Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Polnische Studentenfunktionäre auf BRD-Trip
STUDENTENVERTRETUNG AUF POLNISCH
"Authentische und legitime" Repräsentanten des neuen "autonomen"
polnisches Studentenverbandes NZS waren jüngst an mehreren bun-
desdeutschen Hochschulorten zu besichtigen. Der Chef, der Vize-
Chef und noch der Krakauer Regionalchef von NZS begaben sich auf
eine zweiwöchige BRD-Tournee, um für sich und ihren Verein Re-
klame zu machen und sich anstaunen zu lassen als Leute, die dem
realen Sozialismus in Polen ein Schnippchen schlagen wollen. Daß
von solchem Glanz auch auf sie ein Abglanz fallen möge, war die
gar nicht unberechtigte Hoffnung der Veranstalter dieser Rund-
reise, der "unabhängigen linken Basisgruppen in den VDS". Auch
Jusos und etliche linke Gewerkschaftler bedienten sich gerne der
frischgebackenen polnischen Funktionärstruppe und begrüßten die
Veranstaltungen namentlich dort, wo gerade Studentenwahlen an-
standen, als günstige Gelegenheit, die linke Konkurrenz von MSB
etc. durch die Vorführung lebhaftiger Kronzeugen des Antikommu-
nismus wirkungsvoll zu treffen.
Freiheit der Wissenschaft - und wofür sie gut ist.
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Was von den obersten Funktionären des brandneuen NZS zu halten
ist, dafür ist allein schon die Tatsache ein Hinweis, daß sie
nichts Besseres vorhaben, als sich zwei Wochen lang an bundes-
deutschen Hochschulen zu tummeln. Was war es aber, das die pol-
nischen Studentenvertreter hiesigen Solidaritätslinken
Bewundernswertes zu berichten hatten? Zunächst hatte die dortige
Intelligenz den Aufstand des polnischen Arbeitsvolkes als
"günstige Situation 1980" für die Verwirklichung ihrer
Vorstellungen einer ganz eigenverantwortlichen und komfortableren
Ausbildung zu nutzen gewußt. Was ihnen an der - in der Tat
unerfreulichen - Realität unter dem Regime der polnischen
Sozialisten nicht behagte, war "in der ersten Dimension" die
fehlende "A u t o n o m i e der Hochschule und Autonomie und
Freiheit der polnischen Wissenschaft"; "die Universitäten hatten
eine totalitäre Struktur, der Präsident wurde von oben ernannt,
und es gab keine Studentenvertreter."
Daß es dieselben nun gibt und dies Anlaß zu großer
(Selbst-)Zufriedenheit ist, unterstreicht noch einmal, worum es
dem NZS geht: Die institutionellen Schranken sollten nicht
a u s s c h l i e ß l i c h "von oben" gezogen und der verant-
wortlichen Mitbestimmung der Akademikergemeinde im Wege sein.
Ganz in diesem Sinne hatten die Herren frei gewählten Studenten-
funktionäre an den bisherigen Pflichtkursen in realsozialisti-
scher Moral weder deren Unwahrheit noch ihr moralisches Ziel zu
bemängeln, sondern einzig, daß sie vorgeschrieben gewesen sind.
Stattdessen gehören auch polnische Hochschulen "dem weltanschau-
lichen P l u r a l i s m u s geöffnet." Den Mangel des realen
Sozialismus dahinein zu verlegen, daß er es seinen intellektuel-
len Untertanen verwehrt, sich ganz und ausschließlich auf die hö-
heren Sphären des (vor allem von der Pflicht zur Wahrheit) freien
Geistes zu kaprizieren, darin bewiesen die Vertreter des unabhän-
gigen Studentenverbandes wahre Radikalität: Sie sahen die
"Abschaffung des Militärdienstes für Studenten (!)" als unerläß-
lich an, ereile sie der Ruf in die Kaserne doch ausgerechnet "im
besten Mannesalter nach dem Studium, wo sie schöpferisch tätig
sein wollen." In diesem Sinne verwendete sich ein NZS-Student des
weiteren für die Beseitigung der Zwangsarbeit in den Semesterfe-
rien - wohingegen er den Arbeitseinsatz des gemeinen Volkes wohl
zu schätzen weiß: Die Begeisterung hiesiger Linker für den
"einheitlichen Kampf" der polnischen Arbeiterklasse wiesen die
Geistesfunktionäre mit der Bemerkung zurecht, daß die so Verehr-
ten "nicht nur streiken, sondern auch arbeiten", was ihnen jedoch
oft durch "die ökonomischen Strukturen, die fehlenden Materialien
und Rohstoffe" einfach verunmöglicht sei. Dies hindert den NZS
natürlich nicht daran, die "geistigen Veränderungen, nicht die
materiellen" für "wichtiger" zu halten. In diesem Sinne will er
der Arbeiter-Solidarnosc mit "Bildungsprogrammen für Gewerk-
schaftsmitglieder" dienlich sein. Was diese dabei lernen sollen?
