Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 109, 14.01.1985
Treibsand 35: Kleiner antikritischer Knigge (Forts. aus BHZ 108)
WIE MAN DIE LINKEN ANPINKELT, OHNE DEN HOSENSTALL ZU ÖFFNEN!
Dritter und letzter versuch, literarischer natur:
"Versuch über eine Dialektik zwischen Schweinebraten und Imperia-
lismus - oder: Kann der Zweifel sich noch organisieren?"
(Treibsand 35, 8 f)
1
Wie alle großen Bölls wollen auch Bernd und Dirk partout das
"Unaussprechliche aussprechen" - und halten ihre Sprachlosigkeit
volle vier Seiten durch.
"Worüber schreiben? über die Lage? Unsere Köpfe sind wie Stein.
Es will nicht fließen. Die Lage selbst ist wie Stein... Es
scheint, man könne nur noch Steine aneinanderreihen, um sie dann
aufzuhäufen."
Wir verlassen den Steinbruch vorzeitig, weil der geneigte Leser
die Botschaft verstanden hat: hier stellen sich vortreffliche
Menschen vor. Sie haben es nicht nur schwer, sondern machen es
sich auch nicht leicht. Erst türmen sie Stein auf Stein; sodann
verbreiten sie sich mit Sprachlosigkeit darüber, daß ihre
Bauklötze nicht fließen.
2
Gesteigert wird dieses erbauliche Leiden nur noch dadurch, daß
der Weg der Kritik versperrt ist, auf den sich Bernd und Dirk oh-
nehin nie verlaufen wollten:
"Das mit den Kapitalinteressen ist eine Binsenweisheit - leeres
Wort - mit großer Trägheit ewig wiederholt, gewendet, angelegt an
die Wirklichkeit, ließ es sich theoretisch nicht widerlegen, aber
es ist in der Praxis schon lange gescheitert."
Die Kritik des Kapitals ist also in der Praxis gescheitert.
Warum? - 'Das will doch niemand!', beteuern die beiden Dichter
ihre Unschuld, 'das sieht man doch an uns!', möchte der verstän-
dige Leser ihren Gedanken sinngemäß fortsetzen.
3
Diese Deutung verstößt weder gegen Geist noch Buchstaben des Wer-
kes. Die jungen Autoren versichern glaubhaft, daß sich kritische
Vorstellungen immer weniger auszahlen:
"Dem können nicht die alten Werte von Chancengleichheit etc. pp.
entgegengestellt werden. In der Wirklichkeit finden sich dafür
keine Träger. Denn Chancengleichheit war schon immer gebunden an
den florierenden Sozialstaat, an die Aussicht auf Beamtenposten."
Keine Träger? Nicht einmal sicheres Geld gibt es heute vom Staat
für Kritik? Muß man denn alles selber machen? Die Vorliebe für
Kritik ist offenbar umweltbedingt. Wohl deswegen ist in ihr ange-
legt, daß sie früher oder später auch wieder einmal scheitert.
4
So wird man eben ohne die Sprüche von der Chancengleicheit Leh-
rer. Glaubwürdige Rebellen bezichtigen sich von nun an aufrich-
tig, warum sie gar nicht anders konnten, als von ihrem Pfad abzu-
kommen.
"Das eigene Scheitern und seine Mittelmäßigkeit immer gegenwär-
tig, will man nicht mehr in das Diffuse, in das Unbekannte tre-
ten. Von der Transzendenz abgeschnitten, verkam Dialektik zur sy-
stemimmanenten Logik. Alles ist eingeebnet. Denken als über-
schreiten, oft beschworen, seit langem nicht mehr praktiziert."
P r a k t i s c h haben solche Leute am braven Studien- und Be-
rufsleben nichts auszusetzen. Dergleichen ist gescheitert, weil
es nie beabsichtigt war. Mit dem Eintritt in die Karriere stellt
sich das Bedürfnis nach dem Austritt ein. Statt der beklagten
schlechten Welt, wollen solche Leute sich verändern: im Kopf,
versteht sich, sucht man die Transzendenz und seine Vorstellungen
vom besseren Leben auf. Diese radikale Absage an die systemimma-
nente Logik bietet den Vorteil, daß ansonsten alles beim Alten
bleiben kann.
"Wenn irgend möglich, so zu bleiben wie man ist, damit könnten
wir uns schon abfinden, hätten wir den Eindruck das Leben hätte
einen anderen Ort gefunden."
Jetzt reimt sich alles: Kritik, die nirgends aneckt - damit kann
man sich im Leben wie im alternativen Müsli-Café gleichermaßen
sehen lassen. In der Mitte des Lebens ist dieser Charakter zum
Studienrat mit Jeansanzug gereift.
