Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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20 Jahre BdWi
Neues Denken 68 - 88
"Warum ist so einer eigentlich Markist geblieben?"
Eine Talk-Show mit: J. Bischoff, B. Booß-Bavnbek, H. Claas, F.
Deppe, K. Fritzsche, G. Fülberth, H. Gollwitzer, S. Herkommer, K.
Holzkamp, H.J. Krysmanski, H. Kühnl, M. Lauermann, T. Neumann, L.
Peter, H.J. Sandkühler, J. Schleifstein, E. Wulff.
Der Einzug des Marxismus in die bundesdeutsche Wissenschaftsland-
schaft im Gefolge von 68 repräsentierte für einen großen Teil der
Intelligenz "Neues Denken", eine Kritik der Nachkriegsbundesrepu-
blik und der herrschenden Wissenschaft sowie ein neues Verhältnis
von Theorie und Praxis. Heute wird der Erkenntniswert des Marxis-
mus weit geringer eingeschätzt: Beträchtliche theoretische Defi-
zite sind unübersehbar. Die Reaktionen darauf reichen von der
Diagnose einer "Krise des Marxismus" bis zum "Neuen denken".
"Krisen" und "Umbrüche" aber provozieren nicht nur "Neues Den-
ken". Sie sind immer auch Auslöser von kritischer Bearbeitung der
eigenen Vergangenheit, von Verunsicherungen, Brüchen in Biogra-
phien, Umorientierungen. Wie sich solche Verhältnisse entwickelt
haben und wie sie sich verhalten zur Kontinuität eines Selbstver-
ständnisses als Marxist: das ist Thema der Talk-Show.
Von der 68er Aufbruchstimmung war auch die Gründung des Bundes
demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdW)
mitgetragen. Zu diesem größten unabhängigen politischen Verband
von WissenschaftlerInnen gehörten und gehören auch MarxistInnen.
Wir wollen die 20jährige Entwicklung dieser Traditionslinie Revue
passieren lassen - und natürlich auch nach den perspektiven für
die nächsten 20 Jahre fragen.
Freitag, 9. Dezember, 18.00h im AudiMax der Philipps-Uni Marburg
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Noch 'ne Talkshow
"WARUM IST SO EINER EIGENTLICH MARKIST GEBLIEBEN?"
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Wenn sich marxistische Hochschullehrer aus der BRD und Westberlin
diese bescheuerte Frage vorlegen (lassen), dann ist schon klar,
daß es um Problemstellungen der dritten Art geht. Lauter Profes-
soren in Amt und Würden, mit Ausbildungs- und Prüfungsberechti-
gung, insofern "integriert " in die bundesdeutsche Wissenschafts-
landschaft, kokettieren ein bißchen mit ihrem Etikett, und insbe-
sondere damit, daß dieses nicht mehr so ganz in die allgemeine
Landschaft paßt. Wo der berühmte "Zug der Zeit" in die andere
Richtung abfährt und deshalb "eigentlich" der "Abschied vom Mar-
xismus" auf der Tagesordnung der Weltgeschichte steht, halten sie
doch glatt stand, die Bischöffe, Kühnls, Deppes, Holzkamps und
Co. Toll, wie da Leute, die selber meinen, sie wären Fossilien,
sich durch alle "Verunsicherungen" und "biographischen Brüche"
hindurch die "Kontinuität eines Selbstverständnisses als Marxist"
bewahrt haben! Die Idiotie, den Rest der Welt, im wesentlichen
aus Nicht- bis Antimarxisten bestehend, mit den exquisiten Drang-
salen ihrer "Identität als Marxisten" zu belämmern, ist aber nur
die eine, gewissermaßen psychologische Seite der Veranstaltung.
Wenn heutzutage einer ausgiebig sein "Selbstverständnis als..."
betalkt, dann kann er schon deswegen mit Respekt rechnen, weil
die Attitüde des mit sich selbst ringenden Individuums allemal
für bedeutender gehalten wird als das, was es ü b e r d i e
W e l t zu vermelden weiß.
