Quelle: Archiv MG - BRD OPPOSITION LINKE - Vom langen Marsch...


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       Der Linke: Ein satter Charakter
       

NATIONALE HEIMAT IM GHETTO

Eines läßt sich der insgesamt matt verlaufenen 2. Sozialistischen Konferenz - wäre da nicht die Störung der Veranstaltung durch die MG gewesen, die den Nationalismus der Linken Nationalismus nannte, worauf sich die Konferenzleitung an 1933 erinnert fühlte - nicht nachsagen: daß die versammelten Sozialisten mit ihren Problemen hinter den Erfordernissen der Zeit zurückgeblieben wä- ren. "Der Kapitalismus in der BRD wirft selbst konkretere Probleme auf, seit er nicht mehr Wachstum, Arbeitsplätze und einen stei- genden Staatsanteil garantiert. Die bloße Forderung nach Überwin- dung des Kapitalismus ist in einer solchen Situation tatsächlich nicht geeignet, auch nur eines der Probleme zu lösen." (Materialien zur 2. Sozialistischen Konferenz) Dieses Motto, mit dem die in Marburg anwesenden aufrechten Men- schen nicht ankündigten, ihren Krempel hinzuschmeißen, sondern einen Schwur ablegten, links sein und bleiben zu wollen, ist un- geheuerlich. "B l o ß" zu f o r d e r n, den Kapitalismus ab- zuschaffen, war anscheinend für Linke nur erlaubt, als er noch tadellos funktioniert und jede Menge Arbeit, Wohlstand und Sozi- alstaat gesichert haben soll. Jetzt, wo dieses famose System vor- wiegend damit befaßt sein soll, "Probleme " (für wen eigentlich!) aufzuwerfen, darf man keinesfalls mehr b l o ß noch f o r d e r n, sondern muß sich "konkrete" Antworten überlegen, die die Problemlösung und d a m i t den Kapitalismus f ö r d e r n. Angesichts einer solchen Kapitalismusanalyse er- weist sich die Kritik, die man früher einmal an ihm haben zu dür- fen meinte, wirklich als "bloßes" Glaubensbekenntnis, auf dem herumzureiten eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Linken ist. Eine merkwürdige Selbstkritik, die die eigene Politik von gestern als verantwortungslos verwirft, um sich selbst als den Problemlö- ser für die 80er Jahre zu profilieren. Die angebliche "Krise des Kapitalismus", von der man sich früher ein "Erwachen" des sozial- staatlich eingelullten Proletariats erhoffte, soll jetzt dazu dienen, eben bei diesem Vertrauen für das alternative Krisenma- nagment des Konferenzsozialismus zu wecken. Skeptisch --------- Das Urteil über sich selbst, das den in Marburg Versammelten läs- sig über die Lippen geht, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Sie beschimpfen sich als Spinner mit Zweck und Absicht und legen sich als proklamierte Gegner der hiesigen gesellschaftlichen Verhält- nisse einen Opportunismus zu, der keine Verrücktheit scheut, um jede Kritik zu einem Beispiel willentlichen Einverständnisses zu machen. Der selbstbewußt vorgetragene Zweifel an der "bloßen For- derung nach Überwindung des Kapitalismus" steht dafür als Auf- takt. Die ganz eigene Weltsicht, das Proletariat als Erfüllungsgehilfen eines von den Linken extra für sie von der Geschichte abgeholten Auftrags zu begrüßen und praktisch beweisen zu wollen - wobei die Realität dessen, wozu Proleten angehalten werden und wozu sie sich anhalten lassen, nur zur Belegen für das eigene Ideal und zu Entschuldigungen für das Versagen der Adressaten taugte - wird heute, illusionslos als "Illusion", abgetan. Mit dem Gegensatz, der zur Revolution drängte, kann es wohl nichts gewesen sein: Weil die geliebten Massen damals nicht das gewollt haben, was sie doch wollen