Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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Korrespondenz
"VON KRITIK KEINE SPUR"
An die Redaktion der MSZ!
Als Politologiestudentin und Linke (undogmatisch und unorgani-
siert!) habe ich mir euren ellenlangen "Gegenstandpunkt" in der
MSZ-Aprilausgabe unter dem stolzen Titel "Systemvergleich: Frei-
heit statt Diktatur" zu Gemüte geführt. Nachdem ich seit längerer
Zeit die MSZ lese (auch schon die alte Variante "Politisches Ma-
gazin", in der man wenigstens noch einiges an Informationen über
die Dritte Welt erfuhr), war ich echt gespannt, wie ihr es mit
dem "realen Sozialismus" haltet, in dem meiner Meinung nach alles
real ist, nur nicht der Sozialismus! Umso enttäuschter muß ich
feststellen: VON KRITIK KEINE SPUR!!! Ganz im Gegenteil: Für al-
les, was ihr hier, m.M. nach zurecht, kritisiert, findet ihr für
drüben eine Entschuldigung, die sogar den Parteifunktionären jede
Menge zugute hält, z.B. sie wurden sich tatsächlich um Wohl und
Wohlstand ihrer Bürger kümmern. Als einzige Kritik lese ich
höchstens, daß der Plan nicht aufgeht. Dabei müßte man schon tie-
fer bohren: Kann denn sowas wie ein Plan überhaupt was bringen,
wenn die schöpferische Initiative des einzelnen, die Phantasie
und die selbstverantwortete Verwirklichung des Individuums im
Plan der Partei nicht vorgesehen ist? Statt mehr Freiheit für die
Leute drüben - entscheidend mehr als bei uns! - zu fordern, be-
hauptet ihr einfach, die "Völker der Sowjetunion" brauchen keine
Demokratie! Das ist nicht nur zynisch, sondern arrogant von eurem
eigenen Standpunkt aus. Immerhin könnt ihr bei uns (noch) die MSZ
unzensiert machen und eure Flugblätter verteilen. Das ist eine
Voraussetzung für Radikal- und Systemopposition, die es im soge-
nannten realen Sozialismus nirgends auch nur in Ansätzen gibt.
Auch was Wahlen betrifft, so sind die doch nicht einfach nie-
derzumachen mit der Ausmalung der Farce und der Manipulation, mit
der sie hier stattfinden. Man muß ja nicht sein Kreuz
"gleichgültig gegen jeden Grund malen". Immerhin kann man ja auch
eine wirkliche Alternative wählen. Ich denke dabei nicht bloß an
die Grünen, die ihr sicherlich als "systemimmanent" ablehnt. Auch
DKP, und ihr dürftet auch kandidieren, wenn ihr wolltet. Solche
Minimalvoraussetzungen politischer Wirkungsmöglichkeiten sollte
man nicht leichtfertig und überheblich abtun.
Mit (nicht immer) solidarischen Grüßen
M. H., Tübingen
Soviel Kritik, wie die Staatsgewalt erlaubt
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An M. H.!
Erstens: "Als Politologiestudentin" sind Dir die Techniken und
Ergebnisse des "Systemvergleichs" sicher vertraut. "Als Linker"
sind sie Dir - so hätten wir gehofft - nicht sehr sympathisch:
diese "Prüfungen", mit welchen Methoden die Benutzung und Betö-
rung (= "Integration") der Leute durch und für die Staatsmacht
besser gelingt; diese zielstrebige Verwechslung einer erfolgrei-
chen Organisation der Staats g e w a l t mit höchst ideellen
Wohltaten für die Untertanen; diese "Kritiken", die östliche wie
westliche Staatsführungen ganz gerecht an den gleichen Maßstäben
messen - nämlich an den Idealen, die der freie Geist des Westens
pflegt, weil sie s e i n e Welt, die gewaltsame Einrichtung von
Markt, Konkurrenz und Lohnarbeit und die Konkurrenz um die Aus-
übung dieser Gewalt, so passend verklären.
