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Resultate - Theoretisches Organ der MARXISTISCHEN GRUPPE (Nr. 6)
Imperialismus III
EIN ANGRIFF AUF DIE VÖLKERVERSTÄNDIGUNG
Nach der Erklärung des Imperialismus als Anspruch und Erfolg je-
ner Staaten, die sich demokratischer Botmäßigkeit und deshalb
nützlich gemachter Ausbeutung ihrer Untertanen rühmen können
(Resultate Nr. 4: "Imperialismus 1"), und der Prinzipien der "pax
americana", die für abstrakt zu halten nur jemandem gelingt, dem
am weltweiten Segen von Dollar und Kaugummi allenfalls dann ein
Verdacht kommt, wenn er am jetzt proklamierten Kampf gegen den
"internationalen Terrorismus" einen Verstoß gegen die Menschen-
rechtskampagne bemerken will (Resultate Nr. 5: "Imperialismus
2"), legt die MG eine neue Veröffentlichung vor. Ihr Inhalt, zu
welchen Leistungen Staaten in allen Weltgegenden, die sich als
Garant, Mitmacher und Objekte dem Imperialismus verschrieben ha-
ben, es bei der Ausübung des leichenträchtigsten Geschäfts der
bürgerlichen Welt bringen, ist in drei Sätzen wiederzugeben.
Der täglich erneuerte Blick auf die Welt, der registriert, was
alles anderswo Staaten im Umgang miteinander und im Umgang mit
den von ihrer Herrschaft Beglückten zuwege bringen, täuscht sich
glatt über das Subjekt dieser mehr oder weniger blutigen Ereig-
nisse: Es ist nicht die Natur ausländischer Landstriche und der
ziemliche Mangel an demokratischer Gesittung und Verantwortung
bei Regierten und Regierern, die das Weltgeschehen außerhalb des
eigenen Staatswesens so 'verworren' machen, sondern die durchge-
setzte Nutzbarmachung des - mit einer Ausnahme - gesamten Globus
für die Zwecke der einen Weltfriedensordnung, die USA heißt. Die
Vielfalt der Taten derer, die Staaten regieren, von denen oft
keiner weiß, wo sie liegen, verdankt sich eben einem höchst ein-
fältigen Prinzip: Die USA können sich Unterschiede in der Benut-
zung dieser Souveräne leisten, so daß die Beglückung mit dem Dol-
largeschäft neben der Unterstützung auswärtiger Völker mit AWACs
und Landebasen und/oder neben herzlicher Gleichgültigkeit für das
gegenseitige Abschlachten anderswo steht.
Unterschiedslos negativ
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Daß alles, was außerhalb des Ostblocks läuft, von der Weltmacht
Nr. 1 konzessioniert ist und sich an deren Ansprüchen zu messen
hat, heißt freilich nicht, diese Freiheit der Staatenordnung
wäre, nur für die USA eingerichtet: An einem Spruch des Nord-Süd-
Willys "Wir tragen Verantwortung für die Dritte Welt" läßt sich
nicht erst die Ankündigung, sondern die Fortsetzung eines schon
längst betriebenen imperialistischen Weltprogramms der BRD able-
sen nur die gar nicht harmlose Unschuld eines BRD-nationalisti-
schen Gewissens vermag das Gegenteil herauszulesen. Abhängige
'Marionetten' vom Imperialismus der USA und der europäischen
Staaten sind die Exoten mit Kaiser- und Präsidententiteln, die
Ölscheichs und Militärdiktatoren deswegen noch lange nicht: Sie
richten sich höchst souverän für die Brauchbarkeit her, mit ge-
gensätzlichen Wirkungen für sie selbst und für die von ihnen ver-
tretemen Massen. Der Antiimperialisinus der diversen Befreiungs-
bewegungen hat in der Regel mit der Erringung dieser Souveränität
geendet: Staaten sind sie jetzt alle, deren Führer die Ausplünde-
rung des "natürlichen Reichtums" ihres Territoriums - worunter
oft nicht einmal die für überflüssig erklärte Bevölkerung zählt -
als ihr eigenes Geschäft betreiben, und mit dem Fortschritt des
Imperialismus haben sie alle gemerkt, daß die Erpressung mit der
Sowjetunion kein Mittel dieses Geschäfts mehr ist.
