Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
zurück
Ein ökologischer Beitrag zum "Welthungerproblem":
ENERGIEBEWUSST SPACHTELN!
Manchen aufgeklärten Leuten hierzulande leuchtet angesichts der
vom Imperialismus weltweit produzierten Hungerleichen die Forde-
rung nach einer Umstellung auf vegetarische Ernährung schwer ein.
Sie halten das Verspeisen von Fleisch für einen ziemlichen Ernäh-
rungsfehler, den sie dann womöglich auch noch in Kilokalorien
ausrechnen können, die mit jedem Schnitzel, das hier über den La-
dentisch wandert, einem Verhungernden anderswo fehlen. Also mei-
den sie die Fleischtheke - auch wenn sie ihr Müsli dann an der-
selben Kasse bezahlen.
Daß das Essen nicht mit "Energieaufnahme" zusammenfällt, wissen
sie zwar auch, wenn die ein kalorienreiches, leider aber versal-
zenes Gericht lieber verschmähen. Gleichwohl wollen sie von der
Rohheit gegenüber ihrer eigenen Genußfähigkeit nicht lassen, wenn
sie zumindest theoretisch - die von ihnen praktizierten Eßgewohn-
heiten zum Moment einer weltweiten Energiebilanz in Sachen Ernäh-
rung erklären.
"Je länger die (Nahrungskette), um so mehr Energie geht auf Ko-
sten der Respirationsverluste in der Gesamtbilanz; je kürzer, um
so mehr Nahrungsenergie steht zur Verfügung. ... Wenn man über-
wiegend Fleisch essen will, muß man sich mit einer geringeren Be-
völkerungsdichte zufriedenstellen, als wenn man von Getreide le-
ben möchte." (I, 69)
Schwerwiegender als der verkorkste Speisezettel sind allerdings
die Lügen, die mit solchen Ansichten über die Verhältnisse in den
3.-Welt-Staaten, deren Bewohnern das per Einkaufszettel prakti-
zierte Mitgefühl gelten soll, aufgestellt werden. Verschwenderi-
scher Umgang mit prinzipiell knapper Energie wird als Ursache des
Hungerns dort konstatiert und damit die Erzlüge transportiert, in
der Sahelzone krepierten die Leute massenweise, weil es nicht ge-
nug Nahrungsmittel gäbe. Belegt werden soll die Sache dann zu-
sätzlich noch mit dem Hinweis darauf, daß sich hierzulande ja
doch stets mehr als genug Lebensmittel vorfinden ließen - zumin-
dest in den Geschäften. Dabei belegt der Vorgang, daß manches be-
kannte "Hungerland" Futtermittel exportiert, nur eines: Gegen-
stände, die der Ernährung dienen können, werden dort wie hier als
Mittel des Geschäfts produziert, weswegen sich die Frage des
Überlebens stets als eine der genügenden Zahlungsfähigkeit
stellt. Und über die verfügen die Bewohner solcher Regionen ein-
fach deshalb nicht, weil die imperialistischen Staatsgewalten
über sie das Urteil gefällt haben, mit ihnen in der Frage der
Produktion kapitalistischen Reichtums nichts anfangen zu wollen.
Was im übrigen den auf hiesige Verhältnisse gemünzten - mal mit
Genugtuung, mal mit schlechtem Gewissen vorgetragenen - Hinweis,
es bekomme hier doch jeder, zur Not bei ALDI, was zu essen, eini-
germaßen relativiert. Die glorreiche Freiheit, sich beim Einkau-
fen zwischen Fleisch und Getreide entscheiden zu können, basiert
allemal noch darauf, daß der betreffende Mensch als Kostenfaktor
in der Produktion eines Reichtums bilanziert wird, der zum Ver-
fressen todsicher nicht bestimmt ist. Die behauptete Identität
von Getreide und Fleisch als mehr oder weniger günstige Variante
von Energieausnutzung stellt eine Ideologie dar, die zielstrebig
an der einzig maßgeblichen, weil mit Gewalt wahrgemachten Identi-
tät von all dem Zeugs vorbeiführt: Daß Fleisch und Getreide
nichts wert sind, wenn sie sich für den Produzenten nicht in Geld
verwandeln.
I: Odum/Reichholf, Ökologie, München 1980
zurück