Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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DIE ÖKOLOGIE: EINE MODERNE NATURWISSENSCHAFT?
Die Ökologie ist aus ihren Kinderschuhen heraus. Ökologische Li-
teratur füllt naturwissenschaftliche Bibliotheken gleich meter-
weise; sie wird von Kybernetikern, Biologen und anderen Naturwis-
senschaflern konsultiert oder auch geschrieben. Ist die Ökologie
eine neue, vielleicht interdisziplinäre Naturwissenschaft? An Po-
pularität jedenfalls würde sie den klassischen Kanon von der Phy-
sik über die Chemie bis zur Biologie haushoch übertreffen. Ande-
rerseits sind Zweifel angebracht. Denn welche Naturwissenschaft
hätte es wie die Ökologie je für nötig befunden, das Publikum zu
e r m a h n e n, sich den G e s e t z e n der Natur u n-
t e r z u o r d n e n, die sie ermittelt?
Die Natur - ein Haushalt mit System?
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Wenn Ökologen ihr Metier als die "Lehre vom Haushalt der Natur,
die alle gegenseitigen Beziehungen der Organismen und zu ihrer
Umwelt einschließt" einführen, dann haben sie damit wenn auch
noch recht formell - den besonderen Gegenstand ihres biologischen
Interesses benannt. Es handelt sich hierbei eben zunächst um
nichts anderes als um die vielfältigen Verhältnisse, in denen
sich Lebewesen der unterschiedlichsten Art, die auch sonst den
Gegenstand der Biologie ausmachen, in der Natur vorfinden und die
Funktionen ihres jeweiligen Lebensprozesses ausüben. Die anorga-
nischen Gegebenheiten (Klima etc.) wie auch sie selbst wirken da-
bei als äußere, zufällige Bedingungen ihrer Existenz, die auf die
Realisierung ihrer Lebensfunktionen fördernden, hemmenden oder
auch gar keinen Einfluß nehmen, so daß sich das Gesamtbild der
gerade betrachteten Landschaft als das Zusammenwirken dieser
vielen äußeren Notwendigkeiten ergibt. Und so ist es gerade die
Qualität des Zufälligen an diesem Resultat, das die jeweils ge-
sonderte Betrachtung von Wald, Wiese, Tümpel usw. erforderlich
macht. Vernünftigen Aufschluß über die jeweiligen Verhältnisse
kann sich natürlich nur der erhoffen, der über die daran betei-
ligten Seiten etwas weiß, wenn nicht bloß eine schlichte Be-
standsaufnahme des Vorhandenen herauskommen soll. Und hierin, der
Bestimmung der Formen organischen Lebens, hat die Biologie ja ei-
niges zu Wege gebracht.
Mit dem Titel "Haushaltslehre der Natur" hat sich die ökologische
Abteilung der Biologie allerdings einen Namen gegeben der über
das oben dargestellte unspektakuläre Forschungsinteresse hinaus-
geht.
