Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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Konsumboykott gegen Ciba-Geigy, Chile, Südafrika?
IST DER KUNDE DOCH KÖNIG?
Es gibt Leute und 'Initiativen', die den einkaufenden Bürger ein-
dringlich auffordern, gewisse Nahrungsmittel nicht mehr, andere
dagegen möglichst massenhaft zu kaufen. Sie machen einem weis,
der Verzicht auf südafrikanische Weintrauben sei ein Mittel des
Kampfes gegen die dortige "Rassendiskriminierung"; der auf chile-
nische Äpfel eines gegen Pinochets Diktatur, und der auf Medika-
mente von Ciba-Geigy oder auf Chemieprodukte überhaupt sei der
passende Widerstand gegen die Umweltverseuchung; und wer statt
Tschibo 'Nica-Kaffee' trinke, leiste dem sandinistischen Nicara-
gua wertvolle Dienste im Überlebenskampf. Umgekehrt mache sich
ein jeder persönlich "mitschuldig" an all den skandalösen Zustän-
den, der weiterhin wahllos kaufe.
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Es mag ja sein, daß kapitalistische Warenproduzenten darauf ange-
wiesen sind, daß die unter ihrem Kommando hergestellten Waren
auch gekauft werden. Schließlich soll und muß der Gewinn, der in
ihnen steckt, r e a l i s i e r t werden. Das heißt jedoch er-
stens nicht, daß Bananen, Tee oder Medikamente produziert werden,
w e i l es ein Bedürfnis nach ihnen gibt. Sondern weil und so-
lange aus der finanziellen Kaufkraft der Bedürftigen ein profi-
tables G e s c h ä f t zu machen geht. Zweitens folgt daraus
erst recht nicht, daß ausgerechnet Otto Normalverbraucher - also
der 'kleine Mann' in seiner Eigenschaft als Konsument - die
Macht(mittel) in Händen hält, um auf das Was und Wie, die Bedin-
gungen und Folgen der Produktion hier oder anderswo Einfluß zu
nehmen. (Dazu müßte er sich schon als P r o d u z e n t anders
aufführen denn als willfähriges Material seiner 'Arbeitgeber'!)
Wo er als Kunde den Markt betritt, ist nämlich bereits alles
e n t s c h i e d e n: Das Warenangebot liegt fertig vor - in
den Kaufhäusern, als fremdes Eigentum. Jedes 'Gut' hat seinen
Preis. Und die Mehrzahl der normalen, sprich eigentumslosen Bür-
ger eine beschränkte Geldsumme, von welcher sie die notwendigen
Lebensmittel kaufen m u ß. Dies ist ihre ganze Freiheit.
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Ausgerechnet der vom Zugang zu den auf den Markt geworfenen Le-
bensmitteln abhängige Konsument wird von Freunden des Konsumboy-
kotts aufgefordert, bei der Auswahl zwischen den Produkten nicht
nur auf die Gebrauchseigenschaften derselben und seinen schmalen
Geldbeutel zu achten, sondern darüber hinaus auf die Herkunft der
Dinge. Fragt sich bloß: nach welchem Kriterium soll er sich da
entscheiden? Wo ist die feine Differenz zwischen den Erzeugnissen
von Ciba Geigy und Hoechst? Der Schweizer Konzern hat neulich für
einen öffentlichen Skandal gesorgt. Hoechst verseucht nur auf dem
ganz normalen, erlaubten Weg Luft, Boden und Wasser. Oder soll
der geneigte "Verbraucher" gleich "aktiv gegen die Chemie" als
ganze werden, also ab sofort auf Waschmittel, Textilien und Ge-
sundheitspillen pfeifen? -
So ist es nun auch wieder nicht gemeint, weil auch den Initiativ-
lern klar ist, daß das gar nicht geht; - aber wie dann? Klebt an
den argentinischen Orangen weniger Blut und Ausbeutung als an
südafrikanischen Ananas? Ach so, die argentinischen Campesinos
und Tagelöhner dürfen immerhin demokratisch wählen. Also die
Herrschaften selber mit ins Amt bestellen, welche sie dem elenden
Dienst an 'unserer' Weltwirtschaftsordnung Marke USA, BRD etc.
unterwerfen. Wie bei uns. Das nützt dem Menschenmaterial des ka-
pitalistischen Reichtums natürlich ungemein, wenn es unter
rechtsstaatlichem Gesetz und Ordnung seine Gesundheit in Armut
ruinieren darf.
Es sind in der Tat äußerst feinsinnige Unterscheidungen, welche
die moralische Begutachtung der Resultate kapitalistischen Wirt-
schaftens zustandebringt. Die Kriterien der Gewinnproduktion, die
den rücksichtslosen Umgang mit Land und Leuten notwendig ein-
schließen, gehen dabei voll in Ordnung. Und ein Gedanke wie der,
daß es vielleicht dieselben Geschäftskriterien sind, welche hier
von einer demokratischen Gewalt geschützt und gefördert und an-
derswo bei Bedarf auch ohne den Schein der Zustimmung von unten
beaufsichtigt werden - und zwar zum Wohle und im Auftrag der maß-
geblichen Demokratien? - kann da gar nicht erst aufkommen.
