Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Günter Wallraff
DIE GEGEN-ÖFFENTLICHKEIT IN PERSON
"Sämtliche Versuche oppositioneller Minderheiten in der BRD,
durch die Entlarvung eindeutiger Praktiken... einen öffentlichen
Skandal herbeizuführen, sind gescheitert." (MARXISTISCHE GRUPPE,
Resultate Nr. 1/Neufassung..., 3 f)
Günter Wallraff hat es wieder einmal versucht mit einem Buch über
seine Erfahrungen als Türke und Leiharbeiter Ali Levent Sinirlio-
glu in den Niederungen der bundesrepublikanischen Arbeitswelt. Er
hat mehr Käufer, mehr Öffentlichkeit und mehr Zustimmung als je
zuvor gefunden - bei kritischen Intellektuellen, Gewerkschaft-
lern, Lehrern, Staatsanwälten, Presse, SPD FDP CDU-Politikern -
kurz: bei so gut wie allen bis auf die Springer-Presse, die be-
harrlich schweigt.
"Es ist erstmalig in der Bundesrepublik gelungen, über ein Buch
eine proletarische Öffentlichkeit herzustellen." (Spiegel 46/85),
meint Wallraff dazu selber. Ein unfreiwilliges Eingeständnis, wie
wenig es doch braucht, damit dieser Radikaldemokrat ein Stück Ge-
sellschaftsveränderung verwirklicht sieht. Das kommt daher, daß
er sich mit Haut und Haar dem Ideal einer demokratischen Gegenöf-
fentlichkeit verschrieben hat.
Seit zwanzig Jahren - aufdecken, entlarven, bekanntmachen...
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"Schreiben ist Agitation mit Tatsachen... Keine Anklagen ins
Blaue hinein richten, nicht 'Anzeige gegen Unbekannt' erstat-
ten... die Dinge so beschreiben, daß jeder merkt, so was kann
nicht erfunden sein, so weit reicht die Phantasie nicht, das ist
wirklich passiert." (In Sachen Wallraff, 19)
"Keiner kann heute mehr so tun, als hätte er von alledem nichts
gewußt." (Interview in 'interbuch', Mai 85)
"Ich war der Narr, dem man die Wahrheit unverstellt sagt." (Ganz
unten, 12)
Wallraff ist ein Wahrheitsfanatiker eigentümlicher Art. Er will
nicht die kapitalistischen Geschäftspraktiken und den Umgang mit
Lohnarbeitern erklären, die Taten demokratischer Politiker analy-
sieren, die verbreiteten Ideologien widerlegen, sondern mit
'T a t s a c h e n' b e k a n n t machen. Seit 20 Jahren ist er
damit beschäftigt, unter größten persönlichen Opfern vor Ort zu
recherchieren und öffentlich zu machen, d a ß es in kapitali-
stischen Betrieben schlimm zugeht, d a ß gegen Gesetze versto-
ßen wird, d a ß Unternehmer rücksichtslos ihr Profitinteresse
geltend machen und dafür öffentliche Propaganda und politische
Unterstützung verlangen; d a ß Strauß und Co. faschistische Ge-
neräle protegieren; d a ß griechische Obristen Gegner einsper-
ren und foltern; d a ß Polizei und Staatsanwaltschaft beim Tod
eines Demonstranten lügen und falsch ermitteln... und was es an
allbekannten Alltäglichkeiten in einer funktionierenden Demokra-
tie mehr gibt. Es macht ja wahrlich keine Schwierigkeiten, solche
Vorkommnisse zuhauf aufzufinden.
Schwer macht es sich nur Wallraff selber: Muß man sich wirklich
erst in Athen ins Foltergefängnis werfen lassen, um etwas über
den Charakter der Militärdiktatur zu erfahren? Muß man erst sel-
ber zwei Jahre den Türken in deutschen Betrieben spielen, um die
Brutalitäten auf den untersten und ständig ins Illegale ausgrei-
fenden Stufen der Ausbeutungshierarchie kennenzulernen? Muß man
erst einem General Spinola durch Verstellung Putschpläne und Be-
ziehungen zu Strauß entlocken, um deren offen verkündeten Ord-
nungsfanatismus aufzuspüren? Muß man auch noch über die massen-
haften täglichen Erlebnisse als türkischer Leiharbeiter hinaus
mit List und Tücke auskundschaften, wieweit der Arbeitgeber im
rücksichtslosen und ungesetzlichen Umgang mit seiner Türkenmann-
schaft zu gehen bereit wäre - bis zum lebensgefährlichen Einsatz
in einem lecken Kernkraftwerk nämlich?...