"Letztere (die Ökosysteme) stellen im Grunde genommen nichts an-
deres als Landschaftstypen dar; nur hatte man früher deren We-
sentlichstes, den Systemcharakter nicht erkannt." (II, 2)
Wenn das "Wesentlichste" einer Landschaft darin bestehen soll,
daß sie ein "Komplex von Komponenten ist, die in gesetzmäßigen
Beziehungen zueinander stehen", dann heißt das, daß Funktions-
prinzipien der Natur behauptet und gesucht werden, die jenseits
der erkannten oder noch zu erforschenden Funktionen der in ihr
vorkommenden Lebewesen existieren. Zum Vergleich sei an die
durchaus ähnlich klingende Redeweise vom "Haushalt des Organis-
mus" in medizinisch-biologischen Bereichen erinnert. Ein
"gestörter Hormonhaushalt" ist hier nichts anderes als eine ab-
kürzende Sprechweise, die auf die erkannten Gesetzmäßigkeiten von
Produktion und Wirkung von Hormonen im Organismus verweist und
ein Maßverhältnis dieser Körperfunktionen in Bezug auf die
Aufrechterhaltung der gesamten Lebensfunktionen des Organismus
ausspricht. Die Bestimmung des Zusammenhangs, die mit "Haushalt"
in Bezug auf etwa den menschlichen Organismus gemeint ist" hat
daher keinen anderen Inhalt als die Erkenntnis der vorhandenen
Teile und ihrer Funktionen. Ganz anders scheint es die Ökologie
zu sehen, nach der sich folgendes Problem mit wachsender wissen-
schaftlicher Einsicht in natürliche Verhältnisse zunehmend auf-
drängen soll:
"Wenn auch die Analyse von Teilen der beste Weg zum tieferen Ein-
dringen in komplexe Systeme ist, so kann sie doch kein umfassen-
des Verständnis des Ganzen liefern. (...) Es wird eine der wich-
tigsten Aufgaben für die Ökologen in der Zukunft sein, der Ge-
samtschau, dem holistischen Ansatz, zu gleicher Bedeutung zu ver-
helfen wie dem Reduktionismus, der sich wohl bewährt hat, der
aber keineswegs alle Probleme löst. " (I, 15)
Das vorgetragene Bedauern über das fehlende "Verständnis des Gan-
zen" trägt den Widerspruch in sich, über die "Teilhaftigkeit"
längst gemachter Erkenntnis immer genau Bescheid zu wissen, um im
selben Atemzug zu behaupten, daß darüber mit dem vorhandenen Wis-
sen (noch) gar nichts gesagt werden könne. Klage geführt wird
eben auch gar nicht über einen Mangel, der am vorhandenen Wissen
nachgewiesen wäre, sondern eine sehr grundsätzliche Mangelhaftig-
keit desselben p o s t u l i e r t. Und zwar deshalb, um einer
M e t h o d e, dem "holistischen Ansatz" das Wort zu reden. Die-
ser behauptet, daß man eine Sache nur dadurch richtig erfaßt, daß
man sie als Teil eines G a n z e n betrachtet. Ein Ding der Un-
möglichkeit - jedenfalls in Rahmen wissenschaftlicher Vernunft:
Was eine Sache auszeichnet, muß schon bestimmt sein, um s i e
als Teil von etwas anderem auszumachen. Sonst ist die Behauptung
von Teil und Ganzem kein Schluß, sondern purer B e s c h l u ß,
wie man die Sache sehen will.
Die systemlogische Betrachtung der Natur, mit welcher moderne
Ökologie sich auszeichnen will, tilgt folgerichtig auf der einen
Seite jede vernünftige Unterscheidung zwischen natürlichen Gegen-
ständen ("Die Welt ist aus Systemen aufgebaut"), um sie auf voll-
kommen begriffslose Weise wieder einzuführen ("Als ökologische
Systeme bezeichnet man alle jene, die über das Niveau eines ein-
zelnen Organismus hinausgehen") und macht damit das Problem auf,
das "Wesentlichste" der Natur, ihren Zusammenhang, als gesonder-
ten Gegenstand und methodisch abgetrennt von aller wirklichen Er-
klärung einzelner natürlicher Gegenstände und Verhältnisse, auf-
zufinden.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Wer von einem "toten" Fluß re-
det, will in aller Regel zunächst einmal nur festhalten, daß er
bestimmte Lebewesen, die er dort vorzufinden gewohnt war (und an
denen er darüberhinaus auch ein praktisches Interesse haben mag),
vermißt; nicht unbedingt will er damit auch den Fluß selbst als
ein Lebewesen anreden. Anders die Ökologie: Sie will im Prinzip
das Neben- und Miteinander organischer und anorganischer Natur,
das - Ensemble von Wasser und Stein, Baum und Strauch, Fisch und
Vogel als einen sich selbst erhaltenden Organismus denken, wie er
dem Tier eigen ist. In einem Ökologielehrbuch findet man auf der
Grundlage einer sehr prinzipiellen Gleichsetzung von Fisch und
Fluß - als "biologischer Systeme" folgende Unterschidung vor:
"Organismische Ordnung:... Die Funktion des Ganzen entsteht durch
Koordination der Teile. Ökologische Ordnung: ... Die Funktion des
Ganzen ist durch Kompensierung der Kräfte möglich..." (II, 2 f)
Daß die unbelebte Natur in W i r k l i c h k e i t nicht dem
abstrakten Begriff des Organismus genügt, sich als lebendigen zu
erhalten, wird durchaus eingestanden. Neben den G e s e t z e n
der Natur spielt der Z u f a l l eine gehörige Rolle, und ein
Wirbelsturm oder Vulkanausbruch v e r ä n d e r n ein Stück Na-
tur ganz gewaltig, statt es in seiner ursprünglichen Fox zu er-
halten. Der M ö g l i c h k e i t nach aber bescheinigt die
Ökologie dem blinden Neben- und Durcheinander von Notwendigkeit
und Zufall in der Natur insgesamt doch so etwas wie das Prinzip
der "Selbsterhaltung", das Organe in ihrem funktionellen Zusam-
menwirken im lebendigen Organismus zuwegebringen.
