Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...


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       Greven, Kühnl, AStA, Zwerenz u.a.:
       

WIR LASSEN UNS DIE BUNDESWEHR NICHT VERMIESEN!

Lange schon hat Marburg keinen solchen Skandal mehr erlebt wie den, der nun seit Wochen die Gemüter bewegt: Es geht um ein echt Marburger Denkmal für Deserteure im 2. Weltkrieg sowie um Äuße- rungen des Standortältesten der Bundeswehr, der die Forderung nach einem solchen Denkmal für eine "Schande" hält. Das wieder haften erboste Leserbriefschreiber für schändlich: für unsere schöne Bundesrepublik und ihre neue, demokratische Wehrmacht. Ein Profi packt aus... ---------------------- Worum geht es also? Im Mai mischte sich Oberstleutnant Leyherr in die Debatte ein: "Für mich sind Deserteure ganz klare Gesetzesbrecher, Männer, die ihre Pflicht gegenüber dem Staat und - das möchte ich besonders hervorheben - ihren Kameraden mißachtet und verletzt haben." (Express 11/88) Ein militärisch knapp und klar ausfallendes Bekenntnis zunächst zu der gesetzlichen Vorschrift, nach der Desertion verboten ist und die Feldjäger im Falle des Falles die Delinquenten einkassie- ren. Sehr aufschlußreich dann aber die Erläuterung der üblichen Heuchelei, als Soldat sei man in erster Linie den mitbetroffenen "Kameraden" verpflichtet: "Nehmen wir nur die Geschützbedienung: Wenn ein Mann desertiert, kann die Geschützbedienung ihren Auftrag nicht mehr erfüllen." (ebd.) Einmal abgesehen von der offensichtlichen Lüge, daß eine Armee ausgerechnet durch die Desertionsquote kampfunfähig würde (da sind "Verluste" ganz anderer Größenordnung durchs Schießen und Beschossenwerden vorgesehen!), gibt Leyherr hier - "Wir haben im Soldatengesetz den Paragr. 12 der Kameradschaft, schon immer eine der Säulen der Armee" - den sachdienlichen Hinweis, daß "Kameradschaft" halt bloß die moralische Ausdrucksweise für ge- meinschaftliche Ausführung des Kampfauftrags der Bundeswehr ist: Soldaten haben sich unter Einsatz ihres Lebens an einer ihnen vom Staat befohlenen militärischen Aufgabe zu bewähren. Gehorsam un- ter allen Umständen, ohne Rücksicht auf sich selbst - das ist der Inhalt ihrer "Pflicht gegenüber dem Staat"! Für diese Kanonenfut- terrolle im Meinungsstreit noch Gründe aufzubieten, hat der Herr in Uniform dabei nicht groß nötig - als Militär v e r k ö r p e r t er selbstbewußt die bewaffnete Gewalt des demokratischen Staates, und die darf das reibungslose Funktionie- ren ihrer zum Wehrdienst abkommandierten Handwerker schlicht ver- langen. ...eine "Schande Für die Demokratie"? ------------------------------------- Diese Äußerungen waren mal wieder niemandem einen Skandal wert. Ins Gerede gebracht hat den Herrn Oberstleutnant vielmehr der Um- stand, daß er den Kampfauftrag der deutschen Armee auch in der Vergangenheit für politisch legitimiert hält, und zwar durch staatliches Recht: "Wir sind ja heute in einer Demokratie und denken heute ganz an- ders als zur Zeit des Nationalsozialismus. Aber auch damals gab es ein Recht, auch zu Kaisers Zeiten gab es ein Recht, das vom Volk gewünscht und anerkannt war. Wenn es nicht anerkannt gewesen wäre, wäre die NSDAP nie an die Macht gekommen. Es war ja der Wunsch des Volkes, und das war die damalige Rechtsordnung der sich die damals genauso verpflichtet gefühlt haben wie wir heute unserer demokratischen Grundordnung. Da sehe ich überhaupt keinen Unterschied." (ebd.) Und deswegen war die Armee immer schon rechtens und Deserteure zu allen Zeiten Rechtsbrecher und Volksschädlinge, basta! Man sieht: Die heute gängige demokratische Legitimation