Werbung läßt sich für die Analyse der weltweit betriebenen Aus-
übung imperialistischer Herrschaft allerdings kaum treiben, und
das liegt nicht an den Aussagen: Was auf den 256 Seiten dieser
Neuveröffentlichung steht, stimmt auf Punkt und Komma. Aber ge-
rade deswegen gibt die Erklärung, jede staatliche Ecke der Welt
zum Mittel des kapitalistischen Eigentums und deshalb zur Bastion
praktizierter Feindschaft gegen den Staat, der diesem Fortschritt
weltweit im Weg steht, zurichtet, für Unterschiede nichts her, an
denen sich eine Parteinahme für eine Seite entzünden könnte. Wer
an allen auswärtigen Taten der Staatsmänner lauter Mängel an
Friedenswillen, Verständigungsbereitschaft und sozialer Verant-
wortung feststellen will, den kann und will das Buch nur enttäu-
schen. Wem angesichts dessen, was Gefolgsleute der BRD-Politiker
sich für die wieder erreichte Weltgeltung unseres Staates antun
und antun lassen - und noch ihren Stolz darein setzen -, nichts
anderes auf den Kopf schlägt als die Sehnsucht nach kollektiver
und spontaner Wärme, die Neger noch im Verhungern so an sich ha-
ben sollen, dem steht der Zynismus-Vorwurf gut zu Gesicht. Dieser
Vorwurf stellt sich ja prompt immer da ein, wo nicht von lobens-
werten Absonderlichkeiten, ehrwürdiger, weil unbeleckter Ge-
schichte und traditionellen Bräuchen aus fremden Ländern die Rede
ist, sondern von höchst moderner Bornierung von Menschen, die von
den hiesigen Zivilisationsgebräuchen deswegen noch lange keine
Ahnung zu haben brauchen.
Die Freiheit der Zustimmung
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Daß es sein Interesse nicht ist, was seine Politiker zu diploma-
tischen, geschäftlichen und politischen treffen an alle Punkte
der Welt reisen läßt, merkt der weltoffene Nationalist im Bürger
schon - schließlich braucht es ja auch die Eselsbrücke "unsere
Nation", damit er sich dabei mit unterbringen kann -, aber das
verschafft ihm die Freiheit einer selbstzufriedenen "eigenen Mei-
nung" über das außenpolitische Wirken seiner Politiker, ein Ge-
nuß, der sich bei allen staatlichen Maßnahmen im Innern so rein
nie einstellen mag, da eine gewisse Betroffenheit sich hier
zwangsläufig einstellt.
Ganz unabhängig von den kleinlichen Rücksichten auf die eigene
Person eröffnet sich dem kosmopolitisch geschulten Blick über die
eigenen Grenzen hinweg das Vergnügen, sich bloß eine Meinung über
die täglich registrierten Querelen und Geschehnisse aus aller
Herren Länder, die so auffällig mit dem gewohnten geregelten
Staatsleben hier kontrastieren wollen, zu bilden. So legt sich
jeder Staatsbürger eine gute oder - nicht besser - eine schlechte
Meinung darüber, was so in der Welt passiert, zu. Die theoreti-
sche Freiheit, die sich hier herausgenommen wird, neben der Pra-
xis des politischen Geschäfts eine Beurteilung zu treffen, nach
einem fiktiven Geschmacksmaßstab, der gar nicht vorgibt, sich um
das zu kümmern, was da bewertet wird, ist freilich das Gegenteil
eines theoretischen Urteils. Stolz darauf, sich bei der Lektüre
der Nachrichten aus aller Welt, von der noch immer bemerkten Heu-
chelei freimachen zu können, die sich bei der Rücksichtnahme auf
ein eigenes "egoistisches" Interesse, das man unter Berufung auf
ein höheres Recht und das "Allgemeinwohl" daheim zur Geltung
bringen möchte, einstellt, wird der imperialistische Weltbürger
zu einem absoluten Moralpinsel und die Heuchelei erst ganz voll-
kommen. Wissen, was da durchgesetzt wird, wenn "Mißverständnisse"
unter Politikern zu Leichenbergen führen, will niemand. Die Er-
klärung der Zwecke, die in der Konkurrenz der Staaten in Europa
und anderen Weltgegenden exekutiert werden, gilt dagegen als amo-
ralisch - und so läßt sich das Urteil, das die vorliegende Neu-
veröffentlichung erfahren wird, ohne große Schwierigkeiten vor-
hersagen: Ihr Inhalt sei zynisch, weil er keine Gelegenheit gibt,
das vielfältig-eindeutige Wirken des Imperialismus quer über die
Welt so aufzubereiten, daß sich dazu mit guten oder schlechten
Vorurteilen Stellung beziehen ließe.