Der bis zur Selbstaufgabe betriebenen Dokumentationssucht liegt
offensichtlich die Verwechslung von W a h r h e i t mit
a u t h e n t i s c h e r E r f a h r u n g, von Ü b e r-
z e u g u n g mit p e r s ö n l i c h e r A n s c h a u u n g,
von G r ü n d e n mit u n z w e i f e l h a f t e n T a t-
s a c h e n zugrunde. Diese Verwechslung beruht auf einer
erzdemokratischen Täuschung über den Geistes- und Gemütszustand
demokratischer Bürger. Wallraff will nicht zur Kenntnis nehmen,
daß all solche, ihm geradezu ungeheuerlich vorkommenden Fakten,
im Prinzip aller Welt längst g e l ä u f i g sind, wie ihm
selbst übrigens ja auch. Daß um sie deshalb kein Aufhebens
gemacht wird und die Öffentlichkeit nicht mehr davon wissen will,
weil sie längst eine I n t e r p r e t a t i o n parat hat: Es
handelt sich um wirtschaftliche und politische Notwendigkeiten
sowie (un)vermeidbare mißliche Begleiterscheinungen, Gesetzes-
verstöße und leidige Auswüchse. Die Öffentlichkeit weiß sich eben
mit ihren moralischen Ansprüchen an Politik und Wirtschaft den
g ü l t i g e n Interessen verpflichtet. Wenn Wallraff Wahrheit
mit glaubwürdiger B e k a n n t m a c h u n g bisher unbekann-
ter Tatsachen verwechselt und solche Tatsachen f e s t s t e l-
l u n g für dasselbe wie A n k l a g e hält, dann kann er sich
offenbar gar nicht vorstellen, daß die Mehrheit im Lande mit dem
Wissen um solche Zustände in der Demokratie widerspruchslos leben
könnte. Er unterstellt ihr, daß sie - nur entschieden genug
aufmerksam gemacht - all das genauso empörend finden muß wie er
selber oder zumindest eigentlich finden müßte. Damit verläßt er
sich ganz auf einen s t a a t s b ü r g e r l i c h e n G e-
r e c h t i g k e i t s s i n n und d e m o k r a t i s c h e n
A n s t a n d, dem er durch möglichst drastisches und un-
widerlegliches Material 'die Augen öffnen' will über die wahren
Zustände in dieser Republik. Diese Sorte 'Aufklärung' besteht
also darin, die angeblich beständig hinters Licht geführten
Bürger ständig Wallraffs e i g e n e enttäuschte Hoffnungen in
das demokratische Gemeinwesen am entsprechend dargebotenen
Material nachempfinden zu lassen.
Der herzensguten Meinung über die demokratische Mehrheit ent-
spricht auf der anderen Seite eine ebenso schlechte Auffassung
von der kapitalistischen Wirtschaft.
Der Kapitalismus - ein System zynischer Machenschaften
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"Nennen wir Unordnung und Willkür beim Namen... wir sprechen vom
K a p i t a l i s m u s, von jenem ziellosen, konzeptionslosen
Wirtschaftssystem, das hierzulande 'freie Marktwirtschaft' ge-
nannt wird. Eine treffende Bezeichnung, denn die Wirtschaft und
die sie Lenkenden sind tatsächlich frei, sie sind nahezu das ein-
zig wirklich freie in diesem Land: sie haben die Freiheit zu wu-
chern und zu fälschen, zu hehlen und zu stehlen, zu vergiften und
zu unterdrücken, alles Leben im Keim zu ersticken, sie haben die
Freiheit von Amokläufern, die noch keiner gebremst hat." (In Sa-
chen Wallraff, 14 f)
"Eine wirklich offene, durchdemokratisierte Gesellschaft, in der
diese imaginären Warnschilder vor den Fabriktoren 'Vorsicht, Sie
verlassen den demokratischen Sektor der BRD' entfernt wären,
würde sich der Kontrolle ja nicht entziehen, sondern geradezu
dazu auffordern." (In Sachen Wallraff, 69)
In den Geschäftsgrundsätzen der abstrakten Reichtumsvermehrung,
denen die Herstellung nützlicher Gebrauchswerte und die Bedürf-
nisse der Produzenten untergeordnet sind, entdeckt der Moralist
einen einzigen zynischen und verbrecherischen V e r s t o ß -
gegen menschenfreundlichere Weisen des Arbeitens und Konsumie-
rens. Daß sich seine hehren V o r s t e l l u n g e n eines de-
mokratischen Rechts auf ein erträgliches und einvernehmliches
Werkeln und Leben für die Mehrheit der Bürger an den betriebli-
chen Realitäten des Einsatzes von Lohnarbeitern gründlich blamie-
ren, sieht er schlicht u m g e k e h r t: Die kapitalistischen
Zustände sind eine einzige Ungehörigkeit gegen seine demokrati-
schen Werte einer modernen Gesellschaft, in der Würde, Anerken-
nung und materielle Besserstellung jedem von Rechts wegen zuste-
hen; denn durch das "System der grenzenlosen Ausbeutung und Men-
schenverachtung" (Ganz unten, 255) wird der Mehrheit dies
(Menschen-)Recht beständig vorenthalten. Miese Arbeitsbedingun-
gen, persönliche Schikane und Gesetzesbruch, nationalistische
Vorurteile, ungemütliche Reproduktionsumstände, Verschleiß von
Gesundheit und Natur, alles steht letztlich für das Generalur-
teil: An diesen Zuständen b l a m i e r t sich die Republik;
sie widersprechen einer wahren D e m o k r a t i e - also ist
die dort a u ß e r K r a f t g e s e t z t und selber laufend
in Gefahr.
"Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt - in unserer
Demokratie. Die Erlebnisse haben alle meine Erwartungen übertrof-
fen. In negativer Hinsicht. Ich habe mitten in der Bundesrepublik
Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichts-
büchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden." (Ganz un-
ten, 12)
Man weiß gar nicht, worüber man mehr den Kopf schütteln soll:
über die Blauäugigkeit, mit der Wallraff nach 20 Jahren Erfahrun-
gen immer noch nicht klug geworden ist; was hat er denn eigent-
lich erwartet, wenn er als ausländischer Leiharbeiter loszieht?!
Über die Selbstverständlichkeit, mit der er die modernsten demo-
kratischen Fabrikzustände zu den eigentlich überholten Unmensch-
lichkeiten vergangener Epochen zählt. Über die Unerschütterlich-
keit, mit der er demokratische Verhältnisse als einen Gegensatz
zu rassistischen Urteilen rechtlicher Sortierung und politischer
Organisation proletarischer Dienste für Wirtschaft und Staat an-
sieht.
Oder darüber, daß der unverbesserlich Gutgläubige sich solche
'Verstöße' nur aus persönlichen Charakterschweinereien, üblen Ma-
chenschaften, Heimlichkeiten und verbotener politischer Kumpanei
erklären kann. Mit dem untrüglichen Instinkt eines aufrechten De-
mokraten entdeckt er überall "feudalistische" "Herrenreiter-
typen", geheime Mauscheleien zwischen Wirtschaftsmanagern und
Politikern, öffentlichkeitsscheue Geheimniskrämerei.
Bloß, daß Kapitalisten auf die politische Unterstützung ihrer be-
sonderen Geschäftsinteressen auch etwas außerhalb des legalen
prinzipiellen Einverständnisses von Politik und Wirtschaft drän-
gen; daß sie solche Beziehungen und Freundschaftsdienste nicht
gerade an die große Glocke hängen; daß das kapitalistische Fabri-
kregime immer noch mit Befehl und Gehorsam funktioniert; daß zur
Entscheidungsbefugnis und zum betrieblichen Überblick auf der
einen Seite stures und geistloses Arbeiten auf der anderen gehört
- all das heißt noch lange nicht, daß der kapitalistische Betrieb
eine g e g e n d i e a l l g e m e i n e n I n t e r e s-
s e n u n d d i e D e m o k r a t i e gerichtete Veran-
staltung zynischer Dunkelmänner wäre. Genau so faßt Wallraff das
aber auf. Überall entdeckt er f e h l e n d e politische
K o n t r o l l e und f e h l e n d e ö f f e n t l i c h e
Ü b e r w a c h u n g; überall vermißt er die B e t e i-
l i g u n g derjenigen, denen seiner Auffassung nach dieses
Wirtschaftssystem eigentlich doch dienen sollte: Überall be-
mängelt er das V e r s a g e n der politisch Verantwortlichen,
die - ausgerechnet! - eigentlich die Machenschaften der
Wirtschaftsherren in anständige rechtliche Schranken zu weisen
hätten und auch ihr eigenes Treiben den mündigen Bürgern zur
Prüfung und Korrektur vorlegen müßten.
Und da die Politiker in Verfolgung des nationalen Interesses al-
les andere tun, hat der Anwalt demokratischer Kontrolle längst
eine d r i t t e I n s t a n z im Sinn, die Licht in das men-
schenfeindliche Zusammenspiel von Profitinteressen und korrupten
Politikern bringen soll, das sich angeblich ganz im Geheimen
vollzieht: d i e Ö f f e n t l i c h k e i t. Freilich, da we-
der die Kapitalisten noch die politischen Herren das Licht der
Öffentlichkeit scheuen, sondern umgekehrt in der ihre Absichten
kundgeben, Maßstäbe nationalen Erfolgs, geschäftlichen Fort-
schritts und notwendiger Opfer fürs Volk propagieren und damit
durchaus auf Verständnis stoßen, hat sich auch diese Instanz in
den Augen von Wallraff gehörig blamiert.
Die Springer-Öffentlichkeit -
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Lüge, Manipulation um des Geschäftswillen
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"Auch in diesem Buch geht es um Gewalt, um eine besondere
'geistige' Spielart, die keiner Molotow-Cocktails und Maschinen-
gewehre bedarf. Die Opfer sind Menschen, ihre Gedanken, ihre Ge-
fühle, ihre Würde... Opfer einer Maschinerie, die geistige Gewalt
automatisch produziert..." (Der Aufmacher, der Mann der bei BILD
Hans Esser war, 9)
"Opfer dieses Prozesses der Manipulation sind erstens das Publi-
kum, der BILD-Leser... und zweitens der BILD-Knecht, der einfache
Reporter oder Redakteur." (155)
So wie Wallraff als Menschenfreund den B e t r i e b s-
a l l t a g zu einer einzigen Beleidigung und E r n i e d r i-
g u n g der Menschenwürde stilisiert, so dämonisiert er
umgekehrt als demokratischer Aufklärungsfanatiker die
Ö f f e n t l i c h k e i t für die Massen, Paradebeispiel
Springer-Presse, zu einer dazu passenden menschen v e r-
n i c h t e n d e n Veranstaltung. Dem authentischen Nachweis,
daß BILD lügt, erfindet, das Volk entmündigt und Leute in den Tod
treibt, hat er vier Monate als Reporter in einer BILD-Redaktion
geopfert, Gipfelpunkt seiner Selbstverleugnung.