Die andere Seite des marxistischen Talk-talk besteht darin, wie
sie ihren Marxismus zurechtmachen, damit er dennoch/wieder/erst
recht sein Plätzchen im Betrieb der späten 80er beanspruchen
kann. Auf der Höhe der "Zeit" , wollten sie ja immer sein: Dieses
Gütesiegel des wissenschaftlichen Opportunismus sollte ja gerade
ihren Marxismus auszeichnen, der - wie sie zu betonen nicht müde
wurden - im Unterschied zur "bürgerlichen Weltanschauung" eine
"adäquate Antwort" auf die "Probleme der heutigen Wirklichkeit"
parat habe. Heute, nach 20 Jahren, müssen sie feststellen, daß
ihr Marxismus von der "sich gewaltig wandelnden Szenerie" über-
haupt nicht mehr g e w ü r d i g t wird - und prompt fragen sie
sich, ob nicht d e s h a l b ihr Marxismus selber schiefliegt:
"Heute wird der Erkenntniswert des Marxismus weit geringer einge-
schätzt: Beträchtliche theoretische Defizite sind unübersehbar."
Dem barbarischen bürgerlichen Brauch, Theorien nach dem Kriterium
des Publikumserfolgs zu beurteilen, wollen sich die Jubiläumsmar-
xisten nicht verweigern: Ob eine Theorie "defizitär" ist oder
nicht, erweist sich auch für sie nicht daran, ob sie stimmt oder
nicht, sondern ob sie vom Rest der Welt für attraktiv befunden
wird oder nicht. Fragt sich bloß, warum sich unsere Marxisten
dann nicht gleich den Weltanschauungen anschließen, die auf dem
einschlägigen Markt gerade "in" sind. Das wäre zweifellos die
einfachste und eleganteste Lösung. Das wollen sie aber auch wie-
der nicht. Dann wären sie ja keine Marxisten mehr und die eigene
Identität wäre futsch. Nicht auszudenken! Also steht eine
"Weiterentwicklung" bzw."Rekonstruktion" ihres geliebten Gedan-
kengebäudes an. Wieder einmal! Denn genau das treiben sie ja
schon seit 20 Jahren: Immerzu den Nachweis zu führen, daß der
Marxismus recht betrachtet - gar keinen Gegensatz zum bürgerli-
chen Getriebe eröffnet, sondern die wahrhaft universelle Weltan-
schauung ist, der sich alle wohlmeinenden Menschen guten Gewis-
sens anschließen können. Von wegen also "neues Denken"! Der Fort-
schritt ist bloß, daß am Ende dieser 20jährigen Bemühung der aka-
demische Marxismus endgültig zu einem harmlosen Bestandteil des
Wissenschaftspluralismus heruntergekommen ist, der darum bettelt,
trotz des (auch nicht mehr so neuen) Denkens weg vom Marxismus,
auch noch ein bißchen dabeibleiben zu dürfen, wenn es um das ver-
antwortungsschwangere Bequatschen der "großen Menschheitspro-
bleme" geht.
Eine personality-show von, mit und für Marxisten
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Die Form der Veranstaltung entsprach voll dem psychologischen In-
halt: verdunkelter Saal, verschiedene Sitzgruppen mit speziell
zuständigem Talkmaster, die Figur, die gerade zum Talk aufgerufen
war, mit Spotlights in das ihr gebührende Licht gerückt. Ja, wie
bin ich eigentlich zum Marxismus gekommen?
Also, das war so - eine kleine Auswahl:
"Ich befand mich 67 in einer individuellen Lebenskrise..."
"Ich hatte das Glück, bei Abendroth und Hofmann theoretische Qua-
lität vermittelt zu bekommen. Ohne sie wäre die Rezeption von
Marx nicht möglich gewesen, weil ich stark aus persönlichen Kon-
takten lebe."
"Ich wußte (68) gar nicht so recht, warum ich mich den Studenten
anschloß. Ich habe nichts begriffen, z. B. im Kapital-Arbeits-
kreis. Dann kam die große Überraschung, daß Marxismus etwas war,
was ich schon immer für meine Wissenschaft Psychologie gesucht
hatte..."
"Ich weiß auch nicht so recht. Es war einfach ein Bedürfnis nach
Gerechtigkeit, das mich für den Marxismus interessierte..."
