Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie
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DAS ELEND DER ÖKOLOGIE
Mißverhältnis zwischen umweltbewußter Praxis und dem,
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worauf sie sich bezieht
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Auffällig ist ein groteskes Mißverhältnis zwischen dem, woraus
sich die Ökologie oder das Umweltbewußtsein begründet, nämlich
zwischen den Folgen der industriellen Nutzung der Natur, den lau-
fend beklagten Skandalen, Unfällen bis hin zu den alltäglichen
Lebensumständen, und dem, was dann als tätige Fürsorge eines je-
den für die Natur gefordert oder auch praktiziert wird.
- z. B. der Atommülltransportskandal (schon fast wieder verges-
sen), der für jeden unübersehbar, folgendes erbracht hat: überall
in der Republik steht strahlendes Material rum, wird in unter-
schiedlicher Stärke und Form hin- und herverfrachtet, wird ver-
brannt - was auch nicht gerade schadstofffrei passiert - und ver-
packt. Es lagert zwischen, die Endlagerung ist ungewiß. Strah-
lende Fässer stehen, staatlich erlaubt, herum. Und es wird nicht
verheimlicht: von diesem strahlenden Material fällt immer mehr
an. Ebenso ist klargeworden: dies ist alles keine Ausnahme, son-
dern gehört zum normalen Geschäftsgang dazu und ist bloß ein
kleiner Ausschnitt aus der Atomtechnologie (Sellafield; Krebs-
fälle; Plutonium nach Belgien...).
Angesichts dessen soll man sich als normaler Bürger und umweltbe-
wußter Mensch für natürliche Eßgewohnheiten und Krebsschutz durch
Nichtrauchen begeistern oder auch zufrieden sein, wenn Politiker
mal bei Bauprojekten eine Wiese verpflanzen.
- Beispiel Dioxin: es gibt eine jahrelange Tradition der Meldun-
gen über Dioxin. Es entsteht auf Mülldeponien, liegt in Massen
auf Halde, wurde in Vietnam als Kampfmittel eingesetzt, findet
sich in Holzverarbeitungsmitteln, entsteht bei Industriebränden,
Chemieunfällen etc. Kurz: es ist mittlerweile ein universelles
Gift in dieser Republik.
Und dagegen soll man als Umweltfreund die Parole "Gesund leben"
hochhalten, Abfälle sortieren und in den entsprechenden Müllcon-
tainern abliefern, oder von den eigenen Speiseresten Komposthau-
fen anlegen.
- Buschhaus, Ibbenbüren und andere Kraftwerksanlagen - ehemals
bekanntgeworden als Dreckschleudern der Nation - blasen haufen-
weise Gift durch die modernsten Filteranlagen. Chemieunfälle ver-
giften ganze Landstriche. Und nicht bloß Unfälle sind es. Die
normalen Produkte enthalten jede Menge Giftstoffe. Ölkatastrophen
auf See und an Land gehören zum Alltag usw. usf.
Dagegen soll man es für Hilfe halten, für einen richtigen Weg,
wenn Umweltschützer die verpesteten Vögel wieder sauberwischen,
Rheinfische wieder eingesetzt werden und Reklame gemacht wird für
biologische Kost und Fahrradfahren.
Worin besteht eigentlich das Mißverhältnis zwischen den Anlässen
und den Reaktionen darauf?
Das Mißverhältnis wird so kraß, wenn man die Vorschläge von Um-
weltschützern für jedermann mal an dem Maßstab mißt, sie sollten
vor den ja offenbar systematisch produzierten Schäden an den
hierzulande vorfindlichen Lebensbedingungen bewahren oder gar
diese beseitigen. Man kann diesen Naturfreunden ja noch nicht mal
das Kurieren an Symptomen bescheinigen - welches Symptom sollte
auch ein auf dem Balkon angelegter Komposthaufen kurieren? Zwei-
tens fällt auf, daß Ursachen für die sog. Umweltskandale erst gar
nicht ins Spiel gebracht werden, sondern die Menschheit sich mit
lächerlichsten privaten Aktivitäten zufriedengeben soll. Das
Ganze zielt nie und nimmer auf die Erhaltung oder Herstellung
brauchbarer Lebensbedingungen. An dem Ziel der Beseitigung von
oder der Bewahrung vor gesundheitsgefährdenden Lebensumständen
gemessen, nehmen sich die Maßnahmen, die als tätiges, gutes Um-
weltbewußtsein angeprießen werden, einigermaßen albern und un-
ernst aus.
Wo Bürger sich auf diese Weise umweltbewußt betätigen, führen sie
sich so auf, als wären sie die Subjekte der ungemütlichen Le-
bensumstände, und als solche mitverantwortlich für die Bewahrung
vor allenthalben aufzufindenden Schädigungen. Und gerade da, wo
sie das behaupten und darauf verweisen, e t w a s zu tun, und
sei es auch nur i r g e n d e t w a s, da erweist sich das
praktisch gesehen gleich als völlig unernst, ohnmächtig und an
der Sache vorbei. Andererseits macht das den Anwälten der Umwelt
überhaupt nichts aus. Im Gegenteil, genau das, d a ß sie immer-
hin etwas tun, egal in welchem Verhältnis das zu dem ganzen Aus-
gangspunkt ihres Aktivwerdens steht, halten sie sich mordsmäßig
zugute, z.B. gegenüber unsereinem, der wieder mal bloß erklären
will, statt was zu tun. Das liegt an der Erklärung, die sie für
die verseuchten Lebensmittel, die ruinösen Arbeitsbedingungen und
die verschandelte Landschaft etc. parat haben.
Geschäftliche Praxis und staatlicher Umgang mit der Natur
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vs. ökologische Interpretation des selben
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Was sich da praktisch gegenübersteht, ist auf der einen Seite ein
geschäftsdienlicher organisierter rücksichtsloser Umgang mit der
Natur, und auf der anderen Seite eine Bürgerkritik, die zu lauter
fruchtlosen privaten Bemühungen führt.
Zur einen Seite, dem in der freien Marktwirtschaft üblichen Um-
gang mit der Natur und was wir dem entnehmen: Natur wird für jede
Produktion gebraucht und als Naturstoff verbraucht. Das ist eine
Sache. Eine ganz andere Sache ist, wie das passiert. In der
freien Marktwirtschaft liegt die Verfügung über die Natur und ih-
rer Verarbeitung in den Händen derjenigen, die Eigentümer der
Produktionsmittel sind. Der Normalsterbliche hat da wenig zu mel-
den. Er muß vielmehr schauen, welche Luft ihm zum Atmen bleibt.