Bloß, vor lauter Glauben an journalistische Sorgfaltspflicht und
Respekt vor den ewigen Opfern des Systems täuscht er sich auch
hier über Charakter und Leistung öffentlicher Ideologienbildung.
Daß dieser Journalismus die freiwilligen und unfreiwilligen Sto-
rylieferanten sowie die Leser - die "Primitivos", wie Wallraff W.
Boenisch zitiert - mit "zynischer Verachtung" bedenkt, heißt noch
lange nicht, daß solche Öffentlichkeit als V e r s t o ß
g e g e n v o l k s f r e u n d l i c h e W a h r h a f t i g-
k e i t richtig kritisiert wäre. Es sind schließlich gültige
Ordnungsmaßstäbe, Ansprüche auf gute Führung, wirtschaftlichen
Erfolg, nationale Größe, ein moralisch einwandfreies Volk und
alltäglichen Anstand, die da mit Wahrheiten und Lügen gefüttert,
erweckt, unterhalten und am Leben gehalten werden. Gerade auch
die ruf- und existenzgeschädigten BILD-Opfer beweisen ja nur die
Gültigkeit der Anstandsregeln, an denen sie blamiert und für
deren Bestätigung sie sensationell und unmittelbar verständlich
zur Story aufbereitet werden. Freilich, wer demokratische
Massenpresse an einer Berichterstattung mißt, mit der aufgeklärte
Schreiber den 'w a h r e n' Bedürfnissen ihrer Adressaten
gerecht werden und ihnen mit Respekt, Verständnis und gerechtem
Zorn gegen die Mächtigen im Lande Aufklärung und Unterstützung
zukommen lassen sollen, für den sind die 'kleinen Leute' in der
B I L D - R e d a k t i o n und die von ihnen zum T h e m a
gemachten 'kleinen Leute' samt den Lesern gleichermaßen Opfer
eines undemokratischen "BILD-Systems".
Damit ist das Weltbild des radikalen Journalisten Wallraff voll-
ständig. Für ihn ist die Gleichsetzung von A u s b e u t u n g
mit menschen- und öffentlichkeitsfeindlichen M a c h e n-
s c h a f t e n, die Gleichsetzung der täglichen B e r i c h t-
e r s t a t t u n g einer staatstragenden 50-Pfennig-Presse mit
A u s b e u t u n g und die Gleichsetzung von b e i d e m mit
M a c h t m i ß b r a u c h keine bloße Metapher. Beides ist
Teil gesellschaftlicher Unterdrückung, der Verhinderung von
Demokratie und Massenbewußtsein: Kapital und Politik scheuen das
Licht der Öffentlichkeit, und eine korrumpierte Presse erspart
ihnen, an selbiges gezerrt zu werden. Dagegen kämpft Wallraff.
Gegenöffentlichkeit - Bloßstellen im Namen des Volkes
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"Die dargestellten Fälle sind keine Ausnahmen. In ihnen zeigen
sich Grundmuster des Systems, das gerade im Bereich der Produk-
tion Autorität und Hierarchie aufrechterhalten und Demokratie
verhindern will... Sorgen Sie mit dafür, daß bekannt wird, was
vertuscht werden soll. Öffentlichkeit ist ein Mittel, um Macht
und Herrschaft, Willkürmaßnahmen und Unrechtsentscheidungen der
Repräsentanten des Kapitals einzudämmen. Achten Sie darauf, wenn
an Ihrem Arbeitsplatz, in Ihrem Betrieb Gesetze verletzt werden.
Kontrollieren Sie die Kontrolleure!
Wenn Sie ähnliche Fälle schildern können, Dokumente haben oder
Erlebnisberichte, informieren Sie mich bitte. Sie tun damit den
ersten Schritt zur Veränderung der Verhältnisse. Schicken Sie Ma-
terial an..." (Aufruf)
"Wenn die vorliegende Inszenierung dazu beiträgt, die Wachsamkeit
und Kontrolle der Öffentlichkeit und einzelner Medien diesen Ge-
heimwelten gegenüber zu verstärken und zu sensibilisieren, hat es
den Aufwand gelohnt." (Ganz unten, 254 f)
Der Mann nimmt seine Sache mit der Bloßstellung undemokratischer
Machenschaften wahrhaftig so ernst, daß er zwischen Bekanntma-
chen, Anprangern und Kontrollieren, zwischen anklagender Men-
schenfreundlichkeit und staatsanwaltlichem Spürsinn auf der Suche
nach Verstößen, zwischen Beschwerdewesen gedeckelter Proleten,
journalistischen Recherchen und Widerstand nicht mehr recht un-
terscheiden kann und will. Er glaubt eben unerschütterlich daran,
daß die Mächtigen eigentlich nicht in aller Öffentlichkeit zu ih-
rem Treiben stehen könnten, also auch - vor den
g e i s t i g e n R i c h t e r stuhl eines öffentlichen Gewis-
sens gestellt, angeklagt und verurteilt - sich H e m m schwellen
auferlegen müßten.