"Wir haben damals eine rote Betriebszelle gegründet."
(Allgemeines Gelächter und tosender Beifall) Was war für dich das
größte Glück? Na, was wohl? "Wie ich Marxist geworden bin!" (Kein
Gelächter!) "Damals habe ich Zufriedenheit in meiner Arbeit ge-
funden, der Marxismus hat mir zum ersten Mal Einsicht in die Exi-
stenz von Gegensätzen gegeben..."
Die Parallele, die sich da unweigerlich aufdrängt: Genauso sau-
dumm labern moderne Christen daher, wenn sie der staunenden Mit-
welt mitteilen, wo, wann und unter welchen Umständen Jesus in ihr
Leben getreten ist, und mit der Bedeutung dieses freudigen Ereig-
nisses für ihren weiteren Lebensweg bei anderen Stimmung für den
HERRN machen wollen. Daß sie Jesus/den Marxismus ganz persönlich
erfahren haben wollen, und nicht der jeweilige Inhalt soll für
die Überzeugungskraft der Sache sprechen, die sie sich zu eigen
gemacht haben.
Und was das Schönste ist: Ganz nebenbei bekennen die befragten
Marxisten, daß der Marxismus, der sie vor 20 Jahren erleuchtet
hat, seine "Bedeutung" vor allem darin hatte, genau die Profes-
sion zu befruchten, die sie vorher schon ausgeübt hatten. Da war-
tet der Psychologieprof mit der "überraschenden Erkenntnis" auf,
daß er "mit Marx einen völlig neuen Zugang zur Psychologie" be-
kommen hat. Der soll in der bahnbrechenden Erhellung bestehen,
daß das Individuum keineswegs "isoliert", sondern als
"vermitteltes" zu betrachten ist. Gegenwärtig und auf unabsehbare
Zeit sei er dabei, die "Möglichkeiten des Marxismus" auszuloten,
für eine funkelnagelneue "Theorie des Lernens" versteht sich. Der
Sozialwissenschaftler gibt zu Protokoll, daß er als solcher gar
nicht anders könne als marxistisch zu denken. Sein Gegenstand,
die bürgerliche Gesellschaft nämlich, "zwinge" dazu, sie
"dialektisch" zu analysieren. Seinen bürgerlichen Kollegen, die
diesen Zwang offenkundig noch nicht verspürt haben, prophezeit er
zur Strafe, daß sie "scheitern" müssen, Woran? Egal! Und für den
Marburger Fachmann für die "Entstehungsgeschichte der bürgerli-
chen Gesellschaft" ist "evident", "daß der Marxismus die einzige
Konzeption darstellt, die den Geschichtsprozeß als Ganzes zu fas-
sen vermag, die also erklären kann, warum sich in der Mensch-
heitsgeschichte etwas bewegt... " Und warum soll man überhaupt
ein Geistersubjekt namens "Geschichte" auch noch mit einer weite-
ren Abstraktion namens "Ganzes" überziehen? Weil man sonst der
trostlosen Auffassung sein müßte, daß sich am Ende gar nichts be-
wegt, oder was? Und was kriegt man dabei heraus außer immerzu die
methodische Vorschrift, die man selber vorne reingesteckt hat:
daß es ein (Ur-) P r i n z i p gibt, welches die Welt am Laufen
hält, also Stillstand vermeidet! Wer das sucht, der wird garan-
tiert fündig. Die Konkurrenz der Jesusjünger läßt grüßen, übri-
gens auch eine ziemlich ganzheitliche "Geschichtskonzeption".
Auch dem eigens aus Dänemark angereisten M a t h e m a t i k e r
wurde die idiotische Frage, ob man als solcher Marxist sein
könne, nicht erspart. Der gute Mann verneinte mit der sinnigen
Begründung, daß man das "Anwendungsfeld des Marxismus" nicht
"unmäßig" ausweiten solle. Warum eigentlich nicht? In einem
schriftlichen Beitrag zu der edlen Problematik der Verbindung von
"Marxismus und..." konnte sich derselbe Mathematiker und Marxist
immerhin sehr gut vorstellen, daß der "Klassenbegriff inspirie-
rend für eine Analyse des Wahrscheinlichkeitsbegriffs unter dem
Gesichtspunkt der Massenphänomene" sein könnte. Na bitte, mit et-
was Mut zum Schwachsinn geht alles.
