Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...


       zurück

       

ANTWORT AUF JENS SCHEER

Werter Genosse Scheer, die Anrede "Genosse" wählen wir diesmal, weil wir gemerkt haben, daß Du die in unserem offenen Brief publizierte Kritik an Deinen hochschul- und allgemeinpolitischen Vorstellungen gleich so auf- gefaßt hast, wir wollten Dir an Deiner kommunistischen Ehre flic- ken. Das war und ist wirklich nicht unser Problem, also sei Dir der "Genosse" geschenkt. Deshalb wollen wir Dir auch nicht in der Manier antworten, die Du in Deiner von der GBAL verbreiteten Re- plik auf uns gewählt hast: Wen soll denn das Vorzeigen von Kärt- chen aus dem reichen Klassikerzitatezettelkasten - den Du Dir of- fenbar aus früheren Zeiten vorsorglich aufbewahrt hast - denn bitte von was überzeugen? Zumal, wenn es sich um so erhellende Weisheiten wie die eines "Jussip Wissarionowitsch" handelt, "daß zwar Praxis blind sei, wenn nicht Theorie ihren Pfad beleuchte, aber auch Theorie leer, die nicht auf verändernde Praxis zielt". Das Erstaunliche freilich ist: Du verwendest diese und ähnliche dumme Sinnsprüche aus dem revisionistischen Poesiealbum noch nicht einmal ironisch, sondern bist offenbar vollständig davon überzeugt, Gewichtiges mitgeteilt zu haben, wenn Du das mehr oder weniger grünbewegte Publikum mit mehr oder weniger markigen Phra- sen bei bester Stimmung hältst. Klar, daß Dir da der Applaus si- cher ist: Wenn sie als Beitrag zur moralischen Aufrüstung der di- versen "sozialen Bewegungen" kenntlich sind, sind sogar Parolen gut gelitten, die das kritische Publikum ansonsten für reichlich antiquiert hält. Dir scheint es jedenfalls zu gefallen, in aller Gutmütigkeit das radikale Maskottchen zu spielen - für eine Bewe- gung, die auf die von Dir abgelehnten "rosa-grünlichen Auswegs- vorschläge" wesentlich stärker orientiert ist, als Du Dir das je- mals eingestehen wirst. Wir kommen später noch einmal auf diesen Punkt zurück. Zunächst - um wieder Dich zu zitieren "noch mal ganz ruhig und ganz von vorn". Du schreibst: "Mein Ziel ist der Kommunismus, den K.M. als vollendeten Natura- lismus = Humanismus, als vollendeten Humanismus = Naturalismus, die wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen und der Natur und dem Menschen; jene Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung, die freie Assoziation der Produzenten, deren Nexus nicht mehr die Ware ist." bezeichnet und meinst ganz offensichtlich, daß man - unter uns - diese Ziel- setzung als gebont abhaken könnte, bloß weil der junge Marx so ähnliches Zeug in seine "ökonomisch-philosophischen Manuskripte" hineingeschrieben hat. Da müssen wir Dich enttäuschen. Erstens haben wir nichts dafür übrig, sich auf Autoritäten (auch nicht die des "Alten") zu berufen, und halten uns lieber an die Devise: Wo er recht hat, hat er recht, und wo nicht, da ist eine Kritik an ihm kein Sakrileg. Zweitens - und das ist das Entscheidende - ist die von Dir referierte Passage nicht ohne Grund eine von denen, die jeder bürgerliche Moralist lässig unterschreiben kann: Wer wäre denn nicht für eine "Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung"? Vor allem, wenn unter "Ausbeutung" die ebenso billige wie falsche Phrase verstanden wird, daß "der Mensch" mit "d e r Natur" und "d e m Menschen" in "Widerstreit" liege. Da- gegen in aller Kürze: D e n