Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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OFFENER BRIEF AN FRITZ TEUFEL
Lieber Fritz,
erfreut haben wir zur Kenntnis genommen, daß Du wieder auf freiem
Fuß bist. Gestört hat uns dabei, daß Du Dich - kaum in Freiheit -
in die Hände des "Spiegel" hast fallen lassen, so daß er erneut
an einem Opfer demonstrieren konnte, daß man als Linker leicht
zum Terroristen durchdrehen kann, wenn man nicht höllisch auf-
paßt, d.h. regelmäßig den "Spiegel" liest. Daß Du das irgendwie
gemerkt hast - "das nächste Gespräch in zehn Jahren" -, läßt Dich
auch nicht in besserem Licht dastehen. Geärgert, wenn auch nicht
überrascht hat uns, w a s Du "an Früchten des Sozialistischen
Studiums an den Volksuniversitäten Stadelheim, Landsberg, Aichach
etc." (aus Deinem Brief an die MSZ vom 23.11.71) zu bieten hast -
nach mehr als 16 Semestern!
Eine unheimliche Perspektive...
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Anscheinend bist Du der Meinung, daß Deine Haft sich gelohnt hat,
Wie sonst kämst Du auf folgenden saudummen Optimismus:
"Aber diese Generation der Geuse und Filbingers und auch der Her-
bert Wehners wird lernen müssen, daß unsere Generation irgendwann
auch die gesellschaftliche Realität gestaltet."
Bist Du denn total verrückt geworden, daß Du meinst, es stünde
etwas zum Besseren, nur weil Du älter geworden bist und Leute
Deiner Generation - denkst Du vielleicht an Glotz, Verheugen und
Herrn Todenhöfer? - mittlerweile und bald immer mehr das
"Gestalten" der "gesellschaftlichen Realität" übernommen haben?
Wenn man allerdings liest, wie Du letztere heute siehst, dann
entdeckt man die Grundlage Deiner Aufbruchstimmung. Offensicht-
lich bist Du im großen und ganzen zufrieden damit, welche Fort-
schritte die Freiheit in Deiner Abwesenheit gemacht hat. Daß die
"Wohngeheimschaft" als Alternative zur "Zweierbeziehung" heute
akzeptiert ist, weil sie eine Form der Reproduktion darstellt und
genausowenig eine "Vergesellschaftung" ihrer Mitglieder ist wie
die Zweierfamilie "den anderen als Privateigentum begreift", son-
dern eine g r o ß e F a m i l i e bildet, deren Verlust schon
lange der entscheidende Vorwurf mancher Linker an den Kapitalis-
mus ist - daß also das, was Du Dir in KI-Zeiten als Keimzelle des
Umsturzes v o r g e s t e l l t hast, heute ein öffentlich ge-
duldeter und akzeptierter Weg geworden ist, im Leben zurechtzu-
kommen und sich dabei einbilden zu können, unglaublich
d a g e g e n zu sein, ist denn das ein Anlaß zu fröhlicher
Hoffnung?
...für ein freies Westberlin...
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Daß Du Dich "wie neugeboren und wie von einem anderen Stern ge-
fallen fühlst" - dafür haben wir volles Verständnis, aber deswe-
gen brauchst Du doch nicht solchen Scheiß zu verzapfen und dann
auch noch so zu tun, als könntest Du nichts dafür
"Ich kann nicht so tun, als blickte ich jetzt schon irgendwie
durch."
Das hindert Dich allerdings nicht daran, an alte Fehler munter
anzuknüpfen. So willst Du "formen des Widerstands entwickeln, die
Spaß machen", was noch jenseits jeder praktischen Erfahrung alles
sagt über so einen Widerstand und den Spaß, der dabei rauskommt.
Sich zur Wehr setzen gegen Gewalt ist nun einmal nicht lustig und
angenehm erst recht nicht. An Lustbarkeit kommt dabei höchstens
Galgenhumor raus. Genauso abwegig die von Dir vorgeschlagene
Strategie, die "Autoritäten lächerlich zu machen". Deren komische
Seite - falls vorhanden - ließe man sich ja noch eingehen, doch
ihre Ersetzung durch Autorität, die sich keine Blöße gibt, kann
ja kein "Widerstands"ziel sein, wenngleich die Linke, so wie sie
sich in Deiner Knastzeit weiterentwickelt hat, durchaus in diese
Richtung zielt und mittlerweile an Arbeit und Studium nur noch
auszusetzen hat, daß ihnen der rechte Sinn fehle, in dem man sich
"einbringen" könne. Ähnliches scheint Dir ja auch für die ganze
Frontstadt vorzuschweben, wenn Du als Dein Fernziel angibst,
"die Mehrheit der Menschen für die Berliner Kommune 2000 zu ge-
winnen, für ganz West-Berlin als Kommune, für einen Weg, der we-
der kapitalistisch ist noch bürokratisch-sozialistisch, sondern
eine Selbstverwirklichung in eigener Initiative."
