Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 14, 06.05.1980
Stelldichein in Kassel:
SOZIALISTISCHE KONFERENZ UND SOZIALE BEWEGUNG
Das vergangene Wochenende brachte die deutsche "Palaver"-Linke in
Kassel zu, um sich und der Öffentlichkeit zu bestätigen, daß es
sie noch oder jetzt erst recht gibt. Man stritt um ein angebli-
ches Verhältnis von "ökologie und Sozialismus", klapperte dabei
sämtliche "soziale Bewegungen" ab und war ihrer doch schon immer
habhaft, weil die Festredner es fertigbrachten, ihre wacklige
Gleichung Marxismus = Ökologie irgendwie zusammenzuspinnen. Wir
geben im folgenden einen ersten und letzten Eindruck unseres Kon-
ferenzberichterstatters wieder, wollen jedoch die Logik des Ge-
schehens wie seine journalistische Darstellung nicht ihm, sondern
ganz den Kasseler Verhältnissen anhängen: "Es gibt das große
Chaos."
Der Erfolg
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Noch nicht einmal zu Ende, wurde am Abend des zweiten Tages be-
reits - "janusköpfig" der Erfolg bilanziert: Obwohl einige mein-
ten, es habe noch gar nicht angefangen, - "keine einzige der vor-
getragenen Ideen wurde inhaltlich diskutiert " - stand fest:
1. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß überhaupt miteinander
diskutiert worden ist - und zwar in einer" neuen Sprache".
2. Es ist ein Riesenerfolg, wenn weiterdiskutiert wird - und zwar
auf einer weiteren, mehreren, vielen Sozialistischen Konferenzen.
3. Das Problem des Verhältnisses zwischen Ökologie und Sozialis-
mus ist überhaupt keines - "ich kann zwischen beiden überhaupt
keinen Gegensatz erblichen". Oder: "Man mußte Ökologie und Mar-
xismus zusammenbringen."
4. Der Begriff der "sozialen Bewegung" ist ein allgemeinverbind-
lich anerkannter - was sich in der Gesellschaft bewegt, ist
"sozial" und damit ein "Arbeitsfeld" für Sozialisten.
Höhepunkt des Abends. Der Promotor der Veranstaltung, der Herr
mit dem Schillerkragen, eilt zum Mikrophon und verkündet das
Thema des nächsten Things: "Eine Frage, die uns alle und auch
mich persönlich interessiert, die Frage der Frauenemanzipation,
der sind wir Sozialisten bislang noch nicht gewachsen." Zwischen-
ruf: "Das sollen die Frauen allein machen!" Antwort: "Nein, das
machen wir alle zusammen, so wie wir hier sind."
Wie es dazu kam
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Freitag, 17 Uhr, Plenum: Ein Warenästhet erweist sich als wahrer
Ästhet, "unsere Sprache ist eine Sprache der Endzeit, eine Unter-
gangssprache, sie ist ein Notschrei." Der Herr, der dies gesagt,
wollte weg von einem "bloß theoretischen Intellektualismus" und
plädiert für die "Hinwendung zur alternativen Kultur." Noch ganz
befangen im Endzeitjargon, schweißt er die "ökologische Problema-
tik mit der Arbeiterbewegung - wie zwei Magnetfelder - zusammen",
indem er einen Sprachkurs abhält: wer "international" sagt, muß
sich nicht schämen, wenn er die "Einheit der ökologischen Welt"
meint. Und "planmäßig" muß nicht die abstoßende Assoziation zu
"Planwirtschaft" von drüben hervorrufen, wenn man sich mit dieser
Wortschöpfung an den Vöglein im Walde orientiert: "Nur die Ökolo-
gie kann planmäßig verfahren." Alles in allem ein gelungener Bei-
trag zur Sprachkultur, der den Marxisten-Leninisten den gebühren-
den Respekt vor den Wald- und Wiesenfreunden in den Mund legt und
den letzteren die Chance gibt, nicht jeden ML-er ächten zu müs-
sen, wenn er den Mund aufmacht. Wer sich braucht, weiß auch wie:
Alle träumen von Einheit".
Samstag, 14 Uhr: "Ökologie und soziale Bewegung": Vor Eröffnung
der Rednerliste erteilt die Versammlungsleitung einem Behinderten
das Wort. Was er sagt, ist nicht zu verstehen. Kommt auch nicht
drauf an: der Redner trägt seine Behinderung als Argument vor.
