Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
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EIN DOKUMENT DES MG-DOGMATISMUS UND DER ARROGANZ
Die Marxistische Gruppe hat eine Neufassung der Nr. 1 ihres Peri-
odikums RESULTATE zum dumping-verdächtigen Kampfpreis von DM 5.-
auf den Markt geworfen. Um die Auseinandersetzung mit dieser
Schrift vor allem für ihr interessiertes Publikum zu erleichtern,
hat die MSZ ein Autorenkollektiv der Betroffenen unter Leitung
von R. Bahro, O. Negt und C. Semler gebeten, alle Einwände zusam-
menzustellen, deren Widerlegung die MG im Sinne hatte. Trotz ei-
niger stilistischer Ungereimtheiten veröffentlichen wir das Er-
gebnis ungekürzt, mit Original-Zeichensetzung und ohne Kommentar.
Eine Konfrontation des Titels mit der letzten Seite sagt eigent-
lich alles über das neueste Machwerk der MG-Chefideologen. Der
Titel -
"Die Bundesrepublik Deutschland 1980 - und was Marxisten in den
80er Jahren an ihr zu ändern haben" -
verspricht außer einer Klassenanalyse der BRD nichts Geringeres
als eine aktuelle, auf unsere konkrete historische Lage bezogene
Einschätzung der Möglichkeiten sozialistischer Praxis. Während so
per Überschrift auf das Bedürfnis der Leser spekuliert wird, die
nach einer Antwort auf die Frage "Was tun?" suchen, verlegt sich
die MG am Schluß ihrer erneuerten PE auf das bei ihr so beliebte
Verfahren der Marx-Verfälschung, um eben jener Antwort aus dem
Weg zu gehen. Mit der wohl auch noch scherzhaft gemeinten Verdre-
hung der 11. Feuerbachthese
"Die Linken haben das Kräfteverhältnis nur verschieden interpre-
tiert,..."
leisten sich die Herren Theoretiker ganz bewußt die Frechheit,
n i c h t s mehr zu sagen, wobei sie den Eindruck hervorrufen
möchten, es käme der MG auf eine Veränderung des Kräfteverhält-
nisses an. Damit zeigen sie ein weiteres Mal in ihrer herablas-
senden Art, daß sie sich um die konkrete Vermittlung von Theorie
und Praxis heute ebensowenig scheren wie in den vergangenen Jah-
ren um das Kräfteverhältnis! Während in der Linken endlich - ein
breiter Diskussionsprozeß über die Chancen und Schwierigkeiten
sozialistischer Praxis in Gang gekommen ist - und diese Diskus-
sion ist noch keineswegs abgeschlossen -, hält sich die MG wieder
einmal vornehm und desinteressiert zurück. Während in einer ge-
rade fruchtbar werdenden Selbstverständnisdebatte, die auch den
Dialog mit der ökologischen Bewegung umfaßt, danach gesucht wird,
wo in dieser Gesellschaft Ansatzpunkte für eine grundlegende Al-
ternative sind, weigern sich die Resultate, die neuen Orientie-
rungen und Denkanstöße zur Kenntnis zu nehmen. Aber der Name des
theoretischen Organs der MG hat ja schon immer deutlich gemacht,
daß es diesen "Marxisten" nur um fertige Ergebnisse geht, die
nicht mehr hinterfragt werden dürfen! So kann auch die irgendwann
in aller Stille erfolgte Änderung des Firmenschilds nicht darüber
hinwegtäuschen, daß hier niemand anderes als die Häuptlinge der
Roten Zellen / AK am Werk waren, wenngleich sie sich in aller
Form vom Konzept der AK distanzieren (S. 142). Diese Leute sind
dem Geist der PE von damals treu geblieben, der sie schon immer
zu ihren elitären und zynischen Reden beflügelt hat. Ihre
"Korrekturen" am alten Programm sind alles andere als ein Wider-
ruf - der Dogmatismus tritt heute noch unverfrorener auf; Fragen
der Organisation, der Subjektivität, des Verhältnisses von Poli-
tik und Beruf, das Theorie-Praxis-Bezugs etc. werden in der
Neufassung der Resultate 1 nicht einmal mehr erwähnt, ebenso wie
die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer künftigen sozialisti-
schen Gesellschaft undiskutiert bleiben.
