Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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Stichwort
UMWELTSCHMUTZ UND UMWELTSCHUTZ
Keine Sache erfreut sich sosehr einmütiger besorgter Anteilnahme
quer durch die politischen Richtungen, gesellschaftlichen Klas-
sen, Religionen und Geschlechter wie "die Umwelt". Für wen er-
greifen ökologisch orientierte Leute eigentlich Partei, wenn sie
"die Umwelt bedroht" sehen, "den Wald vor seinem Tod retten" wol-
len und die Befürchtung hegen, daß damit "das Überleben der
Menschheit insgesamt auf dem Spiel" steht?
1.
Wenn umweltbewußte Beschwerden über "ökologische Katastrophen",
durcheinandergebrachte "natürliche Gleichgewichte" (und was für
pseudoobjektive Betitelungen für Sünden wider angebliche Gebote
der Umwelt für ihren Gebrauch es sonst noch geben mag) laut wer-
den, fällt einiges unter den Tisch. Da hört man nichts davon, daß
die durch chemische Abfälle privatwirtschaftlicher Fabriken ver-
unreinigten Gewässer, die durch Kohlekraftwerke verdreckte Luft
usw. erstens ein Ärgernis für die Gesundheit der Leute sind, und
zwar zweitens nicht bloß deswegen, weil man den Smog einatmen
muß, wenn er da ist, sondern weil damit ja auch eine Auskunft
über die Brutalität einer Produktion und ihrer Arbeitsplätze er-
teilt ist, deren lebenskräfteruinierende Wirkungen für das Ar-
beitsvolk gleichsam garantiert sind, weil ihr Einsatz ebenso wie
die Ausnutzung von Naturkräften nach den Kriterien der billigen
Erzielung von Gewinn kalkuliert wird. Die Ruinierung des Arbeits-
viehs halten ökologisch angehauchte Zeitgenossen dabei offenbar
zumindest für den nachgelagerten Skandal.
Oder für die Folge eines schludrigen Umgangs mit dem Subjekt Na-
tur/Umwelt, der auch andere Bereiche nicht unberührt lasse
(Konsequenz dieser verharmlosenden Betrachtung der Zustände in
der kapitalistischen Produktion ist übrigens die originelle Idee
alternativer Produktion: mit einer ganz humanen Lohnarbeit lauter
umweltfreundliche (sinnvolle) Artikel herstellen!)
Die Anklagen der Umweltschützer reichen von der Beschwörung ein-
geschränkter Freizeitmöglichkeiten bis zur Warnung vor erschöpf-
ten Rohstoffvorkommen und sind als Reklamationen eines beschädig-
ten Bedürfnisses aller deswegen so lächerlich irreal, weil die
hauptsächliche Betroffenheit der sog. normalen Menschen durch die
Naturzerstörung kapitalistischer Produktion doch wohl kaum darin
besteht, nicht mehr in klaren norwegischen Bächen Lachs fischen
zu können, oder Angst haben zu müssen, ihr Erzbergwerk könnte
demnächst wegen Erschöpfung der Materialien die Pforten schlies-
sen müssen (nicht umsonst wird die "ganze Menschheit" immer dann
als furchtbar interessiert an allen möglichen Naturschätzen und
"-schönheiten" aufgefahren, wenn ein grünes Individuum seine
Klage über die vergewaltigte Natur zum populären Bedürfnis aus-
staffieren will).
Denn f ü r dieses f i k t i v e Subjekt beziehen Umwelt-
freunde und Öko-Kritiker Stellung und gar nicht gegen den be-
stimmten, existierenden staatlich - geschützten und geregelten
U m g a n g mit der Natur durch die kapitalistischen Produzenten
- genauso wenig, wie sie d a g e g e n eine Alternative propa-
gieren. Die Natur, die Umwelt a n u n d f ü r s i c h werden
für ein schützenswes Gut genommen. Sie werden also ganz jenseits
von den besonderen und kritikablen Interessen an der Ausnutzung
der natürlichen Reichtümer für die Erwirtschaftung von Profit mit
einer moralischen Gloriole versehen: man stellt sie sich als be-
dürftige Angelegenheit vor, um die sich jeder vernünftige Mensch-
selbstredend kümmern sollte, ganz unabhängig von ihrer
k a p i t a l i s t i s c h e n Versauung. So als ob sozusagen
jedermann gleichermaßen Interessent und Nutznießer natürlicher
Reichtümer wäre, werden sie zum Sorgenkind der gesamten Mensch-
heit erklärt.
