Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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Zum Müll-Volksbegehren
GEISTIGE UMWELTVERSCHMUTZUNG
Da organisieren ein paar Leute ein Volksbegehren zur Durchsetzung
eines neuen Gesetzes, das eine Alternative sein soll zum
"Abfallwirtschaftsgesetz" der Regierung. Und obwohl kaum jemand
sich normalerweise für Gesetzestexte interessiert und diese eif-
rig studiert, findet die Aktion ein ungewöhnliches Echo: Jede
Menge Zeitungsartikel, Sendungen in Rundfunk und Fernsehen, Pla-
kate in Ämtern und Schulen, Müll-Aktionen und Diskussionen. Ir-
gendwie scheint jedermann der Auffassung zu sein, daß es da um
eine äußerst wichtige Sache geht. Wenn auch das Engagement oft
nicht mal so weit reicht, sich in die Listen des Volksbegehrens
einzutragen oder auf eine Demo zu latschen, will doch jeder ent-
deckt haben, daß wir "im Müll ersticken" und dringend etwas getan
werden muß.
"Wir produzieren zuviel Müll!"
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Es ist schon interessant, was da überhaupt als Problem benannt
wird. "Wir alle" werden in gleicher Weise als "Müllproduzenten"
ins Visier genommen:
- der Bürger als Konsument mit seinen Essensabfällen, alten Zei-
tungen und leeren Flaschen, der von der zuständigen Behörde mit-
geteilt kriegt, wieviel er für die kommunale Müllabfuhr zu zahlen
hat, genauso wie
- kapitalistische Betriebe, die die bei der Produktion anfallen-
den Stoffe, die für sie nutzlos sind, als Abfall betrachten und
möglichst billig loswerden wollen. Daß dieser Abfall alles andere
als harmlos ist, davon geht der Staat aus. Er begutachtet ihn,
teilt ihn in gewisse Kategorien ein, erläßt Vorschriften und er-
teilt damit prinzipiell die Erlaubnis zur Freisetzung von Giften.
Gegen gewisse Gebühren dürfen z. B. Luft, Wasser und Boden damit
verseucht werden. In Form von Grenzwerten, Ausnahmegenehmigungen
usw. wird festgeschrieben, was hierzulande allgemein als verträg-
lich zu gelten hat.
Mit der Redeweise von dem Müll, den "wir alle" gleichermaßen pro-
duzieren, wird von vorneherein darüber hinweggesehen, wer da wel-
che Freiheiten zur Verseuchung der natürlichen Lebensbedingungen
hat. Was es mit stinkenden und giftigen Mülldeponien auf sich
hat, wer da welchen Abfall produziert, warum das ganze zu einer
nicht nur lästigen, sondern auch gesundheitsschädlichen An-
gelegenheit wird - all das wird für uninteressant befunden. Ge-
schäftstüchtigen Unternehmern wird wie allen anderen Bürgern man-
gelndes Umweltbewußtsein vorgeworfen. Gleichgültig gegen alle Ge-
schäftskalkulationen werden die Bürger aufgefordert, bei sich an-
zufangen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Ausgerechnet dieje-
nigen, die außer auf ihr bißchen Hausmüll auf nix Einfluß haben,
werden in die Pflicht genommen. Sie sind schuld, wenn wir alle im
Müll ersaufen, und wer's nicht glaubt, soll nur mal seinen Müll
von einem Tag mit 365 multiplizieren. Angesichts des Müllberges,
der bei dieser Sorte Hochrechnung anfällt, da muß doch die Kata-
strophe kommen, oder?
"Das bessere Müllkonzept"
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Mag ja sein, daß, wenn man so vor sich hinlebt und das eine oder
andere konsumiert, Abfall anfällt. Ja und? Soll halt der Dreck
weggeräumt werden! Eine anständige Abfallbeseitigung muß her, bei
der niemand durch stinkende Deponien und giftige Verbrennungs-
rückstände belästigt wird. Soll bloß niemand behaupten, das ginge
überhaupt nicht. Das geht nur hier und heute nicht, weil niemand
es will. Den Standpunkt, den Leuten soll es gut gehen und sie
sollen sich nicht auch noch um ihren blöden Abfall kümmern müs-
sen, den vertritt doch hierzulande keiner. Niemand erwartet von
staatlichen Stellen, daß sie ihr Geld für Service-Leistungen für
den "kleinen Mann" ausgeben, anstatt damit "die Wirtschaft" zu
befördern, deren Wachstum nicht dadurch behindert werden darf,
daß der Staat sie zur gesundheitszuträglichen Entsorgung von Ab-
fällen anhält. Deswegen und nur deswegen gibt es überhaupt stin-
kende Müllberge, Grundwasser verseuchende Deponien und giftige,
weil billige Verbrennungsanlagen.
