Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 48, 12.01.1982
Prof. Albers'
EURONATIONALISMUS
Es verheißt nichts Gutes, wenn sich Professor Detlev ALBERS in
seinem Artikel "Ostwind-Westwind in Europa" (Argument, Heft 129)
wie ein kleiner Weltgeist über die Ereignisse in Polen stellt und
dort die Geschichte höchstpersönlich am Walten sieht:
"Was aber drückt sich darin letztlich anderes aus, als eben das
Unerhörte der polnischen Erfahrung selbst, ihres Vorstoßens zu
neuen Horizonten diesmal (!) sozialistischer Gesellschaftsent-
wicklung, die in der Geschichte nun einmal seit eh und Je nicht
anders denn krimt geboren werden?"
Diese schwülstige Weltbetrachtung eines Linken ist nicht einfach
eine stilistische Entgleisung. Sie macht auch schon den ganzen
Inhalt der Kommentare aus, die einem linksgeschulten Geist zu Po-
len einfällt - vor und nach dem 13. Dezember 1981. Mehr will ihm
an Polen nicht auffallen, als d a ß sich dort ungeheuer viel
verändert, noch dazu getragen von den Polen selbst - kurz: daß
ein ganzes Volk ausfahrendes Organ der linken Geschichtsteleolo-
gie ist, wonach es immer vorwärts geht in der Welt, so daß alles
Neue gut ist und nicht schlecht (in modernen Zeiten heißt dieser
Abklatsch eines historischen Materialismus auch "dynamischer Wan-
del"). Diesem, nicht sozialistischen, sondern soziologischen
Blick in die Welt verdankt sich das zweifelhafte Kompliment an
die Adresse dir Polen, eine "Erneuerung" zustandegebracht zu ha-
ben; ihm verdanken sich die Krokodilstränen, die jetzt darüber
vergossen werden, daß ein "Experiment" wie das polnische so jäh
unterbrochen wurde (von wem stammt eigentlich die Versuchsanord-
nung, woher kommen die Versuchskaninchen?)
Ein moderner deutscher Sozialist mit soziologischer Grundausbil-
dung ist einerseits sehr erhaben, über den Standpunkt, die Vor-
gänge in Polen an ihren materiellen Resultaten zu beurteilen;
nicht weniger desinteressiert ist er an den wirklichen Akteuren
des polnischen Schauspiels.
Der Inhalt der Care-Pakete, die ein deutscher Linker nach Polen
schickt, ist ziemlich billig und gleicht aufs Haar denen, die
jahrelang an Befreiungsbewegungen überall auf dem Globus ge-
schickt wurden, solange die "Erneuerung" in Angola, Zimbabwe usw.
linkes Wohlwollen fand. 1981 sind eben die Polen dran. Albers
sieht sie als Träger "großer, geschichtsmäßiger Veränderungspro-
zesse", die, wie er klugscheißerisch hinzufügt, nun einmal "seit
eh und je" nicht ohne Krach vonstatten gehen. Krach hin oder her
- die Polen leben und sterben für höhere Zwecke.
Was ist denn schon eine warme Bude gegen einen "neuen Horizont",
was eine Flasche Wodka gegen eine "unerhörte Erfahrung", was eine
Lohnerhöhung gegen die "Chancen der Aktivierung von Millionen
'Lohnabhängigen, ihre Einübung in elementare, aber dennoch um-
stürzende neue und wo denn sonst (!) erreichte Formen direkter
betrieblicher und gesellschaftlicher Einflußnahme"?
Die Zwecke, die Albers hier dem polnischen Volk unterjubelt, sind
offenkundig am Bremer Schreibtisch geboren. So naiv, widersprüch-
lich und verrückt die Bedingungen auch gewesen sein müssen, mit
denen die Solidarität der polnischen Regierung den Gehorsam
aufgekündigt hat, welchem Dokument hat Albers wohl entnommen, daß
die Polen auf der "Suche nach alternativen Antworten zu drei
Schlüsselproblemen für die Entwicklungsfähigkeit der vorhandenen
sozialistischen Gesellschaftsordnungen" sind?