Dieser Widersinn resultiert aus dem unbedingten Festhalten an dem
Gedanken, über die Abstraktion "System" im Reich des zufälligen
Wirkens aller möglichen Naturkräfte eine die Teile zusammenfas-
sende Notwendigkeit herausfinden zu können. Und das ohne jegli-
ches Bibelzitat.
Energiefluß und Stoffkreislauf
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So soll "Energiefluß" (neben "Stoffkreislauf") eines der "beiden
großen Prinzipien in der allgemeinen Ökologie" sein. Daß sich bei
den unterschiedlichsten Naturvorgängen Energieumsätze auffinden
und berechnen lassen, ist sicherlich unzweifelhaft. Daß deswegen
aber auch die physikalische Abstraktion "Energie" gewissermaßen
die "Grundwährung", also so etwas wie das identische und regie-
rende Prinzip in allen Naturvorgängen darstellt, schon weniger.
Was sagt hier die Ökologie z.B. über den Vorgang der Photosyn-
these im Bereich der Pflanzenwelt?
"Photosynthese: Dabei wird in den organischen Stoffen Energie
festgelegt, die dann von den Pflanzen aus durch alle anderen ab-
hängigen Lebewesen hindurchfließt." (III, 133)
Hier sind folgende Punkte zu unterscheiden:
- Zum einen ist der biologische Witz der Photosynthese der be-
stimmte Vorgang des dort stattfindenden Aufbaus von organischen
Substanzen aus anorganischen, wobei die Strahlungsenergie der
Sonne eine entscheidende Rolle spielt.
- Zum zweiten werden Pflanzen unter Umständen auch von anderen
Lebewesen als Nahrung aufgenommen und spielen dort ihrerseits
eine genau bestimmte Rolle im Stoffwechselprozeß dieser Lebewe-
sen. Auch hier lassen sich Energiebetrachtungen anstellen.
- Zum dritten soll das ökologisch Interessante beider Vorgänge
aber gar nicht in ihnen selber liegen, sondern in ihrem Zusammen-
hang, der wiederum in nichts anderem als im "Fluß" einer identi-
schen Größe (= Energie) liegt.