I
Dankbar für ihre neue Veröffentlichung muß man der MG dennoch
sein. Immerhin ist auf 140 Seiten einmal dargelegt, welche
"Theorie" von dieser Gruppe als Marxismus feilgeboten wird. Völ-
lig u n h i s t o r i s c h wird da im ersten Kapitel "Das
Funktionieren der politischen Herrschaft" ein Bild von der Bun-
desrepublik gezeichnet, das keinerlei Ansatz zur Veränderung mehr
erkennen läßt. Die BRD erscheint hier nicht als Produkt von Klas-
senkämpfen, sondern als einseitig, von oben ins Werk gesetztes,
monolithisches Staatswesen, in dem der Arbeiterklasse, aber auch
den oppositionellen Bewegungen nur noch die Rolle von Marionetten
zugesprochen wird. Das hindert freilich die Autoren nicht daran,
in der BRD eine "gelungene Demokratie" zu sehen und gegen jeden
zu polemisieren, der in der historischen Entwicklung der Bundes-
republik nicht nur eindimensional die "Perfektionierung politi-
scher Herrschaft" entdeckt. Daß sich aus dem Anspruch auf Demo-
kratie angesichts der westdeutschen Wirklichkeit bis heute ein
Emanzipationspotential erhalten und immer wieder erneuert hat,
ist der MG glatt entgangen - und es mußte ihr auch entgehen auf-
grund ihres seltsamen und unhistorischen Begriffs von Demokratie,
der am deutlichsten in der auf den ersten Blick widersprüchlichen
Sprachschöpfung "demokratische Kontrolle" zum Vorschein kommt.
Daß Demokratie und Öffentlichkeit das Medium von K r i t i k
bilden und so immer auch W i d e r s p r ü c h e enthalten,
welche Chancen und Anknüpfungspunkte für alternative Politik
eröffnen, bleibt bei dieser Betrachtungsweise natürlich
ausgeblendet. Dies ist aber gar nicht verwunderlich bei einer
Analyse, die sich weigert, die Entwicklung der BRD ausgehend von
den Widersprüchen der Rekonstruktionsperiode bis hin zum Mauer-
bau, über die darauf folgende Phase krisenhafter Erscheinungen in
Ökonomie und Politik zu verfolgen. Nur das Desinteresse an einer
materialistischen, also historisch gerichteten Untersuchung der
Schranken des bürgerlichen Staates verhilft der MG zu der Behaup-
tung, in der BRD hätte es "keine Skandale" gegeben; da fällt kein
Wort über die Kämpfe gegen die Wiederbewaffnung, über den Wider-
stand gegen die Notstandsgesetze, in dem zum erstenmal die An-
sätze eines Bündnisses zwischen Studentenbewegung und DGB sicht-
bar wurden. Ungeachtet der Legitimationskrise, in die die Herr-
schenden spätestens mit der Bildung der Großen Koalition gerieten
und die sich mit dem Scheitern der großspurigen Reformprogramme
nur verstärkte, behaupten die Resultate, daß für die linke Bewe-
gung keinerlei konkrete Teilerfolge erzielbar gewesen seien. We-
der von der neuen Studentenbewegung, noch vom Bahro-Kongreß, ge-
schweige denn von den kritischen Gegengutachten linker Ökonomen
oder von Rock gegen Rechts und der Tunix-Veranstaltung in West-
berlin nehmen sie Notiz, damit der reaktionäre Begriff der Poli-
tisierung, den sich die AK-Theoretiker in ihrer "Staatsableitung"
zurechtgelegt haben, nicht fragwürdig wird. Unter Politisierung
verstehen sie nämlich ausschließlch die im Hinblick auf staatli-
che Alternativen vorgenommene Meinungsbildung und Interessenarti-
kulation, und dabei unterschlagen sie jedes systemtranszendie-
rende Moment in der Auseinandersetzung zwischen Staat und Bürger,
wie es z.B. die Anti-AKW-Bewegung und die Grünen durchaus aufwei-
sen. Mit dem stets - offen und versteckt - wiederholten Hinweis
darauf, daß zum Manipulieren immer zwei gehören, leugnen sie an-
dererseits den simplen Tatbestand der Manipulation, die von den
bundesdeutschen Medien, allen voran die Springer-Presse, betrie-
ben wird. Umgekehrt bezeichnen sie die Holocaust-Serie und die
sich daran anschließenden Diskussionen in der Öffentlichkeit als
"Agitation" für die "westdeutsche Demokratie" ! Da wird kein Wi-
derspruch ausgelassen und auch keine Gelegenheit, die linke Bewe-
gung der letzten Jahre zu diffamieren. Es ist schon so, wie B.
