Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 19, 15.07.1981
       

VERNETZTES DENKEN ZIEHT KREISE

Und er war wieder da, doch nichts Neues vom Vester. Wie schon seit Jahren geht er mit seiner Alten, die ihm seine Dias an die Wand wirft, hausieren für seine Erfindung einer unbedingt notwen- digen neuen Denkungsart - dem k y b e r n e t i s c h e n D e n k e n. Dieses mysteriöse Ding möchte er nun auch schon bei Kleinkindern entdeckt haben. Daß es die Großkinder leider dann doch nicht von Natur aus besitzen, kann ja dann nur an der Erzie- hung liegen, die ja scheinbar so ziemlich alles vermasselt. Aber Gott sei Dank ist unser Tausendsassa nicht auf den Kopf gefallen. Das "Einweg-Denken" sei "für unsere komplexe Welt nicht taug- lich", man müsse lernen "in größeren Systemzusammenhängen", "in Regelkreisen", also "in vernetzten Systemen" zu denken, mahnt dar Biologe Frederic Vester und macht mit seinem einfältigen, aber dafür recht vielfältig anwendbaren Gedanken, bei allen Dingen der Welt die "Vernetzung" mit anderen Dingen aufzuspüren und gebüh- rend zu beachten, als Priv-Doz. Dr. rer. nat. habil. seit einigen Jahren Karriere; und dies nicht unverdientermaßen, denn seinen souveränen Umgang mit allen möglichen Ergebnissen der diversen Naturwissenschaften macht ihm so schnell keiner nach: "Die eigenartige, aus vielen winzigen Zellen aufgebaute Organisa- tion aller Lebewesen steht über ein kybernetisches Informations- system (Universalität des genetischen Codes!) mit sich selbst, wie auch mit der Umwelt in einem ständigen Stoff- und Energieaus- tausch." Die Ergebnisse der Zellbiologie sind hier schlicht auf den Kopf gestellt. Der Stoffeaustausch innerhalb einer Zelle und mit ihrer Umgebung, der gemäß den chemischen Gesetzmäßigkeiten vor sich geht, wird in ein Gebilde aus Informationen verfabelt. Wenn sich irgendein RNS irgendwo anlagert, dann kommt dabei halt ein chemi- sches Reaktionsprodukt heraus und nur bei interessierter Betrach- tungeweise wird daraus ein Stück Wissen der Natur über sich, ein "genetischer Code". Diese verquere Formulierung des Resultats der Analyse der Genstruktur, die sich die Biologen leisten, die selbst sehr wohl wissen, daß sie von Riesenmolekülen aus 4 Grund- bausteinen reden, greift Vester begeistert auf, um besagten "Code" als Lochstreifen des großen Steuermannes ("kybernetis ist das griechiscbe Wort für Steuermann") zu behandeln. So wird es den Philosophen Vester sicher traurig stimmen, daß die DNS- Forscher festgestellt haben, daß sich die Mithochondrien partout nicht an sein tolles Prinzip der "Universalität" halten. Das kann doch einen Steuermann nicht erschüttern. Die wissenschaftliche Leistung Vesters besteht darin, aus allen von der Wissenschaft herausgebrachten Gesetzen, die die Erklärung der Phänomene der Natur sind, Belege für die Existenz allerlei erfundener höherer Prinzipien zu machen, denen sein "kybernetisches System" und folglich auch die Natur gehorche. Als B i o kybernetiker, und hier bewährt er sich als ein Theo- retiker der Ökologenbewegung, findet er in "den kleinsten Einhei- ten bis hinauf zu den größten Ökosystemen" der Natur überall Grundprinzipien überlebensfähiger Systeme. Zu ihnen gehört das Einschaukeln in ein stabiles Gleichgewicht, genannt negative Rückkoppelung, gehören Kreisprozesse wie das Recycling", "das Prinzip der Symbiose" etc. Wie alle Ökologen so meint auch er er- stens, daß die Natur was will