Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...


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       Exkursionen in das Innenleben der Republik
       

WALLRAFF LIVE

1 Ganz richtig, Wallraff hat die unteren Abteilungen der Reich- tumsproduktion p e r s ö n l i c h e r l e b t. Er weiß von den miesesten Arbeitsbedingungen zu berichten - von Staub und Gift, Hitze und Kälte; von ruinösen Leistungsanforderungen - Überarbeit zum Teil mit Doppel- und Mehrfachschichten; Hungerlöh- nen - zum Teil mit direkter Lohnprellerei; dazu noch erlesene Schikanen, mit denen einem Chefs und Arbeitskollegen das Dasein zusätzlich erschweren u.a.m. Gut, diese Enthüllungen liegen auf dem Tisch und werden millio- nenfach zur Kenntnis genommen. Darf man auch einmal fragen: W i e? Ein authentischer Ausbeutungsreport liegt vor - und wird landauf landab mit Zustimmung registriert. Fast die gesamte demo- kratische Öffentlichkeit bis hin zu den verantwortlichen Politi- kern stimmt in die Empörung ein. Alle schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen und sind ganz fürchterlich "entsetzt": Nein, so ein Elend - wie ist so etwas bloß möglich?! Ausbeutung? - in un- serer schönen Republik, unfaßbar! Kommt denn dieses Entsetzen niemandem verdächtig vor? 2 Wohl keiner, der Wallraff live erleben will, der nicht wüßte, w a s Wallraff zu entlarven hat: In den Fabriken wird geschuf- tet, was das Zeug hält; Ausländer haben die miesesten Jobs, Rechtsvorschriften werden umgangen usw. - Weiß hinterher einer mehr als vorher? Hat eine Protestveran- staltung gegen Staat und Kapital stattgefunden? Oder wird nicht vielmehr mittels der prickelnden Enthüllung über die Zustände in den Niederungen der bundesdeutschen Arbeitswelt die eigene gute Meinung über die Republik geradezu bestätigt? Wallraff selbst liefert die Interpretation dafür: "Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt - in unserer Demokratie... Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben wurden." (S. 12) Soll das wirklich die Summe aus all diesen "erschütternden" Erlebnissen sein: Das, was "Ali" hier und heute alltäglich erlebt, paßt eigentlich gar nicht zu unserem tollen Rechts- und Sozialstaat?! - Auch nur ein Schluß darauf, wie gut sich die "Auswüchse", die inkriminierten, mit der "normalen" Ausbeutung des kapitalisti- schen Fabrikalltags vertragen? Wie kommen denn die vielen Elends- gestalten zustande, die dann bei den Remmerts und Adlers für 5.-- DM die Stunde um Dreck- und Knochenarbeit anstehen? Wenn nicht durch die strikte Anwendung des hierzulande gültigen Geschäfts- prinzips im "normalen" Arbeitsleben, daß die Zahlung von Lohn und damit der Lebensunterhalt entfällt, wenn sich die Beschäftigung nicht (genÜgend) für den Profit auszahlt? Das ist doch wohl die Geschäftsgrundlage für die Leiharbeitsfirmen, die derzeit aus dem Boden schießen! Statt dessen: Tosender Beifall für ein "Verbot des Menschenhan- dels insgesamt", denn "der Mensch ist keine Ware", die "Menschenwürde unantastbar". Die ist jedenfalls wiederherge- stellt, wenn "die Menschen" m i t Arbeitsvertrag sich an der- selben Maschine mit Atemschutz ruinieren lassen, für einen Lohn, der schon dafür sorgt, daß sie am nächsten Tag ganz ohne "Menschenhändler" wieder anrücken. Es geht um "Ausnahmen", und die will man als Abweichung von der tariflichen Benutzung der Ar- beitskraft sehen. Leiharbeitsfirmen, gar noch arbeitend am Rande der Illegalität - da braucht es doch jemanden, der zumindest i d e e l l darüber wacht, wo dabei die "Menschenwürde" bleibt. Von der hat man zwar weder Gesundheit noch etwas zu fressen, da- für aber das erhebende Gefühl, gleichbehandelt zu werden - vor Recht und Gesetz. 3 An den Zuständen der normalen, gesetzlichen und tariflich gere- gelten Lohnarbeit soll sich die Lage von denen "ganz unten" bla- mieren. - Das alltägliche Elend mit gewerkschaftlich abgesicherten Über- stunden, Entlassungen und regulärer Vernutzung von "Hirn, Muskel, Nerv" wird da zum positiven Maßstab. Na klar, ein ganz normaler Manteltarifvertrag liest sich natürlich nicht so spannend wie ein Stück Erlebnisliteratur. Da steht ja z.B. auch "bloß" drin, wie- viel Dreck und Gift ("Umgebungseinflüsse" heißt das) ein Lohnar- beiter zu schlucken hat, und daß das in Ordnung geht, wenn dafür ein paar Pfennige als "Entschädigung" bezahlt werden! - Die Profit g i e r der Thyssen AG und von Leiharbeitsfirmen wird verurteilt, die man zielsicher als "Auswuchs", als Abwei- chung entdeckt. Wo bitte hört denn der anständige Unternehmer auf, der für seinen Profit (pardon: für seinen Gewinn) seine Be- legschaft knapp hält (also - betriebswirtschaftlich gesehen kor- rekt - Lohnkosten spart) und die "Kapazitätsspitzen" durch die Überarbeit der eigenen