In einer Hinsicht sind diese Selbstrückblicke ausgesprochen ehr-
lich: Daß Marx für W i s s e n über den Kapitalismus steht und
daß ein solches denen behilflich sein könnte, die gute Gründe da-
für haben, den Kapitalismus wegzuputzen, hat für die bilanzzie-
hende marxistische Intelligenz noch nie gegolten. Marx stand für
sie von jeher für die bessere Methode, Sozialwissenschaft zu ze-
lebrieren. So als hätte Marx nicht die Politische Ökonomie des
Kapitalismus erklärt, sondern einen methodischen Werkzeugkasten
samt Bastelanleitung zusammengeschustert, aus dem man sich frei
bedienen kann, wenn man "sozial", "historisch", "dialektisch" und
"ganzheitlich" zu denken beliebt. Was sie oder Marx eigentlich zu
kritisieren haben, hielten sie jedenfalls für keiner Erwähnung
wert - vor lauter kindischer Freude, mit dem Marxismus einen
"Ansatz" (re)präsentieren zu dürfen, der lauter Denk m ö g-
l i c h k e i t e n und ebenso viele ungelöste "Vermitt-
lung"sprobleme eröffnet. Und darüber sind sie ziemlich zufrieden
geworden, unsere marxistischen Denker, mit sich und ihrem Beruf.
Marxisten warnen sich - vor ihren eigenen Verfehlungen
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Natürlich könnten sie auch genauso weitermachen und den Marxismus
als "weltanschaulichen Ansatz" unter anderen auch noch die
nächsten 20 Jahre weiter pflegen. Wer sollte sie daran hindern,
unsere marxistischen Lehrstuhlinhaber? Und sie tun's ja auch.
Aber natürlich nicht, ohne sich vorher wechselseitig vor den
"Irrwegen" zu warnen, die ihre Fraktion im Wissenschaftsbetrieb
sich bisher angeblich hat zuschulden kommen lassen, und sich als
Perspektive für die nächsten 20 Jahre die Vermeidung derselben
ans Herz zu legen. Nun kann es ja vorkommen, daß man sich bei der
Erklärung eines Stücks Wirklichkeit täuscht. Wenn man den Fehler
eines Urteils bemerkt, dann soll man ihn halt korrigieren. Wo ist
das Problem? Die Selbstkritik der Marxisten von 68-88 ist frei-
lich von einer ganz anderen Art: Sie korrigieren keinen einzigen
ihrer Gedanken, sondern bezichtigen sich ganz global, einen
falschen Wahrheits a n s p r u c h verfolgt zu haben. Diesen
charakterisieren sie wahlweise als zu "eng" (= "ökonomistisch")
oder zu "weit" ("Wir dürfen nicht so tun, als hätten wir auf al-
les eine Antwort") und versehen sich für die Zukunft mit der un-
sinnigen methodischen Vorschrift, weder in das eine noch das an-
dere Extrem zu verfallen, sondern auch ja immer so zu denken, daß
man damit den "realen Problemen" entspricht. Wann das der Fall
ist? Genau dann, wenn man die kursierenden moralischen Titel, die
den kapitalistischen Fortschritt im Umgang mit der Arbeitskraft
und der Natur in eine menschheitsmäßige Gemeinschaftsproblematik
umlügen, dem eigenen Lager zur anteilnehmenden Fürsorge emp-
fiehlt.
Wiederum eine kleine Auswahl, welche hübschen "Defizite" des Mar-
xismus dabei zur Sprache kamen:
"Es gibt bei Marx und Engels, v.a. in bezug auf die Frauenfrage,
gewisse blinde Flecken... androzentrische Strukturen... Nun ist
es ja schwierig, sich als Mann mit der sog. Frauenfrage ausein-
anderzusetzen... Meine Frau sagt immer, ich soll die Finger davon
lassen" (Beifall!) "Nichtsdestotrotz meine ich, daß wir als
Marxisten die Vermittlung Klassenanalyse und Feminismus wagen
sollten."
