Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...


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WAS LINKE SICH VON DER UDSSR ERHOFFEN, IST DEN RUSSEN NICHT ZU WÜNSCHEN!

Gorbatschow verkündet eine Kritik an der Sowjetunion und das Vor- haben, einiges umzugestalten - schon ist auch Linken hierzulande eines völlig klar: das m u ß t e so kommen, bei dem System. Die Sowjetunion soll sich in einem desolaten Zustand befinden, so daß ihrer Führung gar nichts anderes übrig bleiben soll, als alles umzukrempeln: "Daß sich das Wirtschaftssystem der UdSSR in einer Dauerkrise be- findet, ist ja wohl allgemein bekannt." "Es kommt zur Katastro- phe, wenn es so weitergeht und keine komplette Umgestaltung ge- schieht." Dieses Krisengemälde mag mit Belegen aus Gorbatschows Reden über Ausschußproduktion angereichert werden oder sich zu einer "ökonomisch-moralisch-geistig-kulturell-politischen Deformation" hochsteigern - an dem, w a s in der UdSSR aus welchem Grund um- gestaltet werden soll, zeigt sich diese "Analyse" ausdrücklich desinteressiert. Mit dem Krisenbild und dem daraus abgeleiteten Zwang zur Reform ist die Erkundigung nach dem ökonomischen und politischen Inhalt sowjetischer Politik und ihrer Reformvorhaben abgehakt. Entsprechend begriffslos werden die Vorhaben von Pe- restroika und Glasnost zusammengefaßt: aus der Überzeugung, "daß es so nicht weitergehen kann", ergibt sich wie von selbst, daß "alles umgestaltet werden muß". Dabei äußern sich alle "skeptisch" und drücken so die Gewißheit aus, daß es in der UdSSR um etwas anderes als die Erfüllung ihrer Maßstäbe geht, ohne des- wegen die sowjetischen Reformvorhaben einer Prüfung unterziehen zu wollen. Im Gegenteil. Gestützt auf die ebenso inhaltsleere Diagnose wie lächerliche Handlungsanleitung geben Linke ihre - von Gorbatschow angeblich endlich eingesehenen - Rezepte zum Be- sten; geben also auch hier wiederum weniger Auskunft über Vor- gänge in der Sowjetunion, als vielmehr darüber, welche Ziele Linke heutzutage für erstrebenswert halten. Und wenn sich die UdSSR daran blamiert, ist es ihnen recht. Einig sind sie sich darüber, daß vor allem Der Plan -------- nicht gutgehen kann. Unbekümmert darum, was und wie in der So- wjetunion geplant wird, steht das Urteil mit dem Vorwurf "zentral" fest. Darf man nachfragen, was Planung, also der be- wußte und zweckmäßige Einsatz der Mittel der Produktion - mit wer? und wo?, und "alles läuft über Moskau" - zu schaffen haben soll? Wem 'gegen' geplante 'Produktion' ausgerechnet der Einwand einfällt, "daß die Leute besser wissen, was für Schuhe sie haben wollen", kann noch nicht einmal auseinander halten, daß Feststel- lung eines Bedarfs und seine Befriedigung durch eine entsprechend geplante Erzeugung der Produkte nun wirklich zwei Paar Schuhe sind. So als wäre umgekehrt "autonome" Bedarfsfeststellung so et- was ähnliches wie eine Gewähr für seine Erfüllung. So wundert es auch nicht, daß für diesen Befund der Plan das eine Mal für die Verhinderung der Versorgung verantwortlich gemacht wird, das andere Mal wegen der entwickelten Versorgung von dieser überholt sein soll: Einerseits kommt durch ihn die vielbeschwo- rene Krise zustande, so daß die Russen "noch nicht einmal den Le- bensstandard erzielen, der uns im Westen selbstverständlich ist" (noch nie bemerkt, daß das Zeug in den Kaufhäusern noch längst nicht in den Wohnungen ist?); andererseits "blockiert" die Pla- nung die fortgeschrittene Entwicklung des Lebensstandards: "Kritiker und Reformer sprechen heute deutlich aus, daß zentrale Planung überhaupt den Steuererfordernissen der entwickelten so- wjetischen Wirtschaft nicht angemessen sein kann. Ist doch für die Menschen und die Gesellschaft in der UdSSR ein Individuali- täts- und Entwicklungsstand (wie ist der nur plötzlich hinter dem Rücken der Zentrale zustandgekommen?) erreicht worden, dem die wirtschaftlichen Strukturen und die Methoden ihrer Lenkung schon längst nicht mehr entsprechen, ja sie sogar blockieren." Wieso nun gerade "hochentwickelt" und "geplant" nicht zusammen- passen sollen, bleibt unerfindlich - genauso, ob die vielgeprie- sene "Autonomie" als Gegenmodell vorstellig machen soll, da stelle sich alles wie von selber ein? Die völlige Absehung vom ökonomischen Zweck und Inhalt sowjetischer wie kapitalistischer Ökonomie unter dem Terminus "hochentwickelte Wirtschaft" macht allerdings deutlich, daß es sich bei der Gleichsetzung von Plan mit zentraler Befehlsgewalt contra "Verantwortung von unten" überhaupt nicht um einen ökonomischen Befund handelt. Zu Proto- koll gegeben wird ein Bild von politischer Herrschaft - vornehm "Steuerungssystem" - welches das M i t m a c h e n der Leute für die Herrschaft schätzt und gleich auch noch für einen Produk- tionsfaktor hält. Wie sonst soll man die Gleichung "Autonomie" gleich "Verantwortung von unten" - für was wohl? - verstehen?! "Offenheit, Realitätsnähe, Kritik, Verlagerung von Verantwortung nach unten, Flexibilität, Konkurrenz, Arbeitsdisziplin, Ausbil- dung, Qualitätsbewußtsein jedes arbeitenden Menschen, Selbstbe- wußtsein, angemessener Lohn und größere individuelle Freiheit. Das alles sind nicht nur Werte, die das Leben in der Gesellschaft erstrebenswert, oder zumindest erträglich machen, sondern für jede entwickelte industrielle Volkswirtschaft auch unverzichtbare Produktionsfaktoren." Ein offene Auskunft über den Maßstab der Neuerungen, die man der Sowjetunion zur Nachahmung empfiehlt: Der Nutzen - pardon "Wert" - der Volkswirtschaft für einen selbst besteht im Dienst, den man für sie erbringt. Das Lob der Werte als Produktionsfaktoren ist allerdings ein Schwindel. Es wird so getan, als gingen die Erfolge der hiesigen Volkswirtschaft auf den Leuten zugestandene Freiheiten zurück. Von daher will man M e t h o d e n des Kapitals von 'Arbeitsdisziplin bis Flexibilität' nicht mehr von politischen Phrasen wie 'Offenheit bis Verantwortung' unterscheiden. Der fle- xible Umgang des Kapitals mit den Arbeitern als Mittel der kapi- talistischen Produktion - "ein unverzichtbarer Produktionsfaktor" für die UdSSR? Daß von den Arbeitern verlangt wird, sich dieser Kalkulation mit ihnen zu fügen also anzutreten, wenn der Betrieb sie für lohnend befindet; zu dem Lohn, den dieser für angemessen hält und mit der Arbeitsdisziplin, die ihm gleich mit der Ein- richtung des Arbeitsplatzes vorgeschrieben wird (weswegen auf seine Verantwortung getrost verzichtet werden kann) - eine Emp- fehlung? Was schert Linke die ökonomische Realität des Kapitalis- mus. Zwar hängt der Erfolg des Kapitals nicht, von der Ei- geninitiative ab, sondern vom, Eigentum an für die Produktion nö- tigem Reichtum, wodurch die Eigentumslosen zum Dienst an der Ver- mehrung dieses Reichtums gezwungen sind; aber unter schönfärbe- rischen Titeln wie Eigeninitiative, Kreativität und Autonomie mö- gen Linke diesen Erfolg der SU gerne als Methode zur glücklichen Motivierung der Massen anraten. Dabei wollen sie auf den Schein nicht verzichten, hiesige Produktionsmethoden dienten dem Men- schen am besten und dies fände zum Nutzen beider Seiten statt. So ökonomisch haltlos die Devise "Autonomie und Selbstverwaltung" für den Kapitalismus wie grundsätzlich ist - als wäre die Parole: selber machen! ein ausgezeichnetes Produktionsmittel wie Machine und Rohstoffe -, so einleuchtend scheint sie Leuten zu sein, die unter diesem Titel die A n s t r e n g u n g s b e r e i t- s c h a f t der Leute fürs große Ganze schätzen, welche sie - unter dem Titel 'Freiwilligkeit'- zu 'der Produktivkraft erklä- ren: "Durch ökonomische Parameter muß vorgegeben werden, daß der Be- trieb selber verantwortlich ist. Die Leute müssen aus eigener Er- fahrung lernen, sich gesellschaftlich zu engagieren, auch sich für ihre eigenen Bedürfnisse gesellschaftlich zu engagieren." Einleuchtend erscheint das nur jemandem, der weniger auf dem Standpunkt der Errichtung einer Produktion zum Nutzen der Leute steht, als vielmehr diesen Nutzen mit dem Engagement für die Ge- sellschaft gleichsetzt. "Ökonomische Parameter" - also sachge- setzlich wirkende Zwänge und Abhängigkeiten sollen dies wie von selbst erreichen. Dann gilt aber auch als "eigenes Bedürfnis" eine gänzlich unmaterialistische Angelegenheit: die selbstverant- wortete Erfüllung von Anforderungen. So lautet denn auch der gän- gige Vorwurf, die Sowjetunion würde Demokratie nur für eine effektivere Wirtschaft ---------------------------------------------- einführen: "Alle Reformvorschläge Gorbatschows sind Mittel zur Modernisie- rung der sowjetischen Wirtschaft. So geht es bei der Wahl der Be- triebsleiter nicht eigentlich um betriebliche Selbstbestimmung." Und was soll daran schlecht sein? Das käme doch ganz auf den Zweck der Wirtschaft an: ob diese ihr Maß in der Herstellung von Produkten zur Bedürfnisbefriedigung mit möglichst rationell ein- gesetztem und geringem Arbeitsaufwand hat oder im ökonomischen Erfolg einer Nation, für den die Leute eingespannt werden. Wer das nicht prüfen will, erklärt den Materialismus der Leute und dessen Befriedigung zu einer prinzipiell unwichtigen Angelegen- heit. Nur unter dieser Voraussetzung wird die Demokratie zu einem Wert an sich, der durch die Inanspruchnahme für die Verbesserung der Wirtschaft beschmutzt würde. Bloß, wer hat denn die So- wjetunion daran blamieren wollen, daß sie wirtschaftlich in der Krise sei, weil sie einfach nicht effektiv sei?! Eine Blamage, die vom Vergleich mit dem Kapitalismus lebt und zwar desinteres- siert darin, worin dessen vorbildliche Effektivität besteht - vorbildlich in Sachen Ausbeutung? Und jetzt, wo die Sowjetunion angeblich zugibt, was man schon immer an ihr kritisiert hat, lau- tet der Vorwurf, sie wolle bloß eine effektivere Wirtschaft, also keine Demokratie! Als Aufforderung zur Stärkung der UdSSR war die Kritik der Ineffektivität eben nie gedacht. Im Gegenteil. Der So- wjetunion geht es nur um sich - womit klar sein soll, daß es des- wegen mit ihrer Demokratisierung nicht weit her sein kann. Dieses Verdikt lebt eben auch linkerseits von einem sehr prinzipien- treuen Vorurteil: daß sie es einem hiesigen Demokraten einfach nicht recht machen kann, weil sie das andere System ist. zurück