Gäbler vom MSB treffend festgestellt hat: für die MG ist der
Staat eine große Käseglocke, aus der es auch im demokratischen
und sozialistischen Kampf kein Entrinnen gibt. Aber die MG wäre
nicht die MG, wenn sie nicht auch hier eine Ausflucht parat
hätte: sie verkündet einfach, ihrer Auffassung nach ginge durch
aus eine Opposition gegen den Klassenstaat, nur würden "die Lin-
ken" (aufs Differenzieren verstanden sie sich noch nie!) derglei-
chen gar nicht wollen. Wer hat denn den demokratischen Kampf der
70er Jahre bestritten, wer ist denn für Studienerleichterung und
gewerkschaftliche Mitbestimmung angetreten? Aus allen konkreten
Initiativen haben sich die elitären Zyniker der Roten Zellen kon-
sequent herausgehalten und sich in ihre Studierstube zurückgezo-
gen - und außer einigen intellektualistischen Teach-ins sind nur
ihre unverständlichen Schriften herausgekommen, die kein Arbeiter
liest.
Ein Musterbeispiel für solch unverständliche Geheimwissenschaft
findet sich im 2. Abschnitt jenes I. Kapitels, in dem es um die
Wirtschaftspolitik geht. Diese erschöpft sich für einen MGler
glatt darin, daß sie "Klassenkampf von oben" ist. Da gibt es
keine Alternativen, keine widersprüchlichen Maßnahmen in den Kon-
zepten der Parteien - ganz pauschal wird auch die Sozialpolitik
zum Hilfsmittel der Ausbeutung erklärt! In der Welt der MG gibt
es keine Sozialausschüsse der CDU, kein sozialpolitisches Pro-
gramm des DGB, und die SPD hat auch keinen linken Flügel. Statt-
dessen Satzungetüme des folgenden Kalibers:
"Die allgemeinen Grundregeln kapitalistischen Wirtschaftens für
die arbeitende Klasse - viel Leistung, knapper Lohn - sind in
Westdeutschland also nicht nur um die sozialstaatlichen Zusätze
bereichert worden, in denen der Staat die bleibende Armut der
Lohnarbeiter und die ständig fällige Pauperisierung so handhabt,
daß beides die Verwendbarkeit der Klasse nicht gefährdet, deren
Abschaffung findige Denker ausgerechnet dem Sozialstaat zugute-
halten; in den T e i l e n d e s A r b e i t s l o h n s, die
als Steuer und Zwangsbeitrag in die öffentlichen Kassen fließen,
hat die Staatsgewalt einen H e b e l i h r e r
K o n j u n k t u r p o l i t i k entdeckt, durch den sie ihren
Auftrag, die Mehrung des nationalen Reichtums zu bewerkstelligen,
vorbildlich erledigt. Sie beweist durch ihre Taten, daß die Mehr-
heit der Bürger vom Funktionieren "der Wirtschaft", von dem sie
abhängig ist, nichts zu erwarten hat - und versichert zugleich,
daß Politik in ihrer "Ohnmacht" gegenüber den "Sachzwängen" der
Wirtschaft nichts anderes zum Ziel habe, als den Leuten Ar-
beitsplätze, soziale Sicherheit und die V o r a u s s e t-
z u n g für ihre "Lebensqualität" zu verschaffen."
