Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 9, 14.01.1980
Rudi Dutschke gestorben, Leiche gefleddert:
DIE GEIER VOR DER GRUBE
Mittelose Leichen beerben im allgemeinen nur Mediziner. Ausnahmen
gibt es dort, wo es sich um Leichen mit Reputation handelt, die
sich ideell beerben lassen. Da finden sich dann Geier aller cou-
leur ein, alles "Freunde" selbstverständlich, die an dem Toten
berumzerren, um noch einen möglichst großen Brocken abzubekommen
- sprich: um vor aller Welt klarzustellen, daß der Verblichene
schon immer, vom Anfang bis zu seinem unglücklichen Ende, voll
und ganz einer der ihren gewesen sei: "Wir sind die wahren Erben
und Sachwalter von Rudis Ideen", schallte es aus der Trauerge-
meinde.
Bei Rudi Dutschke begann die Balgerei um die Leiche bereits, kaum
daß gestorben war. "Dänische Freunde" wollten ihn in Dänischer
Erde, "Bremer Freunde" in grüner Bremer Erde und die alten
"Berliner Freunde" wollten ihn natürlich in Berliner Erde vergra-
ben, weil sie immerhin schon mit seinem Blut getränkt sei
(Attentat!). Letzlich haben die Frontstädtler dann gesiegt, die
höhere Macht als Bündnispartner im Gerangel einsetzen konnten,
nämlich den "lieben Herrgott" mit seiner antifaschistischen St.
Annenkirche und die DDR-Organe, die den Familienmitgliedern von
"drüben" die Einreise in den Westteil Berlins erlaubten.
Die Exzesse gemeiner Leichenfledderei fanden dann bei den Trauer-
feierlichkeiten in Berlin ihren Höhepunkt:
Die pfäffischen Geier:
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"Rudi, der Nachfolger unseres (neuen?) Herrn!"
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Ganze Kübel pfäffiwh Salbaderei goß der Gollwitzer, sein
"väterlicher Freund", über den Toten aus: Rudi Dutschke sei auch
und noch Christ gewesen, der Christentum (immer noch: den Glauben
an eine jenseitige Macht, der mit dem Elend des Diesseits versöh-
nen soll) und Sozialimus (immer noch: die Abschaffung der dies-
seitigen Macht, um Elend zu beseitigen) zusammenbringen wollte,
der den Zusammenhmg von "ursprünglichem Christentum und einem So-
zialismus, der es gut meint mit den Menschen", gesehen habe. Und
mit der zweiten Übersetzung -"Gott heiße auf deutsch: der es gut
mit uns meint" -, hatte der Pfaffe auch schon seine Botschaft an
den Mann gebracht. Ungeniert hat der Prediger vor der Grube Re-
klame für seinen eigenen Verein gemacht und der Trauergemeinde
unter die Weste gejubelt - unter ihrem Beifall! -, daß, wer für
Rudi und die APO "es gut meint", und wer es gut meint, für Gott
ist, und schließlich überhaupt Rudi und Jesus Christus so ziem-
lich dasselbe sind: als Verkörperung der Selbstlosigkeit war
Dutschke "damit ein Nachfolger unseres Herrn." (im katholischen
Lager der Glaubensbrüder hätte das glatt die missio canoni geko-
stet: Rudi von Springer-Schergen abgeballert gekreuzigt, dann
wieder auferstanden und auf seinem langen Marsch durch die Insti-
tutionen endlich von uns gegangen und in die höchste aller Insti-
tutionen aufgenommen!).
Von oben bis unten pfäffisch eingeseift ist Rudi Dutschke jetzt
auch noch im Kindgottesdienst und Konfirmandenunterricht gut zu
verwenden.
Die Psycho-Geier: "Rudi, ein Ausbund an Harter Ich-Stärke!"
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Die ersten Kapitel seines sicherlich bald in einem linken Verlag
erscheinenden Werkes "Wie ich Rudi wieder zum Sprechen brachte",
führte dar Psychologe Thomas Ehleiter, ehemals katholischer
Pfaffe, dar ergriffenen Trauergemeinde vor. Kaum, daß der Rudi
nach dem Attentat überhaupt wieder einen Gedanken fassen konnte,
fielen ihm schon Sachen wie "konkrete Utopie" und so Zeug ein,
die er auch viel eher artikulieren konnte als "Erdbeeren" und
"Gabel".
Warum erzählt der Ehleiter das? Den tieferen Sinn dieser Ge-
schichtchen aus Rudis Genesungsprozeß entschlüsselt der Mann der
anwesenden Festgemeinde mit dar folgenden Anekdote: beim ersten
Leseversuch der 11. Feuerbachthese ("Die Philosophen haben die
Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, s i e
zu verändern") habe - Ehleiter -
"sein Schüler statt 'sie' 'sich' buchstabiert und damit deutlich
gemacht, wie stark schon in dies frühen Rekonvalenzstadium seine
S e l b s t kritik wieder entwickelt gewesen sei."