in der Welt, und zweitens sei das, was sie will, immer nur das eine, nämlich "als System überlebens- fähig" bleiben. Deshalb zerbricht sich Mutter Natur ihren Kyber- netikerkopf über eine "höhere Ordnung" nach der sie sich zu die- sem Zweck einzurichten hat und freut sich über ihr "selbstregulierendes, reproduktives Fließgleichgewicht", durch das sie sich - bei dem Alter von einigen Milliarden Jährchen ist sie halt auch nicht mehr das, was sie früher mal war - immer wie- der ins Lot bringt. In der Rede vom "Fließgleichgewieht" ist der ganze Blödsinn einerseits mitzukriegen, daß in der Natur nichts auf ein Gleichgewicht hinausläuft, andererseits an der Fiktion, es käme ihr gerade deshalb darauf an festzuhalten, in einem Wort zusammengefaßt. Damit sich "die Biosphäre, diese subtilste und doch, zugleich zäheste Membran, die sich um unseren Planeten spannt" (der redet nicht von Luft- und Ozonschichten, sondern wieder von weltumspannenden Prinzipien!) nicht "von dem störenden Subsystem (gemeint ist die menschliche Zivilisation) befreit", um "sich erneut stabilisieren zu können", muß der Mensch, so der fa- schistische Topos des Ökologen, mit seiner Natur eins werden. Und damit er das richtig bringt, so der B i o k y b e r- n e t i k e r, braucht der Mensch ein neues Bewußtsein, das ihn seine "Vernetzung" mit allem auf der Welt erkennen läßt. Wir müßten dazu wieder eine "echte Symbiose" von "kausallogischem Denken" und "Regelkreis-Denken" zustande bringen, die "im übrigen naturgegeben" sei, da ja auch die Natur in kurzen Geraden ihre Kreise ziehe, und zwar so: Bild ansehen Vernetztes Denken zieht Kreise Wem solehe Denkwindungen keine Kopfschmerzen mehr bereiten, der macht sich nun auch dran, Systemmodelle von der Welt anzufertigen und mit "mehrdimensionalen Computermodellen" und "Sensitivitäts- modellen" dann ganz ähnlich wie bei der Entwicklung einer Karosserieform im Windkanal reale Abläufe zu simulieren". Bei solchen Spinnereien lacht das Technikerherz, denn daß alle Probleme auf der Welt im Grunde technischer Natur sind und ihrer Lösung zugeführt gehören, war für ihn schon immer ausgemacht, aber mit Vesters kybernetischen Begriffen Regelkreis, Wechselwir- kung, Input, Output, Vernetzung etc. läßt sich die Vorstellung, daß in unserer Gesellschaft Leute ohne Technikerverstand in ir- gendwelche Regelkreise regelwidrig eingreifen, und so die Pro- bleme erst schaffen, so recht als letzte Konsequenz der Naturwis- senschaft vortragen. Da Vesters Kybernetikertätigkeit eh in nichts anderem besteht, als naturwissenschaftlich aufgemotzte Propaganda für die reaktio- näre Weltanschauung, daß nämlich alles ganz schön kompliziert vernetzt ist, und man im "Kampf ums Dasein" nirgendwo allzu viel dran drehen darf, ohne das "Überleben des Systems" zu gefährden, zu betreiben, nahm er auch gerne die Gelegenheit wahr, einem Zu- kunftskongreß der CSU seinen "Anstoß zu einem neuen Denken" zu geben. Die Praktiker reaktionärer Politik, die tagtäglich keines- wegs unsystematisch an den Lebensumständen ihrer Bürger drehen, bedankten sieh bei der Wissenschaft mit einer "lebhaften Diskus- sion" darüber, mit welchem Fortschritt unsere Zukunft eine Chance habe, für/gegen Wachstum und zur Sicherheit mit/ohne sozialem und/oder kybernetischem Netz. Alle Zitate aus F. Vester, Ballungsgebiete in der Krise (Eine An- leitung zum Verstehen und Planen menschlicher Lebensräume mit Hilfe der Biokybernetik) zurück