Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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DIE MACHT DES VERBRAUCHERS
Angesichts der Tatsache, daß die Lebensbedingungen der Menschen
in der Marktwirtschaft ständig weiter zerstört werden, und daß
die Warenwelt voll ist mit schädlichen Substanzen für denjenigen,
der daraus seinen Konsum bestreiten muß, wird von "Umweltakti-
visten" heute auf den Verbraucher gedeutet, der etwas dagegen tun
könnte, indem er die "richtige" Kaufentscheidung trifft.
Behauptet wird: Würde der Verbraucher seine "Macht richtig
einsetzen", müßten auch die Unternehmen ihre Geschäftspraktiken
ändern.
1.
Dabei will niemand ernsthaft behaupten, der Kunde sei tatsächlich
"König" und seine Bedürfnisse und sein Interesse an körperlicher
Unversehrtheit wären die Leitgedanken hiesiger Produktion. Wieso
sollte es dann auch überhaupt hautschädigende Kosmetika, gesund-
heitsschädliche Ledersprays, gespritztes Fleisch usw. geben?
Schon die Existenz einer Öko-Test-Zeitschrift würde dieser Auf-
fassung widersprechen. Ginge es darum, für den Menschen unschäd-
liche Mittel der Bedürfnisbefriedigung zu produzieren, wäre es
völlig ungeeignet, die Produkte und ihre Auswirkungen auf den
Menschen dann zu testen, wenn sie bereits massenweise konsumiert
werden. nach dem Motto: Wenn zu viele umfallen, kann was nicht
stimmen!
Daß solche groß angelegten Experimente im Kapitalismus lässig in
Kauf genommen und täglich praktiziert werden, hat seinen Grund
darin, wofür hierzulande produziert wird. Sämtliche Waren werden
hergestellt, um mit ihnen ein Geschäft zu machen. Dabei werden
die eingesetzten Mittel als Kosten berechnet, die einen möglichst
hohen Überschuß einbringen sollen. Lassen sich "unnötige" Kosten
ersparen, die den Gewinn nicht befördern, sondern bloß Abzug
sind, werden auch Konsequenzen am Gebrauchswert in Kauf genommen,
die dem menschlichen Konsum nicht zuträglich sind. So ist bei-
spielsweise ein Ärgernis, wenn Kapital in Gestalt von Schweinen
so lange festliegt, bis diese schlachtreif sind und es nicht be-
reits wieder "arbeitet". Mit Hilfe von Medikamenten kann man in
einem halben Jahr Schweine zu Zwei-Zentner-Fleischbergen heran-
züchten. Daß darunter die Fleischqualität leidet und der Kon-
sument einem "Medikamenten-Test" ausgesetzt wird, ist für die
Produzenten kein Einwand, da es ihnen um die Vewertung ihres Ka-
pitals geht.
So gehört zur profitlichen Kostenkalkulation der Konsumtionsmit-
telhersteller notwendig eine gewisse Gleichgültigkeit und Berech-
nung bezogen auf den "König Kunden" dazu. Nematoden im Fisch,
Schleuderei in Nudeln, Glykol im Wein - und was es sonst noch an
unappetitlichen Meldungen gab, zeigen, wie wenig es den Anbieter
interessiert, was der Kunde da eigentlich zu essen kriegt.
Aus diesen Geschäftspraktiken wollen Leute wie die Öko-Test-
Schreiber nicht den naheliegenden Schluß ziehen, um welch
"armseliges" Subjekt es sich bei dem Verbraucher handelt, der
zwar mit seinem Konsum das Geschäft der Kapitalisten versilbert,
sich selbst damit aber noch lange nichts Gutes tut: was er
kriegt, hängt von der Kostenkalkulation der anderen Seite ab und
nicht vom Inhalt seiner Bedürfnisse und den paar Mark in seiner
Tasche.
2.