Anwalt der bedrängten Kreatur Natur und Umwelt zu sein ist eben
etwas anderes, als die Resultate ihrer kapitalistischen Benutzung
wegen der schädlichen Wirkungen für die Leute zu kritisieren und
deswegen die Abschaffung dieser Produktionsweise zu folgern. An-
wälte der bedrängten Kreatur Natur fallen da lieber auf die
marktwirtschaftliche Ideologie herein, nach der Reichtum, den die
Natur bietet, für alle da sein soll, um sich die Existenz des ge-
nauen Gegenteils mit Pannen bei der Organisation dieses guten
Prinzips zu erklären.
2.
Und die Panne, die umweltbewußte Bürger als vernehmlichen Grund
anfahren, dessentwegen die Natur "kaputtgeht" (wo es doch angeb-
lich ein allgemeines Recht darauf geben soll, sich ihrer zu be-
dienen), sind stets die Menschen selbst. "Fixierung auf Wachs-
tumsideologie", "ungezügeltes Bedürfnis nach Ausbeutung der Na-
tur", "Konsumfetischismus", "die Fortschritte in Wissenschaft und
Technik", o.ä. lauten die Anschuldigungen, die Öko-Anhänger gegen
die Menschheit (sich selbst schließen sie dabei bußfertig mit
ein) erheben. Das ist das Gegenteil von Aufklärung über die Ursa-
chen der bemängelten Phänomene. Der Inhalt des Wachstums, also
auch die Gründe für wissenschaftliche und technische Entwicklun-
gen und die Folgen ihrer Anwendung - dergleichen scheint nicht zu
interessieren. Daß es einzig und allein um Wachstum von Kapital,
von in Milliarden DM gemessenem Reichtum, geht, daß deshalb alles
getan wird, um die Kosten der Produktionselemente in Relation zum
Gewinn nach unten zu treiben - mit all den bekannten Folgen -,
davon erfährt man nichts. Daß genau aus diesem Grund der beklagte
"Konsumterror" bei Leuten, die von Lohn leben müssen, schwerlich
anzutreffen ist (eher schon der Terror des Sich-Einteilen-Müs-
sens), davon haben Öko-Freunde null Ahnung (oder, noch schlimmer,
es gilt ihnen sogar der Schund, den kleine Leute bei sich daheim
rumstehen haben, als "Luxus"). Ganz anders und reichlich welt-
fremd wird die "Orientierung" an einem Mehr ("Wachstum und Fort-
schritt") als vermeidbarer "Fetisch" angeprangert, als
"sinnloses" Festhalten an einem nicht begründbaren "Selbstzweck".
Diese Philosophie läuft stets darauf hinaus, einen ungebändigten
"Egoismus" "des Menschen" moralisch in die Pfanne zu hauen, der
darin bestehen soll, gleichgültig gegen angebliche "natürliche
Grenzen" "immer mehr" zu wollen. Einer eingebildeten Welt voller
ökofeindlicher Finsterlinge hält man das merkwürdige Ideal eines
Umgangs mit der Natur entgegen, der nicht über das R e c h t
ihrer p r i n z i p i e l l e n Benutz b a r k e i t hinaus-
geht.