Bei allem Gerede von Wandel, Erneuerung und ähnlichen Wechselbä-
dern der Geschichte entwickelt Albers ein sehr sicheres Gespür
dafür, wer in Polen etwas geschoben hat, ohne je dort gewesen zu
sein: die westlichen Politiker nämlich. Die kleinen Helfershelfer
des Weltgeistes ernten volles Lob:
"Spätere (schön gesagt) Historiker werden einmal zu klären haben,
in welchem Maße etwa der polnische Reformprozeß durch internatio-
nale Faktoren, von der KSZE-Wolgekonferenz über den 10. Mai und
21. Juni in Frankreich bis zum Moskau-Besuch Willy Brandts und
zur Entspannungskontroverse USA-Westeuropa, gegenüber Interventi-
onsversuchungen (!) von seiten seiner sozialistischen Verbündeten
begünstigt wurde."
Ganz so unschuldig ist die Rede von den "geschichtsmächtigen Ver-
änderungsprozessen" in Polen also nicht. Albers weiß schon sehr
genau, hinter welche Mächte der Geschichte er sich zu stellen
hat: der Westen will den Wandel, die Sowjetunion denkt nur an In-
tervention, so einfach gestalten sich die "internationalen Fakto-
ren" für einen Dozenten der Bremer Kaderschmiede.
Über alles: die Einheit der Nation
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Detlev Albers beschreitet gar nicht erst den Umweg, den manche
seiner Kollegen einschlagen, die von der Solidarität erkämpften
oder geforderten Freiheiten als Bedingung materieller Erfolge zu
verteidigen. Die "polnische Lektion" besteht für ihn von Anfang
bis Ende darin, daß ein Volk sich gar nicht erst um niedere
Zwecke kümmert. Was wunder, daß sein Herz für die Polen dann am
höchsten schlägt, wenn sie ganz geschlossen für sich nichts her-
ausholen:
"Das zweite Schlüsselelement der 'polnischen Lektion' scheint mir
in der Anbahnung eines radikal veränderten Verhältnisses zwischen
Politik (der Arbeiterbewegung eines Staates im sozialistischen
Lager) und Kultur (einer Polnische Nation genannte katholischen
Schicksalsgemeinschaft) zu bestehen. Es findet seinen äußerlichen
Niederschlag in der Garantie und bewußten Anerkennung eines nicht
nur religiösen, sondern auch gesellschaftspolitischen Betäti-
gungsfeldes für die katholische Kirche, symbolisiert etwa im
Recht auf die sonntägliche Übertragung der Hl. Messe durch die
Massenmedien, aber auch die Tolerierung nationaler Gedenktage,
selbst wenn deren Anlaß mit den Traditionen der Arbeiterbewegung
unvereinbar ist, und die Suche nach gemeinsamen, für das Selbst-
verständnis der Partei wie der Solidarität akzeptablen Formen,
beispielsweise der 1.-Mai-Feiern, ließen sich in diesem Zusammen-
hang erwähnen. Eine schlaglichtartige Bekräftigung und Verkung
dieses Vorgangs, den man sehr wohl als 'historischen Kompromiß'
zwischen Arbeiterklasse und Kirche Polens bezeichnen könnte, si-
gnierten 1979 der Besuch des Wojtila-Papstes und im Dezember 1980
die Einweihung des Mahnmals für die 10 Jahre zuvor von Armee- und
Milizeinheiten getöteten polnischen Arbeiter in Gdansk und Ody-
nia. Beide Momente, von der gesamten Nation mit einer beispiello-
sen Geschlossenheit durchlebt, erzwangen und besiegelten zugleich
ein Zusammengehen von Kräften wie der katholischen Amtüche und
der noch kaum erneuerten PVAP-Führung, deren geistige Herkunft
und Ausprägung gegensätzlicher nicht denkbar sind. Gewiß hat sich
damit die ideologische Herausforderung für den Marxismus der pol-
nischen Arbeiterbewegung nicht verkleinert, sondern vergrössert."