Und als Leserin der MSZ "seit längerer Zeit" hättest Du Dir
gleich denken können, daß wir die Frage "Diktatur statt Frei-
heit?" "aus aktuellem Anlaß" aufwerfen, um die darin vorausge-
setzten und angewandten "Vergleichs"-Maßstäbe anzugreifen. Wenn
wir damit den Wunsch enttäuscht haben, auch in unserer Zeitung
doch mal die Erzideologie des NATO-Bürgers bestätigt zu bekommen,
man hätte es hierzulande doch immerhin vergleiclisweise gut ge-
troffen, dann ist uns das sehr recht. Verkehrt und im Ergebnis
botmäßig ist nämlich die gerade unter "undogmatischen Linken" ge-
pflegte Manier, Kritik an der Demokratie immer gleich zurückzu-
nehmen, sobald ein moralischer Zeigefinger auf den Osten weist.
Zweitens: Deine eigenen Anmerkungen zu den demokratischen Wahlen
in der Freien Welt sind ein Beispiel dafür. Du störst dich an
"der Farce und der Manipulation, mit der sie hier stattfinden" -
und empfiehlst uns gleich anschließend, sie als
"Mindestvoraussetzung politischer Wirkungsmöglichkeiten ... nicht
leichtfertig und überheblich abzutun", zumal doch "wirkliche Al-
ternativen" zur Wahl stehen, "auch DKP" und sogar wir kandidieren
dürften. Möchtest Du uns die Teilnahme an einer "Farce", einem
staatlich organisierten "Manipulationsunternehmen" als Weg poli-
tischen Wirkens empfehlen?
Nein, Du denkst umgekehrt. Was Du an "Farce" und "Manipulation"
entdeckt hast am freiheitlichen Wahlzirkus, das hältst Du für
einen weniger wesentlichen Mißstand, der zu korrigieren wäre,
wenn man - verstehen wir Dein "Zitat" so richtig? - "sein Kreuz"
n i c h t "'gleichgültig gegen jeden Grund malt'"'. Genau dage-
gen wollten wir mit unserer "Ausmalung" allerdings auf etwas ganz
anderes aufmerksam machen. Daß nämlich die Demokratie etwas an-
deres als Personalfragen der Macht und die Konkurrenz der Macher
- sehr "wirkliche" Alternativen übrigens! - gar nicht zur Wahl
stellt. Daß deswegen selbst eine "Basis- und Systemopposition",
wenn sie sich die Wahl als "Voraussetzung" oder Methode ihres po-
litischen Wirkens zu Herzen nimmt, die Lüge mitmacht,
"'irgendwie' hätte der Wähler die Zweckbestimmung des fraglichen
Amtes im Griff, indem ihm mit dem Wahlkreuz ein Urteil über die
vergleichsweise Amtswürdigkeit der Personen zugestanden wird, die
ihm als Alternative präsentiert werden" (S. 24, rechte Spalte).
Daß also Personenkult zur demokratischen Wahl notwendig dazuge-
hört, weil er ihr Gegenstand ist - daß es in Demokratien, die es
nicht gibt, anders sein könnte, halten wir da für keinen guten
Einwand. Und daß nicht der Wähler die Sünde der
"Gleichgültigkeit" begeht, der sich zu seinem Wahlkreuz nichts
Hohes einbildet, sondern daß jeder Tiefsinn beim Wählen sich an
der schlichten Bedeutung blamiert, die das Grundgesetz und sämt-
liche Prinzipien und Gebräuche der Demokratie einem Wahlkreuz
praktisch beilegen. Deswegen haben wir uns den Schluß erlaubt:
Den Leuten drüben mag vieles fehlen - um die demokratischen Er-
rungenschaften (mitsamt ihren dazugehörigen, sehr dogmatischen
Idealen der Freiheit) braucht es ihnen wirklich nicht leid zu
tun.
Drittens: Wir haben ein bißchen gegenübergestellt, was hüben und
was drüben den alltäglichen Inhalt des Berufs 'Politiker' aus-
macht und Du entdeckst Entschuldigung der Staatsfunktionäre drü-
ben.