Ganz so, als ob die naturwissenschaftliche Erklärung der bezeich-
neten Vorgänge in einer Gleichung nach dem Muster 'Verdauung = x
- Photosynthese' bestünde. Hier fließt nun gar nichts Identi-
sches. Aber wie das Identischsetzen zweier natürlicher Vorgänge
über die Abstraktion Energie zwar keinen funktionellen biologi-
schen Zusammenhang zwischen ihnen hervorbringt (dazu müßte näm-
lich schon von der jeweiligen besonderen Qualität des Vorgangs
Photosynthese einerseits, vom tierischen Stoffwechsel anderer-
seits die Rede sein), sehr wohl aber umgekehrt die bestimmte bio-
logische Qualität an Pflanze und Tier auslöscht, zeigt die zusam-
menfassende Beurteilung:
"Lebewesen sind komplex aufgebaute, hochgradig 'geordnete' Sy-
steme, in denen Energie gespeichert ist." (IV, 81)
Hier steht alles auf dem Kopf. Nicht weil die Analyse eines bio-
logischen Vorgangs zu Erklärungen desselben geführt hat, in denen
chemische und darin auch energetische Momente vorkommen, ist von
Energie die Rede, sondern umgekehrt: Das Vorkommen von Energie
bei diesem oder jenem Naturprozeß wird deshalb herausgestellt,
weil es das vorausgesetzte Urteil belegen soll, im "Energie-
transfer" liege die eigentliche Qualität pflanzlichen und
tierischen Lebens, so daß man letztlich geneigt ist, ein Lebewe-
sen mit einer Autobatterie zu verwechseln.
Der Systemzusammenhang qua Energie(bilanz) beweist sich in diesen
Rechnungen an jedem "Teil" (Lebewesen) paradoxerweise gerade da-
durch, daß er vom "Ganzen" nicht mehr zu unterscheiden ist. Das
Verhältnis "Tier frißt Pflanze" läßt sich von beiden Seiten aus
funktionell bestimmen, darin besteht es. Pflanze und Tier als
Glieder einer Energienutzungskette, als Energiespeicher eben,
sind nicht nur voneinander nicht mehr zu unterscheiden, sondern
ebenso ununterscheidbar gegenüber dem System, das sie nun wie-
derum zusammengenommen bilden.
Was die Ökologie soeben mit der falschen Abstraktion "Energie"
getilgt hat, den Unterschied zwischen Pflanze, Tier etc., führt
sie jetzt auf ebenso unbestimmte Weise wieder ein. In Fauna und
Flora erblickt das Auge des Ökologen im wesentlichen eine Welt
der S t o f f e, deren hauptsächliche Bestimmung es sein soll,
vorhanden zu sein. Dafür hat sich in der Systemwissenschaft Öko-
logie die Rede vom "Stoffkreislauf" einen festen Platz erobert.
Der Energietransfer, in den die ökologische Betrachtung das tie-
rische und pflanzliche Leben aufgelöst hat, wird einerseits
"...primär stets dazu benötigt, den Stoffkreislauf in Gang zu
halten" (I, 89),
während andererseits die kreisenden Stoffe ihre Bestimmung wie-
derum darin finden, als "Energieträger" zu fungieren:
"Da die Strahlungsenergie der Sonne von den autotrophen Pflanzen
als chemische Energie gebunden und als solche in den Nahrungsket-
ten weitergegeben wird, benötigen Lebewesen bestimmte chemische
Elemente..." (IV, 82)
Unbestritten: Lebewesen nehmen aus ihrer Umgebung gewisse Stoffe
auf, die dann als Voraussetzung der Realisierung bestimmter Pro-
zesse im Lebewesen fungieren. Ebenso werden auch Stoffe an die
Umwelt abgegeben. Die teilweise chemische Identität der aufgenom-
menen und abgegebenen Stoffe läßt die Vorgänge zusammengenommen
als Stoffaustausch mit der Umwelt erscheinen, den man auch ruhig
Kreislauf nennen mag.
Gleichgewicht
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Etwas ganz anderes hat der Kreislaufgedanke der Ökologie im Sinn.