Kein Wunder, daß er mit seinem "Skandaljournalismus" die unter-
schiedlichsten Interessenten anspricht: Staatsanwälte, die seine
Nachforschungen auf gerichtsverwertbares Material abklopfen und
seine Methoden rechtlich begutachten; Betriebsräte und Gewerk-
schaftler, die seinen Sozialreports mühelos Propagandamaterial
für mehr Mitbestimmung in Betrieb und Sozialpolitik entnehmen;
Arbeiter, die für Beschwerdeanliegen ihn als richtige Adresse an-
sehen; eine Öffentlichkeit, die sich als der theoretische Wächter
über Gerechtigkeit und Sozialordnung aufführt. Und alle sind sie
Wallraff irgendwie recht und lebendige Beweise einer zunehmenden
"Sensibilisierung" gegenüber den unhaltbaren Zuständen.
So häuft er auf der einen Seite Skandalfall auf Skandalfall,
statt auf seine Erlebnisse auch nur einen theoretischen Gedanken
zu verschwenden. Auf der anderen entdeckt er selber zielstrebig
lauter hoffnungsvolle U n t e r s c h i e d e zwischen den un-
menschlichen gesetzlosen Zuständen 'ganz unten' und den
(angeblich allein) gewerkschaftlich mitbestimmten etwas weiter
oben; zwischen "Bild" und einer verständnisvolleren Presse. Wenn
nur "zwei von 12.000 Prozessen" gegen illegale Leiharbeit voran-
kommen; wenn er den Vorzeigeredner auf gewerkschaftlichen Veran-
staltungen machen soll; wenn Thyssen die feste Anstellung von ein
paar seiner Leiharbeitskollegen verspricht - schon sieht Wallraff
darin einen Erfolg und gibt sich zuversichtlich über Fortschritte
im "System der grenzenlosen Ausbeutung und Menschenverachtung":
"Ab heute, davon bin ich überzeugt, arbeitet kein Ausländer mehr
ohne Staubmaske." (Weltwoche, 24.10.)
Sehr ordnungs- und gesetzeskonform sowie hoffnungslos gutgläubig
nimmt sich hier die großartige Kontrolle der Menschenverächtei
durch die sensibilisierte Demokratie aus. Wie immer, wenn Rigo-
rismus auf praktische Abhilfe aus ist, wird er äußerst bescheiden
- und versteht noch die billigste Erledigung seiner Weltverbesse-
rungsvorhaben durch staatsdienliche Rechtsprechung und öffentli-
che Heuchelei als Schritt in die Zukunft, als kleinen eben. Vor
lauter Freude über die so nun doch nicht erwartete Aufmerksamkeit
merkt er nicht einmal, daß er diesmal mit seinem Buch einen wirk-
lich für jedermann ohne weiteres brauchbaren und bewältigbaren
öffentlichen 'Skandal' aufgedeckt hat. Für gerichtliche Ermitt-
lungen, öffentliches Mitleid und soziale Gerechtigkeitsphrasen
eignet sich "Ganz unten" bestens, weil es von Thema und Machart
her darauf ausgerichtet ist - bloß immer noch ein bißchen ern-
ster, grundsätzlicher und aufrichtiger g e m e i n t als bei
seinen Ausschlächtern.
E r n s t m a c h e n mit seinem Radikalismus eines öffentli-
chen Fürsprache- und Anklägerwesens im Namen des Volkes, stell-
vertretend für eine zum Schweigen verurteilte Mehrheit, das macht
Wallraff nur bei sich selber. Für sich persönlich denkt er den
volksfreundlichen Idealismus zu Ende, die wahren Arbeiterinteres-
sen und -leiden zu Gehör und sie damit selber zum Sprechen brin-
gen zu wollen. Dabei kommt natürlich alles andere heraus als vorm
Betrieb Arbeiter gegen "das System" aufzuhetzen. A l s Mann der
Öffentlichkeit S p r a c h r o h r der Entrechteten sein, als
N i c h t-Arbeiter und Meinungsbildner die Differenz zu ihnen und
ihren Gegensatz zur Öffentlichkeit aufheben, heißt das eigentüm-
liche Anliegen - und das ist, um auch noch die ärgerlichste Seite
des Aufklärers Wallraff aufzuführen, mit all seinen Härten und
Rücksichtslosigkeiten gegen die eigene Person ein Persönlich-
keits- und Literaturprogramm. Das Programm nämlich, sich persön-
lich gemein zu machen mit den bitteren Erfahrungen und dadurch
wirklichkeitsnah literarisch wirken zu können.
