle zerstört wird. Man muß, will man auch künftig Lebertran verdrücken, auf die Fort- pflanzung der Tiere einfach Rücksicht nehmen, dann wird's auch weiterhin welche geben. Das Bild allerdings, daß solche "Ernte" ohne zu säen im Nichts mündet, pinselt der Mann aus, um zu beweisen, daß alle Produktion nicht Herstellung von Reichtum, sondern Aufzehren vorhandenen na- türlichen Reichtums ist, der nicht "gesät" werden kann, so daß ihr schließlich gar nichts anderer, bleibt, als beim Nichts zu landen. Ein Mensch im 20. Jahrhundert macht so konsequent die vorsteinzeitlichen Artgenossen zum Ideal seiner Produktion, die umso besser ist, je weniger sie stattfindet: "Ursprünglich übte der Mensch nur einen geringen Einfluß auf die Natur aus (aber leider schon immer Einfluß!). Er lebte als Samm- ler und Jäger, gezwungen sich der natürlichen Umwelt anzupassen. (Es) folgte der Übergang zu Ackerbau und Viehzucht. Große Flä- chenden abgebrannt oder gerodet, um neues Ackerland zu gewinnen. Häufig verwandelten sich diese Böden, ihrer natürlichen Schutzme- chanismen beraubt, in trockene, unfruchtbare Landschaften oder sogar in Wüsten." (17) Die Lösung dieses Schein-Problems ist denkbar einfach: Wenn man Landwirtschaft betreiben will, schafft man sich die Voraussetzun- gen dafür, Bodenerosion muß nicht das Resultat davon sein. Daß unter kapitalistischer Regie Ackerbau bei Ruinierung des Bodens betrieben wird, ist für STROHM der Auftakt für sein Argument, um dies zu verallgemeinern, gerade von der besonderen Produktions- weise abzusehen. Er setzt die Nutzung von natürlichen Reichtümern identisch mit der Zerstörung ihrer natürlichen Basis, so daß es gar keine wirklich ökologische Produktionsweise geben kann. Es ist die eine Produktionsweise immer nur ökologisch e r als die weiter entwickelte, je nachdem, wie wenig sie von Naturbeherr- schung Gebrauch macht. Streng genommen ist seine Vorstellung also eingelöst im Bild von einem Menschen o h n e Produktion. weil nur hier entfällt, was er als "Eingriff" in die Natur beklagt. Aber selbst in diesem Fall üben seine "Jäger und Sammler" immerhin einen "geringen Ein- fluß" auf die Natur aus. Folgerichtig zielt sein Ideal in letzter Konsequenz auf den Zustand der Natur o h n e Mensch. Womit das ganze Geheimnis der STROHMschen Kritik an Ökonomie und Produktion verraten wäre: Fabriken, Bauernhöfe und die Wirtschaft werden ge- messen an einem N a t u r b i l d das sie sich zum Zweck zu ma- chen hätten. aber leider nicht tun... Natürliches Gleichgewicht der Ökologie... ----------------------------------------- Das ganze Gejammer lebt von der Erfindung, der Natur ein Telos anzuhängen, ihrem eigenen "Prinzip" treu zu bleiben. Und eben dieses angebliche Bemühen von Bäumen, Flüssen und Ameisen wird durch jeden "äußeren Eingriff" ge- bzw. zerstört: "Inmitten dieses endlosen Wechsels hält das Leben an einem Prin- zip fest: Alle Stoffe und Energien, die zum Leben benötigt wer- den, bewegen sich in einem großen geschlossenen Kreislauf, aus dem nichts entrinnen kann und der von den Energien der Sonne auf- rechterhalten wird. Das Leben reguliert sich selbst. Alle Lebewe- sen, die essen, werden gegessen, und alles, was freßbar ist, wird gefressen... Alles benötigte Sonnenlicht wird genutzt. Von allen auf der Erde befindlichen Dingen wird nichts vom Dasein ausge- schlossen und nichts hinzugefügt, aber fast alles wird genutzt, gebraucht und auf vielerlei Weise wieder verwendet." (13) Also: "Alle Stoffe und Energien, die zum Leben benötigt werden", werden wohl auch vorn Leben benötigt. Da Kühe ihr Gras brauchen, weiden sie eben auf solchem und nicht in der Sahara. Würden sie dagegen in der Sahara herumstehen, könnten sie das gar nicht, weil es am Grünfutter hapert. Aber deswegen gibt es in der Sahara auch keine Kühe und glücklicherweise das grüne Zeug dort, wo sie weiden. Fertig ist die Tautologie, daß Lebewesen nicht existieren können, wo ihre Existenzbedingungen einfach nicht vorhanden sind, dagegen sehr wohl existieren, wo sie leben können. Aber diese schlichte Tatsache