sollten, kann ihnen das Kapital auch keinen Anlaß ge- geben haben, sich in einen Gegensatz zu ihm zu setzen. So verab- schiedet man heute die reale M ö g l i c h k e i t der linken Weltperspektive, indem man sich unabhängig von einer einstmals geglaubten und geforderten praktischen Wirkung derselben macht, um sich ihr ganz als I l l u s i o n widmen zu können. Das Set- zen aufs Proletariat hat die Linken fix und fertig gemacht. Das SB weiß in einem programmatischen Rückblick auf die eigene Ge- schichte noch Schlimmeres zu berichten. Da haben doch die Brüder aus den Fabrikhallen ein Stück Glauben an das Proletariat wahrge- macht, was katastrophale Auswirkungen hatte. Realitätsuntüchtig will dieser Verein "ehrlicher Ratlosigkeit" darüber geworden sein, weil er nun überhaupt nicht mehr zwischen Wirklichkeit und dem, was er dafür halten wollte, unterscheiden konnte: "Zumindest schien der Bezug auf die Fortschritte in der Organi- sierung der Arbeiterklasse angesichts zunehmender Streikauseinan- dersetzungen nicht mehr graue Theorie. Wie sehr diese Hoffnung trog und damit erste Anzeichen von Realitätsverlust verbunden war, kann man an der 1975/76 aufflammenden Gewerkschaftsdebatte verfolgen" (SB: Organisation ehrlicher Ratlosigkeit?, links 1/81) Zu e n t t ä u s c h t e r Hoffnung über den Beleg seiner "grauen Theorie", genannt Arbeiterklasse, hat sich die Linke heutzutage bekannt und sich damit ziemlich unschlagbar gemacht. Die Enttäuschung steht für den Nachweis ein, daß Links-Sein eine theoretische Betrachtungsweise der Welt ist, für die keine ande- ren Gründe gelten sollen als die Dokumentation, wie ernsthaft sich ein linker Mensch mit seinem Glaubensproblem abplagt und sich dadurch von jeder Enttäuschung befreit hat, die ihn dazu verleiten könnte, über gemachte Fehler und deren Korrektur nach- zusinnen. So kündigt das linke Büro nicht seine Auflösung, sondern seine Existenzberechtigung für die von den Politikern angekündigten und wahrgemachten härteren 90er Jahre mit dem Bekenntnis an, trotz intensiver Suche einfach keinen Anlaß mehr für den Beweis der ei- genen Gegnerschaft zu finden: "Das erste und zentrale Problem unserer Politik zur Zeit besteht in einer tiefen Verunsicherung darüber, was sozialistische Poli- tik sein könnte", um sich ganz hinter seine Verunsicherung zu stellen: "Dennoch haben wir uns Mühe gegeben, Probleme darzustellen, für die wohl niemand hier, auch wenn er meint, der historischen Wahr- heit näher zu sein als wir in diesem Referat, Lösungen weiß, und auf eine Darstellung von Problemen kommt es uns an." Lässig reklamiert hier das SB Anerkennung für seine Mühe, Pro- bleme zu erfinden, um Lösungsvorschläge erst gar nicht aufkommen zu lassen. Und als wäre noch nicht alles gesagt, folgt die Besin- nung auf die eigene Vergangenheit, um aus ihren Fehlern den Auf- ruf: Weiter so! zu lernen. "Das SB war damals die 'Organisation der ehrlichen Ratlosigkeit', seine Stärke steckt in der tiefen Skepsis gegenüber Voluntarismus und der politisch folgenreichen Gefahr des Überspringens von Er- fahrungen." Ansonsten würde man ja vom Dogmatismus der eigenen Absicht und irgendwelcher herangezogener Gründe hinterrücks überwältigt! Realitätstüchtig ---------------- Wenn sich Sozialisten also zu einer Konferenz versammeln, so ist gewährleistet, daß - getreu ihrem Anspruch - kein richtiges Wort darüber fällt, wie es zur Zeit in der BRD zugeht. Gerade damit aber wollen sie sich von ihren früheren Hirngespinsten ab und der politischen