So wird heute an der Bremer Kaderschmiede über den realen Sozia-
lismus geredet, von einem Professor der Politikwissenschaft,
nicht der Katholischen Theologie. In Polen findet Albers endlich
den Traum verwirklicht, den er schon lange geträumt hat: dem Kom-
promiß zwischen sozialer Herrschaft (die abzuschaffen ihnen kei-
neswegs in den Sinn kommt) und politischer Kultur (sprich: natio-
nalem Erbe, Mutter Gottes und dem Papst). Was fasziniert einen
Menschen, der höchstwahrscheinlich sonntags nicht zur Kirche
geht, daran, daß dank der tatkräftigen Mithilfe der Solidarnosc
die Katholische Kirche Polens noch stärker geworden ist als je
zuvor? Offenbar die "beispiebose Geschlossenheit", mit der Herr-
schaft und Beherrschte zu eine wirklichen Einheit der Nation zu-
sammengerückt sein sollen.
Albers findet anerkennende Worte dafür, daß die Katholische Kir-
che es in der Zersetzung des Marxismus weit gebracht hat; nicht
als Pfaffe, der den Triumph des Guten über das Böse feiert. Nein,
als katholischer Euro-Sozialist, der sich dafür stark macht, die
sozialistische Herrschaft auf ein starkes ideologisches Fundament
zu stellen: eben das der g e e i n t e n Nation.
So begrüßt er den reaktionärsten Mist als "ideologische Heraus-
forderung für den Marxismus der polnischen Arbeiterbewegung" -
zynisch genug, die Vorgänge in Polen als Kampf zweier Ideen aus-
zugeben, der einem Wettstreit von Argumenten gleicht, und
zugleich in der Pose des Unschuldslamms: nicht der Westen profi-
tiert davon, wenn Glemp und Wojtila in Polen das Sagen haben,
sondern der Marxismus selbst: Pluralismus tut not. Ideologischer
Klassenkampf eines Laienbruders...
Frankreich - das Polen des Westens
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Dank der französischen Wählerschaft kann Albers seinen Lesern
gleich noch ein leuchtendes Vorbild für seinen Ideal-Sozialismus
in nationaler Mission präsentieren:
"Nicht minder wichtig scheint mir der beharrliche Anspruch Mit-
terands zu sein, die Linke dadurch zur dauerhaft führungsfähigen
Kraft der Nation werden zu lassen, daß er das 'andere-
Frankreich', den Reichtum seiner vielfach unterdrückten Kultur,
seiner Traditionen und seines Wagemuts seit dem 10. Mai 1981 zum
Erben der Geschichte ganz Frankreichs zu machen sucht. (...)
Zweifellos sind in einem solchen Ansatz weder die Gefahren fran-
kozentrischer Genügsamkeit noch eines vorschnellen Sich-Abfindens
mit Klassenprivilegien auszuschließen, die nur vermeintlich einen
hinzunehmenden Teil der französischen Geschichte ausmachen. Den-
noch ist es gewiß kein Zufall, daß auch die französische Linke
den Moment ihrer Regierungsübernahme zum Ausgangspunkt einer Neu-
bestimmmung ihres Verhältnisses zu Kultur und Geschichte der Na-
tion erklärt."
Frankreich, mit Albers' Augen gesehen, steht nicht minder Kopf
als Polen. Ungerührt um die tatsächlichen Leistungen eines Mit-
terand (nachzulesen in MSZ 5/81: "Splendeur de la Grande Nation"
und MSZ 6/81: "Blauweißroter Imperialismus"), ungerührt auch von
seinem eigenen Eingeständnis, daß der sozialistische Appell an
den französischen Nationalismus die PS "führungsfähig" macht,
gibt Albers die neue Ideologie im Elysee-Palast als die eigentli-
che Politik aus. Gerade so, als wäre die von Mitterand herausge-
putzte "gloire de la patrie" und seine blau-weiß-rote Tradition
nicht das werbewirksame M i t t e l auf dem Weg in die Zentrale
der Macht, sondern gleich deren I n h a l t gewesen, dem - oh
Tautos! dann auch nur ein linker Patriot genügen konnte! Die Welt
des Kapitals und der Herrschaft hingegen stören bestenfalls als
letzte Hindernisse auf dem Weg zur totalen Einheit der französi-
schen Nation. Was sind denn schon force de frappe, Neutronenbombe
und Französisch-Afrika vor dem Hintergrund eines linken National-
bewußtseins bestensfalls Schönheitsfehler. Und wie verschwindend
unbedeutsam sind "Klassenprivilegien", wenn eine ganze Nation
sich aufmacht, ihren historischen Auftrag unter Führung soziali-
stischer Politiker wahrzunehmen.
