Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 13, 22.04.1980
VELO/CITY
WER HILFT DER PHILOSOPHIE AUFS FAHRRAD?
"Es ist schon kurios, was für Gefährte beim internationalen Fahr-
rad - Verkehrskongreß, 'Velo/ City' in Bremen aufgekreuzt sind."
(WK)
Das also soll so kurios gewesen sein. Dabei ist die Konstruktion
eines "Allwetterfahrrads" für den, der partout im Regen radeln
will, noch die rationellste Erscheinung im Rahmen besagter Veran-
staltung gewesen. Ernsthafte Beachtung hingegen fand, daß sich
Radler und Tüftler, Politiker und Wissenschaftler aller Länder
vereinigten, um sich z.B. diese These anzuhören:
"Ein Gespenst geht um, das den Straßenbauern schlaflose Nächte
bereitet und die Stadtpolitiker zu hochgeschraubten Versprechun-
gen verleitet: das wiederentdeckte Fahrrad." (Umweltbundesamt)
Ironisch ist nur die Anspielung auf den Marxismus. Diesen halten
bürgerliche Köpfe noch allemal für ein Prinzip, das verrückt ist;
nicht so, wenn der Drahtesel zum Maßstab aller Dinge erhoben
wird. Da wird man zum Weltverbesserer, der sofort zwei furchtbare
Mängel entdeckt. Zum einen gibt es immer noch keine Wissenschaft,
die die Welt einmal exklusiv vom Sattel aus interpretiert, zum
anderen keine Politik, die diesem 'Stand'punkt praktisch Geltung
verschafft. Dies vorstellig zu machen, war der Kongreß redlich
bemüht. Dabei ging es harmlos an. Da wurde der mangelnde Ausbau
und die Unsicherheit der Radwege kritisiert, und daß die Forde-
rung auf Verbesserung in der Form vorgetragen wurde, die
"Benachteiligung der Radfahrer gegenüber Autos im Straßenverkehr"
abzubauen, also ganz dem politischen Ideal der Gerechtigkeit ver-
pflichtet, hält sich im landesüblichen. Wenn dann jedoch von der
Klage, "beim Transitabkommen seien die Radfahrer völlig vergessen
worden" - so kann man die Öffnung des Ostens für den Westen doch
auch mal sehen -, fortgeschritten wird zur Beurteilung der Poli-
tik danach, inwieweit sie die "Möglichkeiten zu fahr-
rad(!)freundlichem Verhalten" ausschöpft, dann ist, in vollem Re-
spekt vor dem Beurteilten natürlich, der erste Schritt zum Welt-
bild des Draht-Esels getan.
Nun geht es munter weiter. Vom Fahrrad aus und gerecht besehen
unterteilt sich die Welt in "autogerecht" und "fahrradgerecht".
Und daran hängt letztlich alles, wie den folgenden Ausführungen
des Bundesumweltamtes zur Begründung einer Fahrradstiftung zu
entnehmen ist:
"Ein Grundbedürfnis des Menschen ist die Ortsveränderung. Doch...
Die erschreckende Vision (spricht der Seher) von 'autogerechten -
und damit allzuoft nicht mehr menschengerechten (Stau?) - Städten
hat in den letzten Jahrzehnten mancherorts immer mehr Gestalt
annehmen können (sie ward)... Läßt man einmal die biologische
'Grundfortbewegung', das Gehen (zwei - oder vierbeinig?), außer
Betracht, so kann festgestellt werden, daß gerade das Fahrrad die
Merkmale einer sozialgerechten und umweltgerechten Bedürfnis-
befriedigung, Bedarfsdeckung bzw. Problemlösung (die Reihung ist
stark!) erfüllt."
Zu einer Entdeckung verhalf der Kongreß. Es gibt keine Fahrrad-
fahrer mehr, stattdessen lauter Velosophen.
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