Realität zugewandt haben. Ganz pragmatisch stellen sie sich den politischen Anforderungen, die hier und heute auf uns zukommen und für diesen Opportunismus lügen sie die Welt zu- recht, daß es einer Sau graust. Bahro, der die Linken aus ihrem Sektendasein zum Block der Menschheit zurückgepfiffen hat, er- scheint ihrem Realitätsbedürfnis heute, nach erfolgreicher Ab- wicklung dieses Appells, als illusionärer Sektierer, der statt sich ganz pragmatisch "konkrete" Lösungsvorschläge für die anste- henden politischen Fragen hier und heute auszudenken, in Utopien für globale Lösungsmöglichkeiten von "Gattungsfragen" ergeht. Ein rechter Treppenwitz, der zum einzigen politischen Streitpunkt auf der 2. Sozialistischen Konferenz wurde. Wenn die Bundesregierung jetzt für die Vorbereitung des letzten Erfolgs der Nation Wirtschaft und Staatshaushalt kräftig bean- sprucht und sich offensichtlich keine Gedanken darüber macht, ob diese das aushalten und ob die eingeplanten Opfer den Arbeitern nicht einmal zu viel werden könnten, fällt den Linken ungefähr das ein, womit Strauß seinen Wahlkampf verloren hat: die Wirt- schaft steckt in tiefer Rezession, der Staat geht bankrott und die gesellschaftliche Stabilität ist beim Teufel. Diese Horrorvision erweckt bei heutigen Linken jedoch keine "Hoffnung auf eine mögliche Veränderung", sondern gräbt Sorgen- falten in ihre Stirn. Da sie sie ja erfunden haben, wollen sie sich die Verantwortung um die entdeckten Probleme nicht nehmen lassen. Woher sollen jetzt bloß noch die Mittel kommen, mit denen die SPD bisher die BRD zu einem Unterstützungsverein für lebens- lange geistige und leibliche Speisung der Massen ausgebaut hat. "Mit der ökonomisch krisenhaften Entwicklung seit 1973 blies zugleich dem Marsch durch die Institutionen ein neuer kräftiger Wind entgegen. Seitdem, vermittelt über die Krise der staatlichen Haushalte und eine Umgewichtung der Prioritäten staatlicher Inve- stitionen" (wer hat sie dem Schmidt bloß umgewichtet?), "herrscht - wenngleich sozialliberal gemildert - Austeritätspolitik. Wenn Reformpolitik - auch ihre weitergehende sozialistische Fassung - sich insgeheim die Gesellschaft als ein großes, durchinstitutio- nalisiertes Gebäude des lebenslangen Lernens und umfassender Hilfe vorgestellt hatte - so kam nun ein jähes Erwachen. Dieser Traum war nicht bezahlbar und nicht durchzusetzen." SOT, SB, Gruppe Z und wie die Brüder heißen, haben offensichtlich keine Schwierigkeit mehr, sich mit allem, was im Namen der BRD angestellt wird, einverstanden zu erklären, ohne die eigene Welt- sicht auch nur im mindesten verraten zu müssen. Realistisch be- kennt sich die Linke dazu, daß ihre Absichten, die ungefähr so aussahen wie die des "herrschenden Block an der Macht", nicht zu verwirklichen gehen. Und warum? Weil sie als v e r h i n d e r t e Perspektive das Handeln der Politiker- menschen lenkt, deren souveräner Umgang mit ihrem Volk deshalb mit viel Verständnis und alternativen Lobsprüchen begleitet wird. Die gewonnene Einsicht, daß Politik heute nur so geht, wie sie leider auch gemacht wird, erklärt die eigenen Lösungsvorschläge, die man sich nicht nehmen läßt, für garantiert unrealistisch. Und die Unbrauchbarkeit dieser Alternativen für irgendjemand anderen als deren Erfinder und ihr Verantwortungsbewußtsein gilt als Be- weis, daß hier auch weiterhin Gegnerschaft zum System ausgetragen wird. Schwäche wollen die linken Kassandras der SPD freilich nicht nachsagen - so etwas würden sie glatt