Energie und Stoff werden zunächst zirkulär auseinander bestimmt:
Energie ist für die Formveränderungen der Stoffe da, und die
Stoffe bewähren sich als Energieaufsauger. Qualität und Gesetzmä-
ßigkeit sollen dann gar nicht in der jeweiligen Besonderheit der
beteiligten Organismen und Stoffe aufgesucht werden, sondern jen-
seits davon. Jeder Stoffwechsel erhält im ökologischen Kreislauf-
gedanken ein falsches "damit" an die Seite gestellt:
"Da all diese Elemente (und viele andere lebensnotwendige) nur in
endlichen Mengen zur Verfügung stehen, müssen sie in einem Stoff-
kreislauf immer wieder umgesetzt werden." (IV, 83)
"Kreisläufe - die ewigen Erneuerer" (III, 85)
Die hier fingierte Notwendigkeit des "müssens" besteht darin, die
besondere Form des Stoffaustauschs zwischen Lebewesen und Umge-
bung als eine Konsequenz aus der quantitativen Beschränktheit des
vorhandenen Naturstoffs zu behaupten. Eine Tautologie ex nega-
tivo: Würde der Naturstoff n i c h t per Austausch erhalten,
sondern etwa aufgezehrt, so hörte Natur - früher oder später auf
zu existieren. Da es sie aber gibt, muß Existenzerhaltung der
Zweck ihrer Bewegung sein. Dieser Unsinnsgedanke basiert auf der
Unterstellung, daß alles, was sich in der Natur vorfindet, auch
dort sein m u ß und deshalb seine Voraussetzungen beanspruchen
kann - den ausgestorbenen Dinosauriern dürfte rätselhaft bleiben,
was sie nur falsch gemacht haben. Glücklicherweise hat die Natur
in der besonderen Weise ihrer Existenz das Problem gelöst, daß
kein Lebewesen seiner Existenzbedingungen entbehrt. Es lebt ja
nur, was leben k a n n, so daß Apfelsinenbäume in der Sahara
rar sind.
Die quantitative Bestimmtheit der Stoffe taucht aber nicht allein
als "Voraussetzung" der natürlichen Systeme, sondern zugleich als
deren Resultat auf:
"Es wird also 'restlos' alles wiederverwendet, findet ein Wieder-
eingehen in den Zyklus (ein recycling) statt." (IV, 84)
Nicht nur, daß alles Nötige stets vorhanden ist, wird somit zum
Kennzeichen des natürlichen Geschehens, auch daß alles Vorhandene
irgendwo nötig ist, soll man sich als Merkmal der Natur zumindest
denken, Alles in allem entspricht sich die Natur in ihren Voraus-
setzungen und Resultaten, was sich im Gedanken des
"Gleichgewichts" ausspricht:
"Der natürliche Stoffkreislauf in einem Ökosystem ist ausgegli-
chen,. so daß es zur Ausbildung eines sogenannten dynamischen
Gleichgewichts oder Fließgleichgewichts kommt." (IV, 84)
Der Grundgedanke des "Naturhaushalts", daß in der vorfindlichen
natürlichen Welt alles mit allem auf geordnete Weise zusammen-
hängt, der früher einmal "Schöpfungsplan" hieß, findet im ökolo-
gischen System- und Gleichgewichtsgedanken seine säkularisierte
Fassung: Natur ist letztlich Energie und befindet sich im Gleich-
gewicht.
Zu diesem Harmonieideal will die in der Biologie bekannte Konkur-
renz der Arten nicht recht passen. Insofern die Ökologie sich mit
ihrer holistischen Kritik an dieser Disziplin dieser dennoch ver-
pflichtet weiß, bedarf das "Fressen und Gefressenwerden" noch
seiner kreislaufgerechten Ausdeutung.
Fressen und Gefressenwerden: Strategien der Natur?
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Die Redeweise von der "Konkurrenz", in der sich Lebewesen in der
Natur z.B. bezogen auf die jeweiligen Nahrungsquellen befinden,
charakterisiert zunächst nichts anderes als die gleichgültige
Stellung, die die Organismen zueinander einnehmen und aus der
heraus sie sich wechselseitig zu äußerlichen Schranken ihrer Le-
bensfunktionen, z.B. ihrer Vermehrung werden. Der ideologische
Mißbrauch dieses durchschauten Verhältnisses, wie er vor allem in
Anlehnung an Darwins Theorie stattfand und -findet, leistet sich
zwei verkehrte Übersetzungen: Aus der Nahrungsaufnahme wird ein
"Kampf ums Dasein", in dem "das Recht des Stärkeren" triumphiert.
