Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION OEKOLOGIE - Reaktionäre Naturphilosophie


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DAS ELEND DER ÖKOLOGIE

Mißverhältnis zwischen umweltbewußter Praxis und dem, ----------------------------------------------------- worauf sie sich bezieht ----------------------- Auffällig ist ein groteskes Mißverhältnis zwischen dem, woraus sich die Ökologie oder das Umweltbewußtsein begründet, nämlich zwischen den Folgen der industriellen Nutzung der Natur, den lau- fend beklagten Skandalen, Unfällen bis hin zu den alltäglichen Lebensumständen, und dem, was dann als tätige Fürsorge eines je- den für die Natur gefordert oder auch praktiziert wird. - z. B. der Atommülltransportskandal (schon fast wieder verges- sen), der für jeden unübersehbar, folgendes erbracht hat: überall in der Republik steht strahlendes Material rum, wird in unter- schiedlicher Stärke und Form hin- und herverfrachtet, wird ver- brannt - was auch nicht gerade schadstofffrei passiert - und ver- packt. Es lagert zwischen, die Endlagerung ist ungewiß. Strah- lende Fässer stehen, staatlich erlaubt, herum. Und es wird nicht verheimlicht: von diesem strahlenden Material fällt immer mehr an. Ebenso ist klargeworden: dies ist alles keine Ausnahme, son- dern gehört zum normalen Geschäftsgang dazu und ist bloß ein kleiner Ausschnitt aus der Atomtechnologie (Sellafield; Krebs- fälle; Plutonium nach Belgien...). Angesichts dessen soll man sich als normaler Bürger und umweltbe- wußter Mensch für natürliche Eßgewohnheiten und Krebsschutz durch Nichtrauchen begeistern oder auch zufrieden sein, wenn Politiker mal bei Bauprojekten eine Wiese verpflanzen. - Beispiel Dioxin: es gibt eine jahrelange Tradition der Meldun- gen über Dioxin. Es entsteht auf Mülldeponien, liegt in Massen auf Halde, wurde in Vietnam als Kampfmittel eingesetzt, findet sich in Holzverarbeitungsmitteln, entsteht bei Industriebränden, Chemieunfällen etc. Kurz: es ist mittlerweile ein universelles Gift in dieser Republik. Und dagegen soll man als Umweltfreund die Parole "Gesund leben" hochhalten, Abfälle sortieren und in den entsprechenden Müllcon- tainern abliefern, oder von den eigenen Speiseresten Komposthau- fen anlegen. - Buschhaus, Ibbenbüren und andere Kraftwerksanlagen - ehemals bekanntgeworden als Dreckschleudern der Nation - blasen haufen- weise Gift durch die modernsten Filteranlagen. Chemieunfälle ver- giften ganze Landstriche. Und nicht bloß Unfälle sind es. Die normalen Produkte enthalten jede Menge Giftstoffe. Ölkatastrophen auf See und an Land gehören zum Alltag usw. usf. Dagegen soll man es für Hilfe halten, für einen richtigen Weg, wenn Umweltschützer die verpesteten Vögel wieder sauberwischen, Rheinfische wieder eingesetzt werden und Reklame gemacht wird für biologische Kost und Fahrradfahren. Worin besteht eigentlich das Mißverhältnis zwischen den Anlässen und den Reaktionen darauf? Das Mißverhältnis wird so kraß, wenn man die Vorschläge von Um- weltschützern für jedermann mal an dem Maßstab mißt, sie sollten vor den ja offenbar systematisch produzierten Schäden an den hierzulande vorfindlichen Lebensbedingungen bewahren oder gar diese beseitigen. Man kann diesen Naturfreunden ja noch nicht mal das Kurieren an Symptomen bescheinigen - welches Symptom sollte auch ein auf dem Balkon angelegter Komposthaufen kurieren? Zwei- tens fällt auf, daß Ursachen für die sog. Umweltskandale erst gar nicht ins Spiel gebracht werden, sondern die Menschheit sich mit lächerlichsten privaten Aktivitäten zufriedengeben soll. Das Ganze zielt nie und nimmer auf die Erhaltung oder Herstellung brauchbarer Lebensbedingungen. An dem Ziel der Beseitigung von oder der Bewahrung vor gesundheitsgefährdenden Lebensumständen gemessen, nehmen sich die Maßnahmen, die als tätiges, gutes Um- weltbewußtsein angeprießen werden, einigermaßen albern und un- ernst aus. Wo Bürger sich auf diese Weise umweltbewußt betätigen, führen sie sich so auf, als wären sie die Subjekte der ungemütlichen Le- bensumstände, und als solche mitverantwortlich für die Bewahrung vor allenthalben aufzufindenden Schädigungen. Und gerade da, wo sie das behaupten und darauf verweisen, e t w a s zu tun, und sei es auch nur i r g e n d e t w a s, da erweist sich das praktisch gesehen gleich als völlig unernst, ohnmächtig und an der Sache vorbei. Andererseits macht das den Anwälten der Umwelt überhaupt nichts aus. Im Gegenteil, genau das, d a ß sie immer- hin etwas tun, egal in welchem Verhältnis das zu dem ganzen Aus- gangspunkt ihres Aktivwerdens steht, halten sie sich mordsmäßig zugute, z.B. gegenüber unsereinem, der wieder mal bloß erklären will, statt was zu tun. Das liegt an der Erklärung, die sie für die verseuchten Lebensmittel, die ruinösen Arbeitsbedingungen und die verschandelte Landschaft etc. parat haben. Geschäftliche Praxis und staatlicher Umgang mit der Natur --------------------------------------------------------- vs. ökologische Interpretation des selben ----------------------------------------- Was sich da praktisch gegenübersteht, ist auf der einen Seite ein geschäftsdienlicher organisierter rücksichtsloser Umgang mit der Natur, und auf der anderen Seite eine Bürgerkritik, die zu lauter fruchtlosen privaten Bemühungen führt. Zur einen Seite, dem in der freien Marktwirtschaft üblichen Um- gang mit der Natur und was wir dem entnehmen: Natur wird für jede Produktion gebraucht und als Naturstoff verbraucht. Das ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist, wie das passiert. In der freien Marktwirtschaft liegt die Verfügung über die Natur und ih- rer Verarbeitung in den Händen derjenigen, die Eigentümer der Produktionsmittel sind. Der Normalsterbliche hat da wenig zu mel- den. Er muß vielmehr schauen, welche Luft ihm zum Atmen