Spontan Applaus durch die Trauergemeinde! Alles klaro für den
Psycho-Heini! "Konkrete Utopien", also du Spinnen an Phantasiege-
bilden im eigenen Kopf, statt handfest Irdisch-Materielles, soll
seinem Schüler beim Wiedererlernen der Sprache eingefallen sein,
weil sein ganzer Charakter schon immer danach drängte, den Blöd-
sinn des Psychologen zu leben: die Bewältigung widriger Lebensum-
stände - so sein Dogma - ist weniger eine Sache ihrer Veränderung
als vielmehr eine Sache des Rummachens an der eigenen Wenigkeit.
Die alten APO-Geier: "Rudi, der moralisierende Blödmann!"
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Bernd Rabehl, "einem der führenden Köpfe (!) der außerplamentari-
schen Opposition", gelang es beispielhaft, den Nekrolog zu einer
einzigen Eloge auf die "führenden Köpfe" zu gestalten, zu denen
Rudi nicht gehörte, er, Rabehl, aber ganz besonders; wovon sein
Auftritt selbst auch Zeugnis ablegen sollte.
Rudi sei ein "rigoroser Moralist" gewesen, neben den "Köpfen" so-
zusagen das "Herz" der Bewegung und natürlich das Mundwerk. Al-
lein hätte man also den Rudi nie auf die Menschheit loslassen
dürfen. Dazu war er viel zu blöd. "Er war ein Handelnder" (!).
Wie gut, daß es daneben immer noch solche "Köpfe" wie den Rabehl
gab, die für den nötigen theoretischen Durchblick sorgten und zu
denen Rudi auch immer kommen konnte, wenn er mal wieder von Zwei-
feln geplagt war. Der
"als fanatisch verschrieene Revoluzzer habe sich zuallererst
selbst hinterfragt. Immer zweifelnd - statt, wie es schien skru-
pellos - und ständig darauf bedacht, daß die Nachvollzugsmög-
lichkeiten das von ihm geforderten B e w u ß t s e i n s u m-
s c h w u n g s (vgl. die Neufassung der 11. Feuerbachthese!)
nicht allein zu s c h i e r e r Agitation entartete." (Frank-
furter Rundschau, 5.1.)
Ja, ja, immer mußte man ihn bremsen, damit es nicht zu "schier"
wurde. Kurz und gut: Was Rudi war, das war er durch seine Freunde
aus der APO, die alle Mühe hatten, ihn mit seinen beschränkten
Talenten (Herz, Maul und sportlich war auch) richtig einzusetzen.
Rudi ist tot. Aber es leben ja wenigstens noch solche Köpfe wie
Rabehl u.a.
So wurde der Rudi postum zur Schnecke gemacht. Rabehls "brillant
formulierter" Leichenschmaus war die hinterfotzige, weil als lo-
bende Ehrung vorgetragene Verachtung seines ehemaligen Konkurren-
ten in den APO-Zirkeln, ohne daß er auch nur einen Satz Rudi
Dutschkes kritisiert hätte.
Aber darum ging es bei der ganzen Veranstaltung ja auch wirklich
nicht!
PS 1: Übrigens hat HABERMAS in der ZEIT herausgefunden, daß Rudi
Dutschke ein konsequenter Habermasianer gewesen ist:
"Inspiriert habe Dutschke der Gedanke einer radikal-demokrati-
schen, nicht-instrumentellen, einer auf kommunikativ verflüssigte
Formen der Organisation amgewiesene Politik, die zugleich bedeu-
tete, daß sich eine Lebensform ändere."
Die JUSOS haben herausgefunden, daß er ein JUSO war, weil er sich
"für die Freiheitsrechte in Ost und West" eingesetzt habe.
TSCHECHISCHE EXILSOZIALISTEN haben gleich gemerkt, daß er zu ih-
nen gehörte, weil
"ihn die Teilung der Welt in Blöcke nicht daran hindern konnte zu
erkennen, daß für die Menschen nur eine Welt existiert."
Die FDP hat zum Ausdruck gebracht, daß er als Verstorbener auch
in ihren Reihen Platz gefunden hätte, weil er ein "theoretisch
fundierter Politiker gewesen" war.
Und für welches Schulbuch sich das gebrauchen läßt, was die
FRANKFURTER RUNDSCHAU aus ihm macht, wenn sie schreibt, daß da
ein
"deutscher, mitunter geradezu schwärmerisch vaterländischer So-
zialist zum Vorschein kam, dem die nationale Frage 'als Schlüs-
sel' am Herzen lag" (FR, 27.12.) kann sich jeder selbst überle-
gen.
PS 2: Eine Kritik dessen, was Rudi Dutschke gedacht und getan hat
- für uns im übrigen die einzige Form, den Verstorbenen zu
würdigen findet sich in der neuen MSZ Nr. 33
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