als Vorwurf betrach- ten. Stattdessen werden der SPD ihre eigenen Reformideale von ge- stern (zum Teil wörtlich aus dem "Orientierungsrahmen '85" zi- tiert!) als Ratschläge für mögliche Lösungen von heute erteilt. Wobei die Linke selbst gleich die Zweifel mitliefert - "realistisch", wie sie ist - ob sowas angesichts der "politischen Großwetterlage" zu mehr taugt, als zur Demonstration, daß man im Fortschrittslager jede Menge Lösungen parat hätte, falls sie nur jemand gebrauchen wollte. "Tatsache ist, daß trotz schwerer ökonomischer Krise, Massenar- beitslosigkeit, Abbau von Teilen des 'Sozialstaats', Rücknahme von 'Inneren Reformen' etc. bisher keine politische Krise ausge- brochen ist, stattdessen ist die politische und soziale Krisen- verarbeitung als 'Modell Deutschland' beispielhaft geworden." So ungefähr wie der normale Menschenverstand der Leute, die täg- lich zur Arbeit gehen, brav ihre Steuern zahlen, über die gestie- genen Preise schimpfen und sich von den Politikern mitteilen las- sen, wofür das jetzt wieder alles gut ist, und so dafür sorgen, daß weiterhin alles mit ihnen angestellt werden kann, wollen auch die Linken diese Leistungen den Politikern zugute halten. Daß sie einst etwas gegen diese beispielhafte Einheit einzuwenden hatten, macht sich heute nur noch in der besorgten Frage, ob das wohl gut gehen kann, bemerkbar. Gegen den "herrschenden Block" haben die Sozialisten allenfalls mögliche Gefährdungen einzuwenden, wobei sie sich auf die Möglichkeit allerdings auch nicht so festlegen wollen: "Auch auf die Interessen der Kernbelegschaften bzw. der Gewerk- schaften könnten dann die Unternehmen in ihrer Politik keine Rücksicht nehmen" (offensichtlich geschehen heute Rationalisie- rungen im Interesse derer, die fliegen!) "- sie müßten den Kon- sens aufkündigen. Eine solche, allein an der Weltmarktkonkurrenz orientierte Konfliktstrategie wird auch gegenwärtig von Wirt- schaftsminister Lambsdorff politisch vertreten. Sie könnte dann propagandistische Kraft entfalten, wenn sich strukturelle ökono- mische Probleme - wie etwa die steigenden Energie- und Rohstoff- kosten, der drohende Niedergang der inländischen Automobilbranche usw. so zuspitzen, daß auf dem Hintergrund niedriger Wachstums- raten wieder (!) ökonomische Opfer im nationalen Interesse gefor- dert werden können. Gegen eine solche, zumindest das bestehende 'Modell Deutschland' in Frage stellende ökonomische Entwicklung und Wirtschaftspolitik stehen aber Handlungsspielräume, die das 'Modell Deutschland' auch für die 80-er Jahre erhalten könnten." Der Konjunktiv, mit dem hier Linke lässig eingestehen, daß sie ihr Gerede vom krisengeschüttelten BRD-Modell nur erfunden haben, um wenigstens in der Ausmalunq einer zukünftigen Gefahr noch eine gewisse kritische Distanz zum Gegenstand ihrer Bewunderung zu be- wahren, macht den heutigen Stolz derer aus, die aus den einge- standenermaßen veralteten Revolutionsprognosen eine alternative Betrachtungsweise der Politik gemacht haben. Etwas Glanz fällt dabei auch auf sie selbst: hat doch die SPD die "soziale Einbin- dung in den Konsens" nur mit Hilfe der Linken bewerkstelligen können. "Das 'Modell Deutschland' hat vor allem in sozialpolitischer Hin- sicht eine Reihe von Forderungen aus der Tradition der Arbeiter- bewegung in sich aufgenommen... Auch aus den unterschiedlichen Winkeln eines flexibel eingegrenzten politischen und sozialen Gettos haben die Apparate der bürgerlichen Klassenherrschaft An- stöße und Materialien