Im Kapitalismus steht nämlich alles im Dienst des Geschäfts, also
auch jede natürliche Lebensbedingung. So verlangt es nun mal das
feine System. Die Ruinierung von Natur durchs Geschäft geht schon
bei den hochgeschätzten Arbeitsplätzen in modernen Betrieben und
Büros los. Die müssen kostengünstig sein, deswegen verschleißen
sie die glücklichen Arbeitsplatzbesitzer. Lärm und Gift gibts
gratis noch dazu, oder auch gegen eine Entschädigung von ein paar
Pfennigen, was allemal billiger ist als der technische Aufwand
für eine gesunde Atmosphäre. Technischer Aufwand wird da getrie-
ben, wo er sich lohnt, also die Stückkosten senkt. Die Gesundheit
der Arbeiter ist zum Verbrauchen da, dafür kriegen sie ja Lohn
und Gehalt.
Das Produzieren dient dem Geschäft. Deswegen werden auch nicht
bloß nützliche Güter hergestellt, sondern solche, deren Preis
einen Überschuß über die Kosten abwirft. Das schließt ein, daß
nebenher vergiftet wird, was das Zeug hält. Es wird eben gezielt
getrennt zwischen kostengünstigen Produktionsverfahren und deren
Folgen, die eben bloß Folgen sind, also nicht mehr in die Kosten-
kalkulation eines Unternehmers fallen, ihn nichts angehen, und
werden dann, unter staatlicher Aufsicht, der Allgemeinheit aufge-
halst werden. Flüsse dienen als kostenloses Kühlwasser für Atom-
und andere Kraftwerke, oder auch, ebenso wie der kostenlose Luft-
raum, zum Abtransport aller anfallenden Schadstoffe, Boden und
Grundwasser als Abladeplatz für die Müllfässer der Industrie.
Die Bauern, die für den EG-Markt produzieren, müssen sehen, daß
sie konkurrenzfähig bleiben. Das tun sie, indem sie Gift und Dün-
ger auf den Boden kippen, Hormone und Arzneimittel in ihr Vieh-
zeug pumpen. Entsprechend sehen die Lebensmittel aus. Für die,
und auch für die sonstigen industriell hergestellten Bedarfsarti-
kel des modernen Lebens - von der Preßspanplatte bis zum Auto -
gilt: was man den Massen mit ihrer beschränkten Kaufkraft verkau-
fen will, muß billig und darf deswegen ruhig giftig sein. Und das
ist auch schon das ganze Geheimnis des sogenannten Umweltpro-
blems: was die Natur als Mittel des Geschäfts im Kapitalismus
hergibt, das macht sie unbrauchbar als Lebensmittel für die
Leute. Sie wird eben nicht verbraucht, um das Leben angenehm zu
machen, sondern fürs Geschäft. Der Staat tut das Seine dazu. 1.
als Gesetzgeber: er garantiert die Freiheit des Unternehmertums
und fördert das Geschäft. 2. als der Zuständige für die Ge-
schäftsgrundlagen, insbesondere was die Energie angeht: er ist
selber der Auftraggeber von großtechnologischen Anlagen, bei
denen dauerhafte Schädigung der dort Arbeitenden, der Anwohner
und der Umgebung einkalkuliert ist - Restrisiko nennt sich das.
Und 3. als politischer Souverän dieses schönen Gemeinwesens:
schließlich will er von keinem anderen 'erpreßbar' sein, sondern
selber alle anderen erpressen können, was einschließt, daß er das
Land vollstellt mit Waffen modernster Art - von Chemiewaffen über
Neutronenbomben bis zu Atomraketen.
An kaputten Wäldern, vergiftetem Trinkwasser, radioaktiven Le-
bensmitteln und verpesteter Luft zeigt sich eben das gültige
Prinzip, daß in der Marktwirtschaft Land und Leute für das Eigen-
tum da sind, mit dem Geschäfte gemacht werden. Die Bundesrepu-
blik, und nicht nur die, ist eine Heimat fürs Kapital und deswe-
gen so wenig wohnlich für die Leute, die zum Wohle von Staat und
Kapital arbeiten dürfen.
Das, meinen wir, ist der Sachverhalt. Die ökologische Interpreta-
tion desselben lautet zusammengefaßt: 'Wir, die Menschen, ruinie-
ren die Umwelt und damit langfristig uns selbst bzw. mindestens
die Zukunft unserer Kinder.'
Jeder betet das mittlerweile daher, in jedem ökologischen Buch
ist das irgendwie zu lesen, und immer ist dies die Quintessenz,
wenn der "Spiegel" die Zerstörung der Alpen anprangert etc. Und
doch ist diese Diagnose, diese Kritik theoretisch ziemlicher Un-
fug und führt praktisch zu ziemlich ärgerlichen Konsequenzen.
1. Der Mensch an sich wird da als Übeltäter dingfest gemacht. So
ganz nackt, ohne jedes Mittel seiner Betätigung - davon wollen
diese Kritiker ja nichts wissen, geschweige denn die eine oder
andere Unterscheidung gelten lassen -, folglich auch ganz ohne
daß da an einen Zweck gedacht wird, den sich der eine oder andere
Mensch setzt, eine Absicht, ein Interesse, das er verfolgt. So
ganz nackt kriegt der Mensch nicht die kleinste Umweltkatastrophe
hin. Wie soll aus der Abstraktion 'der Mensch' auch überhaupt ir-
gendetwas folgen?
2. Die Rede von der ruinierten, zerstörten Natur oder Umwelt
macht überhaupt nur Sinn, wenn man dabei an die Natur als Mittel
denkt. Als dieses Mittel mag sie untauglich sein, wobei es dann
wiederum sehr auf den Zweck ankäme, für den sie als Mittel einge-
setzt wird. Ansonsten kann man die Natur nicht kaputtmachen.
Selbst ein umgekippter Bodensee ist Natur und nicht sonst was
Ominöses. Zerstört ist er da als Mittel, z.B. für den Zweck, die
eine oder andere Badefreude zu genießen, aber nicht in seiner Na-
turhaftigkeit.
Ökologen wollen aber gerade davon, wie hierzulande die Natur Mit-
tel ist und woraus durchaus der Zweck ersichtlich wäre, für den
sie da in Beschlag genommen wird, nichts wissen, wenn sie den
Menschen als den Verursacher von Naturzerstörung anprangern. So
ergibt sich dann das Paradox, daß der Mensch zugleich als Verur-
sacher und Betroffener angesprochen ist. Diese Erklärung kann
nicht hinhauen.
Warum sollte der Mensch sowas machen - die Natur und damit sich
selbst zugrunderichten? Dabei legt andererseits die alltägliche
Erfahrung von Dreck und Gift überall, so daß selbst das Luftholen
kein Akt der Selbstverständlichkeit mehr ist, den Gedanken nahe,
daß das kein Zufall sein kann, daß da ein mächtiges Interesse am
Werk sein muß, dessen Verfolgung die systematische Ruinierung von
Gesundheit und Lebensmitteln anderer eben systematisch ein-
schließt. Die Frage, die da einer Erklärung bedarf, ist doch al-
lemal: wem nutzt so etwas? Dieser Frage nachzugehen, hieße dann
allerdings auch, ein paar Unterschiede zwischen 'den Menschen'
einzuführen.