Von diesem Standpunkt aus stellen sich alle konkreten Umgangswei-
sen mit der Natur als potentiell sehr problematische Angelegen-
heiten heraus, sind sie doch immer unter das Kriterium gestellt,
ob sie auch der Pflicht zur verantwortlichen Ausübung dieses
Rechts genügt haben. Und im Falle der "Umweltzerstörung" hat der
Umweltfreund in den unangenehmen Resultaten auch noch einen Be-
weis für seine Idee, daß die Menschheit mit all ihren Eingriffen
in die Natur (so sind dann kapitalistische Fabriken und Bonbonpa-
pierwegschmeißen im Wald schön vereinigt) immer deren Gefährdung
mitproduziert. Die Leistung dieser Ursachenforschung besteht
darin, daß sie es glücklich geschafft hat, zwischen Verursachern
von dicker Luft und saurem Regen und den Betroffenen nicht mehr
zu unterscheiden, sondern alle gleichermaßen als Betroffene
festzumachen, die aus eigenem moralischen Unvermögen das rechte
Maß beim Gebrauch der Naturgegenstände nicht finden können und
deswegen auch das Recht auf ihre Benutzung nicht verdienen bzw.
sich dabei Schranken ziehen sollen.
Es macht eben schon einen Unterschied, ob man den sehr offen zu-
tage liegenden Geschäftsgründen der kapitalistischen Naturver-
schandelung und ihres staatlichen Segens nachgeht, um gegen diese
Zwecke anzugehen, oder ob man als Anwalt der Natur und im guten
Glauben daran, daß sie im Prinzip jedem zu Gebote stehen müsse,
die übermäßige gierige Menschheit im ganzen als moralischen Ver-
sager vor diesem Zweck blamieren will, der mehr Bescheidenheit
gut zu Gesicht stünde.
3.
Die Konsequenz dieses umweltfreundlichen Denkens, das die wirkli-
chen Verursachen in dem Maße verharmlost und entschuldigt, wie
sie die gesamte Menschheit mit ihrem unmoralischen Egoismus für
die versaute Umwelt verantwortlich erklärt, besteht aus zwei Tei-
len.
a) der moralischen Anmache der "Mitbürger" und b) einem Kinder-
glauben über Aufgaben und Absichten der staatlichen Politik in
Sachen Natur, der zuweilen sogar radikal wird.
Zu a) Die hier lebenden Bürger haben sich mit dem zweifelhaften
Ehrentitel "Menschheit" nicht nur die moralische Anklage einge-
handelt, wegen ihrer sehr prinzipiellen Unbescheidenheit kämen
die "Naturzerstörungen" letztlich zustande. Völlig uninteressant
finden es grüne Menschen, welche Bedürfnisse sich die "normalen"
Leute in so einem "wachstums- und konsumfixierten" Land wie der
BRD (in dem ja die offiziellen Armutsstatistiken der beste Beleg
dafür sind, daß wie der Teufel für den verschwenderischen Konsum
der Massen gewirtschaftet wird) überhaupt leisten können und müs-
sen - wenn sie als deutscher Arbeiter täglich 8 und mehr Stunden
für 2000 Mark im Monat schuften. Aber als Menschheit ist man eben
ganz unabhängig von seiner realen Lebenslage in die hohe sittli-
che Pflicht genommen, umweltbewußt zu denken und zu handeln. So
als ob der vielzitierte Normalbürger (bewußt oder unbewußt) die
Absicht und auch noch die Mittel zu ihrer Verwirklichung besäße,
sich im großen Stil an der Naturverschandelung zu beteiligen, sie
herbeizuführen - und deswegen soll er auch für ihre Beseitigung
mithaften (im Vertrauen: soviel Küchenabfälle und anderen Unrat
kann die am Rhein lebende Bevölkerung gar nicht aus dem Fenster
schmeißen, um so eine Stinkbrühe herzustellen und durch Unterlas-
sung wieder aus der Welt zu schaffen). Die Verantwortung, die
Ökos bei den Leuten wünschen, besteht demnach in dem Gewissen,
sich unabhängig von Stand und Person für einen egoistischen Um-
weltbelaster zu halten, dem Mäßigung - wie dem Rest seiner Kolle-
gen von der Menschheit - ein moralisches Anliegen ist und der,
auch hier um seine eigene Beschränktheit wissend, wie immer, wenn
es darum geht, einer moralischen Haltung Realität zu verschaffen,
weiß, daß da Vater Staat helfen kann und helfen muß, dem men-
schlichen Egoismus die angemessenen umweltverträglichen Dämpfer
zu verpassen.