Abgesehen von der prinzipiellen Verurteilung des Sozialstaats, in
der sich die MG mit den Reaktionären der CSU einig ist, muß hier
noch jedem; der sich der Mühe unterzieht, den Gedanken zu Ende zu
lesen, auffallen, daß sich die ironisch angeführte "vorbildliche"
Erledigung des demokratischen "Auftrags" so ironisch gar nicht
ausnimmt. Denn immerhin soll es auch Krisen geben, in denen sich
die Mehrung des nationalen Reichtums nicht ganz so reibungslos
gestaltet. Aber zuzugeben, daß der bürgerliche Staat
S c h r a n k e n hat, daß sich aus ökonomischen Krisen auch Le-
gitimationskrisen des Staates und daraus auch Sinnkrisen sowie
Grenzen der politischen Handlungsfähigkeit ergeben, die den
Staatsapparat zu Zugeständnissen an die demokratische Bewegung
zwingen - das hieße ja die ach so bequeme These vom allmächtigen
Staat aufgeben. Und noch etwas muß hier auffallen: die umstands-
lose Parteinahme der MG für das Wachstum. Als ob es nicht längst,
sowohl im Zusammenhang mit der Energieknappheit als auch in bezug
auf die Umweltproblematik, selbst im bürgerlichen Lager das Ein-
geständnis gäbe, daß sich die Probleme spätkapitalistischer Ge-
sellschafteri mit dem Konzept des Wachstums um jeden Preis nicht
mehr lösen lassen!
An der Einschätzung des Imperialismus, an dem die BRD "in jeder
Hinsicht beteiligt" ist, wird zum ersten Mal sichtbar, daß auch
die MG von Widersprüchen Notiz nimmt, allerdings ohne eine Per-
spektive angeben zu können, wie die sozialistische oder alterna-
tive Bewegung diese Widersprüche ausnützen muß. Stattdessen wird
die Völkerfreundschaft ganz oberflächlich als Ideologie denun-
ziert und in völliger Gleichgültigkeit gegen die Prinzipien des
proletarischen Internationalismus behauptet, die bundesrepublika-
nische Demokratie bediene sich des Nationalismus der Massen, um
als "zweite Garnitur im freien Westen" an der Ausbeutung fremder
Völker teilzunehmen. Die Tradition der Protestbewegung gegen den
Dollar-Imperialismus wird einem diffusen "Anti-Amerikanismus" zu-
geschlagen, der sich kaum mit "Anti-Imperialismus" verwechseln
lasse! Demnach wären die Massen schuld an der Unterdrückung der
Dritten Welt - eine These, die an anderer Stelle heftig bestrit-
ten wird. Mit ihren mehr als zweideutigen und auch kaum nachvoll-
ziehbaren Ausführungen zur Außenpolitik trägt die MG wieder ein-
mal zur Desorientierung der linken Kräfte bei, und mit ihrer
Standpunktlosigkeit in so lebenswichtigen Fragen wie Entspannung
und Abrüstung besorgt sie - ob sie das nun subjektiv will oder
nicht - objektiv das Geschäft der Herrschenden
II
Dasselbe gilt für ihre Darstellung der "Lage der arbeitenden
Klasse", die den MG-Theoretikern ganz ohne empirisches Material
gelingt. In diesem dennoch ziemlich lang geratenen Teil (es ist
der umfangreichste des Buches!) vertritt die Clique
"marxistischer" Theoretiker aus München einen lupenreinen
Ö k o n o m i s m u s, leugnet also die Notwendigkeit des poli-
tischen Kampfes. Ebenso wenig wie sie die Wachstumsfrage stellt,
an der sich heute - auch innerhalb der Sozialisten - die Geister
scheiden, will sie sich eingestehen, daß das Beharren auf den
kurzfristigen Bedürfnissen des Proletariats schon längst nicht
mehr im Vordergrund steht bei der Lösung der sozialen Probleme.
Deshalb verwendet sie auch einige Mühe darauf, die Frage nach
"Lohn und Leistung" - so übersetzen die Herren der AK die Ausbeu-
tung als d a s Zentrum hinzustellen, um das sich die emanzipa-
torische Strategie der Linken zu drehen hätte. Selbstverständlich
mit polemischer Bezugnahme auf alle Richtungen, die sich an der
konkreten Bedürfnisstruktur der Massen orientieren (die vom Zwang
zur Realisierung der Massenproduktion betroffen sind, der mit den
modernsten Mitteln der Werbung und der Erzeugung von künstlichen
Bedürfnissen einhergeht). So gelangt die MG zu einem Bild des Ar-
beiters, in dem auf der einen Seite ein plumper Materialismus
waltet, den das Kapital gerade nicht (!) befriedigt, auf der an-
deren Seite jede menschliche Regung fehlt. Von einem Bedürfnis
nach Solidarität, gemeinsamen Erfolgserlebnissen, Anerkennung im
sozialen Umfeld und Identifikation mit der eigenen Tätigkeit will
man nichts wissen - ja es wird den Arbeitern (die übrigens nir-
gends definiert werden, nicht einmal im Sinne von Marx als das
revolutionäre Subjekt, das Mehrwert schafft!) sogar ein Hang zur
Konkurrenz unterschoben, der sich im Betrieb austoben soll! Woher
diese Leute ihre Kenntnisse beziehen, bleibt völlig unerfindlich
- einen Betrieb von innen haben sie bestimmt noch nicht gesehen,
sonst würden sie angesichts der Fließbandproduktion nicht höh-
nisch und verächtlich davon reden, daß das Problem der sinnent-
leerten Arbeit eine idiotische Erfindung bürgerlicher Ideologen
sei.