Der Reiz der ökologischen Erklärung scheint genau darin zu lie-
gen, solche Unterschiede um die Ecke zu bringen und stattdessen
mit einer Pauschalbeschuldigung des Menschen aufzuwarten: es muß
wohl an dessen unergründlicher, aber universeller Unvernunft lie-
gen, wenn er sich selbst um die Ecke bringt. Nur, und dies der
letzte Pferdefuß dieser Sorte Erklärung, wenn der Mensch schon so
grandios unvernünftig ist, w e n soll dann der Appell an die
Vernunft, die je weit und breit nirgends aufzufinden ist, eigent-
lich w o v o n überzeugen?!
Diese Interpretation der kapitalistischen Welt will von den Un-
terschieden zwischen Chemiekonzernen, AKW-Betreibern und denen,
die deren Produktion und Produkte auszuhalten haben, nichts wis-
sen. Ob Höchst AG den Main als Müllkippe für ihre Chemieabfälle
benutzt oder ich die Bücher in einer Plastiktüte herumtrage, im
Prinzip ist das für einen Ökologen dasselbe, unter dem einen Ge-
sichtspunkt nämlich: Vergehen gegen die Umwelt. Die Umwelt ist
damit als der eigentlich Betroffene, das Opfer der beklagten Um-
weltskandale eingeführt.
Dabei soll man natürlich durchaus an die Lebensinteressen
d e n k e n, die an der Beschaffenheit der natürlichen Umstände
hängen. Aber gerade nicht so, daß d e r e t w e g e n Einspruch
erhoben würde.
Hellhörig kann man in dieser Hinsicht schon dadurch werden, daß
die Ruinierung der Gesundheit, da wo sie systematisch betrieben
wird, weil ihre Vernutzung das Mittel kostengünstiger Produktion
ist - am Arbeitsplatz nämlich - aus der ökologischen Betrachtung
ziemlich rausfällt. Die Ökologen legen es eben drauf an, die ge-
schädigten Interessen mit dem Schaden, den angeblich die Umwelt
davonträgt, zu verwechseln. Wenn z.B. laufend Gift in den Rhein
abgelassen wird, von Subjekten, die keineswegs unbekannt sind,
und das Folgen zeitigt, die auch kein Geheimnis sind, dann lautet
die Klage, daß der Rhein zerstört wird. Die Folgen für die Anwoh-
ner und Angler bleiben da zwar nicht unerwähnt, werden aber als
Beleg angeführt, als Indiz dafür, wie unverantwortlich mit dem
R h e i n umgegangen wird. Die natürlichen Voraussetzungen, die
einerseits schon als Lebensmittel behauptet werden, werden so
selber zum geschädigten Subjekt erhoben, so daß das, wozu sie ei-
gentlich Mittel sein sollen, auf der Strecke bleibt. Dies ist die
entscheidende Verkehrung: wenn der Wald nichts mehr taugt, als
was taugt er dann nicht mehr? Doch wohl als Mittel für das Inter-
esse an gesunder Luft, schöner Landschaft etc. Wen außer dem, der
ihn benutzen will, sollte auch sonst der Zustand des Waldes
jucken. Der Wald selbst verspürt ja keinen Schmerz, verlangt
keinen bestimmten Umgang mit sich und hat auch kein ihm
eingeschriebenes Gesetz, wonach er genau so und nicht anders
ausschauen müßte, genau da wachsen müßte, wo er's tut etc...
Der Einspruch der Ökologen lautet nun aber gerade nicht: was ist
denn das für eine Produktionsweise, die, gesetzlich erlaubt, auf
diese Interessen pfeift? Vielmehr lautet ihr Befund: der W a l d
ist das Opfer, dessen wir uns alle annehmen müssen.
Und über diese Verwechslung werden dann alle möglichen Angelegen-
heiten, von der achtlos weggeworfenen Coladose bis zu AKWs, zu
gleichgültigen Beispielen für die Versäumnisse und ökologische
Sünden, die sich die Menschen gegenüber der Umwelt zuschulden
kommen lassen. Und die Verfehlung lautet: er hat sich bei seinem
Gebrauch der Natur nicht um deren Bewahrung gekümmert.
An dieser Stelle eine kleine Abschweifung in die ökologische Wis-
senschaft und wie sie sich mit naturwissenschaftlichen bzw. tech-
nologischen Argumenten für den Standpunkt Bewahrung der Natur
stark macht. Etwa in der Art, daß umweltbewußte Ingenieure etc.
lauter W i r k u n g e n untersuchen, die beispielsweise ein
Produktionsverfahren an dem Material hervorbringt, dessen es sich
bedient. Sie erforschen Verfahren und Möglichkeiten, wie Folgen
zu vermeiden, Schäden zu begrenzen, stoffliche Quellen zu erhal-
ten wären. Unter diesem Gesichtspunkt untersuchen sie die ver-
schiedensten Wirkungszusammenhänge zwischen Lebendigem und seinen
natürlichen Bedingungen, untersuchen Tierpopulationen, Landschaf-
ten, Klima, Nahrungsketten, Licht-, Luft-, Wasser- und sonstige
Verhältnisse, um unliebsame Rück- und Wechselwirkungen des pro-
duktiven Umgangs mit diesen Verhältnissen ausfindig zu machen.
Nicht, daß es diese Wirkungen nicht alle gäbe - der Haken ist nur
der, daß sich diese Technologen eines pfleglichen Umgangs mit der
Natur gründlich über deren G r u n d täuschen. Es ist ja gar
nicht so, daß die bekannten und beklagten Wirkungen durch
N i c h t w i s s e n zustandekäme. Bei den normalen technologi-
schen Planungen wird eben fein säuberlich g e t r e n n t zwi-
schen der Wirkung, die man erzielen will, und den lästigen Fol-
gen, die man zu Nebenwirkungen erklärt, für deren Vermeidung sich
der Kostenaufwand nicht lohnt. Diese Trennung und ihren Grund
greifen Ökologen überhaupt nicht an, sie gehen, im Gegenteil, von
ihr aus, wenn sie laufend zusätzliche zu berücksichtigende Wir-
kungen anführen. Deswegen hinken sie auch immer den Zerstörungen
hinterher, die der unternehmerische Umgang mit der Natur zeitigt.
Der entscheidende Fehler bei diesem Treiben besteht darin, so zu
tun, als sei die geschäftsdienliche Trennung in technologische
Möglichkeiten, die man nutzen will, und deren Folgen, die man un-
berücksichtigt läßt, gar nicht notwendig im Sinne der Kostenkal-
kulation, sondern reine Willkür, müßte also nicht sein. Von die-
sem guten Glauben beseelt, fertigen sie dann ihre alternativen
Gutachten an - als Kommentar zur und Korrektur der laufenden ge-
schäftsdienlichen Rücksichtslosigkeit. Und manchmal finden sie ja
auch beim Staat Gehör - aus ganz anderen Gründen allerdings; dazu
später.