Proletarische Öffentlichkeit -
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moralische Erziehung oben und unten
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"Und ich zeige in meinen Arbeiten ja doch auch immer, daß es eine
Befriedigung verschafft, es auch Spaß macht, es eine sinnliche
Freude ist, wenn du dich als Schwächerer absolut mächtigen Insti-
tutionen gegenüber behauptest..." (SZ, 24.10.)
"Dieser David-Goliath-Effekt treibt nicht nur mich an, er wirkt
offenbar auch ansteckend auf meine Leser..." (Interbuch, Mai 85)
"Ich spürte, daß ich auch entrückt war von meinem Ausgangspunkt
und es deshalb nötig hatte, meinen Standort neu bestimmen zu kön-
nen, um meine Empörung, auch meine Wut wieder umsetzen zu kön-
nen." (SZ, 24.10.)
"Dann tauche ich wieder unter, dann lege ich die bürgerliche
Hülle wieder ab, weil es sonst nicht mehr stimmt und ich auch vor
mir selber unglaubwürdig würde." (In Sachen Wallraff, 92)
Das ist nun allerdings eine eigenartige Weise, das "bessere Mög-
liche ins Auge zu fassen" und "die Mächtigen" zu "kontrollieren".
Wallraff glaubt nämlich an den guten kleinen Mann, der den mäch-
tigen Institutionen hilflos ausgeliefert ist und Mutzuspruch und
ein Vorbild braucht, um sich seiner Möglichkeiten bewußt zu wer-
den. Als jemand, der es sich ohne die unbedingte Abhängigkeit vom
Betriebsherrn leisten kann, will er beispielhaft vorführen, daß
sie zu überlisten sind, die Allmächtigen, Allwissenden, und daß
man ihnen mit ein bißchen Witz und Raffinesse auf die Schliche
kommen kann. Freilich, Widerstand von unten wird da zur literari-
schen P h r a s e und zum heimlichen R o l l e n s p i e l -
bevor der Autor dann seine Publizität in der bürgerlichen Öffent-
lichkeit, also bei seinen eigentlichen Adressaten, den gar nicht
mehr widerständlerischen gewerkschaftlichen Propagandamühlen
leiht.
Auf der anderen Seite verschreibt er sich die Verwandlung vom
'privilegierten Bürger' in einen unterprivilegierten Proleten als
ziemlich verrücktes S e l b s t verwirklichungsprogramm. Immer
mal wieder ganz handfest den Standpunkt des Opfers einnehmen,
sich selber zum Betroffenen machen, das braucht offenbar dieser
Menschenfreund, der bei aller Verstellung partout nicht heucheln,
aber auch nicht ein Stück weit über seine mitfühlenden Urteile
hinausdenken will, um sein humanitäres Gefühlsleben und seinen
Gerechtigkeitssinn so richtig in Wallung zu halten. - Und um als
kritischer "W o r t a r b e i t e r" vor sich und seinen
s c h r i f t s t e l l e r i s c h e n Ansprüchen glaubwürdig
zu bleiben.
Literaturmoral - Böll radikal
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"...da ist auch der Bruch zwischen Journalismus und Literatur.
Journalismus ist immer etwas Gefiltertes, von außen Abgeschautes,
und nur das wirklich existentiell Erlebte, was einen in der eige-
nen Existenz auch bedroht, kann sich im Schreiben so umsetzen,
daß es eine ganz andere Durchdringungskraft erreicht." (In Sachen
Wallraff, 105)
"Die genau beobachtete und registrierte Wirklichkeit ist immer
phantastischer und spannender als die kühnste Phantasie eines
Schriftstellers." (Neue Reportagen, 133)
"Vor allem das Mittel des Kontrastierens, das auf Widersprüche
und Brüche der Realität hinweist, setzt den Leser in die Lage,
selbst... Schlußfolgerungen zu ziehen." (Neue Reportagen, 134)
"Ein Widerspruch wäre gewesen: von der Stadt, von den Steuerzah-
lern gefördert - von ein bißchen Schickeria genutzt, ansonsten
dem Verfall preisgegeben. Widerspruch löst Gedanken aus ..." (Der
Aufmacher, 42)
Wer Parteinahme für die Ausgebeuteten mit Fürsprecherschaft für
sie im bürgerlichen Lager verwechselt, wer mit Bewußtmachen von
Arbeitern die moralgerechte Lieferung von Anschauungsmaterial ih-
rer eigenen Scheiße meint, für den ergibt sich auch der Übergang
zur entsprechenden G e s t a l t u n g der Anschauungen recht
zwanglos. So preist Wallraff seine Enthüllungen und Erfahrungsbe-
richte zuguterletzt als die bessere - eben wirklichkeitsgetreuere
und wahrhaftigere L i t e r a t u r: Schreiben, richtig Schrei-
ben ist Demokratie schaffen. So meint er auch noch das uralte
holde Literatenproblem des Verhältnisses von Literatur und Wirk-
lichkeit gelöst zu haben - zugunsten einer nicht bloß erbauenden,
garantiert echten, garantiert überzeugenden und lebensnahen An-
klageliteratur, die immer auch mehr als nur theoretisch wirkt.
