Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 20, 01.07.1980
"Krieg und Frieden" im Hackfeld-Haus
LINKER FRIEDENSKAMPF FÜR DIE VORKRIEGSZEIT
Die Organisatoren der Veranstaltung zum "6. Mai und danach" hat-
ten sich einige Geschäftsordnungsregeln ausgedacht, nachdem sie
bemerkt hatten, daß die Stuhlreihen nicht von eindeutigen Frie-
denskämpfern besetzt waren. Frau v. FREYHOLD gab ihrer Besorgnis
über den ordnungsgemäßen Ablauf der Veranstaltung mit dem Hinweis
Ausdruck, es gehe nicht um irgendein Thema, sondern um den Frie-
den und damit um "das Überleben von uns allen." Die inhaltliche
Weiche war gestellt: unterhalb eines Bekenntnisses zum Frie-
denseinsatz ging in der Debatte nichts. Daß die Sache damit doch
nicht ihre Ordnung hatte, lag daran, daß ein Großteil der Zuhörer
dem Freyholdschen Aufruf nichts abgewinnen konnte.
Der imperialistische Krieg - ein Irrtum?
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Für die Referenten auf dem Podium gestaltete sich getreu dem obi-
gen Motto die Abteilung "Krieg" einfach. Die Angehörigen der di-
versen Komitees wollten von den Gründen, die die imperialistische
Friedenspolitik für den Krieg schafft, nichts wissen. Es gab nur
eine einzige Frage, die die Gemüter erregte: ist die Sowjetunion
eine Friedensmacht oder nicht? Und nur von dieser Frage her woll-
ten die Diskutanten ein Urteil über die imperialistischen Staaten
gefällt wissen. Gemeinsam akzeptierten sie die bürgerliche Lüge,
der Grund für Militär und Aufrüstung, gegebenenfalls auch für
einen Krieg, seitens des Westens liege in der Sowjetunion und ih-
ren Verbündeten -- um dieser Lüge dann ihre eigene Variante hin-
zuzudichten.
Jörg HUFFSCHMID als Vertreter des Komitees "für Frieden, Abrü-
stung und Zusammenarbeit" filmte als einziges kritisches Urteil
über den Imperialismus der USA und ihrer Partner: die Sowjetunion
biete keinen Anlaß für imperialistische Kriegsvorbereitung. Das
ganze Material, das sich in regelmäßigen Abständen der SPIEGEL
von Profis des Kriegsgeschäfts zusammentragen läßt, um die
Kriegsgefahr aus dem Osten und die Notwendigkeit der westlichen
Verteidigungsbereitschaft zu belegen, ließ Huffschmidt auffahren
-- zu dem entgegengesetzten Schluß, die Sowjetunion könne und
wolle gar nicht die Imperialisten bedrohen. Das zeige sich schon
daran, daß die Sowjetunion schon seit ihrer Gründung nichts mehr
im Sinn gehabt habe als Initiativen für den Frieden. Warum erei-
fern sich eigentlich die DKPler so sehr mit der Beteuerung, die
Sowjetunion wolle und könne auf gar keinen Fall in die BRD ein-
marschieren? Was wäre denn aus der Sicht eines westdeutschen Re-
visionisten so Schlimmes daran, wenn die Rote Armee hierzulande
den Kapitalismus wegputzen und den russischen Sozialismus einfüh-
ren würde?
Wahrscheinlich ist Huffschmid und Konsorten der nationale Frieden
so sehr ans Herz gewachsen, daß sie sich ihn noch nicht einmal
vom großen sozialistischen Vorbild wegnehmen lassen wollen.
Bei der Reinwaschung der Weltfriedensmacht kam der imperialisti-
sche Block gut weg: wenn die Sowjetunion nicht der Grund für die
westliche Kriegsvorbereitung sein kann, dann muß der Grund entwe-
der in der Verrücktheit der demokratischen Politiker oder darin
liegen, daß die Rüstungskonzerne den Regierungen den Kriegsgedan-
ken aufzwingen. Von der Tatsache, daß unsere Politiker durchaus
im Vollbesitz ihrer Sinne, und demokratisch legitimiert dazu, zu
Staatszwecken Panzer und Raketen bei ihren Kapitalisten in Auf-
trag geben, war am Freitagabend nichts zu hören.