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Eine ernsthafte Schädigung der Geschäftemacherei, gar eine Infra-
gestellung der Zuständigkeit der Privatbesitzer des gesellschaft-
lichen Reichtums für die Lebensbedingungen der Mehrheit, ist mit
der Aktion Konsumboykott auch gar nicht beabsichtigt. So sehr es
solchen Initiativen auf den "verantwortlichen und bewußten Konsu-
menten" ankommt, so wenig interessiert derselbe als Produzent mit
wenig Lohn und viel Gesundheitsverschleiß - letzterer passiert
nämlich längst systematisch i n n e r h a l b des Betriebs und
nicht erst außerhalb desselben. Wenn extra ein paar, meist auch
noch ausländische Firmen als schmutzige oder verwerfliche Exem-
plare dingfest und für boykottwürdig erklärt werden, so beweist
diese moralische Ausgrenzung nur allzu deutlich, daß die Propa-
gandisten des Boykotts den hartnäckigen Glauben pflegen, daß das
Prinzip des Gewinnemachens mit dem Wohlergehen der Leute im
Grunde durchaus harmonisch zu vereinbaren geht. Geht es natürlich
auch - man muß nur die ganz normale Armut und den ganz normal-
ruinösen Dienst des Lohnabhängigen für eine gediegene Quelle ei-
nes gediegenen Konsumentenlebens halten!
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Wenn erwachsene Menschen allen Ernstes mit ihrem schlechten Ge-
wissen hausieren gehen, demzufolge ihr Verzehr von südafrikani-
schem Obst bzw, von Sandoz Tabletten schuld sei an Rassismus bzw.
chemischer Rheinvergiftung, dann ist das nicht nur hochgradig al-
bern. Sie entscheiden ja nun wirklich nicht über die herrschende
Produktionsweise. Darüber hinaus ist ihre moralische Anmache ans
einkaufende Publikum, es möge sich doch massenhaft den ohnmächti-
gen Demonstrationen des Mitleids und der selbstkritischen Verant-
wortung für die 'Umwelt' anschließen und nur noch ehrenwerte Pro-
dukte kaufen, eine äußerst selbstzufriedene Veranstaltung. Der
Mißerfolg beim Rest der Menschheit, dem diese Sorte Aufbereitung
des beliebten Schlagers "Der Materialismus von uns allen ist der
Grund allen Übels in der Welt" zu verzinkt ist, stört die Ver-
fechter des gezielten Boykottierens 'schwarzer Schafe' nämlich
nicht weiter. Im Gegenteil. So läßt sich trefflich weiterhin die
"kritiklose Konsumfixierung" der tumben Massen beklagen, die nur
dem Genuß frönt - wohingegen man selbst als kritischer Konsument
aufrecht durch die Supermärkte geht.
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Man kauft demnach nur noch Omo-phosphatfrei, seitdem die Geschäf-
temacher den Umweltschutz als Werbeschlager entdeckt haben. Und
trinkt 'Nica-Kaffee', wohlwissend, daß über das Überleben des
sandinistischen Nicaragua nicht der Kaffeeabsatz, sondern der
Wille der gegen es kriegführenden USA entscheidet. Den eigenen
Kühlschrank stellt man natürlich deswegen noch lange nicht ab,
weil sein Strom aus dem AKW stammt. Hauptsache ist ja, hier und
dort mal symbolisch der eigenen Ideologie eine gute Tat zu wid-
men.
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Auf jeden Fall kann man gewisse Resultate der kapitalistischen
Ökonomie auch so fruchtbar machen - für die Pflege des persönli-
chen Gewissens. Stören tut man dabei garantiert keine Sau!
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Endlich: Verbraucher aktiv gegen Chemie
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Die Grünen im Bundestag begrüßen es sehr, daß nun endlich Ver-
braucher/innen laut werden und die Produkte der chemischen Indu-
strie so weit als möglich boykottieren wollen. Die Grünen unter-
stützen den Aufruf der Initiative, in dem es heißt: "Uns
reicht's! Wir kaufen nichts mehr von den Brunnenvergiftern!" Die
Unterzeichner/innen erklären in diesem Aufruf, daß sie diesen
Wohlstand mit seinen zerstörerischen Auswirkungen - wie die che-
mische Industrie ihn uns anbietet - nicht mehr wollen. "Wir brau-
chen nicht bloß mehr Sicherheit. Wir brauchen weniger Chemie!"
Darum wollen sie so weit wie irgend möglich auf chemisch-synthe-
tische Stoffe verzichten und statt dessen Naturprodukte kaufen.
Diese Aktion setzt dort an, wo es die chemische Industrie am
stärksten trifft: beim Umsatz! Wir sehen in ihr eine gute und
notwendige Ergänzung von beiden Seiten Druck auf die menschen-
feindliche Produktion und auf verantwortungslose Produzenten aus-
zuüben. Die Grünen rufen dazu auf, die Aktion zu unterstützen und
nachzuahmen. eb
(Aus 'Die Grünen', Bayern)
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