Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Vorkonferenz zur 2. Sozialistischen Konferenz
RAUS AUS DEM LINKEN GHETTO
Rudi Bahro und die "Nationale Koordinationsgruppe Sozialistische
Konferenz" hatten geladen - Marburger und auswärtige Studenten-
schaft kam und (über)füllte den größten Hörsaal der Universität
Marburg. Es ging darum, auf die 2. Sozialistische Konferenz, die
im Februar in Marburg abläuft, "vor Ort" einzustimmen. Das Ergeb-
nis: eine Sozialistische Konferenz in Marburg ist nicht nur mög-
lich - das idyllische Städtchen ist "in der gegenwärtigen Situa-
tion" sogar der "geeignetste Ort" für ein Treffen der Palaverso-
zialisten, "weil die beiden Seiten der linken Tradition hier Tra-
dition haben und diese beiden Seiten einander nötig haben"
(Bahro).
Erfolgskriterium und Ziel der 2. Sozialistischen Konferenz waren
damit erschöpfend angegeben und so konnte deren Initiator über
die Feststellung:
"Ich will hier nur meine persönliche Meinung und sonst nichts
darüber Hinausgehendes vorstellen."
sich ganz darauf beschränken, ein "Tableau offener Fragen" aufzu-
stellen:
"Woher kommt, wohin geht heute die Staatsgewalt? (Nicht zu ver-
wechseln mit der Frage, was sie macht; vielmehr: Bietet sie uns,
den Gegnern, eine Perspektive?) Abschied vom Proletariat jenseits
des Sozialismus? Wenn das stimmt, wer soll dann das alles ändern?
(Tu doch nicht so, als wärst du nicht sicher, daß es zu stimmen
hat! Freilich: erst Abschiednehmen und dann das Proletariat mit
einem herzlichen 'Grüß Gott' in deiner Menschheitsbewegung begrü-
ßen, das könnte dir so passen!) Erst den Staat stürzen und dann
das Leben ändern oder umgekehrt? (Sehr süß! Wie wäre es mit einem
Kompromiß: Halbe-Halbe?)."
Sein Gesamtgedanke:
"Mein Gesamtgedanke: maximale Öffnung für den Ausbruch aus dem
linken Ghetto; Orientierung nicht auf Positionsbehauptung, son-
dern auf Diskussionsverhalten und damit Überprüfung der bestehen-
den Position - einschließlich meiner eigenen."
Das ist also der Maßstab, an dem sich Linkssein heute entschei-
det: Werden die teilnehmenden politischen Richtungen der Anforde-
rung gerecht, jeglichen Verdacht von Dogmatismus und Kaderschmie-
dentum von sich zu weisen? Nur so qualifiziert man sich nämlich
für die gemeinsame Diskussion, die folglich auch nicht in der
Klärung konträrer Ansichten über die Welt besteht, sondern dann
erfolgreich ist; wenn sie ihre eigene Möglichkeit beweist. Das
braucht's in den 80er Jahren!
Ein historischer Kompromiß
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Diejenigen, die speziell in Marburg gemeint waren - die revisio-
nistische Linke und die Reste der Marburger Schule - hatten den
Wink vom Einheitsrudolf verstanden. Frank DEPPE ließ stellvertre-
tend für seine Genossen keinerlei Gram gegenüber dem Ex-DDRler
BAHRO erkennen, obwohl dieser trotz (oder wegen) des solidari-
schen Abends sich einige Seitenhiebe auf das Ideal hiesiger
Freunde des "real existierenden Sozialismus" nicht verkneifen
konnte: "Alle bisherigen Muster sind durch ihre Praxis in Moskau
oder Peking desavouiert." Freilich allzuschwer scheint den Revi-
sionisten der Kotau mittlerweile nicht mehr zu fallen, schließ-
lich wollen auch sie bei der Ökologiebewegung abstauben. DEPPE
bewies messerscharf, daß der alte revisionistische Kalauer von
der Notwendigkeit, den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse
(übrigens: Wenn es den gäbe, könnten sich BAHRO und DEPPE ihren
Senf sparen!) in den politischen Kampf überzuführen, nicht nur
unter das Dach des heiligen Rudolf paßt, sondern die Revisioni-
sten damit sogar schon vor BAHRO die Vorreiter der Öko- und
Menschheitsbewegung waren:
"Bahro reduziert die Arbeiterklasse auf rein ökonomische Pro-
bleme. Aber bei uns gibt es doch täglich tausendfach (?) soziale
Kämpfe, in denen es um die Qualität der Befriedigung von Lebens-
bedürfnissen geht... Für die sozialistische Bewegung kommt es ge-
rade auf die Überwindung des Ökonomismus an, auf die Überwindung
der Bornierung auf die unmittelbaren ökonomischen Interessen ein-
zelner Klassen und Schichten... Es kann daher keinen Abschied vom
Proletariat geben, sondern nur einen kollektiven Bündnisprozeß."