Die Behauptung, daß Kriege von Idioten und Profitgeiern gemacht
werden, wollten die Vertreter des Komitees für "Demokratie und
Sozialismus" nicht entgegentreten. Nur eines hielten sie, unter
Bezug auf dasselbe Datenmaterial, der Hufschmid-Fraktion entge-
gen: die Sowjetunion sei in Wirklichkeit keine Friedensmacht.
Und wieder stand der Imperialismus gut da - schafft nicht der
Osten Anlässe für die Rechtfertigung der westlichen Kriegsvorbe-
reitung?
Zwei Konklusionen waren am Ende der Abteilung "Krieg" klar.
Grundlos ist er, aber eine böse Sache, weil 1. willkürlich und 2.
durch's Profitstreben hervorgerufen und 3. eben eine Gefährdung
des "Überlebens". So hatten die Diskutanten ohne ein einziges Ar-
gument drei gute Gründe an der Hand, f ü r den Zustand ohne
Krieg, den Frieden eben, zu sein. Es hätte nicht des organisato-
rischen Hinweises bedurft,
genügend Zeit für "praktische Konsequenzen" zu reservieren. Zu
e i n e r Konsequenz drängte es alle Redner, zur
k ä m p f e r i s c h e n Ausgestaltung des Friedens.
Volksbewaffnung zum Friedenskampf
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Auch hier herrschte wieder Einigkeit in den Grundzügen. Es waren
nicht einfach Pazifisten zusammengekommen, die den Frieden für
ein wertvolles Gut der Menschheit hielten und an die Verantwor-
tung der Politiker appellierten. Das einhellige Motto des Abends
war, j e d e s Moment des politischen Kampfes als einen Beitrag
zum Frieden auszugestalten.
Das eine Komitee brauchte dazu nur die Parole "Bildung rauf, Rü-
stung runter" (vgl. Huffschmid-Artikel) auszuwalzen, um bei dem
Schluß zu landen, der Friedenskampf sei identisch mit dem Einsatz
für ein sinnvolles Studium.
Die Verrücktheiten des anderen Komitees gingen noch einen Schritt
weiter: Ralf FÜCKS entdeckte in der Entspannungspolitik der 60er
Jahre eine gute Seite, sie hatte nämlich innenpolitisch Raum ge-
schafft für Reformen und damit auch eine günstige Bedingung abge-
geben für die Linke. Daraufhin grub er die alte Lüge wieder aus,
eine demokratische Armee sei dafür da, die Staatskritiker im ei-
genen Lande niederzuhalten, setzte Kriegsvorbereitung ineins mit
"Repression" und bastelte aus dem ganzen Aufruf, sich für Jugend-
heime und ähnliches stark zu machen: Reformen als Beitrag gegen
den Krieg.
Der Wahnsinn, mit dem revisionistische Vereine unisono die Revo-
lution als Friedensinitiative anpreisen, und überhaupt nur noch
so eine Kritik des Kapitalismus gelten lassen wollen, fand am
Freitag seinen logischen Endpunkt. Denn konstruktiv gaben sich
die Redner nicht nur in Sachen Jugendheime und Umstellung der
Rüstungsproduktion, sie gaben sich auch konstruktiv in Sachen Ar-
mee.
"Als Alternative der Friedensbewegung ergibt sich: Weitgehende
(!) Auflösung der kasernierten Bundeswehr - bis auf eine kleine
Schutztruppe gegen Grenzübergriffe - und Umstellung auf ein Kon-
zept der zivilen Verteidigung. Damit ist gemeint: die Bewaffnung
der Bevölkerung mit leichten Abwehrwaffen und Vorbereitung auf
guerilla-ähnliche Aktionen, die fremden Truppen den Aufenthalt in
der BRD unmöglich machen." (TAZ und sinngemäß das Komitee für De-
mokratie und soziaus im Hackfeld-Haus)
Was soll man solchen Leuten noch erzählen? Daß sie sich täuschen,
wenn sie im C h a r a k t e r der Bundeswehr den Grund für
einen Krieg sehen? Daß sich doch die d e u t s c h e
N a t i o n eine Armee hält, weil ihre geschäftsträchtige Frie-
denspolitik und Völkerfreundschaft alle Gründe für ein Ab-
schlachten fremder Völker erzeugt und keineswegs umgekehrt mit
dem Krieg kalkuliert wird, nur weil es ein M i l i t ä r auf
deutschem Boden gibt? Daß die BRD ohne Bundeswehrmacht nicht aus-
kommt, ist ja wohl ein Argument gegen die schönste deutsche
D e m o k r a t i e seit '49, keinesfalls einen für die Demokra-
tisierung den M i l i t ä r s. Aber wer sein B i l d von ei-
ner schönen demokratischen Herrschaft lieb hat, der ist auch re-
alistisch in Sachen Gewalt. Er möchte sie schließlich benutzen.