Menschen gibt es als biologischen Sachverhalt. Bei allem, was darüber hinausgeht, ist die einheits- stiftende Kategorie "der Mensch" fehl am Platz. Was es gibt, sind sehr gegensätzliche soziale Charaktere, von denen die eine Abtei- lung - dank staatlicher Gewalt und streng unter staatlicher Auf- sicht - Natur u n d Arbeiter, die andere Abteilung "Mensch" eben, als Mittel der privaten Reichtumsvermehrung benutzt. Und daß beim Vollzug dieses gewaltsam abgesicherten Benutzungsver- hältnisses zusätzlich zu dem direkten Verschleiß des menschlichen Ausbeutungsmaterials (worüber sich ja heutzutage ohnehin kaum mehr einer aufregt, seit grün die Modefarbe geworden ist!) auch noch die Natur als L e b e n s m i t t e l unbrauchbar gemacht wird, ist kein Grund dafür, "die Natur" als selbständiges Subjekt aufzufassen, das vor dem Zugriff d e s Menschen in Schutz zu nehmen sei. Anders gesagt: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man eine Produktionsweise bekämpfen will, die "die Springquel- len des Reichtums, die Erde und die Arbeiter, untergräbt" (der alte Marx übrigens), oder ob man die "soziale Revolution" als "Treppe zur möglichen Naturallianz" (wir wissen schon: Bloch) be- stimmt. Ersteres ergreift - gegen die kapitalistische Verschande- lung der Natur - Partei dafür, daß einem die Natur als Lebens- und Genußmittel zur Verfügung stehen sollte; letzteres ist ein philosophisches Harmonieprogramm zwischen zwei erfundenen ab- strakten Subjekten. Und eben deshalb ist es bei allen Bundesprä- sidenten und Päpsten auch ausgesprochen hoch im Kurs! Von daher, werter Genosse Scheer: uns trennt keineswegs die Frage, "wie mensch dahinkommt" - wir wollen da gar nicht hin! Was die "Rolle der Wissenschaft" betrifft, so können wir uns ei- gentlich nur wiederholen: Als Erkenntnis der Naturgesetze ist die Wissenschaft nützliches Instrument für jedes, also für die je- weils maßgeblichen Interessen - und das sind in unserer BRD nun mal die von Geschäft und Gewalt; und als Geistes- und Gesell- schaftswissenschaft beweist sie ihren affirmativen Charakter durch die Produktion von lauter Theoriegebäuden, welche die Welt des Kapitals mit dem Schein von Begründetheit und Sachnotwendig- keit versehen. Das ist die Leistung der modernen Wissenschaft, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Du freilich willst partout behaupten, daß ausgerechnet von den ideologischen Ergüssen der Wissenschaft der praktische Gehorsam der benutzten Menschheit a b h i n g e - ganz im Sinne von Gramscis "ideologischer Hege- monie der Borgies", wie Du uns insidermäßig zu verstehen gibst. Wir entnehmen Deiner Replik, daß Du Dir die Sache ungefähr so vorstellst: Die Ideologen kommen daher und erzählen "dem gemeynen Mann und der gemeynen Frau", daß "die Welt weder zu verstehen noch zu verändern" sei. Gemeynes Mann/Frau glaubt's und läßt d e s h a l b von den "Veränderungen" ab, die sie ohne die Bele- bungen durch die bourgeoisen Herrschaftswissenschaftler womöglich für dringend angebracht gehalten hätten. So daß der "Kampf um die Köpfe", den der fortschrittliche Wissenschaftler aufzunehmen bat, Deiner Auffassung nach darin bestehen muß, für die "Hereinnahme" der "Lebens- und Klassenrealität", also die richtigen Informatio- nen, zu sorgen, auf daß dann die "Betroffenen" nach der Versiche- rung, daß die Welt sehr wohl veränderbar sei, ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. Zu dieser Vorstellung ein paar Ein- wände: Erstens: Es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn die "Herrschaft der Bourgeoisie" resp. die Loyalität der "Betroffenen" vor allem auf dem Einfluß der Theoriegebäude bürgerlicher Wissenschaft be- ruhen würde - da müßte die Bourgeoisie ganz schön zittern, wenn sie in den spinnösen Problemgemälden z.B. eines Habermas ihre schärfste Waffe hätte. "Vernebelt" werden dadurch allenfalls die Köpfe derer, die sich mit der Aneignung dieses Quarks in aller Freiheit für die Welt der gehobenen Berufe qualifizieren. Zwei- tens: Es fehlt beileibe nicht an "Informationen" über die "Lebens- und Klassenrealität" in diesem unserem Lande. Nicht ein- mal die Schädlichkeit und Gefährlichkeit von AKW's der Nachweis dessen war in der Tat eine Zeit lang die Domäne kritischer Natur- wissenschaftler - wird heutzutage von den zuständigen Stellen ge- leugnet. Bloß: Was daraus folgt, ist mit dieser Information ge- rade nicht entschieden. Die hierzulande maßgebliche Schlußfolge- rung lautet, daß die Atomkraft zu den "zumutbaren Lebensrisiken" zu zählen ist, solange es für diese Form der Energiegewinnung noch keinen "Ersatz" gibt, der die ökonomischen und politischen Belange der Republik ganauso zufrieden stellt. Und daß zweitens solange eben die berühmte deutsche Reaktorsicherheit weiter auszubauen ist und die Verstrahlung von Land und Leuten mit staatlich kontrollierten Grenzwerten über die Bühne zu gehen hat. Den "Betroffenen" jedenfalls, von denen Du immer meinst, ihnen würde die Auskunft, wie es um sie und ihre Gesundheit bestellt ist, vorenthalten, ist diese Logik bis zum Erbrechen vorgeführt worden - und sie haben sie sich einleuchten lassen! Dies im übrigen deshalb, weil sie sich an den Fehler gewöhnt haben, sich die materielle Abhängigkeit, in die sie Staat und Kapital versetzt haben, als die Chance zurechtzulegen, aus der eben das "Beste" zu machen ist. Die "Betroffenen" sind nämlich keineswegs hilflose Geschöpfe, die man verständnistriefend auf ihre Betroffenheit hinweisen müßte, sondern s e l b s t b e w u ß t e Untertanen, die man schon ein bißchen kritisieren muß, wenn man sie dazu bewegen will, die bundesdeutsche (Atom-)Republik zum Kippen zu bringen. Drittens: Wir wissen schon, daß uns vor allem diese letzte Bemer- kung wieder einen "Verdacht" deinerseits eintragen wird. Den "Verdacht" nämlich, daß unser "totales Unverständnis" gegenüber Deiner Perspektive - die "Experten" hätten sich "tendenziell überflüssig zu machen, weil sie sonst antiemanzipatorisch werden" - nur von dem innigen Wunsch unsererseits zeugt, "selbst auch mal als Experte und Durchblicker den Leuten im Nacken zu sitzen". Lieber J. S., wir vermögen in der Tat nicht einzusehen, was dage- gen sprechen soll, wenn einer - auf welchem Gebiet auch immer - seinen Wissensvorsprung dadurch h i n f ä l l i g macht, daß er das, was er weiß, anderen mitteilt. Was bitte hat das mit "im Nacken sitzen" zu tun? Ein Vorschlag: Überprüf doch bitte mal, warum die absurde Gleichsetzung von Wissen und Herrschaft in der bürgerlichen Welt dermaßen durchgesetzt ist. Wir können Dir sa- gen, warum: Weil im demokratischen Kapitalismus die durch das Ausbildungswesen hergestellten Unterschiede im Wissen zum Argu- ment dafür gemacht werden, die Menschheit auseinanderzusortieren: in schlechtbezahlte "Handarbeiter" einerseits, die sich den durch die moderne Maschinerie diktierten Leistungsvorgaben anzupassen haben, und in gutbezahlte "Kopfarbeiter" andererseits, die den Einsatz der arbeitenden Menschheit kommandieren, verwalten oder betreuen. Deshalb, also weil über den Wissensunterschied ganz an- dere "Unterschiede" hergestellt werden, denkt der bürgerliche Kopf bei Wissen immer gleich an Macht! Übrigens: Als unser "Namensgeber" von der "Trennung von Kopf und Hand" sprach, hatte er d i e s e n Gegensatz im Auge - und nicht etwas derart Läp- pisches wie, daß einer mehr als der andere weiß. Abschließend noch eine Bemerkungen zu dem ewigen Geschmarre, wir vernachlässigten den "subjektiven Faktor" - oder, wie Du Dich wiederum in genauer Kenntnis links-philosophischer Theoreme aus- drückst, wir stünden Althussers Idee vom "subjektlosen Prozeß" nahe. Danke für den umwerfenden Tip, daß der Kommunismus ohne Subjekte, die für ihn kämpfen, nicht zu machen ist. Aber so banal hast Du das natürlich nicht gemeint - da könnte man uns, die wir uns immerzu mit allerlei mündlichen und schriftlichen Angeboten an den "subjektiven Faktor" wenden, ja auch schwerlich was vor- werfen. Was Du uns ankreidest, ist, daß wir mit unserem angebli- chen "Leugnen des subjektiven Faktors" "zur Entmutigung der Men- schen und damit zur Stabilisierung der herrschenden Verhältnisse" beitragen. Du meinst also, die Darstellung von ein paar Wahrhei- ten über die Fortschritte des bundesdeutschen Imperialismus nach innen und außen und eine ungeschminkte Bestandsaufnahme über den Stand des "Kräfteverhältnisses" sei schädlich. Für wen oder was denn bitte? Unsere Antwort: Einzig für die bodenlose und gern ge- pflegte linke Einbildung, wonach der Gegner schwer in der Krise und die "Bewegung" - trotz aller eingestandenen "Niederlagen" - insgesamt gesehen auf dem Vormarsch ist. Für Leute also, die auf den Selbstbetrug, um ihre Mission stünde es im Grunde gar nicht schlecht, deshalb so scharf sind, weil sie sonst ja alles für "sinnlos" halten müßten. Logo: D a v o r schützt eine hoff- nungsfrohe "Perspektive", sonst nützt sie aber zu überhaupt nichts. Und noch eins: Besonders pervers ist dieses Programm des Optimismus zur Pflege des "subjektiven Faktors" deshalb, weil es ausschließlich von Leuten vertreten wird, die sich selbst für viel "bewußter" halten als die breite Bewegung - Du sagst ja auch, daß Du von den "rosa-grünlichen Auswegsvorschlägen", denen der "subjektive Faktor" derzeit mehrheitlich anhängt, selber nichts hältst. Siehst Du, das ist der Unterschied zwischen uns: Wir k r i t i s i e r e n die Hausfrau, die sich angesichts von "Atomkatastrophe" und Atomprogramm danach erkundigt, welchen Sa- lat sie ihren Kindern noch geben darf. Du gibst ihr widerwillig "als Experte" Auskunft und v e r e i n n a h m s t sie eben als "Betroffene" - im Geiste für Deine fiktive große Anti-AKW-Ein- heit. Dieses berechnende Verhältnis zum "subjektiven Faktor" ist uns nicht nur zuwider, wir wissen auch, daß diese Tour nichts nützt, weil sie die Leute (wider besseres Wissen?) im Unklaren läßt über den Gegner und die Mittel, wie er zu bekämpfen ist. Übrigens: Wenn Du zur Fahrtüchtigkeit Deines Motorrads das glei- che fahrlässig optimistische Verhältnis einnimmst, verzichten wir dankend auf die angebotene "Rundfahrt". zurück