Das Europa der EG
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So ist es kein Wunder, daß die friedliche Staatengemeinschaft,
genannt EG, niemanden als Hort des Imperialismus erscheinen will,
zumal die "ausgleichende - Rolle" des mächtigsten Partners, der
BRD, nicht zu übersehen ist. Die hat ein reines Gewissen: bis
heute noch keine Leiche (Mogadischu zählt nicht: Das waren
schließlich Terroristen) auf dem Erdball produziert! Da stört es
nicht weiter, daß die europäische Völkergemeinschaft von den Ame-
rikanern nach dem Kriegsende zu einem nicht unbescheidenen impe-
rialistischen Zweck eingerichtet wurde und sich am Anfang nur mit
vier Buchstaben 'NATO' schrieb. Das bis heute - und heute ver-
stärkt - angestrebte Ziel ist nichts anderes als die Eindämmung
bis hin zur Kapitulation des einzigen Gegners, der dem freien We-
sten hinderlich im Weg steht und wofür die ruinierten europäi-
schen Nationen mit und für den Segen der Dollars wirtschaftlich
erst wieder aufzubauen waren. Daß diese Abhängigkeit vom Garanten
und Subjekt der freien Welt einen Gegensatz zu den Interessen
deutscher Politiker gebildet hätte, ist eine Lüge. Ganz souverän
hat die BRD ihre Chance als imperialistischer Mitmacher ergriffen
und laufend auftretende Verstimmungen sind nichts als Reibereien,
die bei der einhelligen Arbeitsteilung der militärischen, politi-
schen und wirtschaftlichen Drohungs- und Erpressungsgewalt des
freien Westens notwendig auftreten. Schließlich ist Schmidt der
europäische Macher des Nachrüstungsbeschlusses, mit dem die UdSSR
gleich doppelt totgerüstet werden soll - einmal von den USA und
einmal von Europa aus -, die Verschickung von deutschen Kriegsge-
räts samt dazugehörigen Militärberatern in "Spannungsgebiete"
wird jetzt als Programm durchgezogen und die wirtschaftlichen
Konditionen, zu denen ein Handel für die deutsche Wirtschaft sich
lohnt, hat die BRD schon längst weltweit zur Geltung gebracht.
Immerhin soll im "Europa der Vaterländer" ein Geist "nationaler
Versöhnung" eingezogen sein, und es gibt das Europaparlament. Das
Bedauern über permanente "Rückschläge des Europagedankens" und
die Klage über die "Schwerfälligkeit" der Durchsetzung gemeinsa-
mer Interessen ist jedoch eine einzige Heuchelei. Eben so und
nicht anders geht Konkurrenz unter Nationen auf der neuen Stufe
europäischer Gemeinschaft. Was das bedeutet und warum das Gejam-
mer über die gar so egoistischen Franzosen und Engländer ein ma-
kabres Lob auf die Botmäßig- und Arbeitswilligkeit des deutschen
Arbeitsvolks ist, womit sich die BRD am erfolgreichsten die EG
zum Mittel ihres nationalen Vorankommens gemacht hat, ist im vor-
liegenden Band nachzulesen.