der Bundeswehr - sie gehe vollkommen in Ordnung, weil Instrument der Politik, die ih- rerseits vom Volk beauftragt sei - läßt sich ganz zwanglos nach rückwärts auf die Rechtsvorgänger der lieben BRD ausdehnen. Zwar ist die Logik, die der Herr in Uniform hier präsentiert, so falsch wie gebräuchlich: Noch jede moderne Obrigkeit erklärt die schiere Tatsache, daß sie die Macht im Lande h a t, Recht s e t z t und Gehorsam e r z w i n g t, zum Ausdruck des in- nigsten "Wunsches des Volkes", um dann diesen Volkswunsch zum Be- rufungstitel für alle ihre Maßnahmen zu erheben - auch und gerade für Kriege! Auf der anderen Seite ist die unverschämte Zufrieden- heit des Herrn Standortältesten mit der Gefolgschaft der deut- schen Volksmannschaft früher wie heute - leider! - keineswegs aus der Luft gegriffen: Das praktische Mitmachen und die nationale Loyalität der Untertanen gegenüber der "damaligen Rechtsordnung" wie "heute unserer demokratischen Grundordnung" ist tatsächlich die Geschäftsgrundlage jeder Form politischer Herrschaft, ihres rechtlichen Instrumentariums und ihres jeweiligen militärischen Gewaltapparats. D i e s hat dem Herrn Offizier nun jede Menge Schelte einge- bracht, daß die Anhänger des besseren Deutschland in seinen Äuße- rungen eine Gleichmacherei unserer unvergleichlichen demokrati- schen Herrschaftsform mit ihrem beispiellos verwerflichen Vorgän- ger gewittert haben. Stellvertretend für die erbosten Leserbrief- schreiber Prof. Greven: "Der Nazi-Terror-Staat ein Rechtsstaat, der wie die Bundesrepu- blik des Grundgesetzes Gesetzesgehorsam verlangen konnte - un- glaublich!... Dieses historisch einzigartige Massenmordsystem als Rechtsstaat zu behandeln und seinen Anspruch auf Gesetzesgehorsam zu rechtfertigen, ist infam." (Express 12/88) Leyherrs Auslassungen über die Kontinuität seines Berufsstandes seit Kaisers Zeiten wird von seinen Kritikern gleich ein komplet- ter und komplett entschiedener Vergleich der politischen Systeme damals und heute entgegengestellt. Daran ist das Bemerkenswerte- ste: Es fällt kein hartes Wort über den Gewaltapparat, dem Ley- herr vorsteht, über das in ihm herrschende System von Befehl und Gehorsam oder über die weltpolitischen Ambitionen des heutigen deutschen Staats, die ihn eine solche Kampfmaschinerie unterhal- ten lassen. Soweit herrscht Einigkeit mit den Maßstäben des Herrn Offiziers: Die Bundeswehr hält man selbstverständlich für legiti- miert durch den Rechtsstaat, dem sie dient; d i e s e m Staat gebührt ein umfassender Anspruch auf Gehorsam nicht nur seiner Soldaten, - und zur Desertion h e u t e möchte erst recht kei- ner aufgefordert haben. Wenn aber ein "Soldat und Beamter in ver- antwortlicher Position" (Greven) ein bißchen darauf anspielt, daß "Rechtsstaat" (vom Standpunkt der Politmoral aus ein Hauptkompli- ment an die Demokratie) ein ziemlich billiges politisches Kunst- stück darstellt, weil ja der Sache nach nichts weiter versprochen wird, als daß der Staat sich an das Recht bindet, das er selbst erläßt und im Bedarfsfall ändert, und daß verflossene Rechtsord- nungen ihre Gesetze auch nicht deswegen in die Welt setzten, um sich dann nicht daran zu halten -, dann geraten bundesdeutsche Demokratieidealisten in Sorge, das unerschütterlich gute Bild von der Demokratie könne dadurch einen Schandfleck bekommen: "Solche Köpfe wie der Ihrige, in denen sich seit den punischen Kriegen nichts mehr bewegt hat, auf Offiziers(!)posten, sind eine 'Schande' für die Demokratie (unsere (!) Auffassung von Recht und Gesetz)." (Roland Müller, AStA-Friedensreferat, Express 12/88) In all ihren aufgeregten Einlassungen