will der Ökologe nicht behauptet haben: Er hat den folgenden Gedanken hinter sich: zunächst betrachtet er einen vorgefundenen Zustand der Natur, in unserem Beispiel weidende Fleckviecher. Dann denkt er sie sich getrennt von ihrer grünen Unterlage, um festzustellen, daß sie ohne gar nicht weiden und existieren könnten. Da er sie aber eben als Weidevieh angetroffen hat, weil es seine Trennung in der Natur gar nicht gibt, erklärt er nun diesen vorfindlichen Zustand als. von der Natur sinn- und zweckvoll bewerkstelligte Lösung seines e r f u n d e n e n Problems, nämlich Lebewesen mit ihren gedanklich von ihnen abge- lösten Existenzbedingungen wieder zu vereinen. Zum Z w e c k der Natur erklärt er, die von i h m getrennten Bestimmungen wieder zusammenzubringen und darin ihr "ökologisches Gleichge- wicht" zu finden, das sie aus "Prinzip" sucht: Das Tolle an die- sem Witz ist, daß er auf j e d e n Naturzustand paßt: Nicht nur der deutsche Wald ist ein "Ökosystem", auch der Sahara ist nichts Gegenteiliges nachzusagen. Alles, was dort lebt, k a n n dort auch leben - auch wenn es keine Hirsche, dafür aber Skorpione und so Zeug gibt. Ganz im Gegenteil dazu gerät dieses "Gleichgewicht" sofort aus den Fugen, wenn der Mensch sich nicht die fiktiven Regeln des Kontrollsystems Natur zu eigen macht. Gegenüber diesem Naturstaat benimmt sich der Mensch nämlich ziemlich rüpelhaft: "Sogar in manchen Idyllen der Alpen sterben Enzian, Edelweiß, Al- menrausch usw. aus... Deutschlands letzte Zirbelbäume und der aussterbend. Grüne Regenwurm, ganze Steinwildrudel und Hunderte der seltensten Pflanzen wie der Knollenknöterich und das Fleisch- rote Läusekraut, Brillenschötchen, Teufelskralle und Schwalben- wurzenzian." (23) Klar, wer an Grünen Regenwürmern hängt, muß sich um ihren Erhalt kümmern ebenso wie alle Freunde vom Knollenknöterich. Nur will der Meister wieder nicht sagen, daß ihr Aussterben für diese Leute ein Verlust sei, sondern -- für die Natur. Das glaubt aber selbst das Läusekraut nicht, und den Zirbelbaum juckt die Grille des Ökologen vom "ökologischen Gleichgewicht" keineswegs. Aber wer die Natur v e r e h r t, statt sie zu erklären, verwandelt auch prompt einen Grünen Regenwurm in das Kleinformat eines Men- schen, der über den Verlust eines Artgenossen trauert, der ihm lieb und teuer ist: "Jeder Verlust einer Pflanzenart hinterläßt ein Loch, das nicht gestopft werden kann." Das Ideal einer sich selbst zum Zweck setzenden und regelnden Na- tur erweist sich bereits als luftige Konstruktion, wenn man be- denkt, daß kein einziges Wald- und Wiesensystem heutzutage exi- stiert, das nicht Produkt von Forstarbeit und Rasenmäher ist. Aber tauglich ist sie für die Botschaft, daß der Mensch sich an- gesichts dieses wundersamen Gleichgewichtssystems die Unterord- nung unter diese Fiktion zum Zweck setzen muß, weil alles andere sie stört. Daß er dies tun sollte, weil er von der Natur abhängig ist, bildet den ebenso konsequenten wie falschen Abschluß der versponnenen Gedankenwelt der Ökologie: längst muß der Mensch nicht mehr auf das Nachwachsen von Walfischen für seinen Nah- rungsbedarf warten. Umgekehrt ist er derjenige, der mit den Kenntnissen der Naturgesetze durch ihre Anwendung die Natur re- produziert und sich dienstbar macht. Ein Problem freilich hat sich der Ökologe damit selbst geschaf- fen: Wenn es sich so verhält, wie er mit seinen Kassandrarufen von der Naturzerstörung und dem drohenden Ende der Menschheit sagt, warum hört dann eigentlich niemand auf ihn? Dabei hält er alle seine angekündigten Konsequenzen für solche, "die dringend notwendig sind, die einem der gesunde Menschenverstand sagen kann." Die reaktionäre Lösung dieser hausgemachten Denksportauf- gabe firmiert unter dem Stichwort "Kapitalismuskritik" und hat, das allerdings nicht ganz zu unrecht, Holger den Titel "Politischer Ökologe" eingetragen. Künstlicher Kapitalismus gegen natürliche Bedürfnisse ----------------------------------------------------- "Ein sich verdoppelndes Wirtschaftswachstum ist auf Dauer jedoch nicht möglich. Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Erfinder des Schachspiels, dessen König ihm für das Spiel jeweils die dop- pelte Menge an Getreidekörnern für jedes Feld auf dem Schachbrett als Belohnung versprochen hatte... Das nennt man exponentielles Wachstum, und der König mußte schnell erkennen, daß soviel Ge- treidekörner in der ganzen Welt nicht aufzubringen waren. Ähnlich verhält es sich mit den Vorstellungen über das Wirtschaftswachs- tum. Und obgleich alle Mathematiker Politiker und Wirtschaftswis- senschaftler ad absurdum fuhren können, klammern sich Politiker und Parteien an das Konzept des Wirtschaftswachstums." (173) Oh Holger, oh Holger! Der einzige, der sich hier ad absurdum ge- führt hat, bist doch Du! Warum überhaupt noch ein Wort verlieren über ein Wirtschaftswachstum, das ohnehin "jedoch nicht möglich ist"? Aber das kommt davon: Wer sich eine Fabrik wie ein Schach- brett vorstellt, auf das immer mehr Korn geladen wird und das deshalb hinterher nicht mehr auf dem Acker steht, der muß auch behaupten, daß, wenn immer mehr Autos gebaut werden, hinterher keine mehr aus dem Boden zu holen sind. So ähnlich stellt sich die Sache doch ökologisch dar! Fragt sich nur, warum Politiker einem Wachstum anhängen, das so- wieso nicht geht? Antwort: "Dafür gibt es einen gewichtigen Grund, denn der marktwirtschaft- liche Kapitalismus ist zur Verschwendung gezwungen, wenn er die Wirtschaftskrise vermeiden will." (173) Krisen gibt's allerdings ebenso häufig wie ihre gelungene Bewäl- tigung, und was ein richtiges Kapital ist, verschwendet nicht, sondern spart an allen Kosten, um seine Konkurrenz auf dem Markt auszustechen und den Gewinn reinzufahren. Verschwenderisch geht es dabei nur mit einem um, mit dem Arbeiter nämlich, der mit viel Arbeit auch seine Gesundheit dafür opfert, daß die Kosten seiner Inzahlungnahme sich - zumindest - relativ verringern. Aber das hat der STROHM natürlich wieder nicht gemeint. Sein Begriff "Verschwendung" ist bereits der Weg zum nächsten Fehler: "Was dabei produziert wird, ist völlig egal, solange der Schein der Nützlichkeit der Produkte aufrechterhalten werden kann... Wenn jedoch immer mehr produziert wird, taucht ein neues Problem auf. Man würde einmal an den Zeitpunkt gelangen, an dem das Wachstum aufhören müßte, weil der Markt gesättigt wäre... Das darf nach der Logik den Kapitals nicht geschehen. Daher müssen der Konsum und eine künstliche Bedürfnisproduktion geplant, durch die Werbung durchgesetzt und laufend neue Güter entwickelt wer- den..." (174) Daß auch und gerade der Kapitalismus 1980 A r m u t hervor- bringt, was noch der verächtliche Hinweis vom Massenkonsum der Proleten andeutet, wird hier glatt geleugnet. Aber nur, um die eigene Erfindung einer psychischen Armut der Massen zu beweisen: Erst stellt man sich blöd und behauptet, deutsches Kapital von Klöckner bis Hösch würde seinen Reibach damit machen, daß seine Arbeiter immer größere Brötchen vor immer größeren Farbfernsehern verdrücken. Dann erklärt man dieselben zu Pappe und Schrott, die nur dem "Schein der Nützlichkeit" nach zu verzehren und anzu- schauen sind - und hat das Publikum dieser Artikel zu wahren Dep- pen erklärt mit einem der ältesten Kalauer aus dem Repertoire der bürgerlichen Wissenschaft: Sie sind manipuliert und leiden unter Mangel an Sinn: "Der Mensch, der ständig seine natürlichen Bedürfnisse verleugnen muß, sucht einen Ersatz in dem erhöhten Verbrauch von Gütern." (195) Es ist das alte Lied: Wer sich eine Farbglotze kauft, muß sich vom STROHM, dem Deppen, sagen lassen, daß er solches nie und nim- mer wollte, weil sich dahinter ganz andere Absichten verbergen sollen. Eigentümlicherweise weiß davon aber keiner etwas, mit Ausnahme derer, die es behaupten. Daß sie ihrerseits mit ihrer Auffassung manipuliert sind, wollen wir nicht unbedingt gesagt haben. Daß sie aber mit dieser Idiotie keine guten Absichten ver- folgen, entnimmt man bereits der Tatsache, daß selbst sie nicht sagen können, was denn eigentlich "natürliche" im Unterschied zu "künstlichen" Bedürfnissen sind. Ist der Wunsch nach einem "Kugelschreiber" künstlicher als der nach einer Solarzelle oder Wärmepumpe? Na also, wir haben uns gleich gedacht, daß der Mann natürlich überhaupt kein Kriterium angeben kann für seine Beur- teilung der Bedürfnisse wildfremder Leute. Das hinwiederum ist letztlich auch ganz überflüssig, weil ihre angebliche Differen- zierung einzig und allein ein A n g r i f f auf das Bedürfnis überhaupt ist: "Es wird weniger gearbeitet, weniger gekauft und trotzdem braucht man auf nichts zu verzichten. man Konsumiert weniger und lebt da- fiir (1) mehr. Auch das ist einleuchtend (nein!) und wirre fair viele Menschen sogar wünschenswert." (173) So endet ein politischer Ökologe, der dem Kapitalismus wie der Produktion überhaupt anhängt, sie produziere Knappheit in der N a t u r und nun die Knappheit der L e u t e zum Gebot er- hebt, damit es seiner Einbildung vom natürlichen Gleichgewicht weiterhin gut geht. Aggressiv ist diese Sorte Kritik also nur ge- gen eines, den Menschen und sein Bedürfnis. Man muß sich daher nicht weiter wundern, wenn ein erklärter Naturfanitiker auf eine ganz unnatürliche Instanz verfällt, dies eine zusammengesponnenen "Naturgesetze" gegen seine Leser und andere erst einmal durchset- zen muß: "Die Bundesregierung sollte den gegenwärtigen Trend stoppen... Es sollte eine Überwachungebehörde gegründet werden, die aus Konsu- menten und Wirtschaftsexperten, Ökologen, Soziologen, Juristen und Technikern besteht und die neue Produkte kritisch untersucht. Die Behörde muß das Recht haben, Produkte, die umwelt- oder le- bensfeindlich und unerwünscht sind, nicht zuzulassen." (201) Die ganze aufgeblasene Naturphilosophie der Ökologie ist also die staatsidealistische Moral von der Bedürfnisbeschränkung des mo- dernen Menschen zu seinem eigenen Glück. S t a a t s ideali- stisch ist sie insofern, als die Propaganda gegen den Materialismus der Menschheit zu den bleibenden Aufgaben der Politischen Gewalt gehört, die ihn nur duldet, wo er sich nützlich macht für die Zwecke der Wirtschaft - und wo er dies nicht tut, weil er auf sich besteht, steht die Gewalt auf dem Sprung. I d e a l i s t i s c h ist das Geseiche von STROHM darin, daß es sich mit der Agitation für die Bedürfnislosigkeit als Kritik an Staat und Wirtschaft auffährt und beide als eigent- lich Zuständige für die Verwirklichung einer reaktionären Moral g e g e n wirtschaftliches Wachstum und seine staatliche Förde- rung ausmacht. Und da sich diese Sorte Kritik als besseres Gewis- sen der großen Politik in ganz gewöhnliche Rowohlt. Schinken ein- gefügt oder, wo sie praktisch wird, um's Mitmachen in Lobby und Parlament bemüht ist, gehört sie in der BRD 1980 zu den leichten Herzens geduldeten Späßen kritischer Staatsbürger, an denen zu- mindest der Rowohlt-Verlag nicht schlecht verdient. Womit wir beim letzten Punkt angelangt wären: der Text zwischen den Buchdeckeln ist hoffnungslos überbezahlt. *** Eindrücke aus dem Ökosystem --------------------------- Bild ansehen 'Ein herrlicher Anblick...' Am Anfang waren die Tiere noch dumm. Daß einer für den anderen und alle für's Gleichgewicht da sind, wollte keiner wissen. Z.B. der Löwenhirsch, der alte Angeber: er denkt nur an sich. Bild ansehen Fritz, der Tiger, hat sich da schon weitergebildet: "Fressen u n d gefressen werden, das ist nun mal meine Natur", zitiert er Holgers Buch und läßt's Mäuschen an sich knabbern, als er gerade selber für's Gleichgewicht sorgt. Bild ansehen Da heißt's natürlich fair bleiben: die Jungs mit der Bahre rechts im Bild geben dem Fresser zu verstehen, daß er sein Plansoll bereits erfüllt hat. Es ist alles ün Lot, also dürfen sie ihren geschockten Kumpel abtransportieren. Das sieht man an ihrem Fähnchen. Bild ansehen Eine überraschende Wende: der Klettermax links hat die Nase voll von dein Quatsch mit dem Ökosystem. Ganz vorwitzig will er seinen Freund aus dem Gleichgewicht bringen. Und dieser Affe - entgegen aller Theorie -- lacht sich einen Ast und kann sich kaum noch auf selbigem halten. zurück