Wozu die aufwendige Darstellung der materiellen Armut vorgenommen
wird, ohne daß auch nur einmal der s u b j e k t i v e
F a k t o r vorkommt, geht dann aus der Betrachtung der Gewerk-
schaften hervor. Wenn die MG so rigoros bestreitet, daß mit der
Befriedigung der materiellen Bedürfnisse (und ihrer aufwendig be-
triebenen Manipulation!) die Massen sozial diszipliniert und apo-
litisch gehalten werden, so dient dies nicht zuletzt dem gewerk-
schaftsfeindlichen Konzept, daß sie sich zueigen gemacht hat. Si-
cherlich kann keine Rede davon sein, daß die Gewerkschaftsführung
die autonomen Interessen der Basis zum Ausdruck bringt, daß die
Bürokratie des DGB darauf aus ist, auf Grundlage einer innerge-
werkschaftlichen Demokratie fortschrittliche Konzepte zu verwirk-
lichen - doch gibt dies noch lange nicht der MG das Recht, Tau-
sende von Betriebsräten und aktiven Gewerkschaftlern als Exekuto-
ren arbeiterfeindlicher Politik zu beschimpfen. Man macht es sich
eben zu leicht, wenn man die positiven Ansätze im Kampf um den
Einstieg in die 35-Stunden-Woche, gegen Rationalisierung und für
Humanisierung einfach ignoriert, jede vorwärtsweisende Dimension
übergeht und nur das Ergebnis sieht. Auch aus der Darstellung des
Kampfes um den Arbeitstag bei Marx ist zu entnehmen, daß der Weg
der Arbeiterklasse nur über lange und widersprüchliche Kämpfe,
auch Niederlagen führt. Und wenn die Führung des DGB trotz man-
gelnder Erfolge, Siegesmeldungen in die Welt setzt, so zeigt sich
nur, wie sehr sie um die Loyalität der Basis fürchten muß! Gänz-
lich verrückt wird die Gewerkschaftskritik der MG, wenn sie den
Arbeitern selbst mangelndes trade-unionistisches Bewußtsein zur
Last legt - und das mit ihrem völlig unhistorischen und ökonomi-
stischen Begriff des Klassenbewußtseins, der von jeder Erfahrung
im realen Kampf abstrahiert. Die Verschüttung des Klassenbewußts-
eins im Zuge des Faschismus und der Rekonstruktionsperiode ist
eine Tatsache - sie dem Proletariat vorzuwerfen aber ist
r e a k t i o n ä r, insbesondere dann, wenn man sich nur auf
einen ökonomisch eingeengten Begriff des Klassenbewußtseins ver-
steift und alle Versuche, eine proletarische Gegenöffentlichkeit
zu rekonstruieren (in der sich die Arbeiterklasse selbständig ih-
ren eigenen Bedürfnissen entsprechend artikulieren kann), nur mit
Spott bedenkt! Der MG wäre es offenbar am liebsten, wenn sich die
Gewerkschaften zu den aktuellen Fragen der Politik, zu den
Problemen des Wachstums, der Stabilität, der Arbeitslosigkeit und
auch zur Entspannungs- und Abrüstungspolitik überhaupt nicht mehr
äußern würden. Und den Arbeitern empfiehlt sie jenen "politischen
Indifferentismus", den schon Engels gegeißelt hat.