Daß die harte Welt des Geschäfts etwas anderes als ein militäri-
scher Einmarsch ist, hat den Glauben des hiesigen Demokraten an
seine Staatsvertreter ungemein beflügelt, als im Zuge der Ent-
spannung diese eine weitere Kampffront gegen den Osten aufgemacht
haben, den friedlichen
Osthandel
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Daß es sich bei der neuen Linie, nicht nur mit Waffendrohung auf
den Gegner einzugehen, um alles andere als einen sich ausschlie-
ßenden Gegensatz handelt, sondern um seine funktionale Ergänzung,
wäre freilich schon an der wunderbaren Vermehrung des gesamten
Waffenarsenals auf amerikanischem und europäischem Boden zu Zei-
ten der Entspannung festzustellen gewesen, mit dem ein Atomkrieg
wieder führbar gemacht wurde, weswegen er heute geplant und vor-
bereitet wird. Daß die Schwäche der sozialistischen Ökonomie, die
bei aller staatlich organisierten Ausbeutung keinen profitablen
Reichtum zustandekriegt, als Mittel einer schrankenlosen ökonomi-
schen und politischen Erpressung benützt wurde, zeigt sich an ih-
ren Erfolgen. Eine Einmischung der UdSSR in Polen oder ein Ver-
halten der polnischen Regierung in ihrem eigenen Land, das sich
von dem, was Staatsmänner sonst in aller Welt mit ihrem unbotmä-
ßigen Volk anstellen, in nichts unterscheidet, bezeichnet der
BRD-Außenminister als höchst realen Kriegsgrund. Und dieser Er-
folg des friedlichen Osthandels, die Auflösung des Ostblocks so
weit vorangebracht zu haben, daß man der UdSSR die Souveränität
in ihrer Hemisphäre bestreiten kann, weil man Polen bereits zu
einem wirtschaftlichen Satelliten des Westens gemacht hat, läuft
hierzulande als Sorge um die Beendigung eines beiderseits nützli-
chen Geschäfts, das ein Ami namens Reagan den Deutschen vermiesen
möchte. Auch hier eine saubere Arbeitsteilung: Im Namen des über-
geordneten Interesses am Umgang mit dem Osten ist die Weltmacht
Nr. 1 für die Konzessionen und Bedingungen des Osthandels zustän-
dig und die gibt es eben nur bedingt. In diesem Rahmen hat die
BRD den Ostmarkt für sich nützlich gemacht, und bei dem sich ein-
stellenden Erfolg ist es nur gerecht, daß das Totrüsten der UdSSR
als oberster Programmpunkt der gemeinsamen Politik der USA und
der BRD auf die Erpressung und Benützung eines regen Geschäftsle-
bens auch wieder verzichten kann: Die Aufrüstung durch Entspan-
nung bat es ja gebracht. Alle weiteren Gründe, warum sich beim
Osthandel eine Entschuldigung der 'verständigungsbereiten' aber
ziemlich 'ohnmächtigen' BRD verbietet - eine Entschuldigung, die
insbesondere linker Nationalismus, dem beim jetzigen Stand der
Kriegsplanung nichts anderes als ein gemäßigter Antiamerikanismus
einfällt -, sind im Artikel "Osthandel" nachzulesen.
Wem die Praktiken des Imperialismus bei der Betrachtung dessen,
was die BRD so in der Welt treibt, partout nicht auffallen wol-
len, dem kann wenigstens der Artikel über.
Afrika
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einen Beleg bieten, daß es unter aufgeklärten Menschen (noch ver-
einzelt) Liebbaber des Imperialismus gibt. Konsequent machen sich
die Verfasser bei der Erklärung, wie der dort ansässige Menschen-
schlag für seine Brauchbarkeit im Namen des weltweiten Profits
und der Demokratie zugerichtet wird und sich zurichten läßt - wo-
bei sich immer herausstellt, daß die meisten zuviel und gänzlich
unbrauchbar sind - auch nicht das Problem, ob die Bezeichnung
'Neger' eine 'Diskriminierung' ist - schließlich kommt es ihnen
auf anderes an. Wem seine Liebe zu dunkelhäutigen Menschen aller-
dings eingibt, es wäre ein unschätzbarer Gewinn für sie, von ei-
nem Souverän ihrer Hautfarbe beherrscht zu werden - und dabei die
Modalitäten dieser Herrschaft generös beiseite zu lassen, es sei
denn irgendein Massaker weist darauf hin, daß die Natur der
schwarzen Seele wohl noch nicht "reif für die Demokratie" ist -;
wem es darauf ankommt, den Fortschritt eines afrikanischen Lan-
des, von dem viele Bewohner nicht einmal wissen, daß sie in ihm
leben, am Programm eines Namenswechsels zu messen; wer sich für
Kultgebräuche und die kollektive und spontane Wärme der afrikani-
schen Volksseele begeistert, also das imperialistisch bewirkte
Elend der Neger, die auf eine Existenzweise zurückgeworfen wer-
den, von der sie nicht mehr leben können, kulturell genießen
möchte - dem gilt unser herzlicher Angriff. Für einen ausgewach-
senen Kulturimperialismus und für einen noblen Rassismus haben
wir nichts übrig!