Die Vertreter des Standpunkts "Verbrauchermacht" behaupten, daß
durch etwas Zwang des Verbrauchers Geschäftsinteresse und
Konsumenteninteresse verträglich gemacht werden könnten. Sie se-
hen im "umweltbewußten Verbraucher" einen Hebel zum "ökologischen
Umbau" der Gesellschaft.
"Zuerst sagen die Hersteller nicht, was in den Produkten drin
ist. Nur das Beste soll jeder denken. Dann sagen wir, was drin
ist und wieviel. Mit dieser Information geht der Öko-Test-Leser
dann einkaufen. Er wird sich für das gesündere, umweltfreundli-
chere Produkt entscheiden." (Öko-Test, Nov. 88, S. 25)
Das Wissen des Verbrauchers über die Inhaltsstoffe der Waren soll
ihm helfen, zwischen gesünderen und nicht so gesunden Sachen zu
unterscheiden und als zahlungsfähige Nachfrage Einfluß auf die
Konkurrenz der Kapitale zu nehmen und sie so zu geänderten Ge-
schäftspraktiken bringen.
* Selbst Öko-Test unterstellt, daß es gar keine Wahl zwischen ge-
sunden und ungesunden Waren gibt, sondern daß es gilt,
"gesündere" herauszufinden. Die Wahl des Konsumenten ist also
nichts anderes als eine Schadensabwägung, er schaut, womit er
sich weniger vergiften wird.
* Die Wahl selbst unterstellt, daß die Kapitalisten dem Konsumen-
ten überhaupt Alternativen bieten, zwischen denen er sich ent-
scheiden kann. Entdeckt kein Kapitalist die Produktion einer
schadstofffrei e r e n Ware als Konkurrenz- und Geschäftsmittel,
bleibt dem Konsumenten noch offen, sich fürs Vergiften zu ent-
scheiden oder ganz zu verzichten. Eine Alternative, die keine
ist.
* Öko-Tester deuten auf ihre Erfolge: Viele Unternehmen reagieren
auf Öko-Tests, stellen ihre Produkte um und weisen sie als
umweltfreundlich aus. Es sollte einem jedoch zu denken geben -
kaum gibt es beispielsweise den Umweltengel als Ausweis für die
Güte des Produktes - muß schon wieder getestet werden, welches
dieser Produkte wie sehr durch umweltschädliche Substanzen bela-
stet ist.
3.
Öko-Tester trauen also praktisch dem "Umdenken" der Produzenten
selber nicht. Worin soll dann der Erfolg bestehen, wenn sie sa-
gen:
"Wo der Jahresumsatz bedroht ist, bewegt sich was in der freien
Marktwirtschaft."?
Die spannende Frage ist, w a s sich da bewegt.
Die Sorge um den Jahresumsatz hatte zur Konsequenz, daß die Kund-
schaft massenhaft mit schädlichen Sachen beliefert wurde. Wie
soll denn jetzt dasselbe Ziel das Gegenteil bewirken? Das Sinken
der Nachfrage drängt den Kapitalisten dazu, sich zu überlegen,
mit welchen Methoden man wieder ein Geschäft machen kann. Viel-
leicht wechselt der Kapitalist auch einfach die Branche, wenn
seine bisherigen Waren nicht mehr verkauft werden. Oder das Un-
ternehmen benutzt das "gewachsene Umweltbewußtsein" für seine
Geschäftskalkulation, um in der Konkurrenz der Kapitale um die
zahlungsfähige Nachfrage einen Konkurrenzvorteil zu erringen und
seinen Umsatz zu steigern. Das ist aber etwas anderes als die
Sorge um die Gesundheit seiner Kundschaft. Da wird z.B. großzügig
und werbewirksam auf bestimmte gesundheitsschädliche Stoffe ver-
zichtet und ein Ersatzstoff eingesetzt: kein Dioxan und kein
Formaldehyd mehr im Duschgel, sondern Isothiazolon. Im nächsten
Öko-Test kann man dann lesen, daß Isothiazolon Allergien auslösen
kann. Dem Produzenten ging es darum, mit dem Weglassen der beiden
schädlichen Stoffe Werbung für sein Produkt zu machen, daß der
Ersatzstoff in seiner Wirkung auf den Menschen noch unbekannt
war, war kein Hinderungsgrund für ihn.