III
Auch auf dem Gebiet von Wissenschaft und Ideologie, dort also, wo
sich die MG den Ruf radikaler Kritik sichern konnte, leistet sie
sich dieselben Pauschalurteile wie in den Sphären von Politik und
Ökonomie. Aber was soll man auch anderes von Leuten erwarten,
denen es gleichgültig ist, ob Scheel oder Carstens Bundespräsi-
dent, Strauß oder Schmidt Kanzler ist! Wenn die MG bemerkt, daß
autoritäre Ideologie den Sinn stiften soll, der in Arbeit und Le-
ben immer weniger zu finden ist, so denunziert sie sofort jedes
Bedürfnis nach Sinn. Da gibt es keine seriöse Analyse der Wissen-
schaft, geschweige denn der fortschrittlichen Bemühungen um kon-
struktive Ansätze. Daß die MG die kritischen Positionen im Wis-
senschafts- und Ausbildungsbetrieb kampflos den Herrschenden
überläßt, hat sie oft genug unter Beweis gestellt, ebenso wie ihr
Desinteresse an alternativen Projekten. Was sie in ihrem Kapitel
"Der Geist der Intelligenz" jedoch bietet, übertrifft alle nega-
tiven Erwartungen. Da wird mit einem methodisch völlig unreflek-
tierten Begriff von Wissenschaft, abgehoben von allen gesell-
schaftlichen Bezügen, von allen Interessen, die These aufge-
stellt, die heutige Intelligenz ergehe sich in der Produktion af-
firmativer Ideologien. Daß eine materialistische Untersuchung der
Wissenschaft ausgehend von einem emanzipatorischen Erkenntnisin-
teresse zu klären hätte, welche realen Widersprüche sich in Theo-
rien ausdrücken und welche Interessen dahinterstehen, gilt der MG
als ziemlich absurd, weil sie mit der Entscheidung "richtig/
falsch" (hier zeigt sich der Idealismus, den die AK-Theoretiker
von Hegel übernehmen!) ihre Ablehnung auch emanzipativer und
praxisbezogener Theorie rechtfertigen. Diese "Marxisten" wollen
auch nichts davon wissen, daß die gesellschaftlich-historischen
Bedingungen das Bewußtsein der Wissenschaftler bestimmen - so daß
sie sich zu der Aussage versteigen, die Ideologien hätten
keinerlei praktische Bedeutung - außer eben ideologische und in
Beziehung auf das Ausbildungswesen. Folgerichtig hetzen sie
unterschiedslos auf alle intellektuellen Berufe (Sozialarbeiter,
Lehrer usw.), wobei ihnen die Kollegen, die neben ihrer
beruflichen Praxis in ihren Köpfen auch noch Utopien haben, also
nach einer positiven Identifikationsmöglichkeit suchen, ebenso
verhaßt sind wie bürgerliche Karrieristen:
"Z y n i s c h sind sie alle nicht, höchstens über den Umweg ei-
nes I d e a l s, das sie von ihrer "gesellschaftlichen Aufgabe"
haben - vom Sozialpädagogen über den Lehrer bis zum Ausgestalter
des Kulturlebens hängen sie alle einer gewissen Hochachtung vor
ihrer höchstpersönlichen Verantwortung an. Ein Sozialarbeiter,
der, wenn es seinen Beruf nicht höchst staatsoffiziell gäbe, nie
und nimmer mit Ausgeflippten und Kriminellen seine Zeit totschla-
gen würde, hält große Stücke auf sein soziales Engagement, weil
er eine ziemlich gesellschaftliche Aufgabe auf sich genommen ha-
ben will; bisweilen versteigt er sich bei seiner Betreuung des
Elends zu der Selbsteinschätzung eines Gesellschaftsveränderers,
worin es ihm mancher Lehrer mindestens gleichtun will. Auch der
bemüht sich nämlich um das "Aufbrechen" überkommener Strukturen
im Bildungswesen und opfert sein Herzblut für die Bewahrung der
heranwachsenden Generation vor sämtlichen undemokratischen Irrwe-
gen. Ein Lektor, Theater- und Filmmensch oder ein Bibliothekar
glauben, ohne lachen zu müssen, an ihre schwergewichtige Verant-
wortung für das Geistes- und Kulturleben, das ohne ihren Einsatz
nur allzuleicht ins Stocken geriete, und daß die nationale Kul-
turlandschaft ganz schnell in eine unfruchtbare Wüste verwandelt
wäre, in der sich niemand mehr ein geistiges Wagnis zumutete..."