zu ihrer Modernisierung, zu ihrer Sensibi- lisierung und funktionellen Erweiterung gegenüber sich verändernd en Problemstellungen entnommen, die gerade unter dem Druck kri- senhafter ökonomischer Entwicklungen dringlich wurden." Auf diese Lüge sind Linke noch stolz, denn damit besteht kein Zweifel mehr, wer im Namen des soziologisch-politologischen Mo- dells für die Lösung der drohenden Gefahren zuständig ist: die Erfinder solcher Gefahren. Alternativen zur Politik des "herrschenden Blocks" wollen eben nicht einfach so hingesagt wer- den, ohne eine Legitimation, die man am besten bei diesem Block abholt. Von der Schwere eines solchen Auftrags ist links dann glatt überfordert - ohne ihn jedoch zurückzugeben. "Damit stehen die linken Kräfte vor der Notwendigkeit, weiter- treibende gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten im Angesicht von Rationalisierung und Arbeitslosigkeit aufzuspüren und zu ent- wickeln" (Probleme gibt's, wenn man sich einmal dazu entschlossen hat, daß einfach dagegen zu sein, ein weltfremder Dogmatismus ist!), "die in der Lage sind, diese Beziehungslosigkeit und Funk- tionalisierbarkeit zu überwinden. Am Beginn eines derartig schwierigen Prozesses der Entwicklung von linken Alternativen, die in diesem Modell glaubwürdig und umsetzbar sind" (ach so!), "steht erst einmal die Einsicht, daß die BRD-Linken gegenwärtig noch nicht in der Lage sind, übereinstimmend Alternativen in die- sem 'Modell Deutschland' zu formulieren, die diese BRD auf den Weg zu einer alternativen Entwicklung bringen könnten." Solche angestrengte Bemühung um die eigene Glaubwürdigkeit braucht nicht ohne Ergebnisse zu bleiben: Alternativen der Glaub- würdigkeit entwirft sie dutzendweise. "Kann angesichts einer weltweiten Überproduktion nun ausgerechnet in Stahl investiert werden, ohne daß die neuen Arbeitsplätze schon bald wieder bedroht sind? Kostet nicht die weitere Nationa- lisierung in deutschen Stahlwerken Arbeitsplätze in Frankreich und Großbritannien - von der dritten Welt ganz zu schweigen? Wie weit können angesichts drohender Arbeitsplätzverluste überhaupt Forderungen nach Verbesserung auch der Arbeitsbedingungen und der Umweltbelastung neuer Werke aufgestellt bzw. durchgesetzt werden? Wenn Hoesch sich nur mit Hilfe umfangreicher Staatszuschüsse zu Investitlonen bewegen läßt, woher sollen dann die Steuergelder abgezogen werden und was ist, wenn andere Konzerne und Gewerk- schaften ebenfalls solche Ansprüche stellen?" Damit stellte sich die Sozialistische Konferenz entschieden hin- ter die Forderung: "S t a h l w e r k j e t z t!", mit der die IG-Metall und die Ruhr-SPD die Entlassung von 4000 Hoescharbei- tern zu einem Akt der öffentlichen Anerkennung für die "Arschlöcher der Nation" ausgestalteten. Den dafür auf die Dort- munder Straßen geschickten Hoeschwerkern legte sie den Wunsch nach mehr Arbeitsplätzen in den Mund, um ihn als eine einzige Verantwortungslosigkeit abzufertigen. Sozialisten glauben allen Ernstes daran, daß der Profit des Kapitals dasselbe wie der Wunsch ist, den Markt mit nützlichen Dingen zu versorgen und die Arbeiter zum Genuß eines Platzes am Band zu verführen. Deshalb darf man nicht übertreiben: die harte Wirklichkeit, die das Kapi- tal doch tatsächlich überspringen würde, um dem Wunsch nach mehr Arbeitsplätzen zu entsprechen, würde sich bitter rächen und Hoesch müßte weltweit rationalisieren. Wenn dazu noch der Staat auf dem Umweg über Unternehmertaschen hemmungslos in Arbeitsplät- zen