Mit der Begeisterung der kolonialen Verhältnisse sind die ehema-
ligen Kolonialterritorien souveräne Staaten geworden und zur Ehre
gelangt, eine "Dritte Welt" zu bilden. Und das Geschäft, das sie
betreiben, den Abtransport der Bodenschätze und der Naturalpro-
dukte gegen die Finanzierung des dazu nötigen Militärapparats und
der staatlichen Verwaltung einzutauschen, hat diese Länder sogar
in den Ruch gebracht, ein potentiell "antiimperialistischer
Block" zu sein, weil sie dieses Geschäft selbständig und souverän
abwickeln. Vom Imperialismus zu reden, hat heute die Form der po-
sitiven Anteilnahme an der "Dritten Welt" angenommen: Klar, wer
von der Macht des Imperialismus nichts wissen will und die Demo-
kratie, in deren Namen und auf deren Grundlage die Erfolge des
Imperialismus errungen werden, für ein Herzensbedürfnis afrikani-
scher Massen hält, der setzt seine "antiimperialistische" Hoff-
nung auf die Ohnmacht und wird an seiner zynischen Verklärung von
Opfern auch dann nicht irr, wenn er mit der schnellen Entwicklung
von Führern der Befreiungsbewegungen zu Staatspräsidenten, die
als erstes diplomatische Beziehungen und mehr zum Westen aufneh-
men, nicht nachkommt. Für faschistisches Wunschdenken: Ein Volk,
das wie ein Mann hinter seinem Führer steht, geben die Verhält-
nisse dort unten erst recht nichts her; das entstammt genuin den
Hirnen bürgerlicher Antiimperialisten. Für das Lob der Ohnmacht
der dortigen Staatsvertreter als revolutionäre Hoffnung haben wir
nichts übrig: Für den gewaltsamen Umgang mit dem eigenen Staats-
volk und einem staatlich garantiertem Verhungern und Elend der
Massen reicht sie allemal.
Komischerweise kommt das Lob des politischen Treibens und der
Folklore von Schwarzen auch ohne Kritik an den hehren Idealen von
Entwicklungspolitik, guten Beziehungen, die die USA und die euro-
päischen Staaten in Afrika praktisch geltend machen, aus.
Das Öl - Ein Geschäftsartikel erster Klasse
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Daß es in der Welt noch imperialistische Machenschaften gibt,
wußten Politiker und Journalisten der bundesdeutschen Öffentlich-
keit vor einiger Zeit mitzuteilen. Ihre Urheber tragen lange Ge-
wänder, sitzen auf dem Öl und erpressen uns und unsere Wirtschaft
damit. Daß Öl nur für den ein Geschäft ist, der Geschäfte damit
machen kann, was negativ sowohl für die Scheichs wie für den nor-
malen Öl- und Benzinverbraucher gilt, die sich die gestiegenen
Kosten, die sie zu bezahlen haben, mit der süßen Lehre: Energie
ist knapp, schmackhaft machen können, war damit nie bestritten.
Inzwischen ist neben der freundlichen Entgegennahme von Petrodol-
lars, die eh für nichts anderes taugen, als das Geschäft der
westlichen Industrienationen zu beflügeln, ein anderes Unterstüt-
zungsgeschäft getreten: Leos für die Freiheit im Wüstensand. Weil
dies kaum jemand aufregt, hängt es doch irgendwie mit der Verant-
wortung für die Welt, der wir Deutsche uns nicht mehr entziehen
können, zusammen, und weil die Beduinenhäuptlinge nicht dazu an-
getan sind, spekulative Hoffnungen auf antiimperialistische Ge-
sinnung zu nähren, können wir für die Lektüre nur auf ein Inter-
esse am Exotismus setzen. Und auch den müssen wir erttäuschen: Es
läßt sich auch dort nichts anderes entdecken als höchst stinknor-
male ökonomische und politische Gebräuche, vor denen sich ja auch
hier niemand fürchtet.
Der Iran - Ölquelle mit Volk
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Eine Ecke der Welt hat es seit zwei Jahren allerdings zu einem,
wenn auch verrückten, Antiimperialismus gebracht: Der Iran des
Ajatollah Khomeini, der die menschlichen Umgangsformen diplomati-
scher Gepflogenheiten schwer vermissen läßt. Die Frage: Rückfall
ins Mittelalter oder islamischer Sozialismus läßt sich leicht be-
antworten: weder - noch. Gegen die Begeisterung für den selbstän-
digen Weg Irans zwischen Ost und West weil eigenständig, haben
wir etwas einzuwenden, und zwar nicht deswegen, weil er illusio-
när ist und die Spekulationen auf einen Machtwandel im Iran von
Seiten westlicher Politiker im Öl ein handfestes Mittel haben.