geben die Kritiker Leyherrs nichts anderes bekannt, als daß sie geradezu mit Begeisterung auf den gar nicht besonders schwer zu durchschauenden Kunstgriff bun- desdeutscher Staatsmacher nach Hitler hereinfallen wollen: Weil die neue deutsche Herrschaft sich von gewissen Staatsgrundsätzen der ehemaligen nationalen Führung distanziert, darf sie für ihre Anliegen und Maßnahmen einen ganz prinzipiellen moralischen Per- silschein beanspruchen. Und d e n stellen die guten Menschen von Marburg ihrem Staatswesen samt seiner Wehrmacht in solchem Übermaß aus, daß sie sonst nichts mehr mit ihrer gerechten Empö- rung überziehen als eine Herrschaft, die es seit über 40 Jahren nicht mehr gibt: "Zu keiner Zeit hat eine Mehrheit der Wähler für die Nazis ge- stimmt." (Eva Gottschaldt, VVN, Express 12/88 "...einen Krieg der vom ersten bis zum letzten Tag als Raubzug gegen andere Völker angelegt war, hat Hitler geführt (Ulli Stang DKP, Express 13/88) einen "faschistischen Angriffskrieg" (Alex Müller, Grüner, ebd.) "Kriegsverbrechen, Rassengesetzgebung, Vernichtungslager" (alle) Mit seiner per Nazi-Verurteilung vorgebrachten Liebeserklärung an die BRD braucht der versammelte Verein zur Förderung eines Mar- burger Deserteurs-Denkmals keine einzige der innen- und außenpo- litischen Großtaten der NATO-Macht Nr. 2 mehr zur Kenntnis zu nehmen. Und darüber hinaus legt er noch ein paar bemerkenswerte Bekenntnisse über die Maßstäbe ab, die einem von der Demokratie ergriffenen deutschen Moralapostel in Fleisch und Blut übergegan- gen sind: - ein tatsächlich von der "Mehrheit der Wähler" ermächtigter Füh- rer verdient offenbar blanke Gefolgschaft (pardon: "Gesetzesge- horsam") - da habt ihr aber wirklich Schwein gehabt, daß für Hitler bloß ca. 40% der Wähler gestimmt haben (und er sich die fehlenden Volksvertreterstimmen fürs Ermächtigungsgesetz glatt noch von Abgeordneten anderer deutscher Parteien besorgen mußte). - Schlichtweg g e g e n K r i e g zu sein, kommt für aufge- klärte Demokraten nicht in die Tüte; da müssen sie einem Hitler schon R a u b- und A n g r i f f s kriege zur Last legen, wo doch das Bonner Grundgesetz bloß Verteidigungskriege erlaubt. Nur zur Erinnerung: der deutsche Lieblingsfeind steht heute wie da- mals im Osten; und die m a ß g e b l i c h e n Bonner Verfas- sungs- und Verteidigungsexperten definieren den V-Fall ziemlich weit "vorwärts". Die passenden Mittelchen verwaltet die Bundes- wehr. - In der BRD gibt es in der Tat weder Rassengesetzgebung noch Vernichtungslager. Soll man deswegen die langjährige BRD-eigene Praxis z.B. von Ausländergesetzgebung oder von Berufsverboten schon gleich für 'eigentlich' u n-BRD-mäßig halten? Vor allem aber: Wenn hierzutande weder Arbeitslager noch "ein Krieg als Raubzug gegen andere Völker" auf dem Staatsprogramm stehen, dann ist das noch lange kein Grund dafür, einfach nichts mehr davon wissen zu wollen, daß die Macher des demokratischen Kapitalismus Marke BRD eine Ökonomische (und militärische) Benutzung ihres Volkes hingekriegt haben - und längst auch den Zugriff auf Ver- wertbares in aller Herren Länder -, von deren Wucht ehemalige deutsche Staatsmänner nur träumen konnten! - dieser fürs Arbeits- volk wenig gemütlichen N o r m a l i t ä t d e r B e n u t z u n g durch Wirtschaft und Staat dem dazugehörenden staatsbürgerlichen Gehorsam will den kritischen Geistern heute so wenig Kritikables auffallen wie damals, sonst kämen sie nicht auf ausgerechnet d i e Maßstäbe staatlicher Herrschaftsausübung als Leitlinien ihres Staatsbürgerengagements, wo die Demokratie er- klärtermaßen anders verfahren w i l l als ihr