Diesen Zweck hat sich noch kein Eichhörnchen gesetzt wie auch die
Natur nicht über Recht, Angeklagte und Richter verfügt. Der Wi-
derspruch, für gewisse gesellschaftliche und politische Zwecke
Propaganda zu machen mit dem Verweis auf natürliche Verhältnisse,
denen jegliches zwecksetzende Subjekt fehlt, liegt also auf der
Hand. Es ist ein Mißfallen an solchen "Sozialdarwinismen", das
den Ökologen zu einer Entgegnung führt:
"Dies Prinzip darf jedoch nicht so verstanden werden, daß in der
Natur ein Kampf aller gegen alle herrscht. Vielmehr begünstigt
die Selektion ein sich möglichst weitgehendes 'Aus dem Weg gehen'
der verschiedenen Organismen. Dadurch findet jede Art ihr beson-
deres Wirkungsfeld in einem bestimmten Ordnungssystem." (II, 3)
Die als quasi Mißverständnis verharmloste Ideologisierung der Na-
tur wird hier dadurch korrigiert, daß dem Bild vom allseitigen
Kampf, der zwischen den Lebewesen herrscht, das Bild ihres harmo-
nischen Zusammenwirkens zur Seite gestellt wird. Der Fortschritt
gegenüber gewissen populären Auslegungen der hier angesprochenen
"ökologischen Nischen", die im Wald gleich immer eine ganze Hier-
archie von "Berufen" ausfindig machen wollen - wobei der Beruf
des Ordnungshüters nicht zufällig an erster Stelle steht -, be-
steht darin, daß der ganze Inhalt von "Harmonie" mit der gelunge-
nen Vermeidung von "Disharmonie" zusammenfällt. So wird aus der
Tatsache, daß drei verschiedene Vogelarten womöglich gemeinsamen
Ursprungs in einem Baum sitzen, ein "geglücktes ökologisches Ex-
periment":
"Eine ökologische Sonderung und damit Konkurrenzvermeidung ist
demnach dadurch möglich, daß verschiedene Arten unterschiedliche
Elemente eines Lebensraumes nutzen." (IV, 36)
"Die Bildung unterschiedlicher ökologischer Nischen (...) ermög-
licht die Koexistenz vieler Arten im gleichen Biotop." (IV, 39)
Der blinde Mechanismus der Entwicklung der Arten wird hier aus
ökologischer Sicht besprochen als ein Vorgang, bei dem das je-
weils gerade eingetretene Resultat ("ökologische Verträglichkeit
mit möglichen (?) Konkurrenten") positiv festgehalten wird gegen-
über den Weg, auf dem es sich herausgebildet hat, per Zurückdrän-
gung einer konkurrierenden Art. Ein Konkurrenzmechanismus also,
der auf die Vermeidung seiner selbst hinwirkt. Diese doppelte Be-
trachtung des identischen Vorgangs der Artenentwicklung ver-
schafft ihm in seiner Zufälligkeit ganz formell eine Richtung.
Als "ökologische Sonderung" kann so dem Evolutionsmechanismus die
"Leistung" zugesprochen werden, das, was herauskommt, ermöglicht
zu haben. Das Gehacke der Arten auf- und gegeneinander hat sich
aufgelöst in einen Beitrag zur friedlichen Koexistenz im Biotop.
Bleibt nur noch ein Störenfried übrig:
Der Mensch als immanenter Störenfried
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Wo "der Mensch", wie das vornehme Absehen von allen gesellschaft-
lichen Verhältnissen gemeinhin heißt, in der ökologischen Bespre-
chung der Natur auftaucht, wird ihm grundsätzlich ein doppeltes
Urteil beschieden: Er gehört unbedingt dazu - und paßt auf keinen
Fall hinein.