Sehen wir einmal davon ab, daß das Be- und Entschuldigen sowieso
nicht unsere Sache ist - uns liegt daran, den "Job einer politi-
schen Führungskraft" durch seine Erklärung zu kritisieren; Rich-
ter über die Moral hingebungsvoller Amtsträger mögen wir gar
nicht sein. Dein Vorwurf, wir hätten "für alles, was ihr hier...
kritisiert,... für drüben eine Entschuldigung" gefunden, geht
fehl, weil wir das, was wir hier kritisieren, drüben gar nicht
entdecken. Mit der Abschaffung der Kapitalisten und ihrer Konkur-
renz nach eigenen sachlichen Zwangsgesetzen hat das Politikmachen
drüben einen gründlich a n d e r e n I n h a l t bekommen als
hier.
Und welchen? Hier hättest Du gerne gelesen, daß die Machthaber
sich um Wohl und Wohlstand ihrer Bürger einen Dreck kümmern. Wo-
her weißt Du das bloß? Aus den einschlägigen Spiegel-Reports
vielleicht die ihre Stories über Korruption und Mißwirtschaft aus
sowjetischen Zeitungen zusammenstellen! - ? Und was meinst Du,
worum sie sich statt dessen kümmern? "Um ihre Karriere!" denkst
Du wahrscheinlich - aber wie und worüber macht man drüben denn
Karriere? Mit "Unterdrücken" jedenfalls genauso wenig wie hierzu-
lande!
Viertens: Unsere Kritik am realsozialistischen Wirtschaften hast
Du entweder überlesen (für diesen Fall zwei Lektüretips: Die alte
MSZ Nr. 6/82: Systemvergleich theoretisch und: Abweichende Mei-
nungen zu Polen, München 1982). Oder Du hast am Ende gar nicht
die Kritik gemerkt, an Feststellungen wie: "Geld und Kredit,
Preise und Löhne sind - trotz aller blockübergreifenden Ideolo-
gien - ein für allemal keine geeigneten Mittel noch 'Hebel', um
die Bedürfnisse der Menschen, ihre Arbeitsmittel und ihren Ar-
beitsaufwand zu i h r e n Gunsten aufeinander zu beziehen" (S.
27, rechte Spalte).
Wir fürchten letzteres. Denn Dein Einwand gegen den "Plan der
Partei", der da "tiefer bohren" möchte, ist ziemlich verkehrt ge-
raten. Möchtest Du im Ernst einen Wirtschaftsplan, der "die
schöpferische Initiative des einzelnen, die Phantasie und die
selbstverantwortete Verwirklichung des Individuums" gleich mit
vorsieht? Dann bist Du bei den Planern drüben - g e n a u
r i c h t i g! Denn das haben die schon längst drauf, ausgerech-
net bezüglich der Arbeit, die sie verordnen, über "Schöpfertum"
und "Selbstverwirklichung" zu schwärmen; und auf die
"selbstverantwortete Initiative" ihrer Werktätigen verlassen sie
sich mehr als genug, denn die brauchen sie für die Bewältigung
ihres Widersinns einer Wirtschafterei nach Gewinnplänen. Daß
diese "nicht aufgehen", gehört ins Reich der offiziellen Selbst-
kritik ihrer U r h e b e r und stellt nicht u n s e r e n
Einwand dar.
So hast Du's natürlich nicht gemeint. Aber was hast Du denn ge-
meint? Wenn Du an zu wenig Freizeit gedacht haben solltest, dann
laß' die abendländischen Phrasen. Und wenn du möchtest, daß die
Planer wie ein Haufen Sozial-Gouvernanten das Leben ihrer
"Selbstverwirklicher" betreuen sollten, dann bist Du wirklich in
jeder Kirche besser aufgehoben als im "Sozialismus".
Fünftens: Der Fortgang Deines Briefes zeigt übrigens, wozu Deine
Phrasen über "Schöpfertum" und "Phantasie" einzig und allein tau-
gen. D i r taugen sie dazu, gleich im nächsten Satz den
"Völkern der Sowjetunion" einen Nachholbedarf an D e m o k r a-
t i e anzuhängen: nach einer H e r r s c h a f t s f o r m, an
deren Praxis Du Dich so ungern erinnern läßt - im Namen der
Phantasie womöglich? Und noch zwei Sätzchen weiter bist Du bei
einem "immerhin", das wir von Leuten wie Kohl und Weinberger nur
allzu gut kennen: "Die NATO verteidigt auch die Freiheit, gegen
sie zu demonstrieren." Mit Verlaub, deswegen ist das
Militärbündnis nicht zustandegekommen. Sachdienliche Hinweise auf
die genuinen Leistungen westlicher, demokratisch inszenierter
Gewalt hast Du leider nicht einmal den von Dir so geschätzten
"Informationen" über die Dritte Welt entnommen. Denn daß es sich
bei dieser Welt der dritten Art um ein W e r k der relativ
besten aller politischen Ordnungen handelt, war von unserer Seite
gewöhnlich die "Information".