Besteht die Losung gegen die realsozialistische "F r e m d-
"Herrschaft im Bemühen um "Autonomie", so ist die "zweite Dimen-
sion" , des nationalen Programms das "allgemeine Streben nach De-
mokratie". Entschieden verkündeten die NZS-Leute, alles auf der
Welt in Zukunft nur noch unter dem Maßstab "Totalitarismus oder
D e m o k r a t i e" begutachten zu wollen - also nach dem (auch
hierzulande wohl vertrauten) Kriterium, ob - die Inpflichtnahme
für die Nation über die F r e i w i l l i g k e i t - der Unter-
werfung unter die Herrschaft abgewickelt wird oder nicht.
Kein Wunder, daß der NZS sich in seinem Staat nicht auf die
"kommunistische Partei" als die "Regierungsmacht Polens", wohl
aber auf "die Verfassung" als "oberstes Regierungsorgan" hat
festlegen lassen wollen. Er erstrebt eben ein Arrangement mit der
Macht, auf dessen Grundlage seine Mitglieder antreten wollen,
"zur Verstärkung der Unabhängigkeit von Kultur und Kunst, die für
die Hebung der gesellschaftlichen Moral" wirken sollen. Also: Zum
Dank für die gewährte Freiheit der Wissenschaft gelobt man die
freiwillige Selbstverpflichtung, dieses Privileg zur Propaganda
für die Verbannung von Eigennutz aus der Gesellschaft einsetzen
zu wollen!
Antikommunistische Nutzanwendungen
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In Marburg löste das Bekenntnis ("meine persönliche Meinung") ei-
nes KOR-Mannes unter den polnischen Gästen: "Die westlichen Län-
der sind für mich etwas Besseres als Totalitarismus" beim Publi-
kum von grün/bunt/alternativ über Jusos bis hin zum RCDS Begei-
sterung aus, vor allem, weil man den anwesenden MSBlern quasi An-
tikommunismus aus erster Hand entgegenschleudern konnte. Deren
Reaktion ist übrigens bemerkenswert (siehe "rote blätter" 1/81):
Offenbar ist hiesigen Spartakisten, die schließlich unbedingte
Anhänger eines "sinnvollen Studiums" sowie bundesdeutscher ASten
und Studentendachverbände sind, das Auftreten ebensolcher Leute,
die als Opponenten realsozialistischer Herrschaft daherkommen, so
peinlich, daß sie dieselben für ihre antikommunistischen Tiraden
gar noch mit gewissen ungünstigen polnischen "Bedingungen" ent-
schuldigen: Bei der dortigen "Tendenz zum Administrieren anstatt
zu überzeugen", da "wundert kaum, daß unter solchen Bedingungen
der Antisowjetismus weit verbreitet scheint"!
Von MSBlern kam also der Hinweis nicht, den der polnische Chef-
Student schlechthin "schockierend" und als "Beleidigung der pol-
nischen Nation" empfand: daß nämlich die ökonomische und politi-
sche Erpressung Polens durch westlichen Osthandel und NATO der
Grund für die elende Lage der polnischen Bevölkerung ist. Der
NZS-Chef vermochte demgegenüber nur "Großzügigkeit des Westens"
zwecks "Hilfe für Polen aus der Krise heraus" zu entdecken und
bewies so, daß sich auch bei der polnischen Intelligenz National-
stolz mit vollständiger Weltfremdheit paart.
Polen - ein Vorbild nationaler Einheit
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In Frankfurt wurden die Repräsentanten polnischer Intelligenz
nicht nur an den Ort bundesdeutschen Geistesschaffens, sondern
auch ins Gewerkschaftshaus geladen. Dort hatte sich zwar nicht
die Bevölkerung, wohl aber einige ihrer Vertreter eingefunden.
Diese konnten es in puncto intellektueller Überheblichkeit mit
dem sonstigen studentischen Publikum lässig aufnehmen. So berich-
tete der ehemalige IG-Metall-Chefredakteur Jakob Moneta, kaum zu-
rück von "einer mehrwöchigen Reise durch Polen", voll herablas-
senden Verständnisses, zwar könne man angesichts eigener Aufge-
klärtheit die penetrante Gottesfürchtigkeit polnischer Arbeiter
auf den ersten Blick für "beunruhigend" halten, andererseits
seien eben für polnische Arbeiter solche "Ausdrucks- und Identi-
fikationsmuster" gerade das Passende. Schließlich könne man der
polnischen Kirche als Ausdruck langjähriger "Einheit der Bewe-
gung" eine gewisse Hochachtung nicht versagen.