Fürwahr ein erlesener Streit: BAHRO hält die Proleten für konsu-
morientiert (ausgerechnet!) und deshalb für mitschuldig an der
angeblich drohenden Menschheitskrise - DEPPE dementiert eifrig
und wirft BAHRO vor, er sehe nicht, wie sehr das Proletariat
schon seinen, "auf die Lohntüte" bezogenen Forderungen abgeschwo-
ren habe und stattdessen seine sozialen, dem Ganzen verantwortli-
chen, Qualitäten in die Waagschale werfe. (Als Beispiel führte
DEPPE nicht zufällig die Dortmunder Hoesch-Demo mit Ministerprä-
sident RAU an der Spitze an.) So halten beide Seiten der "linken
Diskussion" Materialismus für eine Todsünde und versehen ihn mit
dem Attribut "borniert" oder "egoistisch" - nur, daß DEPPE meint,
die deutschen Arbeiter hätten solche Vorwürfe nicht verdient! Das
sind also die Alternativen, um die sich die erweiterte Konferenz-
linke streitet!
(GIEGEL, ein Marburger Professor mit SB-Touch, wollte bei diesem
einigen Streit nicht fehlen und bezog energisch Position: Wie
wär's mit einer Vermittlung zwischen BAHRO und DEPPE? Es kann
kein Zufall sein, daß er bei seiner Suche nach "vermittelnden
Formeln zwischen Arbeiter- und Ökologiebewegung" zu einer Affir-
mation DGB-offizieller Parolen gelangte. In der "Forderung nach
Arbeitszeitverkürzung" sah er wie die Gewerkschaft eine
A l t e r n a t i v e zu einer "materiellen Besserstellung" der
Arbeiter (= mehr Lohn) und meinte, daß sich darauf auch die Ökos
einlassen könnten!)
Grüße von der Sozialdemokratie
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Der Höhepunkt des Abends: zweifellos der Auftritt des Bundesge-
schäftsführers der Jusos HARTUNG. Er griff BAHROs Motto "Raus aus
dem linken Ghetto" zustimmend auf und ließ keinen Zweifel daran,
daß er als Sozialdemokrat diese Forderung schon längst verwirk-
licht hätte. Fürwahr! Dann wandte cr sich gegen die "akademische
Abgehobenheit" der Diskussion und lieferte eine erschütternde
Schilderung der Leiden der deutschen Arbeiterklasse: Arbeitslo-
sigkeit, Schichtarbeit, Arbeitsunfälle, Frühinvalidität, Woh-
nungsnot etc. - da wolle er sich "einmischen", natürlich als So-
zialdemokrat. Es wirft schon ein bezeichnendes Licht auf den
Stand der versammelten Linken "links von der SPD", daß der Ver-
treter dieser Partei, die in den letzten Jahren für eine handfe-
ste Verarmung der Arbeiter gesorgt hat, sich auf ihren Kongressen
als Verfechter der Interessen des geschundenen Proletariats auf-
spielen kann, ohne daß ihnen auch nur ein Argument gegen den
Herrn Jungsozialisten einfällt. Für sie ist es sogar ein Fort-
schritt, daß die sozialdemokratischen Nachwuchspolitiker auf ih-
rem Weg ins Parlament künftig höchstoffiziell bei den linken Kon-
ferenzen Zwischenstation machen - von wegen der "Verbreiterung
des Spektrums ".
Die langfristige Perspektive
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Apropos "Raus aus dem linken Ghetto!" Rudi BAHRO widmete sein
Schlußwort ganz diesem seinem Lieblings- und Gesamtthema. Für ihn
steht jetzt schon fest, daß die 2. Sozialistische Konferenz in
dieser Hinsicht nur einen Teilerfolg bringen wird: Zwar sind
diesmal DKP und Jusos dabei, aber die Jusos seien noch nicht die
SPD, und die SPD sei noch nicht die CDU/CSU. Dies sei schade,
zumal er entdeckt habe, daß die CDU/CSU "nach ihrer Wahlnieder-
lage die Ökölogie diskutiert". Mehr noch:
"In Bayern hat die CSU 60% der Wählerstimmen. In diese Diskussion
(!!), die dort läuft, müssen wir hineinkommen und denen unsere
Formulierungen für ihre Probleme anbieten."
Wohlan denn, auf zur 3. Sozialistischen Konferenz! Vielleicht
wäre das schöne bayerische Wildbach Kreuth der "geeignetste Ort"?
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