bleibt. Im Kapitalismus steht nämlich alles im Dienst des Geschäfts, also auch jede natürliche Lebensbedingung. So verlangt es nun mal das feine System. Die Ruinierung von Natur durchs Geschäft geht schon bei den hochgeschätzten Arbeitsplätzen in modernen Betrieben und Büros los. Die müssen kostengünstig sein, deswegen verschleißen sie die glücklichen Arbeitsplatzbesitzer. Lärm und Gift gibts gratis noch dazu, oder auch gegen eine Entschädigung von ein paar Pfennigen, was allemal billiger ist als der technische Aufwand für eine gesunde Atmosphäre. Technischer Aufwand wird da getrie- ben, wo er sich lohnt, also die Stückkosten senkt. Die Gesundheit der Arbeiter ist zum Verbrauchen da, dafür kriegen sie ja Lohn und Gehalt. Das Produzieren dient dem Geschäft. Deswegen werden auch nicht bloß nützliche Güter hergestellt, sondern solche, deren Preis einen Überschuß über die Kosten abwirft. Das schließt ein, daß nebenher vergiftet wird, was das Zeug hält. Es wird eben gezielt getrennt zwischen kostengünstigen Produktionsverfahren und deren Folgen, die eben bloß Folgen sind, also nicht mehr in die Kosten- kalkulation eines Unternehmers fallen, ihn nichts angehen, und werden dann, unter staatlicher Aufsicht, der Allgemeinheit aufge- halst werden. Flüsse dienen als kostenloses Kühlwasser für Atom- und andere Kraftwerke, oder auch, ebenso wie der kostenlose Luft- raum, zum Abtransport aller anfallenden Schadstoffe, Boden und Grundwasser als Abladeplatz für die Müllfässer der Industrie. Die Bauern, die für den EG-Markt produzieren, müssen sehen, daß sie konkurrenzfähig bleiben. Das tun sie, indem sie Gift und Dün- ger auf den Boden kippen, Hormone und Arzneimittel in ihr Vieh- zeug pumpen. Entsprechend sehen die Lebensmittel aus. Für die, und auch für die sonstigen industriell hergestellten Bedarfsarti- kel des modernen Lebens - von der Preßspanplatte bis zum Auto - gilt: was man den Massen mit ihrer beschränkten Kaufkraft verkau- fen will, muß billig und darf deswegen ruhig giftig sein. Und das ist auch schon das ganze Geheimnis des sogenannten Umweltpro- blems: was die Natur als Mittel des Geschäfts im Kapitalismus hergibt, das macht sie unbrauchbar als Lebensmittel für die Leute. Sie wird eben nicht verbraucht, um das Leben angenehm zu machen, sondern fürs Geschäft. Der Staat tut das Seine dazu. 1. als Gesetzgeber: er garantiert die Freiheit des Unternehmertums und fördert das Geschäft. 2. als der Zuständige für die Ge- schäftsgrundlagen, insbesondere was die Energie angeht: er ist selber der Auftraggeber von großtechnologischen Anlagen, bei denen dauerhafte Schädigung der dort Arbeitenden, der Anwohner und der Umgebung einkalkuliert ist - Restrisiko nennt sich das. Und 3. als politischer Souverän dieses schönen Gemeinwesens: schließlich will er von keinem anderen 'erpreßbar' sein, sondern selber alle anderen erpressen können, was einschließt, daß er das Land vollstellt mit Waffen modernster Art - von Chemiewaffen über Neutronenbomben bis zu Atomraketen. An kaputten Wäldern, vergiftetem Trinkwasser, radioaktiven Le- bensmitteln und verpesteter Luft zeigt sich eben das gültige Prinzip, daß in der Marktwirtschaft Land und Leute für das Eigen- tum da sind, mit dem Geschäfte gemacht werden. Die Bundesrepu- blik, und nicht nur die, ist eine Heimat fürs Kapital und deswe- gen so wenig wohnlich für die Leute, die zum Wohle von Staat und Kapital arbeiten dürfen. Das, meinen wir, ist der Sachverhalt. Die ökologische Interpreta- tion desselben lautet zusammengefaßt: 'Wir, die Menschen, ruinie- ren die Umwelt und damit langfristig uns selbst bzw. mindestens die Zukunft unserer Kinder.' Jeder betet das mittlerweile daher, in jedem ökologischen Buch ist das irgendwie zu lesen, und immer ist dies die Quintessenz, wenn der "Spiegel" die Zerstörung der Alpen anprangert etc. Und doch ist diese Diagnose, diese Kritik theoretisch ziemlicher Un- fug und führt praktisch zu ziemlich ärgerlichen Konsequenzen. 1. Der Mensch an sich wird da als Übeltäter dingfest gemacht. So ganz nackt, ohne jedes Mittel seiner Betätigung - davon wollen diese Kritiker ja nichts wissen, geschweige denn die eine oder andere Unterscheidung gelten lassen -, folglich auch ganz ohne daß da an einen Zweck gedacht wird, den sich der eine oder andere Mensch setzt, eine Absicht, ein Interesse, das er verfolgt. So ganz nackt kriegt der Mensch nicht die kleinste Umweltkatastrophe hin. Wie soll aus der Abstraktion 'der Mensch' auch überhaupt ir- gendetwas folgen? 2. Die Rede von der ruinierten, zerstörten Natur oder Umwelt macht überhaupt nur Sinn, wenn man dabei an die Natur als Mittel denkt. Als dieses Mittel mag sie untauglich sein, wobei es dann wiederum sehr auf den Zweck ankäme, für den sie als Mittel einge- setzt wird. Ansonsten kann man die Natur nicht kaputtmachen. Selbst ein umgekippter Bodensee ist Natur und nicht sonst was Ominöses. Zerstört ist er da als Mittel, z.B. für den Zweck, die eine oder andere Badefreude zu genießen, aber nicht in seiner Na- turhaftigkeit. Ökologen wollen aber gerade davon, wie hierzulande die Natur Mit- tel ist und woraus durchaus der Zweck ersichtlich wäre, für den sie da in Beschlag genommen wird, nichts wissen, wenn sie den Menschen als den Verursacher von Naturzerstörung anprangern. So ergibt sich dann das Paradox, daß der Mensch zugleich als Verur- sacher und Betroffener angesprochen ist. Diese Erklärung kann nicht hinhauen. Warum sollte der Mensch sowas machen - die Natur und damit sich selbst zugrunderichten? Dabei legt andererseits die alltägliche Erfahrung von Dreck und Gift überall, so daß selbst das Luftholen kein Akt der Selbstverständlichkeit mehr ist, den Gedanken nahe, daß das kein Zufall sein kann, daß da ein mächtiges Interesse am Werk sein muß, dessen Verfolgung die systematische Ruinierung