Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Der Veranstaltungskommentar
PERSONALITY SHOW IN NÜRNBERG
Wer ein ganzes Buch lang Enthüllungen über die Zustände "ganz un-
ten" serviert, tickt sowieso nicht richtig:
1. Als ob sich das achselzuckende Desinteresse an den Elendsab-
teilungen des Proletariats einem M a n g e l a n
I n f o r m a t i o n auf seiten der Macher wie der Mitmacher
verdankte, dem durch liebevoll ausgepinselte Schilderungen beizu-
kommen wäre, - und nicht der praktischen Gewißheit, daß diese
Sorte Elend sich notwendig mit einstellt, wo Lohnarbeit und Kapi-
tal herrschen.
2. An genau diesen Zuständen der normalen, gesetzlich und tarif-
lich geregelten Lohnarbeit soll sich aber die Lage von Gastar-
beitem und anderen dropouts blamieren. Die normale Lohnarbeit mit
geregelten überstunden, Entlassungen und Invalidität ist da der
positive Maßstab.
Ziemlich falsch das ganze, aber noch nicht genug.
Immerhin g i b t es ja, wie es scheint, ein "Ganz unten". Das
scheint aber nur so. Inzwischen nämlich ist Wallraffs Buch er-
schienen, und seither haben wir eine neue Zeitrechnung: die vor-
wallraffsche und die nach-wallraffsche. Und während die bundes-
deutsche Gesellschaft "v.W." ihrer Elendsabteilung wegen ein ein-
ziger Skandal war, ist sie im Jahre 1 n.W. schwer in Ordnung.
Elend, soweit es das "noch" gibt, ist mehr der Tatsache geschul-
det, daß auch Günter Wallraffs Tag nur 24 Stunden hat.
Aus dem Protokoll der "Autorenlesung" am 18.12. im Scharrergymna-
sium:
- i l l e g a l e L e i h a r b e i t e r b e i T h y s s e n?
W. hat die Rechtsansprüche geprüft und begleitet 22 zum Festein-
stellungsgesprüch.
- W o h n l ö c h e r f ü r A u s l ä n d e r? W. spendet ein
paar Millionen aus seinem Bucherlös und läßt davon "in einem
guten Wohnviertel Duisburgs" ein Wohnprojekt hinstellen; für Aus-
länder u n d Deutsche: das beseitigt Vorurteile.
- i l l e g a l e A r b e i t e r v e r l e i h e r? W. hat
einen guten Draht zur Staatsanwaltschaft; die Richter gefallen
ihm "zur Zeit sehr".
- A b s c h i e b u n g d r o h t? "Heute morgen" mit 20 Aus-
länderfamilien beim Ausländeramt Stuttgart gewesen; Amtsleiter
"hat versprochen, die Fälle bis morgen zu klären".
- auf den fragenden Einwand "und hier in Nürnberg?"? "Da kann ich
jetzt auch nichts machen; sowas müssen sie mit meinem Büro vorher
vereinbaren".
- Die Bundesausländerbeauftragte Funcke (Lilo?) klagt beim Früh-
stück mit Wallraff. W. schlägt vor, ihm ihr Büro zur Verfügung zu
stellen.
Diagnose: Größenwahn? Ja freilich, aber mit Methode. Der Einwand,
daß ein paar Wohnungen, ein paar Einstellungen, ein paar
"Klärungen" (!) im Abschiebefalle das "Ganz unten" nicht aufheben
- ganz abgesehen davon, daß sie gegen Abschiebung, Wohnungsnot,
Zeitarbeitsverträge, Überarbeit etc. sowieso nicht gerichtet sind
-, diesen Einwand befände Wallraff für k l e i n l i c h. Wer
den (regelmäßig stattfindenden) Verstoß gegen die Normalität der
Ausbeutung entdecken will und zum Skandal erklärt, bekundet
gleichzeitig, daß alles am g u t e n W i l l e n u n d
E i n s a t z der Beteiligten hängt. Also gilt ihm die Mickrig-
keit seiner "Erfolge" nicht als Widerlegung, noch fühlt er sich
beschämt: Es müßten einfach ein paar Wallraffs mehr geben,
dann... Und dafür stehen die Chancen im Jahre 1 n.W. nicht
schlecht: Außer verbohrten CSUlern - "die Ausländer Kanaken
schimpfen, aber am Aschermittwoch in Passau selbst ans Bein uri-
nieren " -, welche "die schweigende Mehrheit der Unvoreingenomme-
nen bisher (!) überschrieen" haben, sind ja alle okay.
WIR sind in Ordnung, Elend ist eine Angelegenheit des guten Wil-
lens, nur noch ein paar Blödel blamieren sich selber - diese Bot-
schaft war so recht nach dem Geschmack der zahlreich erschienenen
Freunde der politischen Kultur in unserem Lande. Zu einer Veran-
staltung "Kritik von Armut und Ausbeutung" wären sie auch gar
nicht erst hingegangen.
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