Daß die Demokratie D a g e g e n s e i n zugestehen würde, wo-
möglich sogar als "Voraussetzung" dafür eingerichtet wäre, ist,
gelinde gesagt, eine Täuschung. Sie richtet eine Konkurrenz kon-
struktiver Meinungen übers Wer und Wie des Herrschens! - ein; sie
überwacht mit ihrem Verfassungsschutz alles, was diesem nicht
konstruktiv genug erscheint; und sie nimmt sich nach eigenem Be-
darf die Freiheit, den Gebrauch der zugelassenen Meinungsvielfalt
als Mißbrauch zu unterbinden. Deswegen gibt es auch den Hinweis
auf die staatliche Toleranz nur in zweierlei Sinn: als Mahnung,
Dankbarkeit vor Kritik gehen zu lassen oder als D r o h u n g,
kurzen Prozeß zu machen.
Sechstens: Wir sind weder unarrogant noch unzynisch genug, den
Sowjetmenschen die Demokratie an den Hals zu wünschen und "mehr
Freiheit" für sie zu "fordern" - von wem eigentlich ? Die NATO
bereitet gerade den Export einer ersten Lieferung vor! -, bloß
damit wir uns, gesetzt wir wären in Rußland tätig, keine neuen
Agitationsmethoden auszudenken bräuchten. So bescheiden und men-
schenfreundlich sind ohnehin nur Leute, die hier wie drüben ihr
Lebtag bestenfalls so; viel Kritik üben, wie die jeweilige
Staatsgewalt ihnen erlaubt.
Die MSZ-Redaktion
"Fröhlicher Gelehrtenpluralismus" zum "Waldsterben"
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Liebe Leute von der Redaktion,
zu Eurem Artikel "Die verstaatlichte Natur" in der MSZ Nr. 4
(April 1984), insbesondere zur Abteilung "Umweltforschung im
Dienst von Staat und Eigentum" paßt eine Diskussionsrunde von Ge-
lehrten, die ich zufällig in der Zeitschrift "bild der wissen-
schaft" (12/1982) abgedruckt fand. Diskutiert wurde das "Phänomen
Waldsterben", eingeladen waren Vertreter aus den Bereichen Wis-
senschaft, Politik und Kapital, allesamt Forstexperten, also
Leute, die es wissen müssen. Um nur die eindrucksvollsten Stil-
blüten dieser Sorte Wissenschaft vorzustellen, zitiere ich aus-
zugsweise aus den Beiträgen der Diskussionsteilnehmer:
Zunächst ein Prof. Schütt mit Lehrstuhl für Forstbotanik an der
Uni München zu der eingangs von "bild der wissenschaft" gestell-
ten spannenden Frage, ob und wenn ja, wie genau der Schaden zu
bestimmen sei:
"Als wir mit unseren Untersuchungen begannen, waren wir noch weit
davon entfernt, anzunehmen, daß dies eine Umwelt-Angelegenheit
ist. ... Mit der Schätzung von Immissionsschäden im Wald ist das
so eine Sache. Ich habe mehrfach erlebt, dar Forstbeamte ihren
Wald als nicht geschädigt eingestuft haben, obwohl die Bäume bei
genauer Untersuchung alles andere als gesund waren. Das ist ja
auch ganz logisch (!). Welcher Förster gibt schon gerne zu, daß
in seinem Wald etwas nicht in Ordnung ist. ... Sicherlich haben
wir Beobachtungsnetze, und durch sie kann der Krankheitsverlauf
minutiös erfaßt werden. Aber diese Netze können in gar keiner
Weise dazu beitragen, ein objektives Bild über die Verteilung der
Schäden zu vermitteln." ( Auch das wohl ganz logisch) "Hier sind
wir auf den letzten Mann vor Ort angewiesen. Dieser letzte Mann
vor Ort ist über die Dinge nicht informiert." (Hier versagt wahr-
scheinlich das Kommunikationssystem.) "Bisher ist die subjektive
Komponente ganz eindeutig dominierend. Man muß aber dazu überge-
hen, die Dinge objektiv zu erfassen..." - Vorher muß man natür-
lich die Unsicherheit über die Eindeutigkeit von Objektivität
bzw. Subjektivität beseitigen usw. Und zur Frage, woher diese
Schäden denn jetzt kommen: "Als Wissenschaftler sagt man es nicht
gerne, aber es gibt in diesem Zusammenhang mit Sicherheit einen
unbekannten Faktor, den wir noch nicht ermittelt haben..."