Zurück zum gängigen Umweltbewußtsein: Diesen Standpunkt der Be-
wahrung der Natur, den die Ökologen naturwissenschaftlich zu un-
termauern versuchen, hat das Umweltbewußtsein generalisiert und
zu einer Haltung gemacht, einer Haltung, die Respekt vor der Na-
tur anmahnt. Da braucht dann keine einzige naturwissenschaftliche
Erkenntnis mehr vorzuliegen, wenn solche umweltbewußten Leute an-
prangern, daß der Mensch sich an den Gesetzen der Natur ver-
greife.
Ausgerechnet heutzutage, wo täglich sich erweist, daß die Natur
wissenschaftlich beherrscht wird, wo alles verarbeitete Natur ist
- die Natur für sich gar keine Zweckbestimmung enthält, die sich
ihrem Gebrauch widersetzen würde -, wo selbst ihr ruinöser Ge-
brauch von den ökonomisch kalkulierten Zwecken zeugt, tun diese
Leute so, als würde die Natur irgend etwas fordern, gegen das der
Mensch, dadurch, daß er sie gebraucht, verstoßen würde - sich
über sie erhebt anstatt sich ihr unterzuordnen.
Es handelt sich bei dieser Diagnose, die, wie gesagt, ohne jede
naturwissenschaftliche Kenntnis auskommt, sowohl um eine falsche
Gesellschaftskritik als auch um eine verkehrte Naturtheorie.
Zur Gesellschaftskritik. Die besteht, kurz gefaßt, darin, daß wir
Menschen grundsätzlich verschwenderisch umgehen würden mit der
Natur wegen unserer Unersättlichkeit. Immer mehr haben wollen
ohne Sinn und Verstand. Dafür steht das Bild von der
"Wegwerfgesellschaft".
Dazu folgende Einwände:
1. Die Rede vom maßlosen Bedürfnis ist ein einziger Widersinn.
Bedürfnis hat sein Maß schlicht an dem Inhalt dessen, wonach es
verlangt. Ebenso widersinnig die Vorstellung, es würde laufend
produziert, um dann alles wegzuwerfen. Wie sollte so ein Zustand
zustandekommen, von dem keiner nichts hat?
2. Wenn alles produziert würde, damit die Leute dann konsumieren,
wozu braucht's denn da noch den Gewinn als Kriterium der Produk-
tion? Daß es um den geht, wird ja auch von Anhängern der Umwelt
nicht geleugnet. Aber die Vermehrung des Geldes soll ausgerechnet
ein Indiz dafür sein, daß es um nichts als Konsum geht?!
3. Wenn's tatsächlich so wäre, daß produziert würde zum Zwecke
des Konsums, der Bedürfnisbefriedigung, was wäre denn daran so
schlimm? Eine universelle Vergiftung käme da jedenfalls nie und
nimmer raus. Das wäre ja ein Widerspruch zur Bedürfnisbefriedi-
gung.
4. Und wenn es so wäre, daß durch den Konsum irgendwann die Natur
verbraucht wäre - was wäre denn daran schlimm? Dann hätten die
Leute halt ein schönes Leben gehabt, und irgendwann wär's rum.
Wem fehlt da dann was?
5. Wenn das Bild stimmen würde und es ein unbeschränktes zah-
lungsfähiges Bedürfnis gäbe, für das immerzu produziert würde,
würde sich der Gewinn ja glatt durchstreichen. Nur: bekanntlich
läuft die Mehrzahl der Leute ja mit einem monatlichen Einkommen
von 2-3000 Mark rum. Die Schranke der Bedürfnisbefriedigung steht
also ziemlich fest, weil der Reichtum, den es ja nicht zu knapp
gibt, erstmal gründlich dem Konsum entzogen ist und nur insoweit
zur Verfügung steht, als das nötige Geld rübergeschoben wird, das
auf dem Preisschild verlangt wird.
Dieser Widersinn, so zu tun, als seine sämtliche Chemiewerke und
AKWs ein einziger Dienst an dem Konsumbedürfnis der Leute, die
deswegen auch verantwortlich seien für die Ruinierung der armen
Natur, ist eine ziemlich miese Moralpredigt. Diejenigen, die
diese Moral der Bescheidenheit pflegen, schwingen sich locker auf
zum Richter über wahre und falsche Bedürfnisse und tun so, als
hätte es ausgerechnet der sog. Verbraucher in der Hand, der Rui-
nierung der Umwelt ein Ende zu bereiten.
Beispiel: die Autofahrer sind schuld am Waldsterben.
Die Verwechslung: daß das, was aus dem Auspuff kommt, Schaden an
Fauna und Flora anrichtet, unbestritten, nur: seit wann bastelt
denn der Autofahrer die Motoren, oder hätte sie sich genau so be-
stellt?
Gerade der Katalysator zeigt noch einmal die Machtlosigkeit des
Konsumenten. Seit wann gibt's ihn denn? Aufgrund der herrschenden
Konkurrenz um die geringe Zahlungsfähigkeit - setzt der Staat ein
neues Datum - und läßt den Verbraucher zahlen.
Von wegen: Autofahren bloß aus Bequemlichkeit. Und wenn's so
wäre? Da fangen sie das Sortieren an. Das kapitalistische Inter-
esse, das ist da längst und locker als Sachzwang abgehakt. Bei
denen, die diesem Interesse nachkommen müssen, da entdecken sie
lauter Freiheiten. Da wollen sie sortieren zwischen dem, was sein
muß (Autofahren zur Arbeit) und dem, was überflüssig ist
(Autofahren zum Briefkasten).
Zu mehr als diesem moralischen Kommentar zum kapitalistischen
Alltag ist diese ganze pseudoradikale Gesellschaftskritik nicht
gut. Und ausgerechnet das, der Verzicht auf die oder jene Auto-
fahrt, soll dann die ganzen angeprangerten Umweltzerstörungen aus
der Welt schaffen? Ein schönes Beispiel für die Unverhältnismä-
ßigkeit der Kritik vom Anfang.
Was die darin enthaltene Theorie über die Natur betrifft: Wie ge-
sagt, die Tatsache, daß heutzutage alles verarbeitete Natur ist,
zeigt schon, daß Natur keine Zweckbestimmung in sich hat, sondern
gerade jedweder Benutzung, die sich ihrer Gesetzmäßigkeiten zu
bedienen weiß, zur Verfügung steht.
Die Ökologie, wo sie sich als neue Grundlagenwissenschaft präsen-
tiert (in der Biologie), interpretiert die Naturgesetze um in dem
Sinne, daß aus ihrem Ideal der Bewahrung der Natur der Zweck der
Natur gemacht wird. Sie will unbedingt beweisen, daß der heutige
Umgang mit der Natur ein Widerspruch zu dem allgemeinen Gesetz
der Natur sei - was den kleinen Haken hat, daß dann dieser Umgang
mit der Natur gar nicht ginge. In diesem Ansinnen hat die Ökolo-
gie Urteile über die Natur in die Welt gesetzt, die heute jeder-
mann im Munde führt, ohne je in ein Biologiebuch geguckt zu ha-
ben.