Im übrigen: Ein technisches Problem gibt es auch nicht. Es ist z.
B. keineswegs ein Geheimnis, daß bei längerer Verbrennungszeit
und einer Temperatur von über 1200C keine Dioxine beim Müllver-
brennungsprozeß entstehen. Nur kostet das eben etwas mehr.
Die Anhänger des "Müllproblems" sehen das ganz anders. Sie be-
haupten allen Ernstes, bisher sei es viel zu sehr darum gegangen,
Müll einfach zu b e s e i t i g e n. Überhaupt auf Müll-
b e s e i t i g u n g zu setzen, sei schon der ganze Fehler. Die
notwendige, einfach unumgängliche Folge davon seien überfüllte
Mülldeponien und giftspuckende Verbrennungsanlagen. Sie gehen
davon aus, daß Müllbeseitigung anders als gemäß den Kalkulationen
demokratischer Politiker und kapitalistischer Geschäftsleute gar
nicht machbar ist, und fordern "Wiederverwertung" und
"Müllvermeidung" statt "Beseitigung".
"Verwerten ist gut..."
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Mag ja sein, daß aus Glasflaschen, Alu-Deckeln, Papier und was
sonst noch so auf dem Müll landet, noch was zu machen ist. Tech-
nische Verfahren zur Sortierung und Wiederaufbereitung von Pa-
pier, Glas usw. gibt es durchaus. Angewandt werden sie deswegen
noch lange nicht. Wie überall im Kapitalismus, hängt das davon
ab, ob sich mit dem Recycling ein lohnendes Geschäft machen läßt.
Von wegen, "wertvolle Rohstoffe" lagern auf den Deponien. Wenn
ihre Aufbereitung zuviel kostet, dann sind diese Rohstoffe ein-
fach viel zu "wertvoll", und ihre Wiederverwendung unterbleibt.
Es sei denn, es finden sich umweltbewußte Bürger, die von den
gültigen Geschäftskalkulationen nichts wissen wollen, den Ge-
brauch von Rohstoffen nicht für eine Kostenfrage, sondern für ein
Menschheitsproblem halten und sich und den Rest der Menschheit zu
sorgsamen Umgang mit "knappen Ressourcen" anhalten. Wenn sie ihre
Abfälle säuberlich sortiert in sechs verschiedene Mülltonnen
schmeißen oder zum nächsten Glascontainer tragen, dann kann es
schon sein, daß ein findiger Geschäftsmann diesen Fleiß
"belohnt", und im Recycling der ordentlich vorsortierten Abfälle
eine lohnende Geschäftsperspektive für sich entdeckt. Einbilden
kann man sich, man hätte auf diese Weise etwas für die Lösung von
drängenden Menschheitsfragen getan. Tatsächlich ist man der nütz-
liche Idiot eines neuen Geschäftszweigs.
"...Vermeiden ist besser"
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Noch viel besser soll es jedoch sein, möglichst wenig Abfall zu
produzieren. Das ist nicht nur der Lebensfreude ziemlich abträg-
lich, beim Konsumieren immer nicht auf den Genuß, sondern darauf
zu achten, daß möglichst wenig Müll anfällt. Es ist auch einiger-
maßen idiotisch zu glauben, ausgerechnet als Konsument hätte man
es in der Hand, etwas Entscheidendes gegen die Müllberge zu un-
ternehmen.