5
Bliebe da nicht ein alles entscheidendes Haar in der Suppe: die
Linken, die immer noch Kritik mit begründetem Einwand und prakti-
scher Tat verwechseln:
"Wie kann ein Zweifel noch Chancen haben, sich zu formulieren, wo
alles getan wird, ihn zu bewältigen, in Stabilität aufzulösen?
Eine Marxistische Gruppe ist da nur ein spezielles Phänomen der
Bewältigung von Zweifel und der Erbauung."
Zweifel muß man p f l e g e n, nicht ausräumen oder begründen.
Sonst kann man sich an ihnen ja nicht seinen täglichen morali-
schen Bruch heben, an dem sich gute Menschen erbauen. Mit vorzüg-
licher Hochachtung blicken sie auf ihre frei gewählte Doppelbela-
stung, ohne Doppelverdiener zu sein: sie machen nicht nur alles
mit, sondern haben auch an allem Zweifel. Mein Gott, wie hält man
das bloß aus?
6
Davon können sich Linke gar keine Scheibe abschneiden, weil sie
Un-Menschen sind:
"Wörtermaschine werden ist Zweck dieser Organisation (der MG).
Sie macht die Worte gleich durch Ent-lebendigung, Ent-menschli-
chung. Das Wort ist Feder, Zahnrad, Transistor in der Logik-Ma-
schine. Das Wort ist so Panzer gegen die Wirklichkeit, nur da, um
die Maschine in Bewegung zu halten. "
Daß Kritiker erfolglos sind, zitieren nicht nur arrivierte Psy-
chologen gern. So läßt sich die Sinn- und Grundlosigkeit von de-
ren Tun erhärten, die längst vorher feststeht: für die gewünsch-
ten Scheine und Beamtenposten macht dergleichen ja wirklich kei-
nen Sinn. So kommt es, daß manche Menschen Maschinen sind - auch
wenn die Metapher der sich zwecklos in sich selbst bewegenden Ma-
schine ohne einen Anschlag auf Ingenieurwissenschaft und Logik
nicht zu haben ist. Das Wort ist Feder? Schon die Gabe der
U n t e r s c h e i d u n g fehlt dieser Logik. Das Wort ist
Zahnrad? So muß es wohl sein, weil von Feder die
A s s o z i a t i o n auf den harten Panzer versagen würde. Wie
sich aber Feder, Zahnrad und Transistor in einer Maschine ausneh-
men, davon wollen wir hier schweigen.
7
Die Botschaft hören wir auch so:
"Und wer die Worte beherrscht, beherrscht die Wirklichkeit -
Elend, Krieg werden gebannt im Satz, so fühlt man/frau sich frei
im Hier und Jetzt, nach dem Motto: Wenn die Welt schon schlecht
ist, soll es uns doch wenigstens gut gehen."
Hier halten wir betroffen inne und wünschen uns zum ersten Mal:
ach hätten Bernd und Dirk doch recht! Wenn die Erklärung von Ar-
mut und Reichtum in der Wirklichkeit des Kapitals auch schon ihre
Beherrschung wäre, dann würde der Stein des Anstoßes längst nicht
mehr existieren. Nun aber fassen wir uns wieder, weil so die Sa-
che nicht gemeint war. Die beiden Geistesriesen sind nämlich Ge-
mütsmenschen. Erkärungen mögen richtig oder falsch sein, ein Feh-
ler sind sie per se für unsere Dichter. Dergleichen betrügt ihnen
zufolge nämlich aufrechte Menschen um das einzig wahre Wohl-
befinden, sich an ihrer zur Schau gestellten E m p f i n d-
s a m k e i t für die Schlechtigkeit dieser Welt zu erbauen.
Antworten haßt dieser Standpunkt wie die Pest. Sie würden ja dem
selbstquälerischen Getue des Zweifelns und Verzweifelns Abbruch
tun und aus wäre der Spaß, für den man von seinen Mitmenschen
moralische Hochachtung verlangt.
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So wird fröhlich weiter empfunden und gelitten. Ach ja, worunter
eigentlich?
"Was uns stört, ist, daß 50 Leute in den Seminaren sitzen, dort
die Langeweile ertragen, verharren im Sich-nichts-zusagen-ha-
ben..."
So ereilt die alternative Lebensweise ihre Urheber: unter dem Ge-
klapper der Stricknadeln verstummt das menschliche Wort. Was nur
wäre aus ihm geworden, gäbe es nicht immer wieder die Bernds und
Dirks, die das Unsagbare sagen, obwohl die Scheine erst in drei
Wochen ausgestellt werden?
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