Dem modernen moralischen Wahnsinn, daß das Geschlecht, also eine
Naturbestimmtheit darüber entscheidet, ob jemand brauchbare
Gedanken zuwege bringt, ja sogar darüber, ob jemand überhaupt zu
einer Stellungnahme zu einem bestimmten Thema befugt ist, will
ein moderner Marxist seinen Respekt nicht versagen. Mit der
Frauenfrage ist dementsprechend auch nicht gemeint, daß man sich
die Lage der Frauen im Kapitalismus erklärt. Das würde schlicht
auf eine Kritik an der staatlichen Zwangsinstitution Familie und
der den Frauen dabei zugewiesenen Rolle als Reproduktionsgehilfin
des Mannes hinauslaufen. Ein prekäres Vermittlungsproblem oder
gar ein Wagnis ist dabei hinten und vorne nicht in Sicht - es sei
denn, man verwechselt Erklärung von vorneherein mit moralischer
Anteilnahme für die Opfer und läßt sich von daher einleuchten,
daß die Spezies "Frau" in ihrer geschlechtsspezifischen Besonder-
heit eine besondere Würdigung verdient. Dann hat man viel damit
zu tun, beim theoretischen Schulterklopfen für die diversen Opfer
des Kapitalismus Gerechtigkeit walten zu lassen.
"Die Gattungsfrage ist heute an die Stelle der Klassenfrage ge-
rückt. Wir alle sitzen in einem von Katastrophen bedrohten Raum-
schiff."
" Welche traditionellen Vorstellungen müssen wir über Bord wer-
fen? Die traditionelle Fortschrittsgläubigkeit! Der mainstream
der marxistischen Theoriegeschichte hat Fortschritt identifiziert
mit Fortschritt der Produktivkräfte."
Eine saubere Selbstkritik! Wenn der Kapitalismus weltweit "die
Springquellen des Reichtums untergräbt", dann will ich als Mar-
xist keine Klassen mehr kennen, also zwischen Urhebern und Opfern
nicht mehr unterscheiden! Sondern setze die Menschheit - ein Sub-
jekt, das gar nicht existiert bzw. nur durch gewaltsame Abstrak-
tion von allen Unterschieden und Gegensätzen zustandekommt - in
das von allen Weltpolitikern und Pfaffen bis zum Erbrechen zi-
tierte Schiff und erteile jedermann den Auftrag, auf Polemik und
Streit zu verzichten zugunsten der gemeinschaftsstiftenden Sorge
um die Erhaltung des Menschengeschlechts bzw. des Planeten Erde,
von dem den allermeisten der Insassen überhaupt nichts gehört.
Und was die "Fortschrittsgläubigkeit" des Marxismus betrifft: Es
ist auch nicht übermäßig richtig, sondern ziemlich reaktionär,
wenn man - nachdem man jahrzehntelang eine Abstraktion namens
Produktivkräfte angebetet hat - nun dieselbe Abstraktion umge-
kehrt für alle Übel dieser Welt verantwortlich macht. Spengler
und Co lassen grüßen.
Der Gerechtigkeit halber sei noch das folgende interessante Lob
des Marxismus erwähnt, welches unsere Marxisten dann doch nicht
an selbigem verzweifeln läßt:
"Die Dimension des individuellen Todes, die Vezweiflung der indi-
viduellen Art können - Gott (!) sei Dank - bisher vom Marxismus
nicht beantwortet werden."
Das ist echter Balsam für die geschundene Marxistenseele, daß die
kalte Rationalität dort passen muß, wo der Mensch mit seinem
Herrgott ganz allein ist. Es lebe die Humanität!
Womit wir beim Schlußwort zum Sonntag wären:
"Gott (schon wieder!) sei Dank ist für uns unbeantwortbar, daß
wir auf alles eine Antwort wissen: Die Unbeantwortbarkeit des Wi-
derspruchs, der Dialektik ... das ist das, was den Marxismus le-
bendig macht und hält." (Applaus!)
Na dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Amen!
(Alle Zitate aus der Veranstaltung am 9.12.88 bzw. aus dem BdWi-
Reader zu diesem Thema)
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