"So ist den meisten von uns kaum mehr bewußt, wie sehr wir immer
noch ein Teil der natürlichen Umwelt sind - ein Teil, der sich
zwar von seinem ursprünglichen Platz entfernt hat, aber dennoch
nur innerhalb ihres Gefüges leben kann." (III, 14)
Mit der Erfindung des Krieges hat sich der Mensch einerseits wun-
derbar in den natürlichen "Kampf ums Dasein" eingereiht:
"Bei den Tieren hatten wir als ein zuweilen wirksames Begren-
zungsprinzip den Kannibalismus kennengelernt. Kriege sind biolo-
gisch gesehen nichts anderes." (II, 86)
Andererseits stimmt genau das den Ökologen wieder nachdenklich:
"Auf der anderen Seite hat der Mensch in seiner ganzen Kulturge-
schichte seinesgleichen umgebracht, ja sogar massenhaft vernich-
tet - ein Verhalten, das bei höheren Tieren auch im stärksten
Konkurrenzkampf nicht zu beobachten ist." (III, 236)
Der Grund für dieses widersprüchliche Hin und Her in den Bestim-
mungen kann nicht in der schlichten Tatsache liegen, daß der men-
schliche Organismus seiner biologischen Bestimmung nach Gemein-
samkeiten mit anderen Lebewesen aufweist. Dann wäre die Ge-
schichte mit der Feststellung, daß Menschen ihrer Naturseite nach
eben Lebewesen sind,. erledigt. Genauso wie die gesellschaftli-
chen Verhältnisse, in denen sie sich henmschlagen, kein Gegen-
stand der Naturkunde sind. Zwar wird etzteres von einem Ökologen
nicht dergestalt bestritten, daß er allen Ernstes behaupten
wollte, kapitalistische Produktion und die entsprechenden Lebens-
verhältnisse der Menschen seien ein Produkt natürlicher Entwick-
lung. Im Gegenteil: Hier fällt ihm nachgerade immer wieder die
Unnatürlichkeit der eingerichteten Verhältnisse als deren Charak-
terisienng ein. Funktionieren tut dieser falsche Gedanke auf der
Grundlage eines falschen Vergleichs. Wenn man sich ein mal die
gesellschaftlichen Verhältnisse als natürliche vorstellt, dann
stellen sich lauter Abweichungen (= Verstöße) von den in der Na-
tur als geltend unterstellten Prinzipien automatisch ein. Der Um-
stand, daß die kapitalistische Gewinn- und Verlustrechnung mit
ihrer kostengünstigen Entsorgung von allerleit Giften die natür-
lichen Lebengsgrundlagen für verschiedene Bedürfnisse des Men-
schen zunehmend unbrauchbar macht, wird ökologisch radikal falsch
betrachtet. Die "Umweltverschmutzung" will die Ökologie schon
kritisieren, nur werden dabei die Rollen von Opfer und Täter
seltsam verteilt:
"...betrachten wir die Umweltverschmutzung in allgemeiner Form
als thermodynamischen Prozeß, der als Nebenprodukt der Energieum-
setzungen und der Nutzung der Stoffe als 'Unordnung' schaffender
Vorgang aufzufassen ist. So gesehen vermindert die beim Produkti-
onsprozeß auftretende Verschmutzung der Umwelt die Positivbi-
lanz." (I, 139)
So gesehen vollführt "der Mensch" auch beim Versauen der Umwelt
einerseits nur ein Naturprinzip, was wieder einmal beweist, daß
der dem natürlichen Geschehen nicht auskann. Andererseits wäre
ohne ihn die "Positivbilanz", die ansonsten der Natur bescheinigt
werden muß, nicht gestört. Eine schöne Auskunft darüber, als was
die kapitalistisch produzierte Schädigung der Natur als Lebens-
mittel in der Ökologie gilt: Eine Beeinträchtigung der Leistungs-
bilanz der N a t u r, die nicht sein muß! Die Quintessenz ist
paradox: "Der Mensch" sollte sich grundsätzlich an den Funktions-
prinzipien des Naturzusammenhangs orientieren - schließlich ist
er Teil davon. Andererseits bietet er ständig Gelegenheiten dazu,
ihm dies anzuraten - als Naturteilchen führt er sich nämlich so
auf, als ob er keins wäre, und das immer dort, wo er sich einen
Nutzen von der Natur verspricht. Dieses merkwürdige Verhältnis,
das allen praktischen Vorschlägen in Sachen "Ökosystem-Manage-
ment" zugrunde liegt, offenbart erst einmal eines: Um Naturge-
setze kann es sich bei den aufgeführten Prinzipien nicht handeln.