von Gesundheit und Lebensmitteln anderer eben systematisch ein- schließt. Die Frage, die da einer Erklärung bedarf, ist doch al- lemal: wem nutzt so etwas? Dieser Frage nachzugehen, hieße dann allerdings auch, ein paar Unterschiede zwischen 'den Menschen' einzuführen. Der Reiz der ökologischen Erklärung scheint genau darin zu lie- gen, solche Unterschiede um die Ecke zu bringen und stattdessen mit einer Pauschalbeschuldigung des Menschen aufzuwarten: es muß wohl an dessen unergründlicher, aber universeller Unvernunft lie- gen, wenn er sich selbst um die Ecke bringt. Nur, und dies der letzte Pferdefuß dieser Sorte Erklärung, wenn der Mensch schon so grandios unvernünftig ist, w e n soll dann der Appell an die Vernunft, die je weit und breit nirgends aufzufinden ist, eigent- lich w o v o n überzeugen?! Diese Interpretation der kapitalistischen Welt will von den Un- terschieden zwischen Chemiekonzernen, AKW-Betreibern und denen, die deren Produktion und Produkte auszuhalten haben, nichts wis- sen. Ob Höchst AG den Main als Müllkippe für ihre Chemieabfälle benutzt oder ich die Bücher in einer Plastiktüte herumtrage, im Prinzip ist das für einen Ökologen dasselbe, unter dem einen Ge- sichtspunkt nämlich: Vergehen gegen die Umwelt. Die Umwelt ist damit als der eigentlich Betroffene, das Opfer der beklagten Um- weltskandale eingeführt. Dabei soll man natürlich durchaus an die Lebensinteressen d e n k e n, die an der Beschaffenheit der natürlichen Umstände hängen. Aber gerade nicht so, daß d e r e t w e g e n Einspruch erhoben würde. Hellhörig kann man in dieser Hinsicht schon dadurch werden, daß die Ruinierung der Gesundheit, da wo sie systematisch betrieben wird, weil ihre Vernutzung das Mittel kostengünstiger Produktion ist - am Arbeitsplatz nämlich - aus der ökologischen Betrachtung ziemlich rausfällt. Die Ökologen legen es eben drauf an, die ge- schädigten Interessen mit dem Schaden, den angeblich die Umwelt davonträgt, zu verwechseln. Wenn z.B. laufend Gift in den Rhein abgelassen wird, von Subjekten, die keineswegs unbekannt sind, und das Folgen zeitigt, die auch kein Geheimnis sind, dann lautet die Klage, daß der Rhein zerstört wird. Die Folgen für die Anwoh- ner und Angler bleiben da zwar nicht unerwähnt, werden aber als Beleg angeführt, als Indiz dafür, wie unverantwortlich mit dem R h e i n umgegangen wird. Die natürlichen Voraussetzungen, die einerseits schon als Lebensmittel behauptet werden, werden so selber zum geschädigten Subjekt erhoben, so daß das, wozu sie ei- gentlich Mittel sein sollen, auf der Strecke bleibt. Dies ist die entscheidende Verkehrung: wenn der Wald nichts mehr taugt, als was taugt er dann nicht mehr? Doch wohl als Mittel für das Inter- esse an gesunder Luft, schöner Landschaft etc. Wen außer dem, der ihn benutzen will, sollte auch sonst der Zustand des Waldes jucken. Der Wald selbst verspürt ja keinen Schmerz, verlangt keinen bestimmten Umgang mit sich und hat auch kein ihm eingeschriebenes Gesetz, wonach er genau so und nicht anders ausschauen müßte, genau da wachsen müßte, wo er's tut etc... Der Einspruch der Ökologen lautet nun aber gerade nicht: was ist denn das für eine Produktionsweise, die, gesetzlich erlaubt, auf diese Interessen pfeift? Vielmehr lautet ihr Befund: der W a l d ist das Opfer, dessen wir uns alle annehmen müssen. Und über diese Verwechslung werden dann alle möglichen Angelegen- heiten, von der achtlos weggeworfenen Coladose bis zu AKWs, zu gleichgültigen Beispielen für die Versäumnisse und ökologische Sünden, die sich die Menschen gegenüber der Umwelt zuschulden kommen lassen. Und die Verfehlung lautet: er hat sich bei seinem Gebrauch der Natur nicht um deren Bewahrung gekümmert. An dieser Stelle eine kleine Abschweifung in die ökologische Wis- senschaft und wie sie sich mit naturwissenschaftlichen bzw. tech- nologischen Argumenten für den Standpunkt Bewahrung der Natur stark macht. Etwa in der Art, daß umweltbewußte Ingenieure etc. lauter W i r k u n g e n untersuchen, die beispielsweise ein Produktionsverfahren an dem Material hervorbringt, dessen es sich bedient. Sie erforschen Verfahren und Möglichkeiten, wie Folgen zu vermeiden, Schäden zu begrenzen, stoffliche Quellen zu erhal- ten wären. Unter diesem Gesichtspunkt untersuchen sie die ver- schiedensten Wirkungszusammenhänge zwischen Lebendigem und seinen natürlichen Bedingungen, untersuchen Tierpopulationen, Landschaf- ten, Klima, Nahrungsketten, Licht-, Luft-, Wasser- und sonstige Verhältnisse, um unliebsame Rück- und Wechselwirkungen des pro- duktiven Umgangs mit diesen Verhältnissen ausfindig zu machen. Nicht, daß es diese Wirkungen nicht alle gäbe - der Haken ist nur der, daß sich diese Technologen eines pfleglichen Umgangs mit der Natur gründlich über deren G r u n d täuschen. Es ist ja gar nicht so, daß die bekannten und beklagten Wirkungen durch N i c h t w i s s e n zustandekäme. Bei den normalen technologi- schen Planungen wird eben fein säuberlich g e t r e n n t zwi- schen der Wirkung, die man erzielen will, und den lästigen Fol- gen, die man zu Nebenwirkungen erklärt, für deren Vermeidung sich der Kostenaufwand nicht lohnt. Diese Trennung und ihren Grund greifen Ökologen überhaupt nicht an, sie gehen, im Gegenteil, von ihr aus, wenn sie laufend zusätzliche zu berücksichtigende Wir- kungen anführen. Deswegen hinken sie auch immer den Zerstörungen hinterher, die der unternehmerische Umgang mit der Natur zeitigt. Der entscheidende Fehler bei diesem Treiben besteht darin, so zu tun, als sei die geschäftsdienliche Trennung in technologische Möglichkeiten, die man nutzen will, und deren Folgen, die man un- berücksichtigt läßt, gar nicht notwendig im Sinne der Kostenkal- kulation, sondern reine Willkür, müßte also nicht sein. Von die- sem guten Glauben beseelt, fertigen