Die neu herausgeputzte Größe Frankreichs findet Albers nicht zum
Kotzen; sie macht ihn neidisch. Die französische Rose hat der Ex-
Juso schon als Emblem, an nationalem Aufbruchdgeist fehlt es die-
sem Mann in seiner Heimat. Kein Mitterand, kein Walesa in Bonn
und doch ist die
BRD noch nicht verloren
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Sie liegt nämlich schon rein geographisch sehr genau zwischen Al-
bers' Idealen
"Ostwind, Westwind in Europa - wie könnte es anders sein, als daß
beide in der Bundesrepublik besonders intensiv aufeinander tref-
fen (den Friedensnobelpreis für Metereologie hat er jetzt endgül-
tig verdient!), jenem Land, in dem zwar auch von ökonomischer
Krise, aber weder von linker Aufbruchstimmung noch von soziali-
stischer Erneuerung zu reden ist und dem dennoch vielfältige ob-
jektive Faktoren eine Schlüsselrolle für das politische Binnen-
klima in Europa zuschieben?"
Na also, so schlimm ist es gar nicht bestellt um die BRD, denn
zumindest objektiv hat sie den Schlüssel zu Europa in der Hand
(das hatten wir doch schon mal?). Bleibt nur noch die subjektive
Ausführung dieser Rolle: wenn auch die Friedensbewegung keine
Wahlen gewinnt oder Regierungen kippt, so ist sie doch auf dem
richtigen Weg in Sachen Befreiungskampf:
"Neben die zahlreichen, hier nicht noch einmal zu wiederholenden
Argumente der hiesigen Friedensbewegung, die das elementare In-
teresse der bundesdeutschen Bevölkerung belegen, keine Mittel-
streckenraketen der USA in Mitteleuropa zu stationieren und zu
einem Durchbruch bei den überfälligen Abrüstungsverhandlungen zu
gelangen, tritt daher noch ein weiterer Beweggrund zugunsten der
Friedens- und Abrüstungsinitiativen. Polen und Frankreich lehren,
daß der Aufbau eigener Wege gesellschaftlicher Entwicklung nur
unabhängig und streckenweise im Gegensatz zu den kurzfristigen
Machtinteressen der jeweiligen Führungsmächte beider Lager ge-
schehen kann."
Sehr feinfühlig weiß ein Linker zu differenzieren: auf kurze
Frist sind sie verwerflich, weil den Führungsmächten dienlich,
auf lange Frist förderlich, weil der nationalen Befreiung von,
den Führungsmächten dienlich - in Ost und West. Aus dieser klaren
Zweiteilung der Herrschaft ergibt sich die einzige Sorte Kampf,
die ein westdeutscher Linker heutzutage zu führen gedenkt. Die
NATO-Partner, allen voran die BRD, gilt es vom Diktat der Super-
macht zu befreien; die Warschauer-Pakt-Partner dito.
Man nehme zwei Lügen: erstens die (s.o.), Entspannungspolitik sei
eine Hilfe für die Polen, zweitens die, Entspannungspolitik
befördere den Zerfall der westlichen Allianz und schon kann man
als friedensbewegter Deutscher ungeniert Schmidt und Genscher den
Weg freimachen - mit solidarischen Grüßen nach Paris und War-
schau:
"Unbeschadet von allen Fragen des nationalen Interesses und dem
Erfordernis ihrer eigenen Unabhängigkeit gegenüber dem Aufrü-
stungskurs der USA unter Reagan enthält deshalb das Freikämpfen
des Weges zur Entspannungs- und Abrüstungspolitik bei uns den ge-
genwärtig vielleicht wichtigsten Beitrag zur Solidarität mit den
Polen und der französischen Linken."
Das sind Perspektiven: eine Achse der aufständischen Vasallen
quer durch Europa, mit Kirche, Gloire und Genscher. Und ein
linksgesponnenes Europa, das allen freigesetzten Nationalgefühlen
eine neue blockfreie Heimat bietet. Herrschaft wird für Knechte
erst so richtig schön, wenn sie nur von garantiert eigenen Be-
fehlshabern herumkommandiert werden.
Aus der Richtung weht also der Wind bei Deutschlands Linken!
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