Daß der Zynismus nur die Sache der MG ist, verrät man ohne Scheu,
so z.B., wenn der Kampf gegen Studienverschärfung und politische
Disziplinierung mit despektierlichem Seitenblick apostrophiert
wird und Studenten, "denen das Studieren angeblich zu schwer ge-
macht wird", lächerlich gemacht werden; wer nicht mit der AK ge-
willt ist, sämtliche Lehrinhalte unterschiedslos zu verwerfen,
sich stattdessen bemüht, mit den immer unmenschlicheren Studien-
bedingungen zurechtzukommen, muß sich folgendes sagen lassen:
"Schon mit der friedlichen Absolvierung ihres Studiums und dem
dabei entwickelten Fanatismus, sich für die Gesellschaft, die sie
frei studieren ließ, nützlich zu machen, bieten Westdeutschlands
Intellektuelle die jederzeilige Gewähr für einen korrekten Schul-
betrieb, in dem irgendwelche Ahnungen davon, was eine Erklärung
von irgendetwas ist, geschweige denn von der Erklärung irgendei-
ner der schönen Einrichtungen, unter denen die nachwachsenden
Bürger ihr Leben zu verbringen haben werden, todsicher nicht auf-
kommen - stattdessen lauter moralische Vorstellungen über den
Lauf der Welt, die in ihrer Albernheit wie hinsichtlich der nöti-
gen Plausibilität dem jeweils angestrebten Bildungsniveau gemäß
ausgestaltet und mit Spurenelementen von Wissen angereichert
sind. Deutsche Lehrerstudenten bringen ihre akademische Laufbahn
ins Ziel, indem sie sich ohne den leisesten intellektuellen Skru-
pel bezüglich der ihnen vorgesetzten professoralen Einfälle, da-
für voller Ängste vor der Nötigung, diese in Prüfungen wiederzu-
geben, an den vorgeschriebenen Bruchstücken akademischer Gelehr-
samkeit abarbeiten und im kritischsten Fall ein wenig Selbstmit-
leid über "Streß" und "Frust" entwickeln, dem ausgerechnet sie so
gräßlich ausgeliefert seien. Nach der letzten Prüfung stehen die-
selben Intellektuellen, die soeben in ihrem Hauptseminar nicht in
der Lage waren, zwei falsche Gedanken ihres Dozenten auch nur
auseinanderzuhalten, ohne weiteres in der Schule ihren Mann."
Da ist es wirklich nicht verwunderlich, daß die MG unter den Stu-
denten und fortschrittlichen Dozenten der Universitäten genau so
isoliert bleibt wie innerhalb der Linken und es geschieht diesem
elitären Haufen auch recht, der die von ihm verachteten studenti-
schen Freiräume besetzt hält, um fortschrittliche Studenten vom
Kampf um ein sinnvolles Leben abzuhalten.
IV
Im Prinzip ist damit auch über die Unverschämtheiten des letzten
Kapitels "Die Linke" alles gesagt. Im Namen eines völlig perspek-
tivlosen "Realismus", feindlich gegen alle konkrete Utopie setzt
sich die MG über den gemeinsamen Ausgangspunkt der Linken hinweg.
