Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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Neues von der alten "Neuen Linken"
PROKLA
ist ein Zeitschriften-Name und eine Abkürzung. Die Urheber hiel-
ten den Klassenkampf von jeher für eine problematische Angelegen-
heit, statt sich für ihn einzusetzen. Was sie inzwischen als Pro-
bleme des Klassenkampfes ansehen, verleitet einen fast schon zu
einer Lobeshymne auf die ersten Anfänge ihres Räsonnements.
Verzicht war aus Gründen des Mitleids geboten, als sich Christel
Neusüss neulich nicht zu blöd war, ihren fraulichen Werdegang in
die neueste Welle der Dummheit in Buchdeckel binden zu lassen.
Sie hat ja nur zu Protokoll gegeben, sie habe sich in ihren in-
telligenteren Tagen verstellt und nur ersatzweise mit Ökonomie
und Politik beschäftigt. Nun steht aber in der Zeitschrift, die
für politische Ökonomie und sozialistische Politik Zuständigkei-
ten anmeldet, unter dem Pseudonym Elmar Altvater ein Zeug von der
härtesten Sorte. Hier ein paar Kostproben:
"Wenn man den Zeitraum des Handelns auf Null reduzieren könnte,
dann würde der physikalische Raum bedeutungslos werden. Solange
dies nicht möglich ist, bleiben die Raumkoordinaten der Bezugs-
rahmen für jedes, also auch das soziale und ökonomische Handeln
der Menschen."
Endlich einmal eine ordentlich spekulative Denkfigur, die den
Science-fiction-Bogen aus dem Unterhaltungsgewerbe in die Wissen-
schaft schlägt. Wenn man sich nämlich einmal so richtig in die
Möglichkeit der Abschaffung von Raum und Zeit hineinbeamt, dann
sieht die Wirklichkeit sofort ganz anders aus. In der nämlich
geht es von Stund an darum, etwas anzustreben, was gar nicht geht
- und eine Anspielung auf die eigene Kapitallektüre zeigt schla-
gend, daß Marx zum Kronzeugen für die eigenen Torheiten lässig
taugt:
"Auch wenn die Zeit des Handelns nicht auf Null reduziert werden
kann, so heißt das noch lange nicht, daß nicht gerade dies ange-
strebt wird. Die Verkürzung der Zirkulationszeiten..."
Wenn Geschäftsleute ihren Kram möglichst schnell versilbern wol-
len, handeln sie nicht etwa mit Ware und Geld, sondern überhaupt.
Wenn sie die Dauer von Transport und Zahlung verkürzen, liegen
sie im Krieg mit "Raum und Zeitkoordinaten". Dabei gelingen ihnen
erstaunliche Dinge, und zwar durch eine von Altvater mit kindli-
chem Staunen besichtigte Telex-Überweisung von "500 Millionen
Dollar von Singapur via London zu den Bahamas". Sowas haut schwer
rein ins Gemüt des Professors, der gleich eine Entdeckung auf
sein wissenschaftliches Konto überweist:
"Mit der Loslösung des Geldes von seinem Material (Metall, Pa-
pier)",
die den Politökonomen schon 20 geschlagene Jahre beunruhigt, weil
er die Falschmeldung so gern hat, ist eine Revolution passiert.
Altvater kürzt seine Bedenkzeit gegen Null ab und meldet die
"Verwandlung in energetisches (elektronisches) Geld".
Und rechtzeitig zur 750-Jahrfeier Berlins präsentiert er von des-
sen Uni aus einen Jubiläums-Kurzschluß:
"Die Zeit wird also verkürzt, um den Raum bedeutungslos zu ma-
chen."
Die Bedeutung seiner Gedanken ist dagegen enorm. Der gute Mann
äußert sich nämlich zu einem Modethema unserer Zeit, zu den bei-
den Öko-'s, die sich wie die beiden Astro-'s zueinander verhal-
ten. Und weil er es sich nicht so leicht machen will bei der Ver-
kündung der Dogmen, die im kapitalistischen Raum zirkulieren,
wird er von Zeile zu Zeile immer origineller. Dem Naturphiloso-
phen von Weizsäcker lauscht er eine "Entropieproduktionsrate" ab,
die ihn einerseits schon wieder mit dem Problem einer Null-Lösung
konfrontiert. Andererseits gestattet ihm die Philosophie von Bio-
Systemen einen zügigen Übergang zu vertrauten Glaubensbekenntnis-
sen:
"Auch wenn die Entropieprodnktionsrate verringert werden kann,
ist sie in geschlossenen Systemen doch niemals auf Null reduzier-
bar. Daher ist das Problem der alternativen Verwendung aufgewor-
fen: Ressourcen sind knapp. An dieser Stelle findet die Ökonomie
als Wissenschaft der rationalen Verwendung knapper Ressourcen ih-
ren Gegenstand. Ohne Knappheit keine Ökonomie."
Da kann man nur sagen: "Respekt!" Elmar Altvater leitet auf
"thermodynamischer Grundlage" ein bürgerliches Dogma, das wahr-
lich nicht zu knapp vertreten wird, zu allem Überfluß noch einmal
ab. Er rettet die Ökonomie vor einem gedachten Angriff seitens
der Entropieproduktionsrate:
"Wäre die Entropiezunahme gleich Null oder gar negativ, gäbe es
keine Knappheit, und der Ökonomie wäre folglich ihr Gegenstand
abhanden gekommen."
Ist er aber nicht. Also kann der Ökonom seinen Lehrstuhl behalten
und sich guten Gewissens in ökosophische Zeitprobleme von wahr-
haft weltgeschichtlichem Ausmaß vertiefen. An einer Erzlager-
stätte ist ihm der Unterschied zwischen "Erdenzeit, Ressourcen-
zeit und Menschenzeit" in seiner ganzen Länge und Breite aufge-
gangen. So spricht der Prophet:
"500 Jahre sind eine lange, aber auch endliche Zeit; verglichen
mit den Jahrmillionen, seitdem sich das Lager gebildet hat, ein
winziger Zeitabschnitt."
Das is ja aber wieder'n Ding!
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