Da ist die Rede von Natur als einem Ö k o s y s t e m. Land-
schaften, Tiere, die in ein zufälliges Verhältnis mit diesen Um-
ständen gestellt sind, sich wechselseitig fressen oder auch
nicht, die durch ihren Stoffwechsel wieder Grundlage für andere
Lebewesen oder auch Landschaften schaffen -, all diese naturhi-
storisch entstandenen Verhältnisse werden in eine funktionelle
Einheit verwandelt, bei der jedes Element als Teil dem System als
Ganzem dient. Alle existierenden Wirkungsverhältnisse werden als
Belege dafür angeführt, d a ß ein Zusammenhang existiert, eins
fürs andere da ist, und das System auch einen Zweck habe, näm-
lich, durch seine Teile sich selbst zu erhalten. So soll dann
schlagend bewiesen sein, daß die Benutzung der Natur ein
E i n g r i f f in sie sei, eine Störung.
Dabei hat die Naturwissenschaft das, was an der Natur systema-
tisch ist, längst erforscht. Die Naturwissenschaft hat dabei auch
noch nie darüber geklagt, daß ein Tier fehlt oder eins dazugekom-
men ist. Ökologen tun so, als ob alles, was es in der Natur gibt,
auch unverzichtbar für sie als System wäre. Dabei hat die Natur
selbst schon ganz ohne den sog. Eingriff des Menschen die eine
oder andere Tier- und Pflanzenart zum Aussterben gebracht. Manche
Tiere sollen sogar andere Tiere fressen, ganz ungeachtet dessen,
daß die auch Teil des Systems sind. Und was das System am Ökosy-
stem betrifft: dafür ist es doch völlig wurscht, wie das Stück
Natur beschaffen ist. Hat man ein Feuchtbiotop und legt es
trocken, hat man ein Trockenbiotop. System ist es so oder so.
Denselben Unsinn, es wohne der Natur ein Zweck inne, gegen den
der Mensch nicht verstoßen dürfe, drückt man im Bild vom
G l e i c h g e w i c h t d e r N a t u r aus. Dabei wissen
Ökologen natürlich selber, daß sich in der Natur ständig alles
ändert. Nur, die ganzen Veränderungen dienen angeblich dem Zweck
der Natur, sich in irgendeinem Gleichgewichtszustand zu halten.
Auch hier wieder wurscht, worin der besteht. Gesagt sein soll,
daß der Mensch, wo er Natur anwendet, alles aus dem Lot bringt.
Dasselbe kann man auch ausdrücken mit dem Bild vom
H a u s h a l t. Es soll nämlich die Natur auszeichnen, daß es
bei ihr hauptseitig um Energie und Stoffe gehe - wodurch so ziem-
lich alles gleichgemacht ist - und daß sie mit ihren knappen En-
ergieen und Stoffen vernünftig haushalten würde. Der Beleg dafür
ist denkbar einfach und blöd. Knapp sollen die Mittel der Natur
deshalb sein, weil sie nicht unendlich, sondern endlich sind. Das
Vorhandensein der Stoffe soll den Mangel haben, daß nicht noch
mehr davon da sind. Und mit diesem Mangel ist die Natur vorbild-
lich dadurch fertig geworden, daß sie glatt nicht mehr verbraucht
in der Energie- und Stoffumsetzung als sie eben verbraucht. So
wird die Natur zum Vorbild einer anspruchslosen Zweckmäßigkeit,
in der jedes Teilchen sein Plätzchen hat und alle miteinander
auskommen - im Unterschied zu jenem Ökosystem, in dem der Mensch
sich umtreibt.
Diese ganze Konstruktion ist eh schon widersinnig: Völlig unab-
hängig von der Tatsache, daß die Natur längst komplett gesell-
schaftlich bestimmt ist, umgemodelt ist, erhalten oder auch nicht
erhalten wird, zerstört und wieder aufgebaut wird, pflegt man die
Vorstellung von lauter natürlichen Zusammenhängen in der Welt und
daneben und getrennt davon soll's dann das Ökosystem des Menschen
geben. Da wird glatt auch noch der kapitalistische Umgang mit den
Produktionsbedingungen in das Modell eines in sich ruhenden Na-
turzusammenhangs eingeordnet, als eine besondere Sorte Naturver-
hältnis. Und darüber lautet die Auskunft: auch der Mensch ist
Teil der natürlichen Umwelt, selbst wenn er sich immer darüber
erhebt.
Damit ist die Auskunft der Ökologie über die Krone der Schöpfung
auch schon ziemlich erschöpft. Die kapitalistische Produktion mit
ihrer technologischen Beherrschung der Natur, Armut und Reichtum,
die politischen Machtverhältnisse - alles löst sich auf in ein
natürliches Haushaltssystem. Bei dem taucht dann konsequenter-
weise all das als negative Eigenschaft auf, was vorher bei den
sogenannten natürlichen Systemen als vorbildlicher Umgang der Na-
tur mit ihren knappen Mitteln angepriesen wurde. Menschliche Öko-
systeme zeichnen sich dann durch unausgeglichene Energiebilanzen
aus, durch lauter Verfahren, mit denen er, der Mensch als Teil
eines Ökosystems, sich über es erhebt, einfach nicht in ihm auf-
geht. Das soll dann aber nicht für die Weltfremdheit dieses Ge-
dankens sprechen, sondern gibt den Maßstab an, der da von Ökolo-
gen angelegt wird und der dafür sprechen soll, daß der Mensch
sich gefälligst als das Element im Naturganzen aufführen soll,
das er angeblich ist. So werden dann Kriege mit dem Freßverhalten
von Tieren verglichen; daß Energiequellen nach Kostengesichts-
punkten der Geschäftswelt und nationalen Berechnungen erschlossen
und verbraucht werden, gilt als unnatürlicher Energiefluß usw.
Es handelt sich um eine doppelte Verwechslung: 1. werden die
Knappheits- und Bilanzvorstellungen aus der modernen Volkswirt-
schaftslehre aufgenommen und der Natur angedichtet: die Natur
geht haushälterisch mit Mangel um. Diese Naturideologie wird dann
umgekehrt übertragen auf die Gesellschaft und so zu einem morali-
schen Imperativ, der für 'natürliche' Lebensgestaltung plädiert.
Der Mensch soll die Natur ehren und angesichts ihrer knappen Mit-
tel sich in Bescheidenheit und Zurückhaltung üben.
Der Pseudoradikalismus, mit dem diese Zivilisationskritik an-
tritt, ist ausgesprochen funktional. Er taugt nämlich einerseits
bloß zu einem moralisierenden Kommentar zur laufend stattfinden-
den Naturbenutzung, als besinnungsvolle Reden über Fluch und Se-
gen der Technik, über Schöpfung und Ehrfurcht vor ihr, zum pau-
senlosen und jahrelangen Beschwören, daß es gerade 5 vor 12 sei,
woran dann doch keiner so recht glaubt.