investiert, woher soll dann noch das Geld für weitere Arbei- terunterstützung kommen? Was treibt eigentlich einen Linken von heute dazu Alternativen gegen den herrschenden Block aufzumachen, in denen haargenau dieselben Lügen stehen, mit denen Unternehmer, Politiker und Gewerkschaftler Ansprüche der Arbeiter, da immer überzogen, erst gar nicht aufkommen lassen wollen? Die Qual eines alternativen Nachweises der Unmöglichkeit einer Alternative ist doch reichlich lächerlich, zumal das Ansinnen, das Modell Deutschland im Namen einer höheren Verantwortung zu blamieren nur als Wunsch daher kommt, von der Unsinnigkeit eines solchen An- spruchs überzeugt werden zu wollen. Aber so geht eben jetzt der Nachweis, im herrschenden Block nicht berücksichtigt zu sein - zu dessen Nachteil! National ohne Abstriche ----------------------- Die Sphäre des Blödsinns bleibt den Menschen ja unbenommen, die weder ihre Bewunderung für das schwierige Geschäft von Unterneh- mern und Politikern aufgeben, noch auf die Demonstration der eigenen Alternative verzichten wollen. Was einen normalen Menschen in den Verdacht bringen würde, reif für die Klapsmühle zu sein, wurde in Marburg ernsthaft als Lösungsprobleme, mit denen die Linken in den herrschenden Block Einlaß begehrten, verhandelt. Die Frage: "Stahlwerk jetzt?" beantwortete die Sozialistische Konferenz ungefähr so: "Machen wir Hoesch zur Wiese, dann passen mehr Arbeiter in die Fabrikhallen!" Eine geniale Verknüpfung zwischen ökonomischer und ökologischer Alternativprogrammatik, wie sie auf der Konferenz in der Hoesch- Arbeitsgruppe allen Ernstes diskutiert wurde: Wenn man die "Stahlkrise" als C h a n c e ergreifen würde, die umwelt- feindlichen und arbeitsplatzgefährdeten Produktionsanlagen in Dortmund in kleine, überschaubare Produktionsstätten aufzulösen, dann gäbe es mehr Arbeitsplätze und dazwischen wieder grüne Wiese! Der Realismus, den Linke mit solchen Einfällen für sich reklamie- ren, hat sich allerdings gewaschen. Im Namen von "wir alle", mit dem in der BRD die Erfolge der Nation mit höchst unterschiedli- chen Auswirkungen auf Opfer und Macher des Erfolgs erzielt wer- den, rufen sie die Gesellschaft zu einer höheren Solidarität auf. Im Namen der Arbeit, was für Linke schon immer gleichbedeutend mit dem Lob der Arbeiter war, machen sie einen Nationalismus vom Standpunkt des Volkes auf und blamieren daran alles, was Staat und Kapital hier zustandebringen, als glattes Versagen. Ein sozialistischer Volksgenosse braucht "Mein Kampf" gar nicht gelesen zu haben, um zu dem gleichen Lob der Arbeit zu kommen, von dem aus eine Reform der Politik anstünde: "Demokratische, also auf die Herrschaft des Volkes zielende Poli- tik hat..., zum Inhalt die Herstellung, Bewahrung und Entwicklung der politischen, kulturellen und ökonomischen Lebensgrundlagen des Volkes, zu dem ich alle zähle, die durch eigener Hände und eigenen Kopfes Arbeit die Mittel zum Leben erwerben." Von da aus läßt sich die ganze Welt ungefähr genau so sehen, wie es zur Gewohnheit des demokratischen Volkes geworden ist, dem al- lerdings der linke Anspruch nach überhöhten Interpretationen ab- geht. Das K a p i t a l hat als Dienstleister der Gesellschaft, damit beauftragt, die vielen Volkshände in Arbeit zu setzen, ziemlich versagt. Wenn sich heute Sozialisten den Kopf von Hoesch und Kon- sorten zerbrechen, dann fällt ihnen nur ein, daß von denen Lösun- gen für die Nation nicht zu erwarten sind. So geht Antikapitalis- mus 1981. Die A r b e i t