sie dann ihre alternativen Gutachten an - als Kommentar zur und Korrektur der laufenden ge- schäftsdienlichen Rücksichtslosigkeit. Und manchmal finden sie ja auch beim Staat Gehör - aus ganz anderen Gründen allerdings; dazu später. Zurück zum gängigen Umweltbewußtsein: Diesen Standpunkt der Be- wahrung der Natur, den die Ökologen naturwissenschaftlich zu un- termauern versuchen, hat das Umweltbewußtsein generalisiert und zu einer Haltung gemacht, einer Haltung, die Respekt vor der Na- tur anmahnt. Da braucht dann keine einzige naturwissenschaftliche Erkenntnis mehr vorzuliegen, wenn solche umweltbewußten Leute an- prangern, daß der Mensch sich an den Gesetzen der Natur ver- greife. Ausgerechnet heutzutage, wo täglich sich erweist, daß die Natur wissenschaftlich beherrscht wird, wo alles verarbeitete Natur ist - die Natur für sich gar keine Zweckbestimmung enthält, die sich ihrem Gebrauch widersetzen würde -, wo selbst ihr ruinöser Ge- brauch von den ökonomisch kalkulierten Zwecken zeugt, tun diese Leute so, als würde die Natur irgend etwas fordern, gegen das der Mensch, dadurch, daß er sie gebraucht, verstoßen würde - sich über sie erhebt anstatt sich ihr unterzuordnen. Es handelt sich bei dieser Diagnose, die, wie gesagt, ohne jede naturwissenschaftliche Kenntnis auskommt, sowohl um eine falsche Gesellschaftskritik als auch um eine verkehrte Naturtheorie. Zur Gesellschaftskritik. Die besteht, kurz gefaßt, darin, daß wir Menschen grundsätzlich verschwenderisch umgehen würden mit der Natur wegen unserer Unersättlichkeit. Immer mehr haben wollen ohne Sinn und Verstand. Dafür steht das Bild von der "Wegwerfgesellschaft". Dazu folgende Einwände: 1. Die Rede vom maßlosen Bedürfnis ist ein einziger Widersinn. Bedürfnis hat sein Maß schlicht an dem Inhalt dessen, wonach es verlangt. Ebenso widersinnig die Vorstellung, es würde laufend produziert, um dann alles wegzuwerfen. Wie sollte so ein Zustand zustandekommen, von dem keiner nichts hat? 2. Wenn alles produziert würde, damit die Leute dann konsumieren, wozu braucht's denn da noch den Gewinn als Kriterium der Produk- tion? Daß es um den geht, wird ja auch von Anhängern der Umwelt nicht geleugnet. Aber die Vermehrung des Geldes soll ausgerechnet ein Indiz dafür sein, daß es um nichts als Konsum geht?! 3. Wenn's tatsächlich so wäre, daß produziert würde zum Zwecke des Konsums, der Bedürfnisbefriedigung, was wäre denn daran so schlimm? Eine universelle Vergiftung käme da jedenfalls nie und nimmer raus. Das wäre ja ein Widerspruch zur Bedürfnisbefriedi- gung. 4. Und wenn es so wäre, daß durch den Konsum irgendwann die Natur verbraucht wäre - was wäre denn daran schlimm? Dann hätten die Leute halt ein schönes Leben gehabt, und irgendwann wär's rum. Wem fehlt da dann was? 5. Wenn das Bild stimmen würde und es ein unbeschränktes zah- lungsfähiges Bedürfnis gäbe, für das immerzu produziert würde, würde sich der Gewinn ja glatt durchstreichen. Nur: bekanntlich läuft die Mehrzahl der Leute ja mit einem monatlichen Einkommen von 2-3000 Mark rum. Die Schranke der Bedürfnisbefriedigung steht also ziemlich fest, weil der Reichtum, den es ja nicht zu knapp gibt, erstmal gründlich dem Konsum entzogen ist und nur insoweit zur Verfügung steht, als das nötige Geld rübergeschoben wird, das auf dem Preisschild verlangt wird. Dieser Widersinn, so zu tun, als seine sämtliche Chemiewerke und AKWs ein einziger Dienst an dem Konsumbedürfnis der Leute, die deswegen auch verantwortlich seien für die Ruinierung der armen Natur, ist eine ziemlich miese Moralpredigt. Diejenigen, die diese Moral der Bescheidenheit pflegen, schwingen sich locker auf zum Richter über wahre und falsche Bedürfnisse und tun so, als hätte es ausgerechnet der sog. Verbraucher in der Hand, der Rui- nierung der Umwelt ein Ende zu bereiten. Beispiel: die Autofahrer sind schuld am Waldsterben. Die Verwechslung: daß das, was aus dem Auspuff kommt, Schaden an Fauna und Flora anrichtet, unbestritten, nur: seit wann bastelt denn der Autofahrer die Motoren, oder hätte sie sich genau so be- stellt? Gerade der Katalysator zeigt noch einmal die Machtlosigkeit des Konsumenten. Seit wann gibt's ihn denn? Aufgrund der herrschenden Konkurrenz um die geringe Zahlungsfähigkeit - setzt der Staat ein neues Datum - und läßt den Verbraucher zahlen. Von wegen: Autofahren bloß aus Bequemlichkeit. Und wenn's so wäre? Da fangen sie das Sortieren an. Das kapitalistische Inter- esse, das ist da längst und locker als Sachzwang abgehakt. Bei denen, die diesem Interesse nachkommen müssen, da entdecken sie lauter Freiheiten. Da wollen sie sortieren zwischen dem, was sein muß (Autofahren zur Arbeit) und dem, was überflüssig ist (Autofahren zum Briefkasten). Zu mehr als diesem moralischen Kommentar zum kapitalistischen Alltag ist diese ganze pseudoradikale Gesellschaftskritik nicht gut. Und ausgerechnet das, der Verzicht auf die oder jene Auto- fahrt, soll dann die ganzen angeprangerten Umweltzerstörungen aus der Welt schaffen? Ein schönes Beispiel für die Unverhältnismä- ßigkeit der Kritik vom Anfang. Was die darin enthaltene Theorie über die Natur betrifft: Wie ge- sagt, die Tatsache, daß heutzutage alles verarbeitete Natur ist, zeigt schon, daß Natur keine Zweckbestimmung in sich hat, sondern gerade jedweder Benutzung, die sich ihrer Gesetzmäßigkeiten zu bedienen weiß, zur Verfügung steht. Die Ökologie, wo sie sich als neue Grundlagenwissenschaft präsen- tiert (in der Biologie), interpretiert die Naturgesetze um in dem Sinne, daß aus ihrem Ideal der Bewahrung der Natur der Zweck der Natur gemacht wird. Sie will unbedingt beweisen, daß der heutige Umgang mit der Natur ein Widerspruch zu dem allgemeinen Gesetz der Natur sei - was den kleinen Haken hat, daß dann dieser Umgang mit der Natur gar nicht ginge. In diesem Ansinnen hat