Andererseits taugt er zum Aufruf an den Staat, der solle sich für
die Natur stark machen gegen die egoistischen Interessen der
Leute, die sich angeblich immer an ihr vergreifen. Als würde der
Staat nicht unterscheiden zwischen solchen Interessen, denen er
zum Zuge verhilft, und solchen, die er beschränkt. Als ob er aus-
gerechnet die gesellschaftlichen Zwecke, die er selber durchsetzt
und die die beklagten Wirkungen hervorbringen, aus den Angeln he-
ben würde.
Das Umweltbewußtsein ist ein einziger Aufruf an den Staat, den er
gerne vernimmt. Er hat ja auch längst die Umwelt zu seinem Aufga-
bengebiet gemacht, zum Feld seiner praktischen Politik. Das wird
ihm auch zugute gehalten. Dabei ist seine Umweltpolitik für was
ganz anderes da, als Umweltfreunde glauben.
Die Umweltpolitik des Staates und das Verhältnis
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des alltäglichen Umweltbewußtseins dazu
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Der Staat stimmt in den allgemeinen Ruf nach Umwelterhaltung ein
und läßt auch seine Politik gern unter diesem Titel firmieren.
Das wird heute, besonders von den Grünen, als Konzession an das
Umweltbewußtsein gehandelt, dem sich die Politik nicht habe ent-
ziehen können. Die Politik stellt sich umgekehrt auch gern als
Anwalt der Umwelt dar und tut so, als hätte sie sich die Bewah-
rung der Lebensgrundlagen zu ihrem Anliegen gemacht.
Es stimmt: Staatliche Umweltpolitik ist eine Konzession ans Um-
weltbewußtsein, aber nur, was den Titel und das Ressort angeht,
das bundesweit nach Tschernobyl als extra Ministerium aus dem In-
nen- bzw. Forschungsministerium ausgelagert und selbständig ein-
gerichtet wurde. Allerdings geht die Konzession viel weiter
nicht. Im Umweltminister hat man nun den personalisierten verant-
wortlichen Ansprechpartner für alle ökologischen Klagen. Der
sorgt dann für deren Übersetzung in eine politische Aufsichtsauf-
gabe. Das Muster dieser Übersetzung ist immer gleich: Politiker
loben sich und lassen sich zugutehalten, daß sie etwas unterneh-
men, und zwar immer dann und deshalb, wenn sie nachträglich bei
eingetretenen Schäden aktiv werden. Das, was sie selber offiziell
genehmigt haben, erklären sie nachträglich für problematisch, für
einen Gegenstand staatlichen Handlungsbedarfs. Als ob sie je et-
was unterbunden hätten, als ob sie nicht selber alle Grundlagen
ihres nachträglichen Handlungsbedarfs selber schaffen würden.
Weil aber alle staatlichen Maßnahmen, nicht nur auf dem Feld des
Umweltschutzes, in Form von Auflagen an Unternehmer daherkommen,
weil sie auch mal Kostenklagen nach sich ziehen, also formell wie
eine Einschränkung des geschäftlichen Treibens aussehen, gelten
sie auch schon als Kritik am Geschäftsgebaren der Unternehmer als
Gegensatz zu rücksichtslosem Wirtschaften, eben als im Prinzip
umweltfreundlich.
Dabei betonen Politiker von Töpfer bis Joschka Fischer immer die
Grenzen und plädieren für Realismus: vernünftiger Umweltschutz
darf nicht gegen die Wirtschaft stattfinden. Damit tun sie so,
als würde es sich bei den Interessen der Unternehmer um unabweis-
bare und von jedermann geteilte Notwendigkeiten handeln. Wenn
dann mal wieder ein Skandal das 'Vertrauen' erschüttert, wird
erstmals so getan, als hätte es Umweltpolitik bisher so recht
noch gar nicht gegeben, als wäre der Staat daran überhaupt nicht
beteiligt. Dann berufen sie sich auf die von ihnen erlaubten und
in Auftrag gegebenen Geschäfte als lauter Zwänge, an denen man,
und sie am allerwenigsten, nun nicht mehr vorbeikönnen. So Töpfer
immer wieder: jetzt führt ja wohl kein Weg an einer Endlagerung
mehr vorbei, wo wir die Atomindustrie nun mal haben. Ausstieg
geht nicht usw.
Gegen diese ganze öffentliche Darstellung mal das, was Umweltpo-
litik der Sache nach ist.
Man könnte es schon den politischen Äußerungen entnehmen: wenn
Umweltpolitik nicht gegen, sondern nur mit der Wirtschaft geht,
dann wird sie ja auch wohl für sie und in ihrem Interesse statt-
finden. Was der Staat in Sachen Umweltpolitik macht, ist denn
auch was ganz anderes, als was Umweltfreunde ihm zugutehalten
möchten.
Über das Gerede von der Umwelt vergessen Politiker ihre bisheri-
gen Berechnungen und Sorge um die Geschäftsnotwendigkeiten näm-
lich überhaupt nicht, sondern fügen ihnen ein paar funktionale
Überlegungen hinzu. Sie sehen also auch nicht das ökologische Ge-
dankengut ein, beherzigen nicht die Warnungen und Ratschläge, die
an sie ergehen. Ihnen geht's um was anderes. Je mehr nämlich die
kapitalistische Benutzung der Natur in der eigenen Nation wie in
fremden Nationen mit stattlicher Hilfe durchgesetzt ist und deren
Wirkungen immer umfassender werden, umso gewohnheitsmäßiger ach-
ten Politiker auf unerwünschte Folgewirkungen, unerwünscht in dem
Sinne, daß sie den Charakter von Nebenwirkungen verlieren. Wo ge-
rade wegen der zugestandenen Freiheit unternehmerische Kalkula-
tionen mit profitträchtigen Kosten und überflüssigen Unkosten
solche Wirkungen ein Ausmaß annehmen, daß sie ganze Regionen,
Luft und Wasser überhaupt unbrauchbar zu machen drohen, wo also
die allgemeinen Produktionsvoraussetzungen tangiert werden oder
auch die Benutzbarkeit des Volkes für die unternehmerischen und
staatlichen Zwecke ein bißchen in Frage steht, da greift die Po-
litik ein. Politiker wissen nämlich, was die Industrie treibt und
anrichtet - von wegen Unkenntnis - es sei denn, sie wollten sich
bisher als nationale Aufsichtsbehörde nicht darum kümmern. Sie
wissen es, und sie beurteilen die Folgen nach eben dem Kriterium,
nach dem sie den Unternehmern die Freiheit eröffnet haben, erst
mal draufloszuproduzieren: es soll sich lohnen für das Geschäft
und für den Staat.