e r, an deren Ruinierung zwecks nationaler Ge- sundung vor allem die mangelnde Möglichkeit, sich nützlich machen zu können, beklagt wird, werden dadurch aus dem nationalen Kon- sens getrieben. Denn sieht man erst einmal davon ab, was es heißt, arbeiten zu müssen, haben sich die Proleten in den letzten Jahren an Wohlstand gewöhnen dürfen: "sicherlich ist es so, daß es der Mehrheit der Bundesbürger in den letzten Jahren nicht schlechter ging als zuvor, eher den mei- sten etwas besser, sieht man von der zunehmenden Arbeitsbelastung ab." Der macht es ihnen jetzt schwer, sich an den Gedanken zu gewöh- nen, daß es nicht umstandslos so weitergehen kann. Die bewiesene Einheit der Arbeiterklasse, sich willig alles ge- fallen zu lassen, droht daran zu zerbrechen, daß einzelne jetzt auf erreichte Privilegien partout nicht verzichten wollen - und diese Einstimmung auf gemeinsames Zurückstecken wissen die SOST noch klassenkämpferisch auszumalen: "Die Gefahr von heftigen Kämpfen verschiedener Gruppen von Lohnabhängigen gegeneinander bzw. die Nichtberücksichtigung der legitimen Interessen der Nichterwerbstätigen... ist wesentlich größer als die Gefahr, daß sich die deutsche Arbeiterklasse in aller Ruhe das Fell über die Ohren ziehen läßt, aus lauter staatsmännischer Einsicht Verzicht zugunsten des Ganzen leistet." Vom Arbeiterstandpunkt bleibt da nur noch eines übrig: Schuld an dieser Gefahr sind Kapital und Staat, die es nicht verstanden ha- ben, so mit den Proleten zu wirtschaften, daß jetzt genügend Geld zu deren Unterstützung da ist: "Weder der relative Rückgang der Lohnquote" (daß Lohnsenkung eine Unterstützunesleistung für die Arbeiter ist, sagt noch nicht ein- mal der BDI!) "noch die in den letzten Jahren verstärkt aufgeleg- ten Konjunkturprogramme haben die Probleme der Arbeitslosigkeit und der Gefährdung des Soziallohns (Krankenkassen, Sozialversi- cherung)" (es muß sich dabei um Geschenke handeln!) "verhindern oder lösen können." Konsequent haben die Linken ihr Ideal von der Kampforganisation der Arbeiter fortentwickelt zu einem Lob der G e w e r k- s c h a f t als einer unzulänglichen gesellschaftlichen Ord- nungsmacht. Sie muß sich vorhalten lassen, daß ihre Forderungen nach Investitionshilfe fürs Kapital, bei der allein noch Linke dem Glauben huldigen, sie wäre so etwas wie ein Arbeits- platzbeschaffungsprogramm, heute eine Überforderung des Staates ist. "Vor dem Hintergrund geringer Wachstumsraten des Bruttosozialpro- dukts, anhaltend hoher Arbeitslosenzahlen und enger gewordenen Verteilungsspielräumen tritt der DGB für die Fortsetzung bzw. Ausdehnung der Politik der Staatsverschuldung ein." Mal von der überdrehten staatstreuen Begutachtung und dem konse- quenten Übersehen, wofür der Staat sich heute verschuldet, abge- sehen: Was habt ihr eigentlich gegen die Ruinierung der Staatsfi- nanzen, wenn sich dadurch die Arbeiter ein flottes Leben machen können? Ach so, dem S t a a t und eurer Sorge um seine natio- nale Verantwortung wäre damit nicht geholfen! Sozialistische Nationalisten sind an der Größe der Aufgaben, die sich die BRD-Regierung stellt, mitgewachsen. Wie entschieden und selbstbewußt die BRD aufrüstet, wollen sie zwar nicht bemerken, aber auf einen Mangel hat sie die jetzt in die Welt gekommene Ge- fahr eines Atomkriegs, dem Deutschland als Schlachtfeld ausgelie- fert wäre, hingewiesen: "Der vorgesehene Vollzug des NATO-Atomraketenbeschlusses vom De- zember 1979 in knapp zwei Jahren potenziert die Gefahren und