Deshalb versteht er seine Reportagen und öffentlich gemachten Er-
fahrungen und Recherchen als angemessene F o r m für diesen gar
nicht so aparten intellektuellen Anspruch. Bis in die Stilmittel
hinein was er für einen 'Widerspruch' und damit schriftstelleri-
sches Parademittel hält - dokumentiert er damit allerdings, daß
er ein hoffnungsloser Idealist mit Menschheitsbotschaft ist.
Was Wunder, daß ihm Literatur und Leben, Recherche und Persön-
lichkeitsbildung, Schriftstellerei und Solidarität mit den Aus-
beutungsopfern unentwegt durchein andergehen; daß er schreibt, um
aus dem Erlös Spendenkonten zu füllen; daß er zur solidarischen
Unterstützung aufruft, um daraus neue Bücher zu verfertigen - und
daß die m o r a l i s c h e Wirkung zwar eine ungeheure ist,
die p r a k t i s c h e Hilfe für die, denen nicht zu helfen
ist, allerdings kaum das normale Sozialhilfemaß übersteigt:
"Vergangenen Donnerstag hat Wallraff die ersten 22 seiner ehema-
ligen Arbeitskollegen von den Verleiher-Firmen Remmert und Vogel
zum Einstellungsgespräch beim Thyssen-Personalchef begleitet."
(Spiegel 46/85)
In zwanzig Jahren hat Wallraff mit all seinen Erfahrungen also
nichts dazugelernt - außer daß seine aufopfernde Tour garantiert
wirklichkeitsgetreuer Anklagen an die Gesellschaft ihn immer mehr
persönliche Kraft kostet.
***
Die Gegen-Gegenöffentlichkeit - schwer positiv
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Zum Beispiel "Der Spiegel"
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"Der Under-Cover-Autor ist eingedrungen in eine kriminelle Szene
von Menschenhändlern, die an der Notlage der Fremden verdienen -
Geschäftemacher, die den Fiskus um Steuern, Krankenkassen und So-
zialversicherungen um Beiträge und Arbeiter um ihren Lohn prel-
len." (43/85) (Genau in der Reihenfolge!)
"...innerhalb der ersten zwei Wochen 647.258 Exemplare... womög-
lich Weltrekord... der 'Stern'... vergebens um einen Vorabdruck
bemüht" (46/85)
Und wer hat den richtigen Riecher gehabt, sich das Vorabdrucks-
recht gesichert und kann jetzt schon die ersten Leserbriefe ver-
öffentlichen von wegen "ohnmächtiger Wut", "Skandalzustände" und
so? "Der Spiegel" natürlich - in aller Solidarität unter Enthül-
lungsjournalisten. Der eine macht, blöd und menschenfreundlich
wie er ist, die Drecksarbeit vor Ort; der andere berichtet vorab
exklusiv darüber und registriert hinterher den durchschlagenden
Erfolg bei Publikum und Beschuldigten. Ach, sind sie wieder ein-
mal - dank der Aufmerksamkeit des "Spiegel" - ins Fettnäpfchen
getreten, die Dunkelmänner von der Industrie und die Tölpel vom
"Stern"!
Zum Beispiel die "Süddeutsche Zeitung"
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"Günter Wallraff. Sie sind mit diesem Buch wieder zu ihren Anfän-
gen zurückgekehrt... Was haben Sie eigentlich in dieser jahrzehn-
telangen Arbeit über sich selber erfahren?... Ihren früheren
Selbstekel, auch Ihre Todessehnsüchte... man merkt, das ist ein
Mensch, der erleben kann. Wo sind Sie heute als Autor angekom-
men?" (23.10.)
Der Feuilletonschreiber, nicht umsonst Herausgeber eines Buches
über Wallraff, kennt sich einfach aus in den feinen Übergängen
vom guten Journalismus zur Literatur. Sein Gespür für die Schwie-
rigkeiten beim kulturfähigen Erleben und für die geistige Vita
einer Autorenpersönlichkeit ist untrüglich. Da läßt es sich gut
nach Wallraff fragen, getreu seiner Bitte, "nicht so sehr über
ihn, sondern über sein Buch zu berichten". Der so Angesprochene
redet, gebildet wie er ist, genauso mit. So schnell ist man von
der Moral bei der moralischen Erbauung.
Zum Beispiel alle guten Lehrer im
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Sozialkunde-, Deutsch- und Ethik-Unterricht
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Einst waren Frischs "Andorra" oder Bölls "Katharina Blum" die Fi-
beln, aus denen zur Mündigkeit verurteilte Jungbürger lernen muß-
ten, wie vorurteilsbeladen und unmenschlich doch der Mensch sein
kann. Der ewige Jude und so. Jetzt gibt's den beleidigten und er-
niedrigten Türken Ali. An dem kann man soziales Gewissen einüben,
die Auswüchse der "anonymen Leistungsgesellschaft" zum Lernziel
erheben und die Gleichgültigkeit von "uns allen" in einer Unter-
richtseinheit verhackstücken.
