Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...
zurück
Marburg an der Lahn
FRIEDENSSTÖRUNG DURCH ANTI-KRIEGSDEMONSTRATION
Was passiert, wenn die MARXISTISCHE GRUPPE die Initiative zu ei-
ner Demonstration, "Kampf dem demokratischen Militarismus!" er-
greift? Ruhe und Frieden werden gleich dreifach gestört: bei der
Marburger Linken; bei der fortschrittlichen Wissenschaft an der
Universität, vertreten durch Lehrende und Studierende, die das
Ansinnen über die Kriegsvorbereitungen des Staates zu diskutieren
für eine Provokation hält, und bei den grün-bunten-alternativen
Bündnispartnern, die, nachdem sie mit zur Demonstration aufgeru-
fen hatten, weil ihnen nichts dagegen eingefallen war, den passi-
ven Boykott der Aktion betreiben.
1. Die Marburger Linke
----------------------
Die Jungsozialisten-HSG in Gestalt des 2. AStA-Vorsitzenden kam
angesichts öffentlicher Rekrutenvereidigungen auf die Idee, eine
Lanze für die Entspannungspolitik der Bundesregierung zu brechen.
Zu dieser "gebe es keine Alternative". Als Indiz für ihre
"friedenssichernde Wirkung" führte er lauter Kriegsgründe auf:
Wirtschaftsbeziehungen, Abrüstungsverhandlungen, Ostverträge. Ne-
ben ein klares Bekenntnis zur Bundeswehr setzte er die ominöse
Warnung, sie könne auch m i ß braucht werden. Eine originelle
Idee: Kriegsmaschinerie wird zum Kriegführen mißbraucht!
Den professionellen Friedensfreunden von der Gewerkschaftlichen
Orientierung fiel wieder einmal ihr schlagendes Argument gegen
das Töten im Staatsauftrag ein: es ist zu teuer. "Die Bundeswehr
verschlingt pro Jahr 50 Mrd. DM!" Nicht zu teuer, so kam es vom
MSB, sondern gut angelegt sind die Rubel für die Sowjetarmee,
weil diese wirklich der Friedenssicherung diene.
2. Die Marburger Universität
----------------------------
Versuche der MG, in Seminaren und Vorlesungen den demokratischen
Militarismus zu diskutieren, stießen auf einhellige Ablehnung der
Dozenten, die allesamt ihren jeweiligen Stoff für weit wichtiger
hielten. Einige repräsentative Aussagen:
Prof. V o g t, Germanist in seinem Seminar "Alltagserfahrung
und ihre ästhetische Verarbeitung" verbannte das Thema Soldat,
Staat und Krieg aus dem Bereich des Alltags, weil es sich nicht
ästhetisch verarbeiten läßt: "Das Thema Rekrutenvereidigung kann
man ja durchaus diskutieren, aber nicht hier!" Von keinem Studen-
ten kam an dieser Stelle, wo er endlich einmal gepaßt hätte, der
Elfenbeinvorwurf.
Wenigstens im Ansatz p o l i t i s c h die Replik des Neuhisto-
rikers Prof. H a r d a c h: "Ich kann doch zu diesem Thema
nichts sagen, schließlich bin ich Parteigenosse des Verteidi-
gungsministers."
Frau Prof. L a n g e r - e l - S a y e d, Politologin, lehnte
es schroff ab, ausgerechnet im Rahmen einer "Einführung in die
Politikwissenschaft" über Militärpolitik zu diskutieren. In die-
ser beklagte sie dann engagiert den heutigen "allgemeinen Rechts-
trend", der es kritischen Lehrern sehr erschwere, eine "Politi-
sierung" ihrer Schüler zu erzeugen.
Prof. M a t t e n k l o t t, Germanist: "Wieso über Militaris-
mus? Genauso gut könnte ich Sie auffordern, über Schnabels 'Insel
Felsenburg' zu diskutieren!"
Psychologisch reagierte der Psychologe Prof. S c h n e i d e r.
Er sprach von "hergelaufenen Horden", welche "die Mehrheit der
Studenten terrorisieren", meinte damit nicht die Bundeswehr, son-
dern die MG und fährt im Stoff seiner Vorlesung fort. Die Studen-
ten neigten zum Teil Herrn Schneiders Einschätzung zu, andere ga-
ben vor, von 16-14 Uhr wie die Teufel gegen die Bundeswehr zu
kämpfen, so daß es ihr gutes Recht sei, sich wenigstens von 14-16
Uhr mit einem angenehmeren Thema zu beschäftigen. Die Früchte
dieser Betätigung kamen auf den Tisch, wo über den demokratischen
Militarismus diskutierte werden durfte. P s y c h o l o--
g i s c h als Aggressivität der menschlichen Natur; s o z i o-
l o g i s c h als gesellschaftlich interdependente Verstrickung;
p o l i t o l o g i s c h als Kette von Mißverständnissen auf-
einander reagieren müssender Verantwortlicher; h i s t o-
r i s c h als die Kriegsschuldfrage; p h i l o s o p h i s c h
als existentielle Grenzsituation oder so ähnlich. So wußte jeder
immer schon Bescheid, konnte Staat und Wehrmacht distanziert
gewähren und brauchte sich von der MG schon gar nichts sagen
lassen.
3. Gegner und Bündnispartner
----------------------------
Die gewerkschaftlich orientierten Kommilitonen empfanden den Ver-
such der MG, die Rekrutenvereldigung an der Universität zum Thema
zu machen, als Versuch, die Studenten vom "Kampf für ihre Inter-
essen" = "wirklicher Kampf für Frieden und Fortschritt" abzuhal-
ten, folglich als "Provokation", die die "Einheitsfront gegen die
Stellenkürzungen spaltet". In den Lehrveranstaltungen traten sie
dementsprechend als Bündnispartner der Dozenten auf, Die Bünd-
nispartner der MG, Grün/Bunt/Alternativ und Marburger Spontis,
die auf der Studentenvollversammlung für die Demonstration und
vor allem gegen den MSB gestimmt hatten, setzten ihr
A b s t i m m u n g s v e r h a l t e n konsequent fort. Sie wa-
ren für die Demo und gegen die GO, mehr aber auch nicht. Die Al-
ternativen interessierte der Widerstand gegen den demokratischen
Militarismus nur am Rande. Im Aufruf der GBAL (= Grünbuntealter-
native Liste) stand allein der Satz "Kommt in Rudeln" neben einer
Federzeichnung dreier fröhlich hüpfender Menschen. Der Rest des
Flugblatts befaßte sich hauptsächlich mit der Abholzung eines
Waldes zum Ausbau des Frankfurter Flughafens. Was juckt solche
umweltbewußten Individualisten auch die Bundeswehr, wenn es um
Lebenswichtiges geht wie den Tod von 3 Mio. Bäumen? Entsprechend
sah das "Rudel" auf der Demonstration dann auch aus: Ein Häufchen
Aktivisten schwang weiße und schwarze Fahnen und tanzte die
Straße entlang, als wäre Karneval.
4. Die Demonstration
--------------------
fand dann am 12. November statt. 1.200 Menschen, vor allem aus
dem Umkreis der MG (wie der "Arbeiterkampf" vom Bündnispartner KB
durchaus nicht in selbstkritischer Absicht bemerkt) hinter der
Hauptparole "Kampf dem demokratischen Militarismus!"
zurück