Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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NEUES FEINDBILD FÜR LINKE: DIE MARXISTISCHE GRUPPE
Tagelang hat die Sozialistische Konferenz ein Thema diskutiert -
die Bereitschaft der anwesenden Linken, sich der alternativen Lö-
sung all der "Probleme" anzunehmen, die in der bürgerlichen Ideo-
logie außerhalb des "linken Ghettos" als die der Menschheit ge-
handelt werden. Daß besagte Probleme reaktionäre Erfindungen und
die alternativen Lösungen allesamt ziemlich fiktiv waren, machte
dabei überhaupt nichts. Es ging nämlich um die öffentliche
Selbstdarstellung von Leuten, die zeigen wollten, daß sie sich
auch für bürgerliche Betrachter höchst glaubwürdig all der Fragen
annehmen, die in Zeiten der Kriegsvorbereitung so gekonnt und
versponnen auf die Tagesordnung der Öffentlichkeit gesetzt wer-
den. Eine radikale Selbstkritik war dazu nötig - radikal nicht in
der Entdeckung und Beseitigung von Fehlern, die man sich gelei-
stet hat, sondern in der Abschwörung des politischen Willens, den
man eine Zeitlang praktiziert hatte. Die eigene Erfolglosigkeit,
der Zerfall von Organisationen, war für dieses Unternehmen Argu-
ment genug, zumal die Hinwendung zu Positionen von außerhalb des
Ghettos fleißig geübt werden mußte: links sollte es ja auch noch
aussehen, das rednerlistenmanipulierte Für und Wider.
Eine erste praktische Übung verschaffte die MG den engagierten
Pfadfindern alternativer Kultur und Landesverteidigung. Das waren
keine Menschen wie Du und Bahro, sondern die Feinde, denen sich
ganz umstandslos die Etiketten anhängen ließen, die man ehedem
für den "Klassenfeind" parat hatte. Daß man einen politischen
Gegner widerlegt und ihm die Feindschaft erklärt, indem man seine
Ideologien und praktischen Zwecke aufdeckt und kritisiert, weiß
ein geläuterter Linker in der BRD '81 genausowenig wie vor seiner
Bekehrung. So fiel die Denunziation der MG nicht weiter schwer.
Rudolf Bahro hat entdeckt, daß es sich bei den häßlichen Tönen,
die das Auftreten der MG bei der 2. Sozialistischen Konferenz mit
sich brachte, "um einen Aufstand der Vergangenheit handelt".
(Interview mit der Marburger "Grünen", verteilt als Flugblatt.)
Der originelle Vorwurf, die politischen Vorhaben anderer bewegten
sich nicht auf der Höhe der Z e i t - ein Einwand, der einst so-
gar die Herrschaft des Kapitals erschüttern sollte, ungeachtet
deren Fortschritte in Sachen Ausbeutung, Mord und Totschlag -
wird da gegen die MG vorgebracht. Er lebt vom Kontrast zum eige-
nen Entschluß, sich möglichst gekonnt anzupassen an die Erforder-
nisse des aktuellen politischen Getriebes, über die ja nun wahr-
lich andere befinden als wir. Bahro ist eben der Meinung, daß
N a t i o n a l i s m u s und die Verwandlung des ökonomischen
Gegensatzes in eine M e n s c h h e i t s f r a g e die Zukunft
der Linken seien. Das muß schon mit Emphase und Schillerkragen
vorgetragen werden, um nicht die Parallelität zur Bourgeoisideo-
logie, die behauptet, der Marxismus sei eine Ideologie des 19.
Jahrhunderts, offenkundig werden lassen.
Die Weigerung, bürgerliches Denken und Praxis zu w i d e r-
l e g e n bzw. zu k r i t i s i e r e n, sondern sie dadurch
für den linken Standpunkt zu d i s k r e d i t i e r e n, daß
man sie mit dem Verweis auf das Elternhaus - und nicht etwa die
politische Praxis - ihrer Protagonisten denunziert, ist ein altes
Ideologem des Revisionismus, das seine Fans früher als
historischen Materialismus ausgegeben haben. Heute taucht es in
der Anwendung auf die MG in der Form der bloßen Beschimpfung auf,
die sich auch gar nicht mehr den Anschein einer "Klassenanalyse"
gibt und unter der Hand eigenartige Parteinahmen vornimmt. So
schreibt W. Maier in den "Heften für Demokratie und Sozialismus":
"Wenn man sie genauer ansieht, fällt auf: Das ist nicht einfach
der Durchschnittstyp von Studenten. Das ist das soziale Oberhaus.