Als Konsument hat der Bürger in dieser unserer Gesellschaft er-
stens keinerlei Einfluß auf das Produzieren. Wie das vonstatten
geht, was da an Abfall anfällt, wie damit verfahren wird - all
das entscheidet der Produzent und eben nicht der Konsument. Zwei-
tens hat der keinerlei Einfluß auf die Beschaffenheit des Pro-
dukts, wieviel Abfall bei seinem Konsum anfällt, ob es aufwendig
verpackt ist, in Papier oder Plastik. Als Konsument kann er sich
bloß das Zeug kaufen, was es gibt, oder es bleiben lassen und von
Luft und Liebe leben. Und zuletzt hat er natürlich auch keinen
Einfluß darauf, wie mit seinen Abfällen umgegangen wird. Das ist
Sache staatlicher Stellen und der von ihnen beauftragten Unter-
nehmen.
An d i e s e n Verhältnissen soll auch gar nichts geändert wer-
den: Anders als als Konsument soll sich dieser nicht betätigen.
Die Interessen und Kalkulationen des Staates und der kapitalisti-
schen Unternehmen sollen gar nicht außer Kraft gesetzt, sondern
sie sollen nur positiv beeinflußt werden. Die Fiktion dabei ist,
daß sich trotzdem alles ändert, wenn nur der Konsument s i c h
ändert und "müllbewußt" verhält. Wo ihm die Schönheiten kapitali-
stischer Müllbeseitigung (und nicht nur die) zugemutet werden,
soll er sich zum Problem erklären, sich als konsumwütigen Gier-
schlund betrachten und durch eine Änderung seines Verhaltens die
Welt verbessern. Rauskommt da nur eins: Der Mensch macht sich
selber für alle Zumutungen verantwortlich und versucht, sich dar-
auf einzustellen und daran anzupassen.
Selbstgerechter Moralismus untertäniger Staatsbürger
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Den Politikern sind solche Bürger durchaus angenehm, die sich als
das angebliche Hindernis einer idealen Müllentsorgung aus dem Weg
räumen wollen. Vom Staat fordern sie, daß er ihnen die Gele-
genheit bietet, durch das Sortieren von Müll, die Benutzung einer
Biotonne und ähnliches ihr Problem- und Umweltbewußtsein unter
Beweis stellen zu können. Jeder, der sich nicht freiwillig im Na-
men der Umwelt Beschränkungen auferlegt, soll per Gesetz dazu
gezwungen werden. Solche untertänige Gesinnung honorieren
Politiker durch das Versprechen, die präsentierten Vorschläge für
das Sammeln und Sortieren von Müll zu prüfen und gegebenenfalls,
wenn sie zu ihren Kalkulationen passen, auch mal zu übernehmen.
Daß sie es sind, die über sämtliche Lebensbedingungen der Leute
bis dahin, wie sie ihren Müll loswerden, entscheiden, das wird
ihnen ja von niemandem streitig gemacht.
Lästig sind Leute, die sich in Sachen "Müll" engagieren,
höchstens für ihre Mitmenschen. Sie bezichtigen sich, ebenso wie
"wir alle" zuviel Müll zu produzieren, und stellen demonstrativ
ihr eigenes Umweltbewußtsein zur Schau. Dadurch - glauben sie -
haben sie sich das Recht erworben, den Rest der Menschheit mit
ihren Einbildungen, der Müll sei eines der größten Probleme der
Menschheit, auf die Nerven gehen zu dürfen. Da trauen sich sogar
Schüler, wenn mal gerade wieder Umwelttag ist, ihre Lehrer wegen
eines weggeworfenen Joghurtbechers zu kritisieren. Jeder, der
nicht seine Flaschen zum Container trägt und seinen Müll sor-
tiert, ist mindestens an den Müllbergen, wenn nicht auch noch an
zu wenig Wohnungen, Hunger in der Dritten Welt und überhaupt den
ganz großen Menschheitskatastrophen schuld. Die Pflege der Ein-
bildung, man selber sei nicht so eine Sau wie die anderen, ist
durch das Zurückbringen von Pfandflaschen leicht zu haben und
stärkt das eigene gute Gewissen enorm! Was macht es da schon, daß
ansonsten alles seinen gewohnten kapitalistischen Gang geht -
die massenhafte Verbreitung solch eines Müll-Wahns hindert die
wirklich zuständigen und entscheidenden Instanzen in dieser Ge-
sellschaft nicht, auch weiterhin ungestört ihren Geschäften nach-
zugehen, die das Leben in der BRD so gemütlich machen.
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