die Ökolo- gie Urteile über die Natur in die Welt gesetzt, die heute jeder- mann im Munde führt, ohne je in ein Biologiebuch geguckt zu ha- ben. Da ist die Rede von Natur als einem Ö k o s y s t e m. Land- schaften, Tiere, die in ein zufälliges Verhältnis mit diesen Um- ständen gestellt sind, sich wechselseitig fressen oder auch nicht, die durch ihren Stoffwechsel wieder Grundlage für andere Lebewesen oder auch Landschaften schaffen -, all diese naturhi- storisch entstandenen Verhältnisse werden in eine funktionelle Einheit verwandelt, bei der jedes Element als Teil dem System als Ganzem dient. Alle existierenden Wirkungsverhältnisse werden als Belege dafür angeführt, d a ß ein Zusammenhang existiert, eins fürs andere da ist, und das System auch einen Zweck habe, näm- lich, durch seine Teile sich selbst zu erhalten. So soll dann schlagend bewiesen sein, daß die Benutzung der Natur ein E i n g r i f f in sie sei, eine Störung. Dabei hat die Naturwissenschaft das, was an der Natur systema- tisch ist, längst erforscht. Die Naturwissenschaft hat dabei auch noch nie darüber geklagt, daß ein Tier fehlt oder eins dazugekom- men ist. Ökologen tun so, als ob alles, was es in der Natur gibt, auch unverzichtbar für sie als System wäre. Dabei hat die Natur selbst schon ganz ohne den sog. Eingriff des Menschen die eine oder andere Tier- und Pflanzenart zum Aussterben gebracht. Manche Tiere sollen sogar andere Tiere fressen, ganz ungeachtet dessen, daß die auch Teil des Systems sind. Und was das System am Ökosy- stem betrifft: dafür ist es doch völlig wurscht, wie das Stück Natur beschaffen ist. Hat man ein Feuchtbiotop und legt es trocken, hat man ein Trockenbiotop. System ist es so oder so. Denselben Unsinn, es wohne der Natur ein Zweck inne, gegen den der Mensch nicht verstoßen dürfe, drückt man im Bild vom G l e i c h g e w i c h t d e r N a t u r aus. Dabei wissen Ökologen natürlich selber, daß sich in der Natur ständig alles ändert. Nur, die ganzen Veränderungen dienen angeblich dem Zweck der Natur, sich in irgendeinem Gleichgewichtszustand zu halten. Auch hier wieder wurscht, worin der besteht. Gesagt sein soll, daß der Mensch, wo er Natur anwendet, alles aus dem Lot bringt. Dasselbe kann man auch ausdrücken mit dem Bild vom H a u s h a l t. Es soll nämlich die Natur auszeichnen, daß es bei ihr hauptseitig um Energie und Stoffe gehe - wodurch so ziem- lich alles gleichgemacht ist - und daß sie mit ihren knappen En- ergieen und Stoffen vernünftig haushalten würde. Der Beleg dafür ist denkbar einfach und blöd. Knapp sollen die Mittel der Natur deshalb sein, weil sie nicht unendlich, sondern endlich sind. Das Vorhandensein der Stoffe soll den Mangel haben, daß nicht noch mehr davon da sind. Und mit diesem Mangel ist die Natur vorbild- lich dadurch fertig geworden, daß sie glatt nicht mehr verbraucht in der Energie- und Stoffumsetzung als sie eben verbraucht. So wird die Natur zum Vorbild einer anspruchslosen Zweckmäßigkeit, in der jedes Teilchen sein Plätzchen hat und alle miteinander auskommen - im Unterschied zu jenem Ökosystem, in dem der Mensch sich umtreibt. Diese ganze Konstruktion ist eh schon widersinnig: Völlig unab- hängig von der Tatsache, daß die Natur längst komplett gesell- schaftlich bestimmt ist, umgemodelt ist, erhalten oder auch nicht erhalten wird, zerstört und wieder aufgebaut wird, pflegt man die Vorstellung von lauter natürlichen Zusammenhängen in der Welt und daneben und getrennt davon soll's dann das Ökosystem des Menschen geben. Da wird glatt auch noch der kapitalistische Umgang mit den Produktionsbedingungen in das Modell eines in sich ruhenden Na- turzusammenhangs eingeordnet, als eine besondere Sorte Naturver- hältnis. Und darüber lautet die Auskunft: auch der Mensch ist Teil der natürlichen Umwelt, selbst wenn er sich immer darüber erhebt. Damit ist die Auskunft der Ökologie über die Krone der Schöpfung auch schon ziemlich erschöpft. Die kapitalistische Produktion mit ihrer technologischen Beherrschung der Natur, Armut und Reichtum, die politischen Machtverhältnisse - alles löst sich auf in ein natürliches Haushaltssystem. Bei dem taucht dann konsequenter- weise all das als negative Eigenschaft auf, was vorher bei den sogenannten natürlichen Systemen als vorbildlicher Umgang der Na- tur mit ihren knappen Mitteln angepriesen wurde. Menschliche Öko- systeme zeichnen sich dann durch unausgeglichene Energiebilanzen aus, durch lauter Verfahren, mit denen er, der Mensch als Teil eines Ökosystems, sich über es erhebt, einfach nicht in ihm auf- geht. Das soll dann aber nicht für die Weltfremdheit dieses Ge- dankens sprechen, sondern gibt den Maßstab an, der da von Ökolo- gen angelegt wird und der dafür sprechen soll, daß der Mensch sich gefälligst als das Element im Naturganzen aufführen soll, das er angeblich ist. So werden dann Kriege mit dem Freßverhalten von Tieren verglichen; daß Energiequellen nach Kostengesichts- punkten der Geschäftswelt und nationalen Berechnungen erschlossen und verbraucht werden, gilt als unnatürlicher Energiefluß usw. Es handelt sich um eine doppelte Verwechslung: 1. werden die Knappheits- und Bilanzvorstellungen aus der modernen Volkswirt- schaftslehre aufgenommen und der Natur angedichtet: die Natur geht haushälterisch mit Mangel um. Diese Naturideologie wird dann umgekehrt übertragen auf die Gesellschaft und so zu einem morali- schen Imperativ, der für 'natürliche' Lebensgestaltung plädiert. Der Mensch soll die Natur ehren und angesichts ihrer knappen Mit- tel sich in Bescheidenheit und Zurückhaltung üben. Der Pseudoradikalismus, mit dem diese Zivilisationskritik an- tritt, ist ausgesprochen funktional. Er taugt nämlich einerseits bloß zu einem moralisierenden Kommentar zur laufend stattfinden- den Naturbenutzung, als besinnungsvolle Reden