Zum Beispiel "Die Zeit"
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"Wallraff auf seinem knochenbrechenden Marsch durch die unwürdig-
sten Niederungen der modernen Arbeitswelt... Genial. Seine Bra-
vour droht den Wahrheitsgehalt in den Schatten zu stellen, die
wahren Opfer, Türken und Arbeiter ohne Starruhm, bleiben bei die-
ser furiosen sozialanklägerischen Höllenfahrt beinahe als Sensa-
tionsstatisten auf der Strecke." (1.11.)
Man kennt sie ja, die Wahrheitsfanatiker von der "Zeit", die jede
Schweinerei in deutschen Betrieben in schlichten Worten anpran-
gern; ein selbstloses Herz für unbekannte Türken, wer hat's denn,
wenn nicht die Geister um Marion Gräfin Dönhoff und Helmut
Schmidt. Kurz: Kultur muß Kultur bleiben, und zuviel Öffentlich-
keit für Arbeiterfragen - und das auch noch in höheren Kreisen,
wo "die Zeit" beheimatet ist -, das muß "die Zeit" einfach stö-
ren. Natürlich nur im Interesse der Arbeiter.
Zum Beispiel die "Frankfurter Allgemeine"
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"Wer sich als Türke bei einem deutsch-türkischen Fußballspiel in
den deutschen Zuschauerblock setzt, der kann nicht erwarten, daß
es ihm dort besser ergeht als einem Dortmunder, der sich, als
Dortmunder erkenntlich, in den Block der Schalker Fans setzt...
Es steht zu erwarten, daß Wallraffs Erfolg... die leidige Diskus-
sion beeinflußt, die derzeit über den sogenannten Under-Cover-
Agenten geführt wird, den in zwielichtige Gruppen eingeschleusten
Polizeibeamten... Warum soll es Rauschgifthändlern besser gehen
als illegalen Vermittlern von Leiharbeitern?" (24.10.)
Bloß nicht so zimperlich sein! Wo geholzt wird, da fallen natio-
nalistische Späne, und wo Ordnung herrschen soll, da muß ausspio-
niert werden. Klar kennt die "Frankfurter Allgemeine" den kleinen
Unterschied zwischen Wallraffs Maskeraden und den Rauschgiftagen-
ten. Genau den meint sie ja. Etwa so: Wenn schon spioniert wird,
dann doch bitte nicht durch Kritiker von Geheimdienst, Unterneh-
mern und Rechten, sondern gefälligst durch den Geheimdienst sel-
ber. Der könnte ja beispielsweise Wallraffs 'Machenschaften' und
'Hintermänner' aufdecken, falsche Informationen ausstreuen und so
die Industrie endlich vor solchen Umtrieben bewahren. Ist
schließlich doch alles schon mal probiert worden!
Zum Beispiel "Bild" und Springer-Presse
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Die stellen intern klar: "Bild kümmert sich selbst genügend um
die Türken im Lande." Mit einem gut dosierten und für jede poli-
tische Konjunktur empfänglichen Rassismus bekanntlich. Den hat ja
Wallraff einst zwar nicht auf den Begriff gebracht, aber als
"Hans Esser" ausgekundschaftet. Das vergißt ihm der Konzern nie
und verläßt sich dabei auf seine eigene millionenschwere proleta-
rische Öffentlichkeit rechtschaffener Deutscher, die er nach
Kräften pflegt.
Zum Beispiel
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läßt sich auch Wallraffs journalistische Methode in Frage stellen
- "WAZ-Frage der Woche. Wallraff: Heiligt der Zweck die Mittel?"
-; oder problematisieren, daß alle bloß Wallraffs Methode proble-
matisieren - "Frankfurter Rundschau": "...es werden - wie fast
nach jeder Wallraff-Veröffentlichung - Fragen gestellt: 'Darf der
das überhaupt? Ist diese Recherchier-Methode redlich?'". Und
überhaupt, kann man öffentlich thematisieren: "Wie würde die Öf-
fentlichkeit... darauf reagieren?" ("Vorwärts")
Nur eins darf man nicht:
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Wallraffs ehrenwertes Anliegen zu ernst nehmen
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Spenden z.B. gehören in die Abteilung 'Adventskalender guter
Werke' und fallen in die offizielle Zuständigkeit für Mexiko-Erd-
beben, Afrika-Dürre und Indien-Überschwemmung. Da spendet man ga-
rantiert ohne den bitteren Beigeschmack einer Kritik an irgendei-
nem Verantwortlichen, also reinen nationalen Gewissens. Um mehr
als moralische Betätigung geht es ja keinesfalls, und im Fall
Wallraff lieber um Kultur, Recht und Ordnung, anständigen Natio-
nalismus und ein bißchen demonstratives 'Versteh Dich' für Türken
und andere soziale Auswüchse.
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