Das muß schließlich reichen. - Die Diskussionsleitung blickt be-
treten-tolerant-demonstrativ nicht-mitleidig ins Publikum. Am
Ende des Beitrags der offizielle Kommentar: "Auch die Behinderten
sind Teil der sozialen Bewegung, um die wir uns kümmern müssen.
Allerdings können wir das im Rahmen dieser Diskussion nicht tun.
Würde jemand diesem Genossen auf seinen Platz zurückhelfen." Ende
der Show.
Man kümmert sich natürlich einen Dreck um das Problem dieses
Krüppels, den man sich vorführen läßt; aber man läßt ihn vorfüh-
ren. Dem Protagonisten des makabren Schauspiels wird die perfide
Anteilnahme zuteil, eine neue "soziale Bewegung" vorstellig ge-
macht zu haben, die man auch noch mitnehmen kann. Daß e r
selbst sich nicht koordiniert bewegen kann, macht ihn gerade zum
Objekt seiner Koordination in der versammelten Bewegung. Gerade
weil man ihn nicht verstehen kann, versteht es sich von selbst,
daß ihm das solidarische Verständnis gebührt.
Samstag, 14.30-17 Uhr, "Ökologie und soziale Bewegungen": Die
linken Gruppen sind aufgerufen zur Handwerksmesse ihrer Ansätze
und Arbeitszusammenhänge. Die vom Publikum erwartete Sichtung der
Konkursmasse findet statt. Der Mut der Darsteller zum Exhibitio-
nismus ist erstaunlich. SOST: "Wir müssen überzogene Ansprüche
verschiedener sozialer Gruppen zurückweisen." Welcher und welche
sagt er nicht. Dafür räumt er ein, daß die Bischoff-Gruppe mit
ihrem alten Anspruch, "Das Kapital" gelesen zu haben, manchen
überzogenen Anspruch vorgetragen hat. Das will sie nicht wieder
tun.
Z-Fraktion (Ex-KB): "Wir stehen in dem Ruf, keine soziale Bewe-
gung ausgelassen zu haben. Das gibt er prompt zu. Will's weiter
tun.
KB: In deutlicher Abgrenzung zur Zentrumsfraktion: "Wir haben uns
bei sozialen Bewegungen engagiert. Das hat Folgen gehabt: Sie ha-
ben sich auch bei uns engagiert." Einfach zu dumm: Da entdeckt
man in den Schwulen Sozialisten und die, statt dankbar zu sein,
wollen den ganzen KB schwul machen, ganz zu schweigen von den Le-
der-, Sado-, Maso- und anderen Chisten.
TLD: Peinlicherweise entschlüpfte ausgerechnet einem Trotzkisten
auf dieser Sozialistischen Konferenz der einzige sozialistische
Satz: "Die Ökologie ist eine reaktionäre Weltanschauung." Das
hätte er besser nicht sagen sollen. Die Versammlungsleitung fand
das ausgesprochen "gruppenegoistisch", wies aber in ihrem bereits
oben erwähnten Altruismus darauf hin, daß man über den Trotzki-
Mann nicht lachen sollte, weil viele der Anwesenden noch vor Jah-
resfrist das gleiche gesagt hätten. Weil das keiner auf sich sit-
zen lassen wollte, wurde trotzdem gelacht.
Samstag, 14-17 Uhr, "Ökologie und Marxismus": Ein älterer Sozio-
loge aus Berlin, der für die Linke sprach, weil er wie fast alle
den Eintrittspreis von DM 10 gezahlt hatte, ging gleich in medias
res, d.h. zur Maschinerie. Im Gegensatz zum Marxismus, war diesem
Sozio-Ökologen gleich aufgefallen, daß selbige erheblich groß,
der Mensch daher eher klein aussieht, womit auch schon die
"Unterwerfung des Subjekts" unter den Dampfhammer beklagt wäre.