Besser gekleidet, ordentlich frisiert. Höhere-Töchter-Eleganz von
der schlichten Machart und Bessere-Söhne-Ordentlichkeit wird ge-
tragen. Keineswegs die Punks, eindeutig die Popper unter den Stu-
denten."
Einerseits hat hier ein Mann seine Identität als Mitbegründer des
KBW bruchlos ins undogmatische Lager hinübergerettet. Wer schon
mal mit Äußerlichkeiten die Einweisung von Spontis in Fischmehl-
fabriken vorschlug und den "Klassengegner" dem Strick der Volks-
massen anempfahl, der braucht nur längere Sätze zu machen, um
seinen alten Standpunkt im modischen Kleid der neuen Neuen Linken
zu präsentieren. Andererseits insinuiert der Maiersche Ausfall
die Vorstellung, bei den Punkern handle es sich immerhin noch um
eine fortschrittliche Oppositionsbewegung, gegen die Popper ein
gemeinsamer Gegner von Linken und Motorradfreaks seien. Auch das
eine bündnispolitische Großtat, kongenial dem Entschluß des KBW-
Regionalkomitees von einst, die randalierenden Fans von 1860 Mün-
chen ins Bündnis der revolutionären Volksmassen heimzuholen.
Auch der scharfste Vorwurf, zu dem man sich linkerseits einmal
gegen Teile des "herrschenden Blocks" aufschwang und der da lau-
tete, die erfolgreichsten D e m o k r a t e n der BRD seien ei-
gentlich Faschisten, darf gegen die MG nicht ausbleiben. Daß die-
ser Übergang sich nur mit sehr mühsamen Konstruktionen machen
läßt, nimmt ihm nichts von seiner Überzeugungskraft für diejeni-
gen, die ihn lancieren. Schließlich hat der KB weder eine Ahnung
davon, was Demokratie ist, er ist nur für sie, geschweige denn
vom Faschismus, an dem er allein auszusetzen hat, daß er
n i c h t Demokratie ist:
"Daß dies unter marxistischem Etikett geschieht, sollte uns nicht
daran hindern, darauf hinzuweisen, daß diese Mentalität mit ge-
wisser Logik zur Errichtung von KZs für Andersdenkeinde und
'Minderwertige' führt."
Sicherlich h i n d e r t sie niemand daran, und schon gleich
gar nicht im Modell Deutschland, die Kritik am Nationalismus für
faschistisch zu halten. Und der Vorfall, der dem Faschismusvor-
wurf des KB als Material dienen soll, die Kritik der MG an der
V o r f ü h r u n g eines schwer Sprachbehinderten als Beweis
für die eigene T o l e r a n z gegenüber "Minderwertigen", paßt
haargenau ins offiziell gefeierte "Jahr des Behinderten", wo man
den Krüppeln der Nation versichert, daß man nichts für sie zu tun
gedenkt aber jede Menge A n e r k e n n u n g drin ist. Die
Folgerung des KB, daß unsere Forderung, einem Genossen, der in
der Tat nur qualvoll reden kann, wirklich einmal zu h e l f e n,
indem man sein Manuskript vorliest, auf die "Errichtung von KZs"
hinausliefe, entspricht einem p o l i t i s c h e n Bewußtsein,
das jeden Menschen n ü t z l i c h machen will, weil man sonst
kein Argument gegen seine Behandlung als "Unnützer" mehr hat. Daß
es zwischen der "Toleranz gegen Andersdenkende" und ihrer Besei-
tigung auch noch die K r i t i k f a l s c h e r
G e d a n k e n gibt, die ihnen mit Gründen die Existenzberech-
tigung verweigert (den Gedanken wohlgemerkt, nicht den Personen)
kann sich ein geläuterter Revi gar nicht vorstellen, für den frü-
her der Kampf gegen die bürgerliche Ideologie mit dem Mundtotma-
chen der Bourgeoisie ("Diktatur des Proletariats" nannten sie
das) zusammenfiel und für den, der gleichen Logik folgend, linke
Politik nichts anderes ist, als die Diskussion über sie.
P.S. Nicht einmal der Vorwurf des KB an die "MG-Vortänzer", sie
würden zu viel Bier trinken, ist originell: Der "Spiegel" hat
seit 20 Jahren gegen die Politik des F.J. Strauß im wesentlichen
den Einwand, er würde das, was Helmut Schmidt macht, öfters in
"angeheitertem Zustand" machen. Originell ist lediglich die
spießbürgerliche Abgrenzung des KB von einem MG-Teach-in, gegen
dessen Ausführungen im "Arbeiterkampf" kein einziges Argument
fällt, durch die 0,8 Promille-Grenze.
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