Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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MSZ Naturwissenschaft und Technik, Januar 1980
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Ökologie:
EINE REAKTIONÄRE IDEOLOGIE FÜR MODERNE INDIVIDUEN
1.
Der Mensch stört das Gleichgewicht der Natur, lautet das Urteil,
das aufgeklärte Menschen über den Zustand der Welt Anfang der
80er Jahre abgeben. Dabei sind das schönste Beispiel für ein na-
türliches Gleichgewicht in der Natur immer noch die Lemminge. Für
besonders weise eingerichtet halten wir das allerdings nicht,
wenn sie sich zur Regelung ihrer Populationsprobleme alle zwei
Jahre ins Meer stürzen. Um in dem blinden Walten der Natur ein
(dynamisches) Gleichgewicht am Werk zu sehen, bedarf es schon ei-
ner besonderen B e t r a c h t u n g s w e i s e, die alles,
was Natur ist - und seien es die widerlichsten Spinnen-, schön
und funktional findet, alles, was von Menschenhand geschaffen
wurde, dagegen mit Skepsis anschaut.
2.
Der Mensch strapaziert das Ökosystem Erde über Gefahr, heißt das
Urteil kompetenter Wissenschaftler, die sich auch um konkrete
Fakten nicht lange bitten lassen. Das permanente Verheizen fossi-
ler Brennstoffe verwandelt die Erde demnächst in ein Treibhaus,
das die Pole abschmelzen läßt, während man umgekehrt aus dem Vor-
marsch der Gletscher auf eine neue Eiszeit schließen kann. Oder
hat die Sonnenfleckenaktivität mehr Einfluß auf das Wetter, als
man bisher dachte? Die Treibgase der Spraydosen und die Verwen-
dung von Stickstoffdünger zerstört die Ozonschicht der Erde und
die ständig steigende Zahl der Menschen läßt uns in Zukunft wie
die Fliegen im Glas sterben, wie das der Club of Rome schon vor
Jahren experimentell vorausgebildet hat, oder zumindest im eige-
nen Müll ersticken. Was früher r e l i g i ö s e n S e k t e n
vorbehalten war, den Weltuntergang auf die Stunde genau hervorzu-
sagen, rechnen heutzutage hochdotierte Wissenschaftler mit mehre-
ren tausend Variablen am Computer aus. Oder sollte es sich bei
dieser Sorte s c i e n c e f i c t i o n um wissenschaftlich
redliche Warnungen handeln? Wozu raten sie? Und wer hat sie be-
stellt?
3.
Der Mensch verbraucht die knappen Ressourcen der Erde, heißt die
Antwort auf die Weltlage. Die Wahrscheinlichkeit von 0,03 %, daß
die Sonne in 600 Jahren nicht mehr scheint, ist wirklich der
schlagende Beweis, daß die Menschheit an den Grenzen des Wachs-
tums angelangt ist. Da heißt's einteilen. Die Diagnose des Ökolo-
gen bezüglich aller Sorten Schwierigkeiten, in die er die Welt
hineinschlittern sieht, ist demnach: die Bevölkerung vermehrt
sich zu rasch, die Zeitgenossen konsumieren zu viel und wollen
immer noch mehr Wirtschaftswachstum. Seine k u l t u r p e s-
s i m i s t i s c h e Kritik lautet, daß der Mensch lauter
falschen Bedürfnissen nachjagen würde und bis zum Hals in der
gottlosen Religion des Materialismus steckt, statt sich auf seine
geistige und seelische Selbstverwirklichung zu besinnen. Mit dem
Gedanken, daß sich der Mensch für einen besseren Zusammenhang mit
der Natur selbst beschränken soll, gelangt ein Ökologe sogar zu
einer Kritik am Profit, dem nachzujagen er für ein weltliches
Übel hält.
4.
Ökologen sind alternative Ö k o n o m e n, die sich ein eigenes
Problem mit der Knappheit und deshalb mehr oder weniger alterna-
tive Langzeitrechnungen erfunden haben. Können wir es uns
l e i s t e n, das genetische Potential der Erde zu dezimieren,
unsere letzten schönen Flecken Erde und ökologischen Nischen für
Mensch und Ameise zu zerstören? Was ist von einem Kriterium Ener-
gieverbrauch - statt DM - Joule - in der volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung zu halten? Sollen wir in Zukunft Öl saufen, wenn
ausgerechnet wird, daß die Traktoren für die Landwirtschaft in
den USA soviel Energie verbrauchen, wie sie zu produzieren hel-
fen? Was ist besser, seine eigene Zeit und Energie zu verschwen-
den, oder Erdöl, wenn sich herausgestellt hat, daß ein Fahrrad
eigentlich am ökonomischsten wär? Was soll man von dem Wirt-
schaftsziel denken, Maschinen und Energie durch sinnvolle men-
schliche Arbeit zu ersetzen, wobei ganz nebenbei das Problem der
Arbeitslosigkeit behoben werden soll (was es im Faschismus als
Arbeitsdienst gab)? Was ist das für eine Kritik an unserem Wirt-
schaftssystem, der nur einfällt, daß die Industrie groß ist, und
sich daher lieber dezentral mit mehr Arbeit organisieren will.
5.
Der Mensch ist kurzsichtig und unvernünftig, ist der Vorwurf der
ökologisch geschulten Grünen an den Rest der Menschheit, so als
gäbe es sonst außer ihnen nur Leute, die nicht ganz bei Trost
sind, weil sie blind in die heraufziehenden Gefahren laufen. Mit
ihren verrückten ökologischen Gleichungen, die den vorausgese-
henen Kollaps bannen helfen sollen, werfen sie dabei der kapita-
listischen Aneignung der Natur ausgerechnet die H e r r-
s c h a f t über sie vor, also die Leistung, die die ka-
pitalistische Gesellschaft von früheren Gesellschaftsformen posi-
tiv unterscheidet. Die Zerstörung der Natur, die sie entdecken
und die sie nicht um des Menschen willen beseitigen wollen, dich-
ten sie dabei dem Umstand an, daß sich der Mensch anmaßt, in den
Lauf der Natur einzugreifen.
Wo liegt da noch der Unterschied zwischen einer seriösen ökologi-
schen Weltanschauung, wie sie Prof. Wolfgang Haber gerne vertre-
ten möchte, einer linken ökologischen Weltanschauungsideologie
oder alternativen Landbauern vom Inn bis Schleswig-Holstein, wo
die Kuh der Boß auf dem Hof ist?
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