Dort wäre nämlich die Frage, ob man sich an die halten möchte,
schon einigermaßen verrückt. Anders gefragt: Was ist es eigent-
lich am Menschen, daß ihn zu einem u n natürlichen, daher stö-
renden Stück Natur machen soll? Betrachten wir die landwirt-
schaftliche Produktion. Einerseits ist "der Mensch" nach ökologi-
scher Auffassung notwendig -
"...auf unreife Ökosysteme angewiesen, die eine hohe Produktion
aufweisen und somit hohe Erträge abwerfen. Sich selbst überlassen
müßten solche Sukzessionsvorgänge bald wieder in die Klimax über-
gehen. Natürliche Ökosysteme werden so in lebensdienliche, künst-
liche umgewandelt, die oft schlechter an ihre Umwelt angepaßt
sind. " (III, 65 f) -
produziert also schlicht durch seine Nutzungsansprüche ein sehr
grundsätzliches Dilemma, das mit den Wirkungen von Monokulturen
und Plantagenwirtschaft z.B., die mancher nicht will, nicht zu
verwechseln ist; schließlich bewegt den Ökologen diese Überlegung
zu der etwas anders gearteten Frage, ob es...
"...überhaupt ein bewirtschaftetes Ökosystem (gibt), das seine
Umwelt nicht belastet?" (III, 72)
Die Tendenz heißt 'Nein!'. D a ß der Mensch überhaupt Zwecke
hat, die er mit der Bearbeitung der Natur realisiert - und nicht:
welche! -, gilt Ökologen als widernatürliches Störelement am in
die Natur eingereihten Menschenkind.
Die moralische Produktivkraft der Anwendung von Systemtheorie und
Kybernetik in der Ökologie ist nicht zu unterschätzen. Der Vor-
stellung, in der Natur eine gleichermaßen selbstgenügsame wie
produktive Ordnung vorzufinden, leistet sie allemal gute Dienste.
Das Vorstelligmachen von im natürlichen Geschehen obwaltenden,
womöglich göttlichen Zwecken, hat sie wirklich nicht nötig, weil
durch den Systemgedanken ersetzt.
"Die scheinbaren Gegensätze kausaler und auf die Bedeutung für
das Ganze, also final gerichteter Betrachtungsweise heben sich
unter kybernetischem Gesichtspunkt auf." (II, 8)
"Finalität braucht also nicht so verstanden zu werden, als ob im
Lebensgeschehen von vornherein ein bestimmtes Ziel gegeben sein
müßte, obwohl es eine inhärente Tendenz von Materie und Energie
in Richtung auf den lebenden Zustand zu geben scheint." (II, 9)
Keine Frage, wer vor dieser Teleologie alt aussieht. "Der
Mensch", wo immer er auftaucht, blamiert sich mit seinen Zwecken
stets gründlich. Daß in der menschlichen Zweckhaftigkeit kein
einziger wirklich gesellschaftlich gültiger Zweck, der die
"Springquellen allen Reichtums" zerstört, beim Namen genannt
wird, versteht sich dann von selbst.
Quellen:
I: Odum/Reichholf, Ökologie, München 1980
II: W. Tischler, Einführung in die Ökologie, Stuttgart 1976
III: F. Klötzli, Einführung in die Ökologie, Stuttgart, 1976
IV: G. Osche: Ökologie, Freiburg 1973 V:
E. Haeckel, in: E.Schramm (Hg), Ökologie-Lesebuch
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