Was braucht also das Volk, wenn seine gewählten Politiker ihm
wie" der mit dem Krieg kommen? Antwort der Linken: Gewehre, aber
nicht in Kasernen und ansonsten unter Verschluß, bis alle mit ih-
nen dem Vaterland bis in den Tod die Treue halten dürfen. Jetzt,
hier und heute jedem Bremer seine Knarre. Das dürfte nach unserer
Kenntnis der deutschen Bevölkerung und ihrer Stellung zu Linken
und Kommunisten den letzteren gar nicht gut bekommen. Aber dem
Wahnsinn von einer Gewalt im Dienste des Volkes ist Genüge getan.
Ausgerechnet die Linken schüren die hartnäckigste Ideologie des
Volkes, mit dem es sich leichten Herzens für die Bundeswehr aus-
spricht. Brauchen wir sie nicht zu unser aller Sicherheit und
Verteidigung? So fragt sich jemand, der einfach nicht glauben
will, daß die BRD mit ihrer Bundeswehr erst alle Gründe in die
Welt setzt, die ihre Anwendung im Ernstfall nötig machen. Schuld
sind dann wie immer die Politiker der ausländischen Staaten und
der eigene verteidigt ja nur die goldene Freiheit gegen die Rus-
sen. Genauso denkt die Linke heute öffentlich vor, mit dem klei-
nen Unterschied, daß die Bürger mit dieser Ideologie sich nicht
einfach auf ihre Politiker verlassen, sondern gleich aktiv zur
Sache gehen sollen, jeder mit seinem Karabiner im Kleiderschrank.
Auch eine Sorte von "Volksverhetzung", die man sonst so gerne bei
den Berufspolitkern wittert, nur daß Linke hier die Verrücktheit
zuwege bringen, aus der Kriegsangst der Bevölkerung politisches
Kapital für eine alternative Kriegführung zu schlagen. Alternativ
ist dieser Wahnsinnsgedanke nur darin, daß er eine dem Volk nütz-
liche Gewalt angesichts seiner Vernichtung im dritten Weltkrieg
bebildern will.
Alternativ ist auch das Angebot, daß die Friedenskämpfer der ar-
beitenden Menschheit machen:
Preissteigerungen, Rationalisierung, Spätschicht und Atomkraft-
werke, florierender Außenhandel und lohnende Investitionen - und
zuhause im Schrank Guerilla-Uniform und leichte Knarre, für den
Fall, daß fremde Truppen ihren Aufenthalt in der BRD dafür
hernehmen, uns alle diese Segnungen des Kapitalismus wegzunehmen.
Es war also eine gewaltige Sache, die am Freitagabend in der ver-
murnelten Bremer Linken verteidigt und propagiert wurden.
Was wunder, daß die einzige Empörung, die Fücks, Huffschmid und
ihre Mannschaften an den Tag legten, nicht den praktischen Ausge-
staltungen von Frieden und Krieg durch demokratische Politiker
galten, sondern allein den Ausführungen der MG-Redner, die nichts
anderes als die Gründe nannten, die demokratische Politiker an
Krieg denken läßt, und die Gründe, die linke Menschen zum Einsatz
an der Friedenswaffe treibt. Michaela v. Freyhold hatte schon
recht mit ihrem Hinweis, die Geschäftsordnung sei eine Frage des
Inhalts. So wurde sie auch gehandhabt: wer am 6. Mai nicht für
die Freunde des Friedens war, hat auch am 27. Juni nichts verlo-
ren, wer nicht für den Frieden sein will, soll über ihn das Maul
halten. Daß es nicht still blieb, lag am Interesse derer, die mit
ihren Beiträgen und mit dem Verlassen der Veranstaltung eine ein-
deutige Haltung zum Friedenskampf an den Tag legten:
Schluß damit.
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