K r i t i s c h e S o l i d a r i t ä t ist solchen Leuten ein
Fremdwort, weil es ihnen höchstens darauf ankommt, mit allerlei
Spitzfindigkeiten einer emanzipativen und auf alternative Praxis
und Lebensformen sinnenden Politik die Leviten zu lesen. Dem in-
terssanten Versuch von Rudolf Bahro, die Linke unter der Fahne
des ökologischen Humanismus zu sammeln, bringen sie nur ihre men-
schenverachtenden Sprüche entgegen. Stehen die Gruppen der Ökolo-
giebewegung vor der Frage, wie sie ihre Arbeit weiterführen und
ausweiten könne, so wirft ihnen die MG vor, diese Schwierigkeiten
hätten sie sich selbst zuzuschreiben. Versucht der MSB von seiner
verselbständigten Politik herunterzukommen und die Studenten für
ein sinnvolles Studium zu gewinnen, bezichtigt ihn die MG, hier
würde ein Bildungs- und Lebensideal demonstriert, das noch nicht
einmal dem Schein nach gegen den Studienbetrieb der Herrschenden
gerichtet sei. Alle praktizierte Solidarität, die den allgemeinen
Trend zur Resignation aufhalten will, wird in der gewohnten über-
heblichen Weise abgetan - und die Linke muß sich als "ideeller
Gesamtrandgrüppler" bezeichnen lassen. Jedes Bemühen, aus der
Isolation herauszufinden, wird als weiterer Schritt der Selbstbe-
spiegelung niedergemacht - woraus hervorgeht, daß die MG jedem
Linken, auch der Frauenbewegung, jede Beschäftigung mit sich
selbst übelnimmt. Wer nach einer Vermittlung von beruflicher Pra-
xis und fortschrittlicher Politik sucht, damit auch den Organisa-
tionsprozeß von herkömmlichen und gescheiterten Formen der tradi-
tionellen Arbeiterbewegung lösen will, handelt sich bestenfalls
das Etikett des illusionären Idealisten ein, wenn nicht gleich
die Klassifizierung als reaktionärer Dummkopf, der bürgerlichen
Ideologien auf den Leim geht. Die MG sieht eben nicht die Notwen-
digkeit, die marxistische Tradition, aber auch alle älteren, wie
neueren Ströme sozialistischen Denkens auf neue gemeinsame Posi-
tionen hin konvergierend zu machen. Die Verbindung der problemo-
rientiert denkenden und daher für S e l b s t v e r-
ä n d e r u n g offenen Menschen aus allen "Lagern", an der die
Linke heute arbeitet, um aus ihrem Ghetto herauszukommen, ist mit
ihrem Dogmatismus nicht vereinbar. So daß zum Schluß nur noch zu
fragen bleibt, wie denn die Leute von der MG i h r e Probleme
lösen, i h r e Isolation ertragen, i h r e Frauen behandeln,
i h r e Wohngemeinschaften organisieren: kurz, wie s i e mit
dem alltäglichen Kapitalismus fertigwerden! Bei dem "Realismus",
mit dem sie seit Jahren versuchen, die Linke zu verunsichern,
dürfte die Antwort nicht schwerfallen. Auch auf diesem Gebiet
besorgen sie das Geschäft der Herrschenden, was jedoch nicht
weiter schlimm ist, bleiben sie doch so todsicher in ihrer
selbstgewählten Isolation. Daß es ihnen auf E r f o l g e nicht
ankommt, ebensowenig wie auf das Aufbrechen überholter Strukturen
in der linken Bewegung, sagen sie schließlich selbst:
"Daß jemand k e i n e n E r f o l g hat in seinem Bemühen, die
Arbeiter oder sonstige Massen von der Notwendigkeit gewisser Ak-
tionen zu überzeugen, kann nie einen vernünftigen Vorwurf gegen
solches B e m ü h e n begründen. Vorwürfe und Kritiken dieser
Art, die deswegen auch stets mit Schadenfreude einhergehen, sind
die Sache von D e m o k r a t e n, linken wie normalen, die ge-
wohnt sind, Massenhaftigkeit für ein Argument zu halten. Den Er-
folg der eigenen Agitation dadurch selbst zu hintertreiben, daß
man ihn sich in die Tasche lügt, ist allerdings ein schwerer Feh-
ler; und die unausbleiblichen Enttäuschungen in gerechten Zorn
auf jeden zu verwandeln, der diese idealistische Lüge nicht mit-
macht, so als wäre der der eigentlich Schuldige, ist schon ziem-
lich albern."
Unter dem Mantel der rücksichtslosen "Kritik" propagieren sie
einen kleinbürgerlichen Defaitismus, einen kaum verhohlenen Nihi-
lismus, der - würde er beachtet - die linke Bewegung in der BRD
und anderswo um Jahre zurückwerfen würde. Wo mit der Krise des
Marxismus neue Ansätze der Vereinheitlichung sichtbar werden und
produktive Entwicklungen in Gang kommen, versteift sich hier eine
spalterische und dogmatische Sekte auf eine narzißtische Verwei-
gerungshaltung, mit der sie sich von der konkreten Dynamik der
Klassenkämpfe absondert. Die Linke wird sich von dem pseudo-revo-
lutionären Gestus dieses Machwerks nicht beirren lassen und es
auf den Platz befördern, auf dem es ungelesen vermodern dürfte:
auf den Misthaufen der Geschichte.
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