Zu b) Nicht zur Kenntnis nehmen darf man nämlich dabei, daß die
betriebene Umweltpolitik einen ganz anderen Zweck besitzt als die
Versicherung der "natürlichen Umwelt" vor "Übergriffen", wie sehr
sie sich selbst damit auch immer schmücken tut. In all seinen
Verordnungen erläßt der Staat Vorschriften, wie sich die Schädi-
gungen funktionell abzuspielen haben, schützt also das Wachstum
seiner kapitalistischen Ökonomie vor dabei störender Naturverhun-
zung. Wenn sich Umweltpolitiker vom Schlage eines Zimmermann z.B.
heutigentags so rührend um deutsche Fichten und Tannen kümmern
("Mir als Sohn eines niederbayerischen Holzhändlers lag der Wald
schon immer am Herzen!"), dann deswegen, weil Grundlagen der na-
tionalen Wirtschaft (Grundwasserspeicherung, Trinkwasseraufberei-
tung etc.) durch einen derart versauten Wald nicht mehr garan-
tiert sind wegen des staatlicherseits tolerierten und geförderten
rücksichtslosen Umgangs dieser nationalen Wirtschaft mit ihren
natürlichen Produktionsvoraussetzungen. An den Genuß eines Sonn-
tagnachmittagspaziergangs von Tante Emma und Onkel Albert im
deutschen Forst ist dabei ebensowenig gedacht wie an den Wald als
Klient an sich. Das sind höchstens die "Verkaufsargumente" der
Politiker, die sich um die fach- und sachgerechte Versauung der
Landschaft verdient machen. Welcher Grad der Zumutung für die
Leute - an Giften im Essen und sonstwo - da gerade als normal,
gesund usw. gilt, legen Politiker ganz souverän nach ihren aktu-
ellen Einschätzungen der nationalen Notwendigkeiten fest (so ent-
halten z.B. Pflanzenschutzgesetze lauter detaillierte Bestimmun-
gen über die Qualifikation der Giftspritzer, Erlaubnisse, be-
stimmte als Höchstmengen definierte Giftwolken in die Gegend zu
sprühen u.ä., also lauter Durchführungsverfügungen der
"Naturzerstörung"). Demgegenüber pflegen Umweltfreunde den Glau-
ben, in der Politik die zuständige, berufene und im Prinzip auch
bereite Instanz zur Verwirklichung ihrer Vorstellungen zu haben.
Alle Rufe nach besseren und mehr Gesetzen, nach schärferer Über-
wachung usf. feuern den Staat darin an, der ihm zugetrauten heh-
ren Funktion nachzukommen.
Aber ist es nicht etwas ganz anderes, ob man sich über die Ver-
sauung der Natur aufregt, weil das einem selbst schadet, der Sa-
che auf ihren kapitalistischen Grund geht und deswegen garantiert
nicht zur Politik als Adressaten grüner Wünsche gelangt; oder ob
man schlechte Meinungen über die Unersättlichkeit der Menschen
genauso verbreitet wie gute Meinungen über die politische Gewalt
und ihre Hilfe für die bedrohte Tier-, Pflanzen- und Menschen-
welt, von der man nie genug haben kann? Im letzteren Fall hat man
auf jeden Fall mehr moralische Integrität bewiesen, hat ein prin-
zipiell gutes Gewissen von der eigenen Verantwortlichkeit und der
der Politik und ist mit der Gewißheit, in der Belästigung der Na-
tur (durch den Rest der unvernünftigen Menschheit) die Schande
und das Drama der modernen Zivilisation entdeckt zu haben, über
deren weitere Zutaten wie Ausbeutung hier und anderswo und die
nicht zu knappe dazugehörige Portion von weltweiter (Waffen-)
Gewalt dafür doch lässig hinweg! Oder handelt es sich da am Ende
schon wieder um einen Umweltskandal?
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