Oder findest Du es nicht lächerlich, daß Dich ausgerechnet der
"Spiegel" darauf aufmerksam machen mußte, daß, es in Westberlin
bloß kein d e u t s c h e s Militär gibt, Dein "Vorteil" ange-
sichts der alliierten Truppen also ein sehr relativer ist? Ist es
nicht doof, daß Du, der uns 1971 "reformhauskacke für die guten"
in den Nikolausschuh gewünscht hast, nun ganz Berlin in einen Re-
formladen verwandeln willst? Oder meinst Du nicht, daß angesichts
der e i g e n e n Initiativen, mit der die "Menschen" nicht nur
in Westberlin sich tagtäglich selbstverwirklichen, Deine Vorstel-
lung eine reichlich abgeschmackte Erwartung ist? Anstatt zu frä-
gen: "Welcher Arbeiter hat denn was dagegen, daß seine tägliche
Arbeitszeit bei gleichbleibendem Verdienst um die Hälfte gesenkt
wird?" solltest Du Dich mal fragen, warum es keinen Proleten
gibt, der d a f ü r ist. Und daß einer g e g e n mehr als 3
Stunden Arbeit pro Tag ist, weil mehr den "Charakter verdirbt" -
das hätte uns gerade noch gefehlt! Sowas kann wirklich nur einem
alten Griechen oder Dir einfallen - Du Philosoph! Dahinter steckt
doch bloß Deine alte Vorstellung, daß die Leute angesichts der
Machtverhältnisse einfach nur zu feige sind, sich so zu
"verwirklichen", wie Du meinst, daß sie es wollten! Hältst Du es
deshalb für angebracht, den verzagten Menschen jetzt
"mit Vernunft, Bescheidenheit, Augenmaß, offenen Diskussionen,
egalitären Umgangsformen, Zärtlichkeit und Selbstkritik, äußer-
ster Kontaktbereitschaft, wachsamer Skepsis und leidenschaftli-
cher Hoffnung"
M u t zu machen? Als ob die Leute nur "A n g s t" hätten,
"was weiß ich für Sachen zu unterschreiben oder auf die Straße zu
gehen und zu demonstrieren oder Briefe in den Knast zu schreiben
oder mit Kommunisten zusammenzuarbeiten" usw.!
Als ob die Leute nicht ganz andere Sachen - z.B. Wahlzettel - un-
terschrieben, als ob sie nicht für den Papst und das Militär auf
die Straße gingen, als ob sie nicht freimütig Briefe f ü r den
Knast und Schlimmeres und g e g e n alles, was ihnen nur ir-
gendwie links vorkommt, verfaßten!
...mit Nächstenliebe und Humor
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Ob das, was sich in "diesen 13 Jahren" getan hat, nun Dein oder
Deiner Genossen Werk gewesen, soll uns wurscht sein; aber wenn Du
meinst, dieses Werk sei wohlgetan - "Sachen verwirklicht..., von
denen wir früher nur geträumt haben" -, dann müssen wir Dir schon
Deine Brille zurechtrücken. Oder meinst Du einfach, es sei wieder
an der Zeit für Dich, den Kampf von der "gegenkulturellen" Seite
her anzupacken, Dich in einem Gegenmilieu rumzutreiben, wo Zupf-
geigenhansl und Flötenspieler sich gereimt und gesungen den reak-
tionären Vorwurf machen, sie würden nicht genug Rücksicht auf die
Umwelt und andere Menschen nehmen? Wie kämst Du sonst darauf zu
versuchen, "unter Leuten, die unterdrückt sind, das Bewußtsein zu
verbreiten, daß sie sich gegenseitig viel mehr helfen können"! Du
warst eben schon immer für ein fröhliches und harmonisches Zusam-
menleben aller Menschen guten Willens, und daran hat sich seit
Deinen christlichen Anwandlungen in jugendlichem Alter nichts ge-
ändert. Es ist schon eine verdammte Pfaffenmanier, wenn Du
singst:
"Oder was bräuchten wir Pillen,
wenn wir einander wirklich lieben würden
und kinderfreundlich wären?"
Was bleibt Dir da anderes übrig, als Dich apfelfressend und dau-
menlutschend abbilden zu lassen und für die Gesundheit gegen das
Rauchen Partei zu ergreifen? Für die Nackenschläge kannst Du
nichts, aber daß Du sie einstecken willst, finden wir ganz schön
bescheuert. Noch blöder finden wir, daß Du auch noch die passende
Medizin dazu und die "daraus resultierende Kampfform" verabrei-
chen willst:
"Humor ist die Fähigkeit, Nackenschläge einzustecken, ohne bitter
zu werden. Revolutionärer Humor duckt sich nicht länger als nötig
hinter dem Panzer des Fatalismus, sondern schlägt eher bei sich
bietender Gelegenheit zurück."
Du bist schon eine Kampfnatur. Und ob der Schweinehund nun drau-
ßen oder in einem selbst sitzt, ist dabei offenbar ziemlich egal!
Gruß, MSZ
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