Ri- siken, die Volk und Land durch die Konfrontation der Machtblöcke ohnehin drohen, und schafft neue militärische und politische Fak- ten, die Mittel- und Westeuropa in dann kaum noch umkehrbarer Weise zum bloßen Objekt und zum Spielball auswärtiger Interessen herunterstuft." Eine schönere Entschuldigung der deutschen Politiker als die An- klage, sie würden sich zur Marionette im Streit der Supermächte degradieren lassen, ist kaum auszudenken. Diese Friedensbewegung sieht in Schmidt und Apel die gegebenen Bündnispartner für das jetzt anstehende nationale Interesse an Blockfreiheit. Schließ- lich ist diese für Konferenzsozialisten nichts anderes als das, was deutsches Kapital und deutsche Politik weltweit und in der BRD schon bisher betreiben, nur eben viel souveräner. "Als technologisch hochentwickeltes, aber rohstoffarmes Land wird die Bundesrepublik immer darauf angewiesen sein, Rohstoffe, aber auch viele andere Halbfertig- und Fertigprodukte zu importieren, die aus der eigenen Produktion bezahlt und finanziert werden müs- sen. Die wichtigste ökonomische Grundvoraussetzung dazu ist das Volk selbst, seine Arbeitskraft. Um letztere ist es alles in al- lem nicht schlecht bestellt. Das Volk kann und darf es sich zu- trauen, aufgrund seiner intellektuellen und schöpferischen Fähig- keiten auch schwierige Lagen zu meistern... Auch ist darauf hin- zuweisen, daß noch kein Staat und kein Land es bisher abgelehnt haben, mit unserem Land Handel zu treiben. Unabhängig von der Ge- sellschaftsordnung nutzt der Handel allen Beteiligten - wenn er zu beiderseitigem Vorteil auf der Grundlage des Äquivalentprin- zips durchgeführt wird." Der Übergang vom Antiimperialismus zu handfesten Faschismen fällt also ausgesprochen leicht; es gilt nur, den bundesdeutschen Impe- rialismus als Erfüllung der Völkerfreundschaft zu betrachten. Gegen das Militär wollen heutige Sozialisten auch nichts gesagt haben, vielmehr bevorzugen sie die volksnahe Infanterie gegenüber der Panzertechnik und wollen auch Frauen und Kinder aus ihrer Guerillataktik nicht ausschließen, um so den anscheinend unstill- baren Wunsch des Volkes nach Sicherheit zu befriedigen. Sauber für den Fortschritt -------------------------- Den von Bahro verkündeten Appell: "Raus aus dem linken Ghetto" haben sich also alle, die's anging, entschieden gestellt. Während die Vereine links von der SPD noch während der Wahlzeit Strauß, den Kanzlerkandidaten der CDU, als den absoluten Feind ihrer Sehnsucht nach Demokratie, die sie so ungefähr bei Schmidt ansie- delten, betrachteten, wälzen sie heute Abgrenzungsprobleme: "Schon an diesem Beispiel wird deutlich, daß die Aufgaben linker, sozialistischer Politik zugleich auf gesellschaftliche Aktivie- rung und auf eine Verbindung gesellschaftlicher Initiativen zie- len, wodurch sie sich klar von einer rechtspopulistischen Mobili- sierung des 'kleinen Mannes', des 'mündigen Bürgers gegen den Staat', wie sie etwa die CDU propagiert, unterscheidet." Ein sauberer Fortschritt! Die wohnliche Ausstattung des linken Ghettos zu einem Teil der nationalen Heimat ist dabei nicht zu kurz gekommen. Sich mit lau- ter volkswirtschaftlichen und politologischen Albernheiten für die Welt der Politik, von deren Zwecken und Taten man nichts wis- sen will, für zuständig zu erklären, umstandsloses Einverständnis und ernsthaft kritische Sorge in einem loszuwerden: darin besteht heute, am Vorabend des dritten Weltkriegs, die positive Weiter- entwicklung der "Krise des Marxismus". zurück