Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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1. Deutscher Umwelttag 1986 in Würzburg
EIN KIRCHENTAG FÜR DIE UMWELT
Ein feines Motto: "Ja zum Leben!" - hieß so nicht der letzte Ka-
tholikentag? Macht nichts! Wird sich ja sowieso immer ähnlicher.
Und wer wird zum Leben schon "Nein" sagen wollen. Ein absolut un-
anfechtbares, über allen Parteien stehendes Anliegen wird da ver-
treten.
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Einen Kirchentag der Natur können die Umweltschützter begehen,
weil nun der Wert 'Umwelt' jeden Anstrich von Kritik und Opposi-
tion verloren hat: er ist durchgesetzt. Kein Feld und keine
Chance mehr für die Systemveränderer. Vor dem neuen kategorischen
Imperativ, daß man die Umwelt schützen müsse, verbeugen sich
jetzt alle wirtschaftlichen und politischen Kräfte - und nur die
bayerische CSU hat dem Umwelttag keine Grußadresse und keine pro-
minenten Besucher geschickt. Jetzt ehrt sogar die Bonner Regie-
rung die Umwelt mit einem brandneuen Ministerium! Was ist eine
Parole noch wert, wenn es niemanden gibt, der ihr nicht zustimmt;
was soll damit noch bewegt werden, wenn sie sowieso auf keine Ab-
lehnung mehr stößt? Oder freuen sich die diversen Naturschutzver-
bände einfach über ihre Popularität - darüber, daß jetzt alle
Parteien sie hofieren und, wie schon immer mit der Parole
"Frieden", jetzt eben auch noch mit dem Titel "Umweltschutz" heu-
cheln?
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Jeder ist für Frieden, jeder für Leben, jeder für Umwelt: Diese
Werte sind allen Kräften im Lande heilig - komisch, daß man
trotzdem immerzu dazu aufrufen muß! Oder ist es vielleicht so,
daß Frieden und Umwelt soviel im Mund geführt werden, weil soviel
gerüstet und verseucht wird? Und zwar von denen, die durchaus die
Verantwortung für den Frieden und "unsere Umwelt" tragen wollen?
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Solche heuchlerischen Bekenntnisse werden von Verehrern des Um-
weltgedankens nicht durchschaut, sondern gläubig immer mehr ein-
gefordert: So werden alle, die sich zur Umweltheuchelei bereit
finden, bessere oder schlechtere Umweltschützer: AKW-Kritiker
Klaus Traube diskutiert mit Wissenschaftlern der Atomindustrie
darüber, wie "wir" "unsere" Umwelt am besten schützen: ein biß-
chen mehr radioaktive Strahlung oder ein bißchen mehr Stickoxide
aus Kohlekraftwerken mit Waldsterben? Wozu es das deutsche Atom-
programm braucht, will sowieso keiner wissen, ebensowenig warum
Kohlekraftwerke bis jetzt keine (teure!) Rauchgasreinigung haben!
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Gegen wen wird die gute Umwelt dann vom ganzen Volk geschützt?
Gegen uns alle! Eine Kritik kennt der Umweltgedanke noch: die
Selbstkritik! Klar, wenn man radioaktive Verseuchung, chemisch
vergiftete Nahrung und saure Luft nicht mehr von achtlos wegge-
worfenen Zigarettenstummeln und Cola-Dosen unterscheiden kann,
dann sind w i r a l l e genauso schuld, wie w i r a l l e
die Natur retten wollen, Verrückte eben, die sich aus lauter Ge-
nußsucht vergiften und aus Bequemlichkeit umbringen. Ehe wir die
kapitalistische Rechnungsweise der Wirtschaft kritisieren, halten
wir uns lieber selber für Idioten.
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Leisten kann dieser Blödsinn mehreres: 1. Machen wir alles weiter
wie bisher, was wir tun m ü s s e n - in rentablen Fabriken ar-
beiten, Verkehrsmittel benutzen und sogar unvermeidlicherweise
ein bißchen die Wohnung heizen. Dazu machen wir uns 2. ein
G e w i s s e n, und zwar ein schlechtes, weil wir nicht die
Wirtschaftsweise, die die billige Abfallbeseitigung zur Last der
Anrainer macht, sondern unseren Konsum für die Sünde wider die
Natur halten; einen Konsum, den wir gleichwohl nicht einfach ein
stellen können.
Deshalb machen wir 3. eine Extra-Aktivität aus unserem Gewissen:
Laufen zuhauf zum Umwelttag zusammen, produzieren so einen Müll-
berg und bekämpfen ihn gleich durch heftiges Papierchenaufheben,
lassen uns von Luis Trenker für die Alpen begeistern und verach-
ten uns, weil wir auch noch auf ihnen herumtreten usw. Dadurch
bekommen wir ein gutes Umweltgewissen zusammen mit der Einsicht,
daß wir alle noch mehr Opfer bringen müssen, zur Beseitigung der
vom Kapital produzierten Gifte. Das wieder freut den Staat, denn
daß die Bürger mehr Opfer bringen wollen, läßt er sich nicht
zweimal sagen: Schon jetzt laufen Steuererhöhungen bevorzugt
unter dem Umwelt-Titel. Nach Tschernobyl bietet sich eine
Strompreiserhöhung an. So ähnlich müssen es die Organisatoren des
Umwelttages gemeint haben: "Wir wollen den Politikern Mut machen,
jetzt zu handeln..." Die Politiker haben nämlich nicht etwa das
Atomprogramm aufgelegt und die diversen Vergiftungen gesetzlich
erlaubt. Für die Umweltverschmutzung sind nicht sie; da sind wir
alle verantwortlich. Aber für den Umweltschutz ist Bonn
zuständig. Die Herren trauen sich mit ihren Wohltaten nur noch
nicht so recht.
Auch in dieser Hinsicht ein echter Kirchentag: Eine Ermunterung
der Regierenden zur Machtausübung - "Mut zum Handeln"!
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