Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie


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       Asta-Ringvorlesung "Natur und Industriesystem"
       

MIT DER NATUR AUF DU

Zur Einleitung und Einstimmung in die Ringvorlesung hatte das Ökologie-Referat einen Grünen eingeladen, Arnim von Gleich von der Abteilung für Grundsatzfragen grüner Philosophie. "Was ist natürlich?" hieß sein Thema, und folgendes hatte er zur Frage nach den Ursachen "für die maßlose Zerstörung unserer Umwelt" (Ankündigungsflugblatt) beizutragen: Fest stand für ihn, daß es sich diejenigen bei weitem zu einfach machen, die im praktizierten Umgang mit Abfällen, Dreck und Gif- ten eine planmäßige Rücksichtglosigkeit gegen das Leben und die Interessen der Leute sehen und deshalb die Zwecke kritisieren, die für diese zerstörerische Benutzung der Natur sorgen. Kapita- lismuskritik - das ist Herrn von Gleich viel zu billig. Aber auch die (nicht nur) grüne Alltagsideologie, die "unsere Umwelt" zum Zweck an sich hochstilisiert und "im Menschen" schlechthin die moralische Sau sieht, die "unverantwortliche Schäden" zu verant- worten habe, gilt ihm als unbefriedigend. Zwar teilt er sie voll und ganz - doch fehlt ihr für seinen Geschmack der intellektuelle Tiefgang. Eben diesen vor seinem universitären Publikum nach- zuliefern, dies hatte sich der Referent vorgenommen. Und siehe - es gelang ihm gar prächtig. Von einem schrecklichen Sündenfall in der Geschichte des Menschen wußte er zu berichten: einer widernatürlichen "Verkehrung des Verhältnisses Mensch-Natur". Was hat sich da verkehrt? Noch in der Jungsteinzeit habe es em glückliches "Mit- und Ineinander" gegeben, Mensch und Natur waren "untrennbar" miteinander verbun- den (man denke nur an das reichlich hilflose Ausgeliefertsein an jede Laune der Natur, das den Steinzeitmenschen zu deren trauli- chen "Partner" machte!). Später aber - seit der Antike etwa - sei dieses Verhältnis entartet: der Mensch habe sich zu der Hybris verstiegen, sich die Natur seinen Bedürfnissen gemäß aneignen zu wollen - "Naturbeherrschung", so habe das neue brutale Losungs- wort gelautet und "herrschen kann man nur über etwas, was Sub- jektcharakter hat" (man sieht, Herr von Gleich "beherrscht" den Fehler des Abstrahiere-munter-drauf-los! aus dem Effeff - artnes "Subjekt" Fehler...). Was also war Verwerfliches geschehen? Statt weiterhin der bloßen "praktischen Erfahrung" im Verhältnis zur Natur zu vertrauen wie der Steinzeitmensch (der Referent muß an die mystische Verehrung undurchschauter Naturgewalten gedacht, haben!) oder wenigstens den Standpunkt "der Bewunderung der äuße- ren Natur als Gottes Schöpfung" einzunehmen wie die Bewohner des gemütlichen Mittelalters (die wohl deshalb schon morgens um viere ihren Frondiensten auf feudalen Äckern nachkamen!), hat "der mo- derne Mensch" die Natur zum bloßen Objekt degradiert und auf diese Weise feindlich behandelt. Er hat nämlich die Frechheit be- sessen, die Natur nicht mehr als geheimnisvolle Macht anzubeten, sondern sie naturwissenschaftlich erforschen, "die inneren Ge- setze der Natur" kennenlernen zu wollen, um sie mittels Technik zweckgerichtet umgestalten zu können. Und was ist daran so schlimm? Laut Herrn von Gleich ist naturwissenschaftliche Er- kenntnis ein gemeines Abstrahieren vom "Einzigartigen und Konkre- ten" der buntscheckigen Naturphänomene, denen unverschämterweise eine "mechanistische Weltsicht" übergestülpt worden sei. Eine Auskunft, die allerdings elegant übersehen muß, daß innere Ge- setze und "äußerliche Vielfalt" der Natur in gar keinem Gegensatz zueinander stehen (was stört es das Fallgesetz, daß dieser Stein grünlich schimmert, und umgekehrt!) und daß auch die technische Nutzung solchen Wissens wohl kaum auf die Auslöschung solcher "Einzigartigkeiten" hinausläuft (wie auch?), sondern sogar viel neues "Konkretes" aus der Natur hervorzaubert, so daß diese men- schlichen Bedürfnissen gemäß wird. Und zwar deshalb, weil der grüne Philosoph so vernarrt in den "abstrakten" Gedanken ist, je- der "instrumentelle Umgang" mit der Natur sei ein zerstörerischer Anschlag auf dieselbe - egal, welcher "konkrete" Zweck diesem Um- gang zugrundeliegt (von einer gewissen ökonomischen Kalkulation, die Rücksichtslosigkeit gegenüber natürlichen Bedingungen men- schlicher Techniknutzung gebietet und deshalb Schäden aller Art hervorbringt, soll ja partout nicht die Rede sein!). "Rationalität" schlechthin, wie sie jeder Naturwissenschaft und Technik zum Zuge kommt, war also der Dämon, den der Redner ange- treten war. Bemerke an diesem Vorwurf war denn auch weniger, wie wenig Herr von Gleich ihn persönlich ernstzunehmen scheint (immerhin hat ihn seine theoretische Liebe zur Irrationalität ei- ner wissens- und technikfeindlichen Unterordnung unter den "Partner" Natur nicht veranlaßt, im Bärenfell vor sein Publikum zu treten). Eher schon der ignorante Unwille, auch nur die dööf- sten herrschenden Ideologien in Frage zu stellen: Kohl und Zim- mermann dürfen sich bei ihm bedanken, hat er ihren Taten im Dienst von Staat und Kapital doch den Ehrentitel gelassen, es ginge da um instrumentelle Eingriffe in die Natur im Interesse einer "Bedürfnisbefriedigung des Menschen". Darüberhinaus aber ist bemerkenswert, wie wenig es einen grünen Kritiker stört, daß er mit den offiziell üblichen Hetztiraden gegenüber jedem Mißver- ständnis auf Seiten der Leute konform geht, "der technische Fort- schritt" sei damit zu verwechseln, daß sie "materialistische An- sprüche" stellen und den Staat unchristlicherweise als " Selbst- bedienungsladen" mißbrauchen dürften. Wohl deshalb nicht, weil ja seine Anklage gegen "den Menschen" und dessen unglaubliche Anmaßung gegenüber der armen Natur noch viel weiter geht und auch den Teil "der Menscheit" einbegreift, der in Staat und Wirtschaft das Sagen hat. Kritik 1984 - das ist ein radikales Bekenntnis zur Selbstbezichtigung "von uns allen": immer nur haben wollen, statt ehrfürchtig und bescheiden im Ein- klang mit Mutter Natur zu vegetieren. Pfui drüber! zurück