Die Toleranz und Abschätzigkeit, die das Lob der kulturellen Ei-
genständigkeit auszeichnet, geht uns ganz einfach ab, wenn diese
darin besteht, ein Volk mit dem Versprechen Heiliger Kriege näh-
ren zu wollen. Daß es unter den Mullahs anders zugeht als hier
oder sonstwo in der Welt, ist ja wohl das dümmste Lob, das einem
einfallen kann und der Maßstab, nach dem der heutige Iran pitto-
resk, sozialistisch oder eigenständig erscheint - was ungefähr
aufs selbe hinausläuft -, ist eine einzige Stellungnahme für den
Geist der kapitalistischen Welt, ohne deren ökonomische und poli-
tische Gewalt das Treiben eines Schah und die falsche Opposition
gegen ihn nicht zu erklären ist.
Ein südamerikanisches "Entwicklungsland " wie
Brasilien
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kann sich von kritischen Intellektuellen unseren Breitengrades
nicht nur der Sorge um instabile bis nicht vorhandene demokrati-
sche Verhältnisse, sondern auch der Erfindung alternativer
"Entwicklungsmodelle" sicher sein, beides unter Berufung auf bra-
silianische Oppositionelle, die Ähnliches bewegt. Die Rede von
der "Unterentwicklung", die es zu beseitigen gilt, müßte sich
freilich blamieren, hätte sie es auf die wirklichen Verhältnisse
in diesem Land Südamerikas abgesehen. Entwicklung gibt es dort zu
Hauf, nicht nur von VW do Brasil und Atommeilern, sondern auch in
puncto Staatsapparat, der sich über Verschuldung ans Ausland
prächtig finanziert und erhält, so daß auch die Sorge um die Ent-
wicklung des Militärs gänzlich unbegründet ist. Die Entwicklung
des Elends der Arbeiter und derer, die gar nicht in den Genuß der
Ausbeutung gelangen, hält dabei gut Schritt. Funktional für die
Zwecke der kapitalistischen Länder, die sich dort unten betäti-
gen, ist die unentwickelte Demokratie allemal, schließlich lauten
diese Zwecke dort etwas anders als in den Heimaten des Kapitals.
Vom Standpunkt eines Weltgewissens sich Alternativen der Art: Ab-
koppeln ja oder nein? auszudenken und Dysfunktionalitäten in der
ganzen Welt zu entdecken, ist eben eine noble Abstraktion von den
Zuständen, die sich in Südamerika und anderswo eingestellt haben
als Ergebnis einer für den Profit funktional gemachten Welt. Wer
den weltweit durchgesetzten Gegensatz von profitablem Reichtum
und gewinnträchtiger Armut für die mangelhafte Durchführung einer
den Staaten übergeordneten Weltordnung halten will, dessen Alter-
nativen lauten dann eben auch nicht anders als ausgerechnet das
Kapital zum hilfreichen Mittel für die Hungernden der Welt zu er-
klären. Oder er setzt noch kritischer und im Verein mit fort-
schrittlichen Kirchenmännern auf die Ressourcen des existierenden
Elends und will die Identität der untereintwickelten Massen be-
wahrt sehen, was am besten mit Hacke und viel mitmenschlicher
Wärme, die uns konsumverwöhnten Wohlstandsbürgern abgeht, zu be-
werkstelligen ist.
Beweise für die Realitätstüchtigkeit eines solchen Idealismus
sind uns bei der Erklärung dessen, wozu Kapital und Demokratie in
und außerhalb der Heimstätten dieser Exportartikel imstande sind,
nicht begegnet. Die Betrachtung der unterschiedlichen Ausgestal-
tung dieses Geschäfts gibt uns keinen Anlaß zu hoffnungsvoller
oder bedauernder Begutachtung des Scheiterns einer internationa-
len Politik, deren Erfolge auf jedem Teil des Weltballs zu be-
sichtigen sind. Wir werden einfach den Verdacht nicht los, daß
die Erfindung von wünschbaren Alternativen, die das Denken kriti-
scher Weltbürger bewegt, nur auf eines hinausläuft: Die Alterna-
tive, den Inperialismus dort zu bekämpfen, wo er sich für seine
weltweiten Erfolge rüstet, für unmöglich zu erklären und ihr eine
entschiedene Absage zu erteilen.
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