Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie

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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 13, 27.05.1981
       

BIOHAUS: EIN BÜNDNIS DER ARCHITEKTEN MIT DER NATUR

Einfallsreichtum ist für einen Architekten nicht nur verkaufsför- dernd, wenn er sich an dessen Bauten bemerkbar macht. Ob man mit Arik Brauer dem "Winkelmaß den Kampf ansagt" oder streng dem "Kubismus" frönt, man denkt sich einiges aus, warum man gerade d a m i t "dem Menschen gerecht wird", "den menschlichen Maßstab trifft" usw. Derartige Ideen haben Konjunkturen, sie passen sich dem an, was sonst im Land gerade zählt und die Architekten lassen sich nicht lumpen, sie entwickeln kräftig mit am Zeitgeist. So hat eben auch der ökologische Gedanke - der neueste Schlager auf dem Markt der Menschen- und Weltbilder - Einzug gehalten in das reichhaltige Sortiment der Überhöhungen des architektonischen Schaffens. Was macht nun ein Architekt, wenn es ihn grün überkommt? Als er- stes erklärt er sein Metier zu ökologischem Tun schlechthin: "Bauen heißt steuernd in das biokybernetische System einzugrei- fen, das der Mensch mit seiner Umwelt bildet." (R. J. Dietrich, Symbiotische Architektur) Dieses System hat demnach den Menschen als einen Bestandteil und egal, was man tut - essen, schlafen, bauen oder die Natur zerstö- ren - man ist demnach Teil der Systemautomatik und kann eigent- lich gar nichts verkehrt machen. Andererseits heißt Bauen aber steuernd e i n g r e i f e n - und den daraus entbrennenden Kompetenzstreit (wer hat denn da nun das Sagen, Mensch oder Sy- stem?), löst DIETRICH mit dem selbstauferlegten ewigen Kampf des Architekten mit der Natur. "Dieses System ist bekanntlich höchst komplex und die Gefahr von Fehlsteuerungen ist dementsprechend groß. Grundregel ist daher, möglichst wenig einzugreifen in die Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Lebensbasis". Seinem eigenen System traut er nicht und ordnet ihm den s t e u e r n d e n Eingreifer bei - und der wird sofort wieder auf das System verwiesen, das es erforderlich macht, daß mög- lichst nicht eingegriffen wird. Das Möglichst-Wenig-Eingreifen so weit zu treiben, daß er seinen Bauherrn ins Unterholz schickt zum Wohnen, darf man ihm schon deshalb nicht zumuten weil er sich da- mit womöglich überflüssig machen würde als engagierter Baumensch und das ginge zu weit. Nein, Häuserbauen muß schon sein, das steht fest! Und "Biohäuser" sind die schönsten. Schon bei der Auswahl der Baustoffe heißt es da ein Glaubensbe- kenntnis abzulegen. Wenn man Baustoffe danach beurteilt, inwie- weit sie dem Dogma der Natürlichkeit entsprechen das Haus am liebsten wie einen Baum einen Teil der Natur sein lassen will und es doch baut, wird der wilde Wein zum Stein der Weisen. Wer es also bedauert daß die liebe Natur nicht eine Baufirma ist, die das Biohaus nach des Biotekten Plänen sprießen läßt, muß zur Selbsthilfe greifen und die Baustoffe auf deren Natürlichkeit prüfen. Dabei muß es schon sehr verwundern, wie leicht es diesen Leuten fällt, hier Entscheidungen zu fällen. Holz, Ton, Kork zum Beispiel, sind doch nicht mehr oder weniger Produkte der Natur, die man sich zurichtet, wie man sie braucht, als Aluminium, Beton und Glas. Man fällt die Bäume schließlich auch nicht mit der Handkante und kratzt den Kork nicht mit den Nägeln von der Eiche. Von natürli- chen Baustoffen zu reden, ist also kein rationelles Urteil; ist etwas anderes, als die Eigenschaften von Baustoffen aufzuzählen und zu bewerten und ist auch etwas anderes als die Äußerung einer Vorliebe, wie z.B. lieber in einem Holzhaus wohnen zu wollen als in betonierten Räumen. Eigenartig ist in diesem Zusammenhang auch, daß man sich viel darauf einbildet, gerade mit Abfallstof- fen besonders gute Häuser bauen zu können. Es ist erstens gar nicht einzusehen, worin der Qualitätsvorteil