Angesichts dieser schier unüberwindlichen Schwierigkeiten weiß
sich unser um harmonische Zusammenarbeit zwischen den politisch
Verantwortlichen und Naturforschern bemühte Professor nicht mehr
anders zu helfen, als resümierend auf einen gar undemokratischen
Gedanken zu verfallen:
"Solange sich nicht jemand an die Spitze stellt, der etwas von
der Sache versteht, werden wir noch lange auf einen Durchbruch
warten müssen."
Nicht ganz und doch ganz derselben Meinung die Herren Staatsmän-
ner; Dr. Günther Hartkopf, Staatssekretär im Bonner Innenministe-
rium:
"Was nun letztlich für die Waldkrankheit verantwortlich ist, weiß
keiner der Wissenschaftler ganz genau. Die Experten, die sagen,
es sei lediglich das SO2, tragen nur einen Glaubenssatz vor sich
her. Die mangelnde genaue Kenntnis darf nun aber nicht dazu füh-
ren, daß wir nichts tun." - Das findet auch sein Kollege, Alfred
Dick, Staatsminister im Ministerium für Landesentwicklung und Um-
weltfragen in München: "Ich wehre mich... dagegen, daß man die
staatliche Seite immer wieder der Untätigkeit bezichtigt. Wir ha-
ben schon einiges getan... Wie wir das Problem auch drehen und
wenden, es fehlt in jedem Fall das letzte Glied in der Kette,
dennoch wird man politische Entscheidungen treffen müssen."
Worauf der geschätzte Bürger Gift nehmen kann! Das sei gegen all
jene gesagt, die in der Tat zu Unrecht dem Staat Untätigkeit vor-
werfen. Am besten bestätigt in den Worten unseres Experten für
Kapitalentwicklung und Umweltzerstörung:
"Wir meinen, daß kohle- und schwerölbefeuerte Wärmekraftwerke
künftig bedarfsgerecht durch Kernenergie abgelöst werden sollten.
Denn (!) Kernkraftwerke emittieren keine Schadstoffe wie SO2 oder
Schwermetalle. Wir verkennen dabei nicht, daß es auch bei der
Kernenergie Schwierigkeiten gibt. Die Frage der sicheren Beherr-
schung radioaktiver Strahlenbelastung ist deshalb für uns von
höchster Bedeutung. ... Das Kabinett hat beschlossen, daß die Be-
triebszeiten von kohle- und schwerölbefeuerten Wärmekraftwerken
und damit auch die Emissionen von Säurebildnern durch den be-
darfsgerechten Einsatz von Kernenergie auf das unvermeidbare Maß
verringert werden."