Mannschaft sowie durch zusätzliche Leihar- beiter "bewältigen" läßt? Und wo fängt der Profitgeier an, der - angeblich im Gegensatz dazu - nur noch ausbeutet?! - Moralisch wird der Rechtsstaat ins Recht gesetzt, dem man nie- mals eine solche Toleranz gegenüber den "Mißständen" zugetraut hätte, um ihn und seine Gesetzgebung erst recht als das Schutz- mittel derer von "ganz unten" einzuklagen. Na klar, wer partout den Gesetzgeber anrufen will, dem will natürlich nicht auffallen, daß haargenau der gerade ein neues "Arbeitnehmerüberlas- sungsgesetz" verabschiedet und befristete Arbeitsverträge, also das Heuern und Feuern ganz nach Geschäftsbedürfnis, ausdrücklich erlaubt hat - und so dem Leiharbeitswesen erst einen enormen Aufschwung verschafft hat. Soviel hat der Staat den Unternehmern in dieser Hinsicht erlaubt, daß er sich jetzt - nach Wallraff - geradezu wundern muß, daß immer noch Gesetzesverstöße vorkommen... - Und man selber fühlt sich ganz "gerecht" und von Wallraff "wachgerüttelt", ja "sensibilisiert", wieder einmal Elend "wahrzunehmen", wenn man es sich detailliert vorerzählen läßt. Kaum hat man die Türken, weil "ungleich" behandelt, auf die Liste der Zukurzgekommenen gesetzt, mustert man die Elendsskala durch, ob da nicht noch andere mehr A n t e i l n a h m e verdienen. Gegen Wallraff wird der "Mangel" angeführt, daß es den "ausländischen Frauen meist noch viel dreckiger geht als ihren Männern". So verrät der gerechte Mitleidswahn noch selbst, wie wenig es um Kritik "von oben" bei der Fürsorge "nach unten" geht. Ausgerechnet Anteilnahme ist es, was die benutzte Menschheit braucht! 4 Je härter die Oberen die Zeiten machen, desto stärker scheint bei den Unteren das Bedürfnis nach H e l d e n zu wachsen, die be- weisen, daß jedes Elend nicht Normalität von Geschäft und Gewalt ist, sondern ein Verstoß gegen sie, und die zugleich als Personen dafür einstehen, daß alles am g u t e n W i l l e n u n d E i n s a t z der Beteiligten hängt. Was Mutter Teresa und Karl- Heinz Böhm für die auswärtigen Abteilungen der erfolgreichsten Weltordnung sind, die es je gegeben hat - ist Günter Wallraff in- zwischen für die inneren. Und wie beim Afrika-Tag, bei dem ein Tag Mitleid, Selbstbezichtigung und ein paar Mark für die Sammel- büchse für das wohlige Gefühl sorgten, gegenüber dem Elend nicht gleichgültig zu sein, so liefert auch ein Abend mit Wallraff einen ganz aparten moralischen Ertrag. Man läßt sich erschüttern. Worüber? Hand aufs Herz: Vor allem darüber, daß hier einer ganz freiwillig das Los derer, die hierzulande am schlimmsten dran sind, 2 Jahre lang geteilt hat, bevor er mit seiner Anklage an die Öffentlichkeit getreten ist. Wenn Wallraff davon erzählt, daß e r sich eine schwere Bronchitis geholt hat und sein Lungenvolu- men in dieser Zeit von 7 auf 5,6 Liter gesunken ist - dann ist dieses Zeugnis der in diesem Lande gültigen Rücksichtslosigkeit gegen Leib und Leben kein Argument g e g e n Lohnarbeit und Staatsgewalt, sondern ein Argument f ü r Wallraff und seine Glaubwürdigkeit. Schließlich und vor allem will man in der Kennt- nisnahme des Elends einen Menschen wertschätzen, der sich persön- lich mit einer Notlage gemein macht, die er gar nicht aufgezwun- gen bekommen hat. Gefeiert und genossen wird die Güte eines Men- schen, der s i c h zum M i t t e l des Idealismus von Gleich- heit und Gerechtigkeit in der Welt der Lohnarbeit macht, den man selbst nur theoretisch pflegt. So sieht das Stück "proletarischer Öffentlichkeit" aus, das Wallraff meint, hergestellt zu haben. Auch aus den alltäglichsten Zuständen in den modernen Fabriken der sozialsten aller Marktwirtschaften läßt sich ein Stück Kultur machen, wenn man sie nur allgemein-menschlich interpretiert und seine eingebildete Verantwortung für eine saubere Republik daran austobt. Der Übergang von dieser Moral zur moralischen E r b a u u n g ist ein leichtes. Mit diesem Übergang aber ist das saubere Gemeinwesen endgültig aus dem Schneider. Bei soviel guten Demokraten können die Verhältnisse gar nicht wirklich schlecht sein! Wir sehen ein, daß eine Diskussion über den Nutzen von Wallraffs Enthüllungen, über die Schlüsse, die daraus zu ziehen wären, daß es "eben kein Glück ist, sondern ein Pech, Lohnarbeiter zu sein" (Karl Marx), und über die Ausschlachtung von "Ganz unten" durch eine Gewerkschaft, die bei Thyssen von den geschilderten "Vorkommnissen" rein gar nichts gewußt haben will und sich ande- rerseits jetzt damit brüstet, schon seit Jahren unermüdlich auf "Mißstände" dieser Art hingewiesen zu haben; wir sehen ein, daß eine solche Diskussion den Genuß an der Lesung erheblich beein- trächtigen würde. Und Fragen zur persönlichen Motivation des Au- tors und zu seiner Befindlichkeit haben wir keine. zurück