von beispielsweise Strohballen gegenüber Dämmstoffen liegen soll und zweitens ist mit der Existenz des Abfalls auch die Produktion unterstellt, aus der er stammt - und gegen die haben solche Burschen sonst aller- hand einzuwenden, weil es sich dabei um "große Industrie" und "moderne Landwirtschaft" handelt. Allerdings: "Mit der bloßen Hereinnahme natürlicher Baustoffe ist es keines- wegs getan." Dann wäre das Biohaus halt doch bloß wieder ein Haus und nicht die Realisation einer Idee. Erst so bekommt das Werk des 'BIOTEKTEN' ganz neue Qualitäten: "Das wesentliche Organ des Biohauses ist der äußere z.T. auch früchtetragende Pflanzenpelz." "Das vielleicht wichtigste Organ des Biohauses ist seine Gesamtheit." Abgesehen davon, daß man bisher einem Haus ein so großes Organ gar nicht zugetraut hat, ist die Gesamtheit, die hier gemeint ist auch etwas anderes, als das rationale Problem, als Architekt an jedes Detail des Hauses zu denken und vom Wohnraum bis zum Was- serhahn nichts zu vernachlässigen. Es geht ihm vielmehr darum, daß "ein gesundes Haus wie eine ökologische Insel sein muß, in einer immer bedrohlicher werdenden Umwelt". Erstens ist es schon eine eigenartige Charakterisierung, das, was einem an der Welt nicht paßt, als Umwelt zu benennen und zweitens ist die Logik: Umwelt schlecht - also auf zur Insel! auch nicht recht einsichtig. Die Abtrennung von der Umwelt erfordert vor allem, alles zurück- zulassen, was die Zivilisation an schlimmer Technik gebracht hat. Man hat was gegen Wasserleitungen, Abwasserkanäle, zentrale Stromversorgung, Zentralheizung usw. Der gemütliche Biothron er- setzt das Spülklosett und erzeugt Biogas aus dem letzten Pfund Scheiße. Man sagt der Haustechnik ade und entwickelt Alternativen zu ihr. Wenn es auch lustig ist, sich vorzustellen, daß man für eine Badewanne voll warmen Wassers ganz schön lang Biothronen muß und daß bei Windstille und bedecktem Winterhimmel, wenn Sonnen- kollektor und Windmühle nicht mögen, wohl der Fahrraddynamo zur Lichtquelle wird - dann ist das höchstens eine gewisse Konsequenz aus der Dummheit der Biotekten, die darin besteht, zum Teil eben recht lustige Lösungen für e r f u n d e n e P r o b l e m e zu überlegen. Daß man auf diese Tour auch die eigene Verantwortlichkeit für die Gesellschaft herausstellen kann, zeigen die Lösungen, die Biotekten für die "Probleme der Stadt" parat haben. Man läßt in unzähligen Vorher-Nachher Bildchen Efeu und Gras wachsen, bis die Stadt zum Dschungel wird und scheut auch keine starken Sprüche, um Kritikern vorzubeugen, die was gegen Ungeziefer haben. "Und noch eins: vergessen wir nicht, daß jedem von uns ein ar- chaisches Triebsystem mitgegeben wurde. Wer sein tägliches Soll an e c h t e n biologischen Erlebnissen und auch Ängsten nicht mehr erlebt, muß das per Fernsehkrimi ersetzen und degeneriert dabei von Ersatz zu Ersatz." (Ein Guter hälts aus, und um einen Schwachen ist es nicht schad.) "wollen wir eine Gesellschaft, die von Ersatz zu Ersatz taumelt oder eine biologische Zukunft? Wer sich für das letztere entscheidet, duldet Spinnen in seinem 'Ur-Laub', das ihm Sonnenenergie umwandelt: lautlos, kostenlos mit Sauerstoff-Hülle ums Haus ..." Und wie jede Weltanschauung bietet auch die Biotektur fast bei- läufig Lösungen für Probleme globaler Art an. Schmidt und Reagan sollten sich mal hinter die Ohren schreiben, daß "immer knapper werdende Rohstoffe kriegerische Handlungen heraus- fordern, denen man am besten mit Bündnissen zu Sonne, Wind und Natur begegnen kann: mit Intelligenz statt Krieg." Das Biohaus ersetzt die NATO als Friedensstifter! Wenn das die ganz auf Ökologie eingestellten Neandertaler gewußt hätten - nicht im Traum wären sie auf die Idee gekommen, sich hin und wie- der mit ihren Keulen auf die Köpfe zu schlagen, noch dazu, wo es noch nicht einmal das Wort Energie gab, geschweige denn Erdöl, oder gar Tornados. zurück