Vorläufer. Das konsequente Ergebnis: Die kritischen Menschen verabschieden sich von jeder kritischen Stellungnahme zum status quo der schwarzrot- goldenen Republik! Wie distanzlos die offizielle moralische Distanz zum Dritten Reich (= das Blanko-Einverständnis mit der BRD) von den Gewissen- würmern von unten geteilt wird, führen die "Marburger Friedensju- risten" Becker, Gärtner, Jäckel vor: "Wie diese faschistische Rechtsordnung einzuschätzen sei, hat das Bundesverfassunsgericht in zahlreichen Entscheidungen gesagt: als, 'Unrechtsstaat'..., der 'im Gegensatz zum herkömmlichen Be- griff des Rechtsstaates stand' (E6, 173)." (Express 13/88) Ja, wenn's die oberste Gerichtsinstanz sagt, haben wir es sogar amtlich: am Faschismus alles "Un-". Das bürgt für Qualität... Dazu ist unsere Bundeswehr zu schade! ------------------------------------- Fazit derjenigen, die sich so vehement um das Ansehen der Demo- kratie sorgen: man gibt sich "fassungslos", daß jemand wie Ley- herr "für einen Apparat verantwortlich ist, den zahlreiche junge Men- schen in einer Lebensphase durchlaufen, in der sich Weltbilder - auch ethische und politische Orientierungen - verfestigen!" (Gottschaldt, Express 12/88) "Sollte die Hardthöhe den Mann auf seinem Kommandoposten belas- sen, besteht Infektionsgefahr für die ihm untergebene Truppe." (Gerhard Zwerenz, Express 13/88) Als wäre die Bundeswehr nicht der Teil staatlicher Gewalt, der für die Durchsetzung bundesrepublikanischer Ansprüche nach außen garantiert, sondern eine moralische Anstalt zur Erziehung der Ju- gend ("Schule der Nation"?!), sorgt man sich, ob die "Orientierung" der ungefestigten und offenbar infektionsanfälli- gen "jungen Menschen" auf die herrschende Staatsform auch ja nicht Schaden nimmt. Verführung Minderjähriger beim Barras? Aber immer, freilich bloß für einen guten Zweck: die unwiderstehliche demokratische Republik! Solange für Kritiker die Welt wieder in Ordnung ist, wenn "jungen Menschen" in der Armee z u ihrem Job das Bewußtsein verabreicht wird, im Namen der Demokratie handele es sich beim Tötungshand- werk im Staatsauftrag um etwas "ethisch und politisch" völlig an- deres als die schmutzigen Kriege des "Nazihäuptlings Hitler" - solange braucht sich niemand, der in der BRD was zu sagen hat, um Schaden zu sorgen, den ein Denkmal für Ex-Deserteure stiften könnte: Desertieren vom Laden namens BRD ist das allerletzte, wo- für Oppositionelle in der BRD heutzutage Reklame machen möchten. *** Bundesverdienstkreuz erster Klasse für Desertuere von damals! ------------------------------------------------------------- "Selbstverständlich waren Millionen von Menschen - auch viele Soldaten - der ideologie des Faschismus auf den Leim gegangen und hatten geglaubt, daß sie für Deutschland kämpfen. Tatsächlich aber wurden sie mißbraucht... für die kriminellen Ziele der Herr- schenden. Daraus folgt, daß die Deserteure zu denen gehören, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben: sie haben die Re- alisierung der faschistischen Politik wenigstens behindert." (Prof. Kühnl, Express 13/88) Die guten deutschen Soldaten glaubten, daß sie für Deutschland kämpften. Sie wurden aber von Kriminellen mißbraucht. Das konnten sie erst wissen, als die Kriminellen Deutschland vergeigt hatten. Daraus folgt im Nachhinein, daß damals die Deserteure die besse- ren Deutschen gewesen sein müssen. Wer heute Deutschland ehren will, muß in diesem speziellen Falle für ein Deserteurs- statt für ein Kriegerdenkmal sein. Sonst ist er zur Abwechslung mal der Nestbeschmutzer. Leuchtet doch ein, so viel deutsche demokratische Logik, oder? zurück