Dem Anlaß entsprechend griffen die Vertreter der unabhängigen
Studentengewerkschaft das Stichwort "Einheit" auf und wußten "die
Situation 1980" nicht nur als "günstig" für die Belange der In-
telligenz darzutun, sondern auch umgekehrt dieselbe als eine ent-
scheidende Triebkraft für das Gelingen des polnischen Arbeiter-
aufstandes hinzustellen: Waren die zahlreichen erfolglosen
"Aufstände" in der Vergangenheit "von verschiedenen polnischen
Gruppen organisiert gewesen" (z.B "1968 nur Intellektuelle und
Studenten, 1970 nur Arbeiter..."), so sei die "neue Entwicklung
seit 1976" schließlich dem "Zusammenschluß von Arbeitern, Bauern
und Studenten" zu verdanken, die "im September 1980" darin ihren
Höhepunkt erreichte, daß das "ganze Volk solidarisch gestreikt"
hat.
Beim Publikum verhinderte die Begeisterung über ein solches Vor-
bild an nationaler Einheit über alle Klassengegensätze hinweg je-
den Gedanken daran, was sich Arbeiter von einem "Bündnis" mit
"unabhängigen Bauern" und einer demokratisch gesinnten Intelli-
genz schon anderes einhandeln können als steigende Lebensmittel-
preise und "schöpferisch tätige" Betriebs- und Staatsführer. Wo
es gegen "Fremdherrschaft", eine östliche zumal, gehen soll, da
engagiert sich der undogmatische linksnationale Antikommunismus
so sehr für die "Einheit des polnischen Volkes" gegen die Russen,
daß er sich ganz ungefragt gegen die Gesellschaft eines F.J.
Strauß abgrenzen muß (und zwar darüber, daß dieser
h i e r z u l a n d e "für Aussperrung eintritt").
Das war noch nicht der Höhepunkt. Angesichts drohender
"Fremdherrschaft" bildete das Publikum sich erstens die polnische
"Volkssolidarität" beinahe als omnipotent ein und den russischen
Bären als Papieitiger, um darüber zweitens die genau so eingebil-
dete Wichtigkeit der e i g e n e n "bedingungslosen Solidarität
mit Polen" so weit zu steigern, daß bei einem sowjetischen Ein-
marsch "unsere (!) Pflicht zu intervenieren" herauskam. Ein star-
kes Stück: Da stellen diese guten linken Menschen sich ihre ei-
gene Bedeutsamkeit so eindringlich vor, daß sie beim Wunsch nach
Niedermachen der Sowjetunion landen, über dessen Modalitäten we-
der sie noch sonstwer aus "dem Volk" die Entscheidungen treffen!
Andere Linke haben auch das längst bedacht und, wie z.B. das SB,
für sich die staatsmännisch weise Entscheidung getroffen, daß für
"die Linke in Westdeutschland" "die territoriale Integrität der
Volksrepublik Polen außer Frage steht"...
P.S.:
Daß die praktizierte nationale Politik gegenüber Polen und dem
ganzen Ostblock es weiß Gott nicht nötig hat, auf die Ratschläge
nationalistischer Spinner von links zu hören, bewies auf seine
Weise ein anderer Gast aus Polen, der sich zur selben Zeit auf
Einladung des "Instituts für vergleichende Systemforschung" an
der Universität Marburg aufhielt. Der Ökonomie-Professor Jeszy
Cleer aus Warschau erläuterte dort in einem Vortrag das regie-
rungsamtliche "Reformprogramm der polnischen Wirtschaftsordnung"
vom November 1980: "Planwirtschaft ja, aber mit Marktbeziehungen,
Selbständigkeit und Selbstverwaltung in der Lohn- und Beschäfti-
gungspolitik... Die Unternehmen sollen entlassen können... Roh-
stoffe, und Industrieprodukte sollen dem Druck der Weltmarkt-
preise ausgesetzt werden... Vielleicht macht das erforderlich,
die Grenzen zu öffnen, die Währung konvertibel zu machen. " Zwar
sollen "die Bindungen zum RGW erhalten bleiben; dies ist aber ein
Problem, das noch gelöst werden muß." Der polnische Staat liebäu-
gelt mittlerweile mit der Übernahme von allerhand Prinzipien ka-
pitalistischen Wirtschaftens einschließlich hierzulande geläufi-
ger Maßnahmen zur Verelendung der Bevölkerung sowie noch weiter-
gehender Anpassung an die Gepflogenheiten des imperialistischen
Weltmarkts. So weit ist der Ausverkauf Polens an den Westen ge-
diehen, daß die Fortsetzung des Ost- resp. Westhandels als nach-
barliche Hilfe dasteht und seine Unterbrechung für die westlichen
Staaten ein Erpressungsmittel erster Güte geworden ist!
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