Diese Abteilung staatlicher Politik ist natürlich ein einziger
Widerspruch, nämlich: die Freiheit des Gewinnemachens mit lauter
Bestimmungen oder Kosten einzuschränken, damit sie dauerhaft
funktioniert. Allerdings ist das ein Widerspruch, der nichts von
einem Gegensatz des Staates zu den Grundsätzen des Geschäfts ent-
hält. Und schon gar nicht gibt er Anlaß zu der Hoffnung, der
Staat müßte aus eigenem Interesse am Erhalt seiner Grundlagen zum
Umweltschützer werden. Der Staat legt sich selber Schranken auf,
wenn er gesetzgeberisch tätig wird: seine Maßnahmen wollen wirt-
schaftlich zumutbar sein, verhältnismäßig je nach Stand der Tech-
nik usw. - alles Ausdrucksweisen dafür, daß eine ständige Abwä-
gung stattfindet 1. danach, wo Auflagen wegen der Volks- und Na-
turgrundlagen und der daraus entstehenden Staatskosten zwecks Er-
halt der Tauglichkeit überhaupt nötig sind, und 2. wie weit sie
umgekehrt für den Profit zumutbar sind. Das sind Abwägungen und
Entscheidungen, die eins mit Sicherheit nicht sind: das Bemühen
um die umfassende Erhaltung von Natur und Gesundheit als Lebens-
mittel. Es ist eben ein Unterschied, ob der Rhein sauber ist,
oder ob darauf geachtet wird, daß er als Industriekloake weiter-
hin tauglich bleibt. Staatliche Umweltpolitik kommt nach dem und
steht im Dienst des rücksichtslosen Produzierens.
Beispiel Atomindustrie: Erst mal wird der Betrieb in Gang ge-
setzt, dabei wird schon mal alles Mögliche außer acht gelassen,
gezielt werden Risiken in Kauf genommen und die Entsorgung auf
später verschoben. Dann stößt man allmählich auf immer neue
schädliche Begleiterscheinungen und Folgen der Atomindustrie.
Dann stellt man fest, daß eine gefahrlose Entsorgung weder mög-
lich noch gegeben ist, usw. Das alles ist ein Paradebeispiel da-
für, wie staatliche Umweltpolitik überhaupt funktioniert, wann
und wo sie in Kraft tritt. Nämlich da, wo für den Erhalt der ge-
schäftlichen Kalkulation Korrekturen und Maßnahmen nötig erschei-
nen, damit die unternehmerische Freiheit weiter geht.
Punkte, die jeder als Errungenschaft staatlicher Umweltpolitik
kennt, und die von Ökologen bestenfalls als Versäumnisse, nie
aber in ihrem politischen Charakter kritisiert werden:
- Der Staat rechnet mit Schäden. Er läßt die Volksgesundheit sta-
tistisch erfassen, legt Krebsstatistiken an, usw. Wenn es um die
Ursachen dieser festgestellten Schäden geht, kennt jeder die
Tour, erst nach möglichen Zusammenhängen zu fahnden - so als
wüßte man nicht, daß Dioxin schädlich ist - und dann Zusammen-
hänge dadurch zu bestreiten, daß sie statistisch nicht nachweis-
bar seien. Dann wird mit Raten gehandelt, die erträglich, hin-
nehmbar oder überhaupt nicht vorhanden sind. Wissenschaftler dür-
fen sich interessiert streiten über das Maß der Verträglichkeit,
und derweil geht der industrielle Betrieb munter weiter, ebenso
die Krebsfälle etc. Der Staat macht es sich zunutze, daß ein not-
wendiger Zusammenhang zwischen diesem Stoff und jener Krebssorte
nicht gefunden wird. Solche Streitigkeiten und Berechnungen kom-
men nur dann auf, wenn laufend mit der Schädigung kalkuliert
wird, wenn der Standpunkt des hinnehmbaren Schadens selbstver-
ständlich ist. Dann werden Kriterien und Grenzwerte festgelegt.
- Staatliche Grenzwerte sind Maßfestsetzungen für die Schädlich-
keit und erfahren ihre entsprechende zweckdienliche Ausgestaltung
nämlich hinsichtlich einer Schädlichkeit, die als erträglich ge-
handelt werden soll. Beispiel: die Heraufsetzung der zugelassenen
Bequerel in der EG, dann, wenn ein Unfall passiert ist, damit der
weitere Verkauf von verstrahltem Zeug gesichert ist.
- Juristisch und politisch wird festgelegt, was überhaupt ein Un-
fall ist, was als Normalbetrieb gilt, wie kontrolliert wird usw.
Wo laut staatlichem Beschluß die Luft zu dreckig, ein See zu ver-
seucht ist, da werden Verordnungen erlassen, die den Bürger, wo
es geht und der Staat es für machbar und weiter nicht störend
hält, die eine oder andere Art der Benutzung verbieten. Da gibt
es Smogverordnungen oder auch mal Produktionseinschränkungen. So
geht staatliche Fürsorge für den Fortgang des kapitalistischen
Geschäfts. Oder - im Umgang mit seinen ausländischen Konkurrenten
- auch so, daß der Staat die Kosten, die der Umweltschutz seinen
Unternehmern verursacht, und die für diese einen Konkurrenznach-
teil bedeuten, auf andere abzuwälzen versucht. So wird dann unter
dem Titel Umwelt, in der ja bekanntlich alle in einem Boot sit-
zen, ein sehr prinzipieller Streit ausgetragen, der weder etwas
friedliches noch etwas Gesundheitsförderliches an sich hat.
Wenn unter eben diesem Titel Außenpolitik betrieben wird, ist
'Öko' ein anerkannter Titel für's Hineinregieren bei anderen
Staaten: daß 'unsere' Müllkippen in Deutschland Ost, in Afrika
und sonstwo zuhause sind, ist ja mittlerweile bekannt. Ganz
locker läßt sich dann auch der DDR vorschreiben, sie soll
gefälligst unsere schönen Filteranlagen kaufen, damit sie so
unseren prima Sicherheitsstandards entspricht!
Jüngstes Beispiel: der brasilianische Regenwald. Da klagen die
Natur- und Menschenfreunde, das Abholzen zerstörte schon wieder
ein Ökosystem (dazu: s. o.), darüber hinaus die Kultur der India-
ner - so als sei es deren Natur, im Urwald ein kärgliches Dasein
zu fristen -, und, nicht zu vergessen, 'unsere' Ozonschicht. Wer
ist also z u s t ä n d i g? Die Bundesregierung und der IWF.
Das ist verdächtig. Hierzulande zählt der Vorwurf 'Giftschleuder'
schließlich gar nichts - von wegen Wettbewerbsfähigkeit der deut-
schen Wirtschaft.
Gegenüber anderen Nationen wird unter Berufung auf 'die Umwelt'
mal wieder klargestellt, wem der Urwald gehört. Andernfalls würde
man doch nicht weiter Kredite vom unterlassenen Abholzen abhängig
machen, sondern hiesigen Abnehmern des Holzes das Geschäft ver-
bieten. Oder: Wenn die Brasilianer ein Geschäft mit dem Holz ma-
chen, wohin fließt dann wohl das Geld? Die bundesdeutschen und
IWF-Kredite wollen doch gefälligst bedient werden!