über Fluch und Se- gen der Technik, über Schöpfung und Ehrfurcht vor ihr, zum pau- senlosen und jahrelangen Beschwören, daß es gerade 5 vor 12 sei, woran dann doch keiner so recht glaubt. Andererseits taugt er zum Aufruf an den Staat, der solle sich für die Natur stark machen gegen die egoistischen Interessen der Leute, die sich angeblich immer an ihr vergreifen. Als würde der Staat nicht unterscheiden zwischen solchen Interessen, denen er zum Zuge verhilft, und solchen, die er beschränkt. Als ob er aus- gerechnet die gesellschaftlichen Zwecke, die er selber durchsetzt und die die beklagten Wirkungen hervorbringen, aus den Angeln he- ben würde. Das Umweltbewußtsein ist ein einziger Aufruf an den Staat, den er gerne vernimmt. Er hat ja auch längst die Umwelt zu seinem Aufga- bengebiet gemacht, zum Feld seiner praktischen Politik. Das wird ihm auch zugute gehalten. Dabei ist seine Umweltpolitik für was ganz anderes da, als Umweltfreunde glauben. Die Umweltpolitik des Staates und das Verhältnis ------------------------------------------------ des alltäglichen Umweltbewußtseins dazu --------------------------------------- Der Staat stimmt in den allgemeinen Ruf nach Umwelterhaltung ein und läßt auch seine Politik gern unter diesem Titel firmieren. Das wird heute, besonders von den Grünen, als Konzession an das Umweltbewußtsein gehandelt, dem sich die Politik nicht habe ent- ziehen können. Die Politik stellt sich umgekehrt auch gern als Anwalt der Umwelt dar und tut so, als hätte sie sich die Bewah- rung der Lebensgrundlagen zu ihrem Anliegen gemacht. Es stimmt: Staatliche Umweltpolitik ist eine Konzession ans Um- weltbewußtsein, aber nur, was den Titel und das Ressort angeht, das bundesweit nach Tschernobyl als extra Ministerium aus dem In- nen- bzw. Forschungsministerium ausgelagert und selbständig ein- gerichtet wurde. Allerdings geht die Konzession viel weiter nicht. Im Umweltminister hat man nun den personalisierten verant- wortlichen Ansprechpartner für alle ökologischen Klagen. Der sorgt dann für deren Übersetzung in eine politische Aufsichtsauf- gabe. Das Muster dieser Übersetzung ist immer gleich: Politiker loben sich und lassen sich zugutehalten, daß sie etwas unterneh- men, und zwar immer dann und deshalb, wenn sie nachträglich bei eingetretenen Schäden aktiv werden. Das, was sie selber offiziell genehmigt haben, erklären sie nachträglich für problematisch, für einen Gegenstand staatlichen Handlungsbedarfs. Als ob sie je et- was unterbunden hätten, als ob sie nicht selber alle Grundlagen ihres nachträglichen Handlungsbedarfs selber schaffen würden. Weil aber alle staatlichen Maßnahmen, nicht nur auf dem Feld des Umweltschutzes, in Form von Auflagen an Unternehmer daherkommen, weil sie auch mal Kostenklagen nach sich ziehen, also formell wie eine Einschränkung des geschäftlichen Treibens aussehen, gelten sie auch schon als Kritik am Geschäftsgebaren der Unternehmer als Gegensatz zu rücksichtslosem Wirtschaften, eben als im Prinzip umweltfreundlich. Dabei betonen Politiker von Töpfer bis Joschka Fischer immer die Grenzen und plädieren für Realismus: vernünftiger Umweltschutz darf nicht gegen die Wirtschaft stattfinden. Damit tun sie so, als würde es sich bei den Interessen der Unternehmer um unabweis- bare und von jedermann geteilte Notwendigkeiten handeln. Wenn dann mal wieder ein Skandal das 'Vertrauen' erschüttert, wird erstmals so getan, als hätte es Umweltpolitik bisher so recht noch gar nicht gegeben, als wäre der Staat daran überhaupt nicht beteiligt. Dann berufen sie sich auf die von ihnen erlaubten und in Auftrag gegebenen Geschäfte als lauter Zwänge, an denen man, und sie am allerwenigsten, nun nicht mehr vorbeikönnen. So Töpfer immer wieder: jetzt führt ja wohl kein Weg an einer Endlagerung mehr vorbei, wo wir die Atomindustrie nun mal haben. Ausstieg geht nicht usw. Gegen diese ganze öffentliche Darstellung mal das, was Umweltpo- litik der Sache nach ist. Man könnte es schon den politischen Äußerungen entnehmen: wenn Umweltpolitik nicht gegen, sondern nur mit der Wirtschaft geht, dann wird sie ja auch wohl für sie und in ihrem Interesse statt- finden. Was der Staat in Sachen Umweltpolitik macht, ist denn auch was ganz anderes, als was Umweltfreunde ihm zugutehalten möchten. Über das Gerede von der Umwelt vergessen Politiker ihre bisheri- gen Berechnungen und Sorge um die Geschäftsnotwendigkeiten näm- lich überhaupt nicht, sondern fügen ihnen ein paar funktionale Überlegungen hinzu. Sie sehen also auch nicht das ökologische Ge- dankengut ein, beherzigen nicht die Warnungen und Ratschläge, die an sie ergehen. Ihnen geht's um was anderes. Je mehr nämlich die kapitalistische Benutzung der Natur in der eigenen Nation wie in fremden Nationen mit stattlicher Hilfe durchgesetzt ist und deren Wirkungen immer umfassender werden, umso gewohnheitsmäßiger ach- ten Politiker auf unerwünschte Folgewirkungen, unerwünscht in dem Sinne, daß sie den Charakter von Nebenwirkungen verlieren. Wo ge- rade wegen der zugestandenen Freiheit unternehmerische Kalkula- tionen mit profitträchtigen Kosten und überflüssigen Unkosten solche Wirkungen ein Ausmaß annehmen, daß sie ganze Regionen, Luft und Wasser überhaupt unbrauchbar zu machen drohen, wo also die allgemeinen Produktionsvoraussetzungen tangiert werden oder auch die Benutzbarkeit des Volkes für die unternehmerischen und staatlichen Zwecke ein bißchen in Frage steht, da greift die Po- litik ein. Politiker wissen nämlich, was die Industrie treibt und anrichtet - von wegen Unkenntnis - es sei denn, sie wollten sich bisher als nationale Aufsichtsbehörde nicht darum kümmern. Sie wissen es, und sie beurteilen die Folgen nach eben dem Kriterium, nach dem sie den Unternehmern die Freiheit eröffnet haben, erst mal draufloszuproduzieren: es soll