Ohne genauere Maße zu nennen, stellte er die Kernkraftwerke als
solche Despoten der Menschheit bloß. Weniger hatte er dabei die
Tatsache im Auge, daß die rentable Produktion von Strom in sol-
chen Geräten potentielle Leichen zur Geschäftsgundlage erklären
darf. Vielmehr entrostete er sich, wenn auch ein bißchen gekün-
stelt, Über den unseligen Umstand, der hier für's "Wasser heiß
machen" angestellt wird: Physiker für Kernspaltung, Ingenieure
für Turbinen, Werkschutz für Bauzäune und Anwälte für Rechtsgut-
achten - da weiß ja die Linke nicht, was die Rechte tut und wel-
cher Gerichtsvollzieher würde aus diesem "zentralisierten" Chaos
nicht entfremdet heraustorkeln. Dieser Schlag gegen den Marxismus
saß. Ein anwesender Marxist, der den KBW maßgeblich mitaufgebaut
hatte, bis er von ihm als unmaßgeblich wieder abgebaut wurde,
wollte nichts auf der Konferenz sitzen lassen. Im Vollbesitz sei-
ner geistigen Kräfte und einer profunden Kenntnis der chinesi-
schen Kapitalausgabe, zitierte er das Kapital, Band 1, Zweite
Auflage, deutsche Fassung, Kapitel 13: Maschine nix böse, Kapital
ist schuld. Den Co-Referenten für's "Wasser heiß machen" wollte
er damit allerdings auch nicht brüskieren. Daher die eigenwillige
Schlußfolgerung: Kampf gegen das Kapital und alternative Träume
von dezentralisierten Werkzeugen und Bioäpfel-Plantagen vertragen
sich bestens. Steht schon wieder bei Marx: "Auch der Bio-Apfel
muß durch die Lohnform hindurch." Da diesmal die chinesische Ka-
pitalausgabe auf die deutsche schöpferisch angewandt ward, hier
die Übersetzung: Ohne Peseten keinen Bio-Apfel und ohne Alterna-
tiv-Plantagen sind die Peseten auch für die Katz. Einheit, Sieg
und Tusch.
Warum es dazu kam
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Ein Mann, der schon im alten SDS einer der ältesten war, hatte
die Veranstaltung mit folgendem ewig-jungen Motto zusammengefaßt:
"Wir wären ja verrückt, wenn wir links wären, ohne den Eindruck
zu haben, daß wir historisch recht haben."
Weil niemand so verrückt sein wollte, waren alle historisch im
Recht, und darum links. über die Historie freilich wurde disku-
tiert:
"Die soziale Bewegung ist an uns vorbeigegangen. Das war ein
tiefgreifender Grund für uns zur Selbstkritik."
Resultat:
"An uns wird keine soziale Bewegung mehr vorbeigehen. Selbstkri-
tisch werden wir ihr nachweisen, daß s i e links ist, und wir
erst recht und nur dann, wenn wir sowie sie sind."
"Wir haben unsere Schwierigkeiten, die Ökologie einzuschätzen,
weil wir ein verschiedenes Sozialismusbild haben. W e l c h e r
Sozialismus hat denn bei uns in der BRD überhaupt noch eine
Chance?"
Die Antwort liegt auf der Hand: Das Sozialismusbild, das in der
BRD eine Chance hat. Im Konflikt zwischen dem Sozialismus und
seinem chancenreichen Bild hat jener sich diesem anzupassen:
"Wir wollen nicht mehr die dogmatischen Fehler der Vergangenheit
wiederholen. Wir müssen uns auf die Gewerkschaften beziehen. Im-
merhin hat der DGB 8 Millionen Mitglieder."
Die katholische Kirche 30 Millionen: das Bild wird sich doch auch
noch zum Sozialismus hin historisch retuschieren lassen.
Einer, der so auftrat, als kandidiere er für die Wahl ins Zen-
tralkommitee ("Rudi, du sollst hier nicht gewählt werden!"):
"W i r befinden uns hier in einer Umbruchsituation. Die ganze
Gesellschaft befindet sich in einer Umbruchsituation."
Beweis: die Linke bricht um, warum nicht auch gerade deswegen die
Gesellschaft, wo doch die Geschichte nach dem zwingenden Eindruck
der Linken auf ihrer Seite miteinbricht.
Eine Stimme der Kritik wurde doch noch laut. Ein Ex-Kommunist von
der Lahn:
"Ich werde doch kritisch anmerken wollen dürfen, daß der Kommu-
nikationsprozeß durch die späte Verwendung des Readers gefährdet
worden ist."
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