Es werden aber auch tatsächlich Produkte hergestellt, bei der
Herstellung weniger schädliche Stoffe verwandt wurden als bei an-
deren. Dann kalkuliert der Produzent aber auch, daß sich seine
zusätzlichen Kosten entsprechend lohnen sollen. Er verlangt einen
höheren Preis und spricht eine andere Käuferschicht an. Es gibt
z.B. das sogenannte Öko-Fleisch mit etwas weniger schädlichen
Stoffen und zum doppelten Preis. Auch eine Alternative für den
kleinen Geldbeutel: Einmal in der Woche kann man jetzt gesünderes
Fleisch essen und den Rest der Woche pestizid- und schwerme-
tallhaltiges Gemüse! Zudem garantiert der allgemein praktizierte
Geschäftsstandpunkt der Unternehmer in der Produktion in Form von
Luft-, Wasser- und Bodenverseuchung, daß es hierzulande bestimmt
keine Nische gibt, in der ein Öko-Idealist wirklich gesundes Zeug
produzieren könnte.
Der Kunde erhält seine Alternative also dann, wenn sie als Ge-
schäftsmittel fürs Kapital tauglich ist. Daß dadurch die Lebens-
bedingungen für den Konsumenten in der Marktwirtschaft tauglicher
würden, ist eine Lüge. Der Konsument ist um eine Alternative in
einer täglichen Schadensabwägung reicher geworden.
4.
Anscheinend meinen auch nur wenige diesen Standpunkt wirklich
ernst. Wenn dafür geworben wird, wird gleich dazu gesagt, daß man
sich nicht zu viel davon versprechen soll:
"Die Umwelt ist zwar leider nicht im Badezimmer zu retten, aber
jeder kleine Schutzbeitrag hilft mit, Verheerendes zu begrenzen,
und er zwingt die Industrie, sich dem veränderten Verhalten ihrer
Kunden anzupassen." (Weser-Kurier, 29.12.88)
Man soll sich zu seinen Möglichkeiten als Verbraucher gar nicht
so stellen, als seien sie tatsächlich ein Mittel, um die Lebens-
bedingungen zu verbessern und als könnte man damit tatsächlich
größere Erfolge erringen.
Wozu dann das Ganze?
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Man soll sich erstens ein schlechtes Gewissen machen. Niemand
soll sich in Umweltfragen aus der Verantwortung stehlen können.
Als Verbraucher sind doch "wir all" - unabhängig von Einkommen
und Funktion in der Gesellschaft - gleichermaßen angesprochen:
wir kaufen die Sachen und machen damit das Geschäft erst perfekt.
Damit macht man sich mitschuldig an der Umweltschädigung. So wird
der Verbraucher von einer abhängigen Variablen umgedichtet in
einen Ermöglicher = Mit m a c h e r des Ganzen.
Als "Macher" kriegt der Verbraucher jetzt zweitens eine ganz neue
Wucht: Er hat es in der Hand, die bösen von den guten Kapitali-
sten zu scheiden und ihnen die gerechte Strafe zuzufügen. So wird
er seiner Verantwortung gerecht, er tut schließlich etwas, "as
jeder für die Umwelt tun kann". So kann er sich auf die Rolle des
"umweltbewußten Verbrauchers" was einbilden und sein Gewissen
wieder beruhigen.
Und wer jetzt immer noch meckert, soll sich erst mal an die ei-
gene Nase fassen: Wahrscheinlich wäscht er immer noch mit phos-
phathaltigem Waschmittel!!
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