sich lohnen für das Geschäft und für den Staat. Diese Abteilung staatlicher Politik ist natürlich ein einziger Widerspruch, nämlich: die Freiheit des Gewinnemachens mit lauter Bestimmungen oder Kosten einzuschränken, damit sie dauerhaft funktioniert. Allerdings ist das ein Widerspruch, der nichts von einem Gegensatz des Staates zu den Grundsätzen des Geschäfts ent- hält. Und schon gar nicht gibt er Anlaß zu der Hoffnung, der Staat müßte aus eigenem Interesse am Erhalt seiner Grundlagen zum Umweltschützer werden. Der Staat legt sich selber Schranken auf, wenn er gesetzgeberisch tätig wird: seine Maßnahmen wollen wirt- schaftlich zumutbar sein, verhältnismäßig je nach Stand der Tech- nik usw. - alles Ausdrucksweisen dafür, daß eine ständige Abwä- gung stattfindet 1. danach, wo Auflagen wegen der Volks- und Na- turgrundlagen und der daraus entstehenden Staatskosten zwecks Er- halt der Tauglichkeit überhaupt nötig sind, und 2. wie weit sie umgekehrt für den Profit zumutbar sind. Das sind Abwägungen und Entscheidungen, die eins mit Sicherheit nicht sind: das Bemühen um die umfassende Erhaltung von Natur und Gesundheit als Lebens- mittel. Es ist eben ein Unterschied, ob der Rhein sauber ist, oder ob darauf geachtet wird, daß er als Industriekloake weiter- hin tauglich bleibt. Staatliche Umweltpolitik kommt nach dem und steht im Dienst des rücksichtslosen Produzierens. Beispiel Atomindustrie: Erst mal wird der Betrieb in Gang ge- setzt, dabei wird schon mal alles Mögliche außer acht gelassen, gezielt werden Risiken in Kauf genommen und die Entsorgung auf später verschoben. Dann stößt man allmählich auf immer neue schädliche Begleiterscheinungen und Folgen der Atomindustrie. Dann stellt man fest, daß eine gefahrlose Entsorgung weder mög- lich noch gegeben ist, usw. Das alles ist ein Paradebeispiel da- für, wie staatliche Umweltpolitik überhaupt funktioniert, wann und wo sie in Kraft tritt. Nämlich da, wo für den Erhalt der ge- schäftlichen Kalkulation Korrekturen und Maßnahmen nötig erschei- nen, damit die unternehmerische Freiheit weiter geht. Punkte, die jeder als Errungenschaft staatlicher Umweltpolitik kennt, und die von Ökologen bestenfalls als Versäumnisse, nie aber in ihrem politischen Charakter kritisiert werden: - Der Staat rechnet mit Schäden. Er läßt die Volksgesundheit sta- tistisch erfassen, legt Krebsstatistiken an, usw. Wenn es um die Ursachen dieser festgestellten Schäden geht, kennt jeder die Tour, erst nach möglichen Zusammenhängen zu fahnden - so als wüßte man nicht, daß Dioxin schädlich ist - und dann Zusammen- hänge dadurch zu bestreiten, daß sie statistisch nicht nachweis- bar seien. Dann wird mit Raten gehandelt, die erträglich, hin- nehmbar oder überhaupt nicht vorhanden sind. Wissenschaftler dür- fen sich interessiert streiten über das Maß der Verträglichkeit, und derweil geht der industrielle Betrieb munter weiter, ebenso die Krebsfälle etc. Der Staat macht es sich zunutze, daß ein not- wendiger Zusammenhang zwischen diesem Stoff und jener Krebssorte nicht gefunden wird. Solche Streitigkeiten und Berechnungen kom- men nur dann auf, wenn laufend mit der Schädigung kalkuliert wird, wenn der Standpunkt des hinnehmbaren Schadens selbstver- ständlich ist. Dann werden Kriterien und Grenzwerte festgelegt. - Staatliche Grenzwerte sind Maßfestsetzungen für die Schädlich- keit und erfahren ihre entsprechende zweckdienliche Ausgestaltung nämlich hinsichtlich einer Schädlichkeit, die als erträglich ge- handelt werden soll. Beispiel: die Heraufsetzung der zugelassenen Bequerel in der EG, dann, wenn ein Unfall passiert ist, damit der weitere Verkauf von verstrahltem Zeug gesichert ist. - Juristisch und politisch wird festgelegt, was überhaupt ein Un- fall ist, was als Normalbetrieb gilt, wie kontrolliert wird usw. Wo laut staatlichem Beschluß die Luft zu dreckig, ein See zu ver- seucht ist, da werden Verordnungen erlassen, die den Bürger, wo es geht und der Staat es für machbar und weiter nicht störend hält, die eine oder andere Art der Benutzung verbieten. Da gibt es Smogverordnungen oder auch mal Produktionseinschränkungen. So geht staatliche Fürsorge für den Fortgang des kapitalistischen Geschäfts. Oder - im Umgang mit seinen ausländischen Konkurrenten - auch so, daß der Staat die Kosten, die der Umweltschutz seinen Unternehmern verursacht, und die für diese einen Konkurrenznach- teil bedeuten, auf andere abzuwälzen versucht. So wird dann unter dem Titel Umwelt, in der ja bekanntlich alle in einem Boot sit- zen, ein sehr prinzipieller Streit ausgetragen, der weder etwas friedliches noch etwas Gesundheitsförderliches an sich hat. Wenn unter eben diesem Titel Außenpolitik betrieben wird, ist 'Öko' ein anerkannter Titel für's Hineinregieren bei anderen Staaten: daß 'unsere' Müllkippen in Deutschland Ost, in Afrika und sonstwo zuhause sind, ist ja mittlerweile bekannt. Ganz locker läßt sich dann auch der DDR vorschreiben, sie soll gefälligst unsere schönen Filteranlagen kaufen, damit sie so unseren prima Sicherheitsstandards entspricht! Jüngstes Beispiel: der brasilianische Regenwald. Da klagen die Natur- und Menschenfreunde, das Abholzen zerstörte schon wieder ein Ökosystem (dazu: s. o.), darüber hinaus die Kultur der India- ner - so als sei es deren Natur, im Urwald ein kärgliches Dasein zu fristen -, und, nicht zu vergessen, 'unsere' Ozonschicht. Wer ist also z u s t ä n d i g? Die Bundesregierung und der IWF. Das ist verdächtig. Hierzulande zählt der Vorwurf 'Giftschleuder' schließlich gar nichts - von wegen Wettbewerbsfähigkeit der deut- schen Wirtschaft. Gegenüber anderen Nationen wird unter Berufung auf 'die Umwelt' mal wieder klargestellt, wem der Urwald gehört. Andernfalls würde man doch nicht weiter Kredite vom unterlassenen Abholzen abhängig machen, sondern hiesigen