Im Klartext: Der Staat nennt die Grenzen, innerhalb derer die Ge-
fährdung und Zerstörung der menschlichen Gesundheit und seiner
natürlichen Lebensgrundlagen bei der Verfolgung der geschäftli-
chen Zwecke in Kauf genommen werden darf. Und weil der Einbau von
Rauchgasentschwefelungsanlagen ebenso wie der Lebensunterhalt des
Arbeiters als "Kostenfaktor" behandelt wird und Kosten, die unnö-
tig sind für den geschäftlichen Erfolg, vermieden werden müssen,
erfolgreiches Geschäftemachen also die rücksichtslose Ausnutzung
von Land und Leuten gebietet, verfährt der Geschäftsmann - in un-
serem Fall vertritt ein Dr. Jochen Seeliger den Gesamtverband des
Deutschen Steinkohlebergbaus - streng nach dem Motto: Es kann
nicht sein, was nicht sein darf. Dieses Verfahren läßt den Doktor
vom Bergbau das frech behauptete Absterben des Deutschen Waldes
erstmal grundsätzlich in Zweifel ziehen:
"Unsere Unterhaltung zeigt, daß wir es in dem Bereich des Baum-
sterbens mit vielen Unsicherheiten zu tun haben. Das liegt daran,
daß das Phänomen ziemlich neu ist. In dieser Hinsicht sind wir
uns sicherlich einig. Andererseits aber muß ich fragen, wie man
zu der Auffassung kommt, daß es um den Wald heute ungleich
schlechter als früher bestellt ist. Wo liegen die Vergleichsdaten
aus früheren Jahren? Wie krank ist der Wald im Normalzustand? Man
kann ja nicht ins Blaue hinein reden und sich nur auf subjektiv
ermittelte Beobachtungsdaten stützen."
Wetten, daß derselbe Mann beim "Phänomen Wirtschaftskrise" ganz
ohne Daten auskommt, um das felsenfeste Urteil zu verkünden, daß
es "uns" zu gut geht und "wir" über unsere Verhältnisse gelebt
haben! Zudem hat der Herr Dr. Seeliger für alle, die bis jetzt
für Strom, Gas und Heizkohle teures Geld bezahlt haben, eine ganz
besondere Überraschung parat. Mitten in der kapitalistischen
Marktwirtschatt muß es einen Fleck geben, wo kommunistisch ge-
plant wird:
"Ich komme aus einem Wirtschaftszweig, der eigentlich nichts an-
deres tut, als von früh bis spät die elementaren Lebensbedürf-
nisse der Menschen zu befriedigen: Rohstoffe zur Gewinnung von
Wärme, Licht und Kraft bereitzustellen (!)."
Der neugierig gewordene Leser muß ein paar Sätze später jedoch
enttäuscht feststellen, daß dies alles nichts als Lügen sind, der
Doktor ein unverschämter Heuchler ist und ein Zyniker dazu.
"Welchen Nutzen wir bei einer vorweggenommenen Umrüstung der
Kraftwerke haben, weiß niemand. Was es kostet, kann ich Ihnen sa-
gen: zusätzlich fünf Milliarden bei der Investition und zwei bis
drei Milliarden jährlich Betriebskosten."
So viel Aufwand, nur um den Menschen und seine "Umwelt" vor
Schadstoffen zu schützen? Nein, das liegt nun wirklich nicht im
Interesse des Verbandes..., pardon, der Menschen!
Das philosophische i-Tüpfelchen auf den munteren Meinungsaus-
tausch setzt ein Mann namens Carl Amery, dessen Beruf mit
"Publizist" angegeben wird. Dieser hat folgendes zu vermelden:
"Es gibt den schönen Satz, daß man vor lauter Bäumen den Wald
nicht mehr sieht. Ich habe den Eindruck, daß man vor lauter Ursa-
chen die Hauptursache des Waldsterbens nicht mehr erkennt. Bis
wir mit viel Akribie die Ursache-Wirkungs-Beziehung eines be-
stimmten Zusammenhanges wissenschaftlich herausbekommen haben,
treten in unserer Zivilisation völlig neue Zusammenhänge auf. Wir
hinken also mit unserer Forschung immer hinterher. Ich bin der
Auffassung, daß das Waldsterben durch unsere Zivilisation an sich
hervorgerufen wird und glaube, daß wir künftig damit leben müs-
sen."
Falls dies nicht alles als Witz gemeint ist, so wird der arme
Herr Amery wohl tatsächlich in den nächsten Jahren noch minde-
stens zwanzigmal seine Auffassung revidieren müssen - wegen der
"völlig neuen Zusammenhänge"! Was ihn allerdings nicht daran hin-
dert, die längst gefallenen politischen Entscheidungen samt der
verschiedenen Reaktionen von Geschädigten auf der einen und Nutz-
nießern auf der anderen Seite mit folgender ideologischer Glanz-
leistung zu begleiten:
"Ich meine, die einzige Alternative kann hier nur heißen, daß wir
einen Kulturentwurf schaffen, der auf einer anderen ethischen
Rangordnung basiert."
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