Von wegen, jetzt hätte endlich auch unser Staat gemerkt, daß wir
eine grüne Lunge brauchen! Jetzt kehrt sich der Staat ab von der
rücksichtslosen Ruinierung der Lebensgrundlagen. Umgekehrt er
geht sehr souverän mit dieser Ruinierung um.
Wo z.B. neue technologische Verfahren für nötig befunden werden,
macht der Staat sie selber wieder zu einem Geschäftszweig und zu
Kosten für seine Bürger. Längst ist die große Industrie auch die-
jenige, die am Umweltschutz prächtig verdient. Und ausgerechnet
das soll man sich dann einleuchten lassen als Beispiel für die
Macht des Verbrauchers, Umweltschutz in der industriellen Produk-
tion zu erzwingen.
Wie verhalten sich also staatliche Umweltpolitik und das Umwelt-
bewußtsein zueinander?:
Ökologen und alternative Technologen dürfen sich als wissen-
schaftliche Ratgeber zur Verfügung stellen bei Maßnahmen, die die
unternehmerische Freiheit sichern sollen. Sie streiten sich um
Daten und Fakten, so als ob der Staat was übersehen oder auf die
falschen Ratgeber gehört hätte. Dabei zeigen die neuen Erkennt-
nisse, die dabei ja durchaus zustande kommen, daß staatliche
Sorglosigkeit in bezug auf die Folgen zunächst mal das Grundprin-
zip ist, die staatliche Sorge immer erst im Nachhinein einsetzt
und immer unter Beachtung des Prinzips, das die Rücksichtslosig-
keit einschließt.
Als Naturphilosophie gehört das Umweltbewußtsein in das Reich der
moralisch erbaulichen Fragen über Fluch und Segen der Technik,
'Dürfen wir alles, was wir können' etc.
Als alltägliches Umweltbewußtsein pflegt es den Standpunkt
gemeinschaftlicher Verantwortung und gemeinschaftlicher Versäum-
nisse. Als solches kommt es der Politik natürlich sehr gelegen,
wird als inzwischen überhaupt nicht mehr oppositionelle Bürgertu-
gend gepflegt und ist doch nichts anderes als eine ohnmächtige
Idiotie (man erinnere sich an die Beispiele vom Anfang). Ausge-
rechnet aus der eigenen Ohnmacht wird da eine Anspruchshaltung,
eine Anspruchshaltung gegenüber der Politik, sie möge Fürsorge
walten lassen. Mit so einem moralischen Auftrag von unten regiert
ein Politiker gern. Im übrigen sind die geforderte Einschränkung
und der Verzicht, das Umgehen mit den Lebensumständen nach Knapp-
heitsgesichtspunkten, längst gesellschaftlich organisiert, und
zwar höchst ungesund, nämlich nach den Grundsätzen bezahlter Ar-
beit.
Die privaten Anstrengungen, sich dennoch selber um gesunde Le-
bensverhältnisse zu kümmern, landen mit Vorliebe bei Sumpfblüten:
Da gibt's einen regelrechten Fanatismus gegen private Genüsse in
Form von Anti-Raucher-kampagnen z.B.; oder eine Polemik gegen
das, was alles als Luxus behauptet wird, wie Autofahren, wobei
der Verzicht auf solchen angeblichen Luxus gar nicht ins Belieben
des Einzelnen gestellt ist. Dieses Kontrollbedürfnis findet beim
Staat offene Ohren. Ansonsten begegnet der Staat dem Ruf nach
mehr Kontrolle gelassen. Er hat ja nichts versäumt und anerkennt
nur, was er ohnehin vorhat. Kontrolliert dann höchstens noch de-
monstrierende Bürger.
Überhaupt ist das Verlangen nach mehr staatlicher Kontrolle ein
einziger Vertrauensvorschuß an den Staat. Was eingeklagt wird,
ist die Erhaltung der eingerichteten Zustände und das ist was an-
deres als besser leben wollen. Wenn dem Staat dann lauter Ver-
säumnisse in Sachen Kontrolle vorgeworfen werden, so beruht das
auf dem Fehler, gerade nicht die staatlich geschützten Interessen
angreifen zu wollen, die dem Bedürfnis nach einem anständigen Le-
ben entgegenstehen. Vielmehr wird das Überleben und die Zukunft
der Menschheit überhaupt auf die Fahnen geschrieben, und bei der
obersten Instanz die Sorge darum und die gerechte Verteilung der
dafür nötigen Opfer eingeklagt.
So ist 'Umwelt' endgültig zu einem sturzaffirmativen Anliegen ge-
worden. Jede Partei schmückt sich mit diesem Titel, in seinem Na-
men wird gebetet usw. Es ist ein moderner Titel für die Allge-
meinwohldienlichkeit des Staates geworden. Dieser Titel ent-
springt der Verwandlung staatlicher Politik, die erhebliche Schä-
den für die Bürger mit sich bringt, in die Idee, die eigentliche
Aufgabe des Staates sei die Vermeidung genau dieser Schäden. Um-
welt ist heutzutage einer der Ehrentitel für die Politik, wie man
sie ansonsten auch kennt - Arbeitslosigkeit, 'Sozial' usw. Immer
wird aus der Betroffenheit und Abhängigkeit von einem Staat ein
höherer Auftrag und Appell an die Pflicht derjenigen gedrechselt,
die diese Betroffenheit schaffen.
Wo die Arbeitslosigkeit steigt, steigt das Ansehen der Unterneh-
mer als Arbeitgeber. Wo Elend und Armut zunehmen, steigt das An-
sehen des Staates als Sozialstaat. Und wo die ruinösen Folgen ka-
pitalistischen Produzierens und seiner staatlichen Verwaltung im-
mer mehr die allgemeinen Lebensumstände in Mitleidenschaft
ziehen, steigt das Ansehen des Staates in Sachen Umweltpolitik.
Fazit: Wer Fauna und Flora lieber weiter benutzen und genießen
will und sich dabei von deren gängiger Behandlung behindert
sieht, der soll d a s sagen. Unternehmen muß er dann etwas ge-
gen die aktuelle Verwendung der Natur durch Kapital und Staat.
Eine Parteinahme für Baum und Strauch ist da überflüssig. Denen
kann man sowieso kein Unrecht tun.
Zugegeben: die Gegnerschaft gegen Leute, die aus Natur Kapital
machen, ist etwas schwieriger. Da entfällt schon mal der Appell
an einen unbestrittenen Wert, gegen dessen Pflege sich keiner
aussprechen kann. Und die eingerichtete Ökonomie zu kritisieren,
womöglich auch praktisch zu ändern, fällt nicht so leicht wie die
leidenschaftliche Liebe zu Singvögeln und Pandabären. Dafür liegt
man damit wenigstens richtig.
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