Abnehmern des Holzes das Geschäft ver- bieten. Oder: Wenn die Brasilianer ein Geschäft mit dem Holz ma- chen, wohin fließt dann wohl das Geld? Die bundesdeutschen und IWF-Kredite wollen doch gefälligst bedient werden! Von wegen, jetzt hätte endlich auch unser Staat gemerkt, daß wir eine grüne Lunge brauchen! Jetzt kehrt sich der Staat ab von der rücksichtslosen Ruinierung der Lebensgrundlagen. Umgekehrt er geht sehr souverän mit dieser Ruinierung um. Wo z.B. neue technologische Verfahren für nötig befunden werden, macht der Staat sie selber wieder zu einem Geschäftszweig und zu Kosten für seine Bürger. Längst ist die große Industrie auch die- jenige, die am Umweltschutz prächtig verdient. Und ausgerechnet das soll man sich dann einleuchten lassen als Beispiel für die Macht des Verbrauchers, Umweltschutz in der industriellen Produk- tion zu erzwingen. Wie verhalten sich also staatliche Umweltpolitik und das Umwelt- bewußtsein zueinander?: Ökologen und alternative Technologen dürfen sich als wissen- schaftliche Ratgeber zur Verfügung stellen bei Maßnahmen, die die unternehmerische Freiheit sichern sollen. Sie streiten sich um Daten und Fakten, so als ob der Staat was übersehen oder auf die falschen Ratgeber gehört hätte. Dabei zeigen die neuen Erkennt- nisse, die dabei ja durchaus zustande kommen, daß staatliche Sorglosigkeit in bezug auf die Folgen zunächst mal das Grundprin- zip ist, die staatliche Sorge immer erst im Nachhinein einsetzt und immer unter Beachtung des Prinzips, das die Rücksichtslosig- keit einschließt. Als Naturphilosophie gehört das Umweltbewußtsein in das Reich der moralisch erbaulichen Fragen über Fluch und Segen der Technik, 'Dürfen wir alles, was wir können' etc. Als alltägliches Umweltbewußtsein pflegt es den Standpunkt gemeinschaftlicher Verantwortung und gemeinschaftlicher Versäum- nisse. Als solches kommt es der Politik natürlich sehr gelegen, wird als inzwischen überhaupt nicht mehr oppositionelle Bürgertu- gend gepflegt und ist doch nichts anderes als eine ohnmächtige Idiotie (man erinnere sich an die Beispiele vom Anfang). Ausge- rechnet aus der eigenen Ohnmacht wird da eine Anspruchshaltung, eine Anspruchshaltung gegenüber der Politik, sie möge Fürsorge walten lassen. Mit so einem moralischen Auftrag von unten regiert ein Politiker gern. Im übrigen sind die geforderte Einschränkung und der Verzicht, das Umgehen mit den Lebensumständen nach Knapp- heitsgesichtspunkten, längst gesellschaftlich organisiert, und zwar höchst ungesund, nämlich nach den Grundsätzen bezahlter Ar- beit. Die privaten Anstrengungen, sich dennoch selber um gesunde Le- bensverhältnisse zu kümmern, landen mit Vorliebe bei Sumpfblüten: Da gibt's einen regelrechten Fanatismus gegen private Genüsse in Form von Anti-Raucher-kampagnen z.B.; oder eine Polemik gegen das, was alles als Luxus behauptet wird, wie Autofahren, wobei der Verzicht auf solchen angeblichen Luxus gar nicht ins Belieben des Einzelnen gestellt ist. Dieses Kontrollbedürfnis findet beim Staat offene Ohren. Ansonsten begegnet der Staat dem Ruf nach mehr Kontrolle gelassen. Er hat ja nichts versäumt und anerkennt nur, was er ohnehin vorhat. Kontrolliert dann höchstens noch de- monstrierende Bürger. Überhaupt ist das Verlangen nach mehr staatlicher Kontrolle ein einziger Vertrauensvorschuß an den Staat. Was eingeklagt wird, ist die Erhaltung der eingerichteten Zustände und das ist was an- deres als besser leben wollen. Wenn dem Staat dann lauter Ver- säumnisse in Sachen Kontrolle vorgeworfen werden, so beruht das auf dem Fehler, gerade nicht die staatlich geschützten Interessen angreifen zu wollen, die dem Bedürfnis nach einem anständigen Le- ben entgegenstehen. Vielmehr wird das Überleben und die Zukunft der Menschheit überhaupt auf die Fahnen geschrieben, und bei der obersten Instanz die Sorge darum und die gerechte Verteilung der dafür nötigen Opfer eingeklagt. So ist 'Umwelt' endgültig zu einem sturzaffirmativen Anliegen ge- worden. Jede Partei schmückt sich mit diesem Titel, in seinem Na- men wird gebetet usw. Es ist ein moderner Titel für die Allge- meinwohldienlichkeit des Staates geworden. Dieser Titel ent- springt der Verwandlung staatlicher Politik, die erhebliche Schä- den für die Bürger mit sich bringt, in die Idee, die eigentliche Aufgabe des Staates sei die Vermeidung genau dieser Schäden. Um- welt ist heutzutage einer der Ehrentitel für die Politik, wie man sie ansonsten auch kennt - Arbeitslosigkeit, 'Sozial' usw. Immer wird aus der Betroffenheit und Abhängigkeit von einem Staat ein höherer Auftrag und Appell an die Pflicht derjenigen gedrechselt, die diese Betroffenheit schaffen. Wo die Arbeitslosigkeit steigt, steigt das Ansehen der Unterneh- mer als Arbeitgeber. Wo Elend und Armut zunehmen, steigt das An- sehen des Staates als Sozialstaat. Und wo die ruinösen Folgen ka- pitalistischen Produzierens und seiner staatlichen Verwaltung im- mer mehr die allgemeinen Lebensumstände in Mitleidenschaft ziehen, steigt das Ansehen des Staates in Sachen Umweltpolitik. Fazit: Wer Fauna und Flora lieber weiter benutzen und genießen will und sich dabei von deren gängiger Behandlung behindert sieht, der soll d a s sagen. Unternehmen muß er dann etwas ge- gen die aktuelle Verwendung der Natur durch Kapital und Staat. Eine Parteinahme für Baum und Strauch ist da überflüssig. Denen kann man sowieso kein Unrecht tun. Zugegeben: die Gegnerschaft gegen Leute, die aus Natur Kapital machen, ist etwas schwieriger. Da entfällt schon mal der Appell an einen unbestrittenen Wert, gegen dessen Pflege sich keiner aussprechen kann. Und die eingerichtete Ökonomie zu kritisieren, womöglich auch praktisch zu ändern, fällt nicht so leicht wie die leidenschaftliche Liebe zu Singvögeln und Pandabären. Dafür liegt man damit wenigstens richtig. zurück