Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 13, 27.05.1981
Der Veranstaltungskommentar
2 LINKSINTELEKTUELLE
Der MSB Spartakus nebst Bündnispartner (GEW), ständigem Begleiter
(SHB) und Metamorphose (Fachschaft Soziologie) veranstaltet in
diesem Semester rege Bildungsarbeit im Rahmen zweier Vortragsrei-
hen und mit akademischer Prominenz aus dem Fortschrittslager. Am
14. Mai referierte Herr Prof. Dr. Urs Jaeggi (Westberlin) vor an-
fangs noch 200 Interessenten in der Großen Aula zum Thema "Zwei
Kulturen: Intellektuelle und Arbeiter". Jaeggis "Klassenanalyse
der Intelligenz" enthielt zwei Bestimmungen, von denen die eine -
Geistestätige stammen meistens nicht von Arbeitern ab - mit der
Sache nichts zu tun hat, die andere - daß von Kopfarbeit Lebende
hauptsächlich denken - tautologisch ist und den zu klärenden Be-
griff eher verunklart, weil beharrlich von dem abgesehen wird,
w a s und w o z u da gedacht wird. D a s Problem, mit dem
sich Jaeggi herumschlägt, ist somit ein sehr persönliches: E r
will einig sein mit den Arbeitern, was aber aus dem Grunde gar
nicht gehen soll, weil diese Arbeiter sind und er was anderes.
Der ganze Vortrag erschöpfte sich so in der Illustrierung der
privaten Dilemmata eines arbeiterfreundlichen Intellektuellen
"quer durch Kontinente, quer durch theoretische Ansätze", gar-
niert mit "tragischen Intellektuellenschicksalen" (und der Erör-
terung des vorgegebenen Themas an so obskuren Beispielen wie
"Taubenzüchtervereinen" (verdienen Anerkennung, weil da Arbeiter
drin sind!) und "sozialistischen Arbeitersportvereinen" (echte
Alternative zum bürgerlichen Leistungssport)). Wo Arbeiter sind,
dahin und daran muß sich ein Intellektueller orientieren; was sie
machen für gut zu interpretieren, weil sie mitmachen - das ist
die andere Seite des Intellektuellenproblems. Keine Frage, daß
die Alternativbewegung nicht unbedingt in die Lücke springen
kann, falls es keine Arbeiterkultur gäbe. Zwar läßt sich mit ihr
"zärtliche Kultur entwickeln", aber solange keine Arbeiter ... In
dieser linksintellektuellen Nabelschau fiel auch der Diskussions-
beitrag eines "Angehörigen der bundesdeutschen Notregierung"
nicht weiter auf, und die Penetranz einer Frau, die Jaeggi in die
Patriarchatsecke beförderte weil er 15 Männer aber keine Frau zi-
tiert hatte, paßte sogar gut ins geistige Ambiente. Jaeggi: zer-
knirscht: "Man ertappt sich immer wieder dabei, obwohl ich doch
kein Chauvi sein will!"
Die Woche drauf dann Prof. Dr. Frank Deppe (Marburg) vor anfangs
noch 50 Zuhörern, die sich gemeinsam mit dem Referenten anschlie-
ßend in eine nahegelegene Gaststätte zurückzogen über
"Berufsverbot und Wissenschaftsfreiheit". Dieser Dozent strickte
weiter am linksintellektuellen Standpunkt zu einer (eigenen) Welt
aus gutem Willen und Vorstellung(skraft), log sich eine macht-
volle Anti-Berufsverbotsbewegung zurecht, entdeckte gar im alter-
nativen Konjunkturgutachten linker Ökonomen verteidigenswerte Po-
sitionen für den Klassenkampf und empfahl in der Wissenschaft
sinngemäß einen "revolutionären Pluralismus", wie ein Diskutant,
sicherlich "verkürzt", aber voll zutreffend, zusammenfaßte. Den
e x i s t i e r e n d e n Pluralismus kritisiert ein Linksintel-
lektueller dadurch, daß er ihm die "fehlende" Anerkennung des ei-
genen Standpunkts vorhält, und die bürgerliche Wissenschaft
"kritisiert', er mit dem Aufruf, "jeden Fußbreit Bodens" für
alternative Positionen im R a h m e n d e s
P l u r a l i s m u s zu verteidigen. Wenn man so dem Pluralis-
mus und der Wissenschaftsfreiheit mit i h r e n I d e a l